Serien-Besprechung: „Alias Grace“ – Vergleich zur Literaturvorlage

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Wie habe ich dieser Verfilmung entgegen gefiebert! Als ich im Frühjahr das Buch gelesen habe, wurde es schon etwas knapp. Die Verfilmung war bereits angekündigt und plötzlich geisterten Casting-Meldungen durch die Medien. Das ist immer der Punkt, an dem ich das Buch am liebsten schon gelesen hätte, um nicht beeinflusst zu werden. Um meine eigene Version der Geschehnisse vor dem inneren Auge ablaufen zu sehen und Charaktere so sehen zu können wie das Buch sie beschreibt. Nicht das Set-Foto. Aber es hat geklappt und ‚Alias Grace‘ ist für mich eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe und mein erstes von Margaret Atwood. Es wird nicht das letzte sein. Nun ist die Frage: kann die Serie das halten? Review ist spoilerfrei.

„I’d rather be a murderess than a murderer“

Mit diesen starken Worten eröffnet Grace Marks die Serie. Und ebenso mit meinem hier bereits verbloggten Lieblingszitat. Als sie in den Spiegel schaut und darüber nachdenkt wie die Medien über sie berichteten und was sie behaupteten wie sie ist, wechselt jedes mal ihr Gesichtsausdruck. Sie sagten sie wäre dumm und einfältig, sie sagten sie wäre kaltblütig und böse, manche sagten sie wäre eine Verführerin und andere sagten, dass sie ein unschuldiges Opfer ist. Dumm, böse, unschuldig. Wie kann man all das gleichzeitig sein, fragt sie sich. Die Serie handelt von Grace Marks (Sarah Gadon), die Mitte des 19. Jahrhunderts in Kanada als Dienstmädchen gearbeitet und angeblich zusammen mit einem Komplizen ihre Chefin und ihren Herren brutal ermordet haben soll. Ihr „Komplize“ wurde gehangen und sie weggesperrt. Jahre danach hat sie täglich Ausgang aus dem Frauengefängnis, um zu arbeiten. Der Psychiater Dr. Simon Jordan (Edward Holcroft) wird aufmerksam auf ihren Fall. Schließlich ist es selten, dass Frauen grausame Morde begehen und die Aussagen aller widersprechen sich. Inklusive der von Grace und der ihres Komplizen. Zudem hat Grace Leute, die sie unterstützen und aus dem Gefängnis frei bekommen wollen. Dr. Jordan beginnt sie in Sitzungen zu befragen und will ergründen, ob sie schuldig ist oder nicht.

„Alias Grace | Official Trailer [HD] | Netflix“, via Netflix (Youtube)

„Let me in“

Mit der anfangs erwähnten Spiegelszene gibt die Serie schon einen Vorgeschmack auf den ambivalenten Ton des Stoffs. Denn Leser wie Zuschauer wissen nicht, ob Grace eine zuverlässige oder unzuverlässige Erzählerin ist. Sie könnte lügen um frei zu kommen, sie könnte unschuldig sein. Vielleicht war sie auch unschuldig, geriet aber in den Strudel aus Beschuldigungen und erst danach gelernt haben, was sie sagen muss, um in dieser Welt wirklich als unschuldig zu gelten. Sie könnte besessen sein, sie könnte auch eine psychische Erkrankung haben. Denn in Graces Geschichte gibt es einige verstörende Details und sie hat viel durchgemacht. Mit dem Wenn und Aber spielt die Serie hervorragend und lädt den Zuschauer zum Rätselraten ein. Es ist eine Ode an das was man verschweigt, an die Wahrheiten und Beweggründe, die man für sich behält. An die unbeantworteten Fragen und an die Unergründlichkeit des Menschen. Man kann in Grace sehen, was man sehen möchte. Aber ein Rest Zweifel bleibt immer. Und Sarah Gadon bildet das großartig ab.

Vor Allem erzählt die Serie, die etwa um 1840-1850 spielt, von den wenigen Pfaden die Frauen offen standen. Auf Grace und auch auf den Zuschauer wirkt es teilweise so, als ob Frauen Freiwild sind, auf dass sich die Männer stürzen können wie es ihnen beliebt. Egal, welcher Stand, sie versuchen es alle und werden dafür nicht geächtet. Frauen hingegen, die unverheiratet schwanger werden, gelten als Huren und werden bis aufs Äußerste verachtet. Das muss Grace am Beispiel ihrer lieben Freundin Mary Whitney, wunderbar aufmüpfig und dynamisch gespielt von Rebecca Liddiard, spüren. Als Mary ein Opfer dieser Geschlechterrollen wird, ist es für Grace wie ein Schlag ins Gesicht als sie am Hof von Mr Kinnear (Paul Gross) zu arbeiten beginnt, wo seine Haushälterin Nancy Montgomery (Anna Paquin) seine Ehefrau spielt und sich als feine Dame übt. Heute schaut niemand mehr schräg, wenn Leute unverheiratet eine Beziehung eingehen. In Arbeitsverhältnissen hingegen ist es immer noch schwierig. Zur damaligen Zeit: undenkbar. Reichte das aus um Grace zum Mord zu treiben oder ist sie aufgrund der blutigen Ereignisse ein weiteres Opfer der damaligen Weltsicht geworden?

Ending Song der Serie: „Let no Man Steal Your Thyme – Anne Briggs (Alias Grace Season 1, Episode 1 Soundtrack)“, via MementoMori (Youtube)

„Our version of events … “ – Fazit

Ob die Serie eine Antwort darauf gibt, lasse ich an dieser Stelle offen. Aber eine kryptische Nachricht gebe ich mit: der Weg ist das Ziel. Die Serie ist vom Quilt bis zur Spitze eine wunderbare Adaption des Stoffs, denn sie berücksichtigt alles was den Roman ausmacht. Vor Allem Grace als Erzählerin, die nicht selten mit ihren zynischen Kommentaren den Psychiater herausfordert und den Zuschauer ins Wanken bringt. Immerhin lässt sie uns mehr an ihren echten Gedanken teil haben als den Doktor. Selbst, wenn sie abends in ihrer Zelle überlegt, was sie Jordan am nächsten Tag erzählen soll, kann man noch nicht eindeutig sagen, ob sie sich ihre ganze Geschichte ausgedacht hat oder nicht. Auch Elemente, die in der Serie extrem wichtig sind wie die Quilts und ihre verschiedenen Muster, werden nicht ausgelassen. Sie stehen für alles das, was Grace gern hätte. Ein ruhiges Heim, schöne Dinge, ein nettes Leben.

Die Ausstattung der Serie strotzt vor gehoben eingerichteten Häusern und versprüht den upstrairs-downstairs-Kostümdrama-Charme. Ob die Darstellung Kanadas im 19. Jahrhundert gut getroffen ist, kann ich schwer einschätzen. Gefühlt wirkt alles etwas zu sauber. Insbesondere die Häuser sehen etwas zu neu und kulissenhaft aus. Ein bisschen mehr Schmutz hätte der Serie nicht geschadet. Wann kommt man schon mal in die Gelegenheit das zu sagen? Ein signifikanter Unterschied zwischen Buch und Serie ist, dass der Briefverkehr an und von Dr. Jordan fehlt. Lediglich in der letzten Episode bekommt man etwas davon mit. Dadurch bleibt der Doktor, der sich von Grace angezogen fühlt, aber nicht weiß, ob er ihr trauen kann, bis zur letzten Episode schwerer nachvollziehbar. Auch die Anforderungen seiner Familie und der Gesellschaft an ihn und was für einen Druck sie erzeugen, kommt nicht in der Serie vor. Damit wurde Dr. Jordans Figur und das Los der Männer der damaligen Zeit etwas banalisiert im Gegensatz zum Buch. Das lässt ihn aber auch über lange Strecken sympathischer wirken, denn im Buch ist er ein zwiespältiger Charakter, der seine eigenen „Sünden“ sehr wohl kennt und des Öfteren eine nicht besonders vorteilhafte Meinung über die Frauen in seinem Umfeld kund tut. Insgesamt ist die Adaption aber gelungen und vor Allem tut sie eines: sie dampft den Stoff angemessen ein. Man hätte die Passagen im Hause Kinnear sicher noch ziehen können, man hätte vielleicht sogar eine zweite Staffel daraus machen können, aber ich bin dankbar, dass die Serie es nicht getan hat. Die Darstellung von Grace treibt einem aus vielerlei Gründen einen Schauer über den Rücken. Wegen der Art wie die Welt sie behandelt hat oder vielleicht wegen ihres wissenden Gesichtsausdrucks. Es ist ein guter Schauer, es ist die angemessene Reaktion auf dieses psychologisch raffinierte Kammerspiel. Es ist, was ich mir für die Adaption gewünscht habe.

Sternchen-9

Habt ihr die Serie schon gesehen oder das Buch gelesen? Wie hat euch die Adaption gefallen? Vermeidet ihr es auch die Serie zu schauen und danach erst das Buch zu lesen? Falls ihr Kenner von Vorlage und Serie seid, wie empfindet ihr die Darstellung der Charaktere, insbesondere Grace und Dr. Jordan? Und findet ihr, dass die anderen weiblichen Charaktere wie Lydia und Mrs. Humphreys zu kurz gekommen sind? Ein Eindruck wird mir verborgen bleiben … wie ich die Serie empfunden hätte, wenn ich das Buch nicht kennen würde. Aber stattdessen kann ich ja euch fragen 😉