Vergleich zwischen Film und Buch: Stanisław Lems „Solaris“ vs „Soljaris“ (1972) vs. „Solaris“ (2002)

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Letzten Monat habe ich endlich Stanisław Lems ‚Solaris‘ gelesen. Das Buch des gefeierten polnischen Autors ist 1961 erschienen und weil ich immer lese, worauf ich eben gerade irgendwie Lust habe, hatte ich keine Ahnung wie bekannt Solaris und Lem sind. Eigentlich führte mich vor vielen Jahren die Verfilmung aus dem Jahr 2002 mit George Clooney in der Hauptrolle zu dem Autor. Als Teenie habe ich einen Teil des Films gesehen und war total fasziniert von der Handlung. Der Wissenschaftler Kris Kelvin wird auf den Planeten Solaris geschickt, dessen Ozean zugeschrieben wird ‚intelligent‘ zu sein. Sowohl die Raumstation, als auch seine Kollegen findet er in einem desolaten Zustand vor. Einer hat Selbstmord begangen, die anderen reden wirres und unheimliches Zeug. Als eines Tages Kelvins verstorbene Exfreundin Harey quicklebendig auf der Raumstation vor ihm steht, weiß Kelvin warum die anderen sich so seltsam verhalten. Leider habe ich nie das Ende des Films gesehen und als ich erfahren habe, dass es auf einem Buch basiert, war klar: erstmal lesen. Dann nochmal schauen. Es existieren drei Verfilmungen des Stoffs. Zwei sowjetische (1968 und 1972) und eine amerikanische aus dem Jahr 2002. Zumindest zwei der Filme konnte ich auftreiben. Und da Stanisław Lem mit den Verfilmungen nicht zufrieden war, war ich doppelt neugierig. Was sind die Unterschiede? Es sind leichte Spoiler zu erwarten.

Aber zuerst … ein paar Worte zur Handlung und den Verfilmungen.

Bei der ersten Verfilmung des Stoffs (Солярис, Solaris) handelt es sich um einen Schwarz-Weiß-Fernsehfilm des Zentralen Fernsehens der UdSSR aus dem Jahr 1968. Regie führten Boris Nirenburg und Lidija Ischimbajewa, allerdings konnte ich den Film nicht auftreiben.

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Die zweite Verfilmung (Соля́рис, Soljares) wurde für das Kino produziert und erschien 1972. Regie führte Andrei Tarkowski. Lem unterstützt die Verfilmung nicht und übte ebenfalls Kritik an dem Film. Im Film sieht man u.a. Donatas Banionis als Kris Kelvin, Natalja Bondartschuk als Hari und Jüri Järvet als Snaut. Der Film besteht aus Schwaz-Weiß- und Farbaufnahmen und da er nun Mal einige Jahre auf dem Kerbholz hat, gibt es keine großen Animationen und Montagen von Solaris. Es gibt einige Erd-Sequenzen, die im Buch ganz fehlen und ansonsten Szenen auf der Raumstation. Die Kulisse wirkt etwas retro, aber auch schon wieder stimmig. Allerdings ist die Handlung v.A. am Anfang sehr zäh. Die Schauspieler sind sehr glaubhaft, manchmal etwas melodramatisch. Natalja Bondartschuk hat mich ziemlich begeistert, sie wirkt irgendwie am natürlichsten. Die 2002 erschienene amerikanischen Verfilmung von Steven Soderbergh mit George Clooney als ‚Chris‘ Kelvin und Natascha McElhone als ‚Rheya‘ (Harey) wurde von Lem sehr stark kritisiert und der große Erfolg an den Kinokassen blieb trotz der bekannten Namen und des coolen, minimalistischen Looks aus. Schade, denn durch die moderne Optik wirkt der Film sehr aktuell. Hier wird eher der Ansatz gefahren das schwierige Gefüge zwischen ‚Chris‘ und ‚Rheya‘ (Harey) einzufangen und Solaris tritt stark in den Hintergrund. Tausche moderne Optik, brilliante Darsteller, tolle Kamera gegen Sci-Fi-Elemente. Trotzdem ist der Film gespickt mit moralischen Fragen und hat poetische Momente. Nur geht eben dabei die Wissenschaft flöten. Wie kommt man eigentlich von Harey zu Rheya? Klar, Buchstaben vertauschen, aber das wirkt sehr unnötig.

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Solaristik

Im Buch: Als Solaristik bezeichnet Lem im Buch das Forschungsgebiet rund um den Planeten Solaris, der einigen physikalischen Gesetzen trotzt und an dem sich schon einige Wissenschaftler die Zähne ausgebissen haben. Viele und lange Passagen des Buchs beschäftigen sich damit, wer wann was erforscht hat und das stellt den Leser, der Sci-Fi nicht so sehr mag vor Herausforderungen beim Lesen. Oder gerade heraus gesagt: das könnte einige Leser langweilen. Ich selber habe das eigentlich als ziemlich spannend empfunden. Man hofft schließlich einige Hinweise darauf zu bekommen, was auf Solaris abgeht.

Allerdings wundert es mich auch nicht, dass die Verfilmungen das Thema deutlich komprimierter erzählen oder gar nicht anreißen. So kann man hier und da nachlesen, dass der Film aus dem Jahr 1968 die Solaristik und Erzählungen über die Erforschung des Planeten ganz ausgelassen hat. Im sowjetischen Film aus dem 1972 kommt der Sci-Fi-Teil wohl noch am meisten zum Tragen, obwohl das der Regiesseur später als problematisch betrachtete. Es gibt eine relativ lange Sequenz am Anfang in der Kris einer Art Familienversammlung beiwohnt und ihn einer der Pioniere, die Solaris erforschten einen Einblick gibt, was auf dem Planeten für seltsame Dinge vor sich gehen. Dabei wird ein auf Video aufgezeichnetes Interview bzw. Verhör nach seinem Aufklärungsflug auf Solaris gezeigt. Leser des Buchs wissen wahrscheinlich sofort um was für mysteriöse Dinge es sich handelt, denn seine Entdeckung wurde geleugnet und als Gehirngespinst abgetan. Es ist einerseits cool, dass sie das in den Film aufgenommen haben, wenn auch anders als im Buch. Im Buch liest Kelvin den Bericht in der Bibliothek der Raumstation. Allerdings ist dieses ‚Vorspiel‘ im Film so langatmig, dass es zum Abschalten animiert. Bevor Kelvin überhaupt im All ist, vergeht ca, eine Dreiviertelstunde. Als er dann an Bord der Raumstation ist, gibt es übrigens keine Erwähnung der Solaristik oder früherer Wissenschaftler mehr. Im 2002er-Film wird die Solaristik quasi gar nicht erwähnt. Es sind mehr die Gedankenexperimente aus Lems Buch, die Soderbergh aufgreift, was auch seinen Reiz hat. So wird die Frage gestellt, ob es einen Gott gibt und auch die These aufgestellt, dass der Mensch zwar ferne Welten erforscht, aber nicht akzeptieren kann, wenn er etwas vorfindet, was nicht den Gesetzen der Erde folgt. Da Lem eine sehr komplexe Geschichte der Solaristik entworfen hat, kann ich es verstehen, dass er frustriert war, wenn das total anders umgemünzt oder gar ausgelassen wird. Andererseits sprechen mich diese moralischen Fragen vielleicht sogar noch einen Tick mehr an als die wissenschaftlichen. Schade ist es aber trotzdem, dass Soderberghs Film den Planeten nicht mehr erwähnt.

„Blödsinn! Absoluter Blödsinn. Alles Interessante an meinem Roman bezog sich auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Ozean als einer nicht-humanoiden Intelligenz – nicht auf irgendwelche zwischenmenschlichen Liebesgeschichten.“ – Stanisław Lem im Interview mit Patrick Großmann: Galore, Nr. 17

Internationalität

Im Prinzip ist Lems Buch ziemlich international und wirkt sehr weltoffen. Vielleicht sogar zu weltoffen für die damalige Zeit. Immerhin wurde der Stoff zwei Mal in der DDR für die Veröffentlichung abgelehnt. Aber zurück zum Thema ‚weltoffen‘: was meine ich damit? Die Namen der Charaktere, der Forscher der Buch-Gegenwart und Buch-Vergangenheit sind sehr international und lassen sich allen möglichen Nationalitäten zuschreiben. Nicht nur polnische, weil der Autor polnisch ist. Solche Faxen hat sich Stanisław Lem nicht gegeben, was ich salopp gesagt ziemlich cool finde. Lem hat sich sowieso bemüht die Zukunft in der Solaris spielt als unbeschriebenes Blatt zu lassen. Man erfährt wenig über die Gesellschaft. Sie scheint allerdings verhältnismäßig liberal zu sein, da Kelvin und Harey unverheiratet lange zusammengelebt haben. Außerdem wird im Buch erwähnt, dass kaum jemand an Gott glaubt und es so dargestellt, als ob Religion etwas altmodisches und überholtes wäre.

Die sowjetischen Verfilmungen behalten die Namen bei. Im Film aus dem Jahr 1972 lassen sich auch keine Bezüge zu einem bestimmten Land herstellen. Man sieht wenig Schrift, die auf eine bestimmte Sprache hindeutet. Einzig am Anfang, kurz vor Kelvins Start, sieht man die Autos durch Großstädte und über Autobahn-Kreuze fahren, die von Schildern mit japanischen Schriftzeichen gesäumt sind. Normalerweise sieht man in Filmen oft einen gewissen Imperialismus, d.h. für mich, dass die Filmemacher oftmals den Stoff in das Land versetzen, dass den Film produziert. So oftmals gesehen bei amerikanischen Produktionen. Hier ist das offensichtlich nicht der Fall. Auch hier ist die Zukunft eigentlich ein unbeschriebenes Blatt. Selbst Soderberghs Film aus dem Jahr 2002 ‚amerikanisiert‘ den Film nicht. Auffällig ist lediglich, dass fast alle weiße, westliche Typen sind. Auch werden die Namen aus der englischsprachigen Fassung des Buchs übernommen. Snaut wird zu Snow, Kris zu Chris und Harey zu Rheya. Warum? Das wirkt gelinde gesagt engstirnig und seltsam, schließlich sind die Namen schon universell. Aber das Problem ist wohl der englischen Fassung des Buchs zuzuschreiben und nicht dem Film.

Kris und Harey

Der andere große Aspekt des Buchs ist das Zwischenmenschliche zwischen Kelvin und seiner plötzlich wiederkehrenden Ex-Freundin. Im Buch wird deutlich, dass der intelligente Ozean auf Solaris die Erinnerungen der Besucher materialisiert. D.h. er schnappt sich Menschen aus den Erinnerungen der Besucher und lässt sie wiederauferstehen. Sie sind unsterblich bzw. tauchen einfach wieder auf, wenn sie doch umgekommen sind und haben nur begrenzte Erinnerungen. Das stellt die Besucher vor ein Riesen-Dilemma und Gefühlschaos: Sind Harey und die anderen echte Menschen? Oder nicht? Wie geht man mit ihnen um? Lem legt im Buch dabei deutlich mehr den Fokus auf die moralischen Fragen und lädt dazu ein zu spekulieren. Ist das die Art wie der Planet versucht mit den Besucher zu kommunizieren? Oder erforscht Solaris auf diese Weise sogar seine Besucher? Und was ich sehr gruselig finde ist der Gedanke an die erste Harey, die Kris trifft. Er ist von ihr angewidert und/oder verängstigt, setzt sie kurzerhand in eine Raumkapsel und schickt sie ins Weltall. Angenommen sie ist nicht elendig erstickt, als der Sauerstoff ausging … schwirrt sie jetzt ewig dort rum? Sie hat ja quasi das Seelenleben eines Menschen und wird nicht nur körperliche Höllenqualen leiden.

In den Filmen wird das aber etwas anders aufgefasst, weswegen Lem wohl wenig begeistert davon war. Die Filme legen den Fokus sehr auf die verzweifelte und abnorme Beziehung zwischen Kelvin und der ’neuen‘ Harey. Klar, da ist eine ziemliche Dramatik. Kelvin hat einen geliebten Menschen verloren und gibt sich dafür sogar die Schuld. Im Buch hat das anfangs viele Schattierungen, die man nachvollziehen kann. Er hält sich selber für verrückt, denkt das das nicht real ist. Dann ekelt er sich vor Harey, weil er weiß, dass es nicht die Echte sein kann. Erst so nach und nach gewinnen seine Gefühle die Oberhand und er will sie nicht verlassen. Nachvollziehbar für einen Wissenschaftler, dass er lange Vorbehalte hegt. In den Filmen wird aber sehr sehr deutlich der Fokus darauf gelegt was Kelvin empfindet. V.A. in der amerikanischen Verfilmung. Das ist quasi das alleinige Thema. Dort werden sogar Rückblicke in Kelvins Leben mit Harey eingebunden. Im 1972er-Film ist der Fokus zwar nicht ganz so stark und die Erzählung nicht ganz so einseitig, dafür verliebt sich Kelvin hier aber sehr schnell wieder in Hari. Die Phase der Ungläubigkeit und des Ekels gibt es quasi gar nicht. In der US-Verfilmung aus dem Jahr 2002 nimmt Soderbergh die Beziehung der beiden auseinander und seziert sie quasi. In Rückblicken erleben wir wie sie sich kennenlernten, verliebten und ihre Beziehung dann den Bach runterging. Zwar kommt Kelvins Ekel hier auch nicht durch, aber dadurch, dass wir sie kennenlernten und wegen des grandiosen Spiels von Clooney und McElhone wirkt das alles sehr vereinnahmend und mitreißend. Ich finde, dass es einen gewissen Reiz hat die Geschichte der Beiden als Sinnbild für Beziehungen und Geister der Vergangenheit zu benutzen. Dann die moralischen Fragen. Ist sie Rheya/Harey? Oder ist sie jemand anders? Sind die Erinnerungen die wir an Menschen haben richtig? Oder sind sie nicht subjektive Wahrnehmungen und entsprechen dem Menschen gar nicht? Könnte man daraus einen Menschen formen, wäre er derselbe wie der echte? Ich finde das eigentlich sehr spannend. Lem hat ohne es zu wollen ein wahnsinnig interessantes zwischenmenschliches Experiment auf die Beine gestellt, das offensichtlich auch viele beschäftigt. Schließlich drehen sich zwei Filme darum. Obwohl Lem eher die Beziehung zwischen Solaris und den Menschen interessiert hat.

Solaris

Im Buch ist Solaris der Hauptcharakter des Films, ganz klar. Es geht um die Mysterien rund um den Planeten und was er mit seinen Besuchern macht. Jahrzehnte der ‚Solaristik‘ haben keine Antworten auf die Fragen geliefert und auch der Leser kann nur spekulieren. Faszinierend ist es allemal. Ich denke da nur an die rote und die blaue Sonne, die oft im Buch beschrieben werden. Farben spielen eine große Rolle.

In der Verfilmung aus dem Jahr 1972 scheitert es ein wenig an der Technik, aber die Filmschaffenden haben sich bemüht Solaris zu zeigen. Zwar mit sehr einfachen Mitteln, aber immerhin. So sieht man oftmals das rote und blaue Licht der Sonnen in den Zimmern der Raumstation. Es werden oftmals eingefärbte Meereswellen gezeigt und gegen Ende erlebt man nochmal einen Ausblick auf den Ozean. Das reicht eigentlich schon fast für die Geschichte, mehr muss man eigentlich nicht sehen. Obwohl es schon faszinierend wäre die Schluchten und Gebilde zu sehen, die im Buch beschrieben werden. Der Ozean wird dort nämlich beschrieben, als ob er ein sehr reges Eigenleben hätte. Im Film aus dem Jahr 2002 finden sich einige Unterschiede. Solaris ist hier selber eine Art Sonne, deren Licht zwischen Blau, Rot und Violett changiert. Immerhin erkennt man aber die Gebilde, die im Buch beschrieben werden, die hier wie Sonnenflecken und -winde dargestellt werden. Aber der Ozean wird nicht erwähnt und man erfährt auch relativ wenig über Solaris. Eigentlich nichts, was sehr schade ist. Es ist mehr ein Kammerspiel zwischen den Personen und Solaris ist der stille Auslöser für etwas Unerhörtes.

Die Nebencharaktere

Da das Buch zu dem Zeitpunkt beginn als Kelvin zur Raumstation auf Solaris aufbricht und es quasi keine Rückblenden gibt, sind die Hauptcharaktere v.A. die Wissenschaftler der Raumstation. Snaut, zu dem Kelvin am meisten Vertrauen aufbaut, obwohl er ihn anfangs total verwirrt und desorientiert auffindet. Dann wäre da noch Gibarian, der allerdings bereits Selbstmord begangen hat und daher dem Leser nur bekannt ist, weil er oft Thema ist und eigentlich ein Mentor für Kelvin war. Dass etwas so an Gibarian gezehrt hat, dass er diesen dramatischen Weg gegangen ist, wirkt erschütternd auf Kelvin. Und dann ist da noch Sartorius, der sehr unfreundlich ist und sich die ganze Zeit in seinem Labor einschließt. Direkt unheimlich ist im Buch mit was für einer Vehemenz Snaut und Satorius versuchen ihre ‚Besucher‘ vor Kelvin fernzuhalten. Man erfährt die ganze Zeit über nicht, um wen es sich bei deren Schatten handelt. Sehr gruselig fand ich eine Szene in der man ein Pochen und Klopfen aus Snauts Zimmer bzw. den Schränken hört und vermutet, dass er dort seinen Besucher eingesperrt hat. Oder als klar wird, dass Sartorius sich selber mit seinem Besucher einsperrt.

Im Film (1972) gibt es quasi keine Hinweise auf Snauts Schatten dafür, dafür wird der Besucher von Sartorius kurz gezeigt. Ich meine dort einen kleinwüchsigen Mann gesehen zu haben, der kurz aus dem Labor rennt und von dem Wissenschaftler sofort geschnappt und wieder ins Labor verbannt wird. Beim Lesen des Buchs habe ich vermutet, dass Sartorius ein Kind versteckt. Sollte das der Versuch gewesen zu sein einen Kleinwüchsigen statt eines Kindes im Film zu zeigen? Ansonsten hält sich der sowjetische Film größtenteils an die Charakteristika der Personen. Seltsamerweise ist Snaut viel vertrauenswürdiger, verständnisvoller und fast etwas melancholisch und traurig. Man hat richtig Mitleid mit ihm und spürt, dass die Raumstation und alles was passiert auf ihm lastet. Im Buch ist er weniger umgänglich, meistens sehr negativ und anfangs traut Kelvin ihm kein Stück. Kein Wunder, er findet ihn einmal mit blutverschmierten Händen auf der Raumstation. Außerdem trinkt er im Buch viel und ist stets eher schmuddlig gekleidet. Verglichen dazu wirken alle Charaktere, auch Kelvin selber, im 1972er-Film irgendwie netter und es fällt leichter sie zu mögen. Sie sind weniger kalt und wissenschaftlich als im Buch. Der sowieso eher gefühlsbetonte US-Film behandelt das genauso, aber hat mehr Sinn für kleine Schattierungen in Mimik, Gestik und mehr Sinn für reduzierte Dramatik. Die Darstellung der Gefühle wirkt auf mich etwas echter und nachvollziehbarer. Dabei sind die Charaktere aber sehr unterschiedlich angelegt. Snow/Snaut wird von Jeremy Davies als ein vergeistigter Wissenschaftler dargestellt, der immer etwas verwirrt wirkt und sich schwer tut mit sozialen Dingen. Gespräche, Einfühlsamkeit. Solche Dinge. Aber er ist ruhig und gelassen. Vielleicht zu gelassen. Auffällig ist, dass in der US-Verfilmung von weiteren Wissenschaftlern die Rede ist, die die Raumstation scheinbar verlassen haben. Einer scheint gestorben zu sein wie Gibarian (Ulrich Tukur). Eine weitere Veränderung, die ich eigentlich begrüße ist, dass man erfährt wer die Schatten der anderen sind. Zumindest bei Snow/Snaut und Gibarian. Mit solchen Rätseln kriegen mich Medien meistens und es ärgert mich, wenn ich sowas nie erfahre. Eine weitere Veränderung ist die Frauenquote, die in Lems Buch wirklich nicht gerade hoch ist. Harey ist die Frauenquote… . Viola Davis spielt Dr. Gordon, die scheinbar die weibliche Version von Sartorius ist. Eigentlich begrüße ich die Änderungen, die die amerikanische Version vorgenommen hat v.A. bei den Nebencharakteren und Nebenhandlungen.

Abschließend kann ich sagen, dass sich ganz grob betrachtet beide Verfilmungen zu großen Teilen an die Handlung im Buch halten. Zumindest verglichen mit anderen populären Beispielen für die Umsetzung von Literaturvorlagen. Im Detail wird deutlich, dass v.A. die Solaristik rausgelassen wurde und die Filmschaffenden den Fokus auf die menschlichen und moralischen Fragen gelegt haben. Klar, sehr zum Ärger eines Science-Fiction-Autors, der eigentlich keine tragische Liebesgeschichte geschrieben hat. Trotzdem finde ich sie alle auf ihre Art gelungen. Von der Optik und der einfühlsamen Inszenierung her spricht mich der 2002er-Film von Steven Soderbergh sehr an, obwohl er ein großes Ärgernis für Lem gewesen sein muss. Kennt ihr einen der Filme? Oder die Buchverlage? Und wie bewertet ihr das? Könnt ihr nachvollziehen, dass Lem enttäuscht war?