ausgelesen: Haruki Murakami „Die Ermordung des Commendatore Band I: Eine Idee erscheint“

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Wie aufregend. Ich war noch nie aktiv „dabei“, wenn ein Murakami veröffentlicht wird. Der Plan war, dass Buch schon am Erscheinungstag zu lesen. Das erste Mal seit langem, dass ich das überhaupt machen würde. Viel aufregender war dann das Buch zu bekommen – trotz oder gerade wegen der Vorbestellung. Aus meinem Plan wurde nichts. Aber das macht nichts. Schließlich sind Bücher geduldig. Nur ich nicht. Als ich es dann aber in Händen hielt und las, strahlte das Buch die Murakami-typische Ruhe aus. Es handelt von einem Künstler, unserem namenlosen Protagonisten, der auf Portraits spezialisiert ist. Seine Frau verkündet ihm, dass sie die Scheidung will. Es würde einfach nicht mehr passen. Für ihn kommt das überraschend und er flüchtet sich in das Haus eines Freundes. Es gehörte eigentlich dem dementen Vater seines Kumpels, ebenfalls ein Maler. Ein sehr berühmter sogar. Er verschrieb sich Nihonga, einer traditionellen japanischen Form der Malerei. Unser Held schwelgt in Erinnerungen und schwört Abstinenz zur Malerei. Dann aber tritt ein Mann an ihn heran, Menshiki. Zufälligerweise ein Nachbar. Er möchte ein Portrait von sich anfertigen lassen. Die gebotene Geldsumme klingt sehr überzeugend, die Abstinenz als beendet erklärt. Und zeitgleich geschehen in dem Haus mysteriöse Dinge, nachdem der Protagonist auf dem Dachboden ein Bild des alten Malers findet, das „Die Ermordung des Commendatore“ heißt.

„Wie dem auch sei, zuerst muss ich von dem rätselhaften Nachbarn, der auf dem Berg auf der anderen Seite des Tals lebte, und einem Gemälde mit dem Titel Die Ermordung des Commendatore berichten – denn dies sind die ersten beiden Züge in diesem Spiel von Ursache und Wirkung. Zunächst also das Bild.“ p.86

Wie das Zitat zeigt, macht Murakami bzw. sein Protagonist recht früh klar, wovon dieser Band handeln wird. Es ist genau das: eine sehr lange Exposition. Sie mag zwar faszinierend sein, aber sie lässt wie gewohnt viele Fragen offen. Vielleicht dieses Mal noch mehr als sonst, da es einen zweiten Band gibt, der einige Monate nach Band I erschien. Der Eindruck, dass das große Geheimnis noch außen vor bleibt, entsteht v.A. durch den Prolog, in dem Murakami den vollen Surrealismus seines Werks vorausschickt und an Gemälde René Magrittes erinnert. Darin wird geschildert wie ein Maler, sicherlich unser namenloser Protagonist, ein Portrait malen soll. Es klingt als ob sein Leben auf dem Spiel steht, er konnte den Klienten bisher nicht malen. Schnell erfährt der Leser warum: er kann sein Gesicht nicht erkennen. Es ist als wäre da nur ein Schleier, wolken- oder nebelverhangen. Er sieht einfach sein Gesicht nicht. Man erhofft als Leser dieser unheimlichen Schilderung auf die Spur zu kommen – was im ersten Band nicht passiert. Das kann leicht entmutigend wirken. Aber die Hinweise sind da. Vermutlich kommen wir noch zu dem Punkt, an dem der Maler die Fähigkeit verliert einen Menschen zu erkennen. Anfangs schildert er es sehr schön wie es sich anfühlt einen Menschen zu portraitieren. Wie man das Abbild zum Leben erweckt indem man versucht den Menschen dahinter zu erfassen. Und scheinbar ist er was das betrifft bisher ein Meister seines Fachs gewesen.

„In jedem Menschen findet sich, wenn man tief in sein Innerstes blickt, unweigerlich ein Licht, das zum Vorschein kommt, sobald man seine beschlagene Oberfläche (und die haben wahrscheinlich viele) mit einem Tuch reinigt und poliert. Und dieser Geist durchdringt dann von ganz selbst das Werk.“ p.23 (Über das Kennenlernen eines Klienten und Malen eines Portraits)

Ich zeichne selber. Allerdings habe ich den Eindruck, desto länger ich in das Gesicht der Menschen blicke, desto weniger weiß ich, wen ich da vor mir habe. Der Blick wirkt so unergründlich. Sicherlich ein Ausdruck des Charakters. Die fröhlichen, die melancholischen, die selbstbewussten. Aber die Gedanken? Die sind frei. Und lassen sich nicht so einfach malen. Der Protagonist trifft einen ungewöhnlichen Nachbarn. Alles an ihm ist mysteriös. Sein Job, seine Vergangenheit, seine Intention. Er will ein Bild und bringt etwas auf den Punkt, was uns wieder zurück zum Anfang führt:

„Offen gesagt, bin ich neugierig, was es für ein Gefühl sein wird, mich selbst als Bild vor Augen zu haben. Und ich möchte nicht nur die Erfahrung machen, gemalt zu werden, sondern unbedingt auch die des Austauschs, der damit einhergeht.“

„Des Austauschs?“

„Wir tauschen wechselseitig einen Teil von uns“, erklärte Menshiki. „Ich gebe Ihnen etwas von mir, und Sie geben mir etwas von sich. Natürlich muss das nichts Besonderes sein. Es genügt etwas Einfaches, nur als Zeichen.“ p.145

Die Idee des Austauschs ist spannend. Wenn zwei so eine Verbindung eingehen, dann gibt es da sicherlich einen Austausch. Schließlich hat während des portraitierens nicht nur der Maler Zeit sich über das Modell Gedanken zu machen. Sondern auch andersrum. Ist Menshiki der mysteriöse Mann aus dem Prolog, dessen Gesicht der Protagonist nicht erkennen kann? Oder ist es die „Idee“, die erscheint, die wir im ersten Band kennenlernen? Oder eine andere „Idee“? Was ändert sich für den Protagonisten? Im Buch hat man mehr den Eindruck, dass er mehr erkennt als früher, wenn er portraitiert. Dass er besser wird. Als Leser muss man sich derweil fragen, ob Menshiki oder das mysteriöse Bild auf dem Dachboden der Auslöser für das Geschehen ist. Denn bald beginnt der Maler nachts seltsame Geräusche zu hören und er entdeckt einen alten Brunnen oder Schrein auf dem Anwesen. Und kurz danach erscheint wortwörtlich eine Idee. Sie materialisiert sich und begleitet unseren Protagonisten. Das Ziel? Der Zweck? Noch unklar. Hier finden sich also wieder zahlreiche Elemente Murakamis. Etwas, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht. Eine Energie, die sich materialisiert. Ein Hauch Esoterik/Glaube/Religion. Surrealismus – und Grusel. Es ist gruseliger als mancher platter Horrorfilm, wenn unser Protagonist nachts das Läuten von Glocken hört. Ein Roadtrip und das Sich-zurückziehen von der Umwelt. Und nicht zu vergessen: gutes Essen, Sex und Schallplatten. Viele Schallplatten.

„Es gibt viele Momente der Leere auf der Welt, aber wenige sind so leer, wie morgens allein in einem ‚Love Hotel‘ aufzuwachen.“ p.306

All diese typischen Murakami-Elemente halten einen gut bei Laune. Man ist gespannt, woher das Läuten kommt, wer Menshiki ist und was er eigentlich plant. Und letzteres erfahren wir scheinbar sogar. Aber wie passt all das mit dem Prolog zusammen? Warum „erscheint die Idee“? Wer Murakami bereits kennt, weiß, dass man manchmal nicht auf alles Antworten bekommt. Aber irgendwie möchte und sollte man doch beim Prolog herauskommen, der so viele spannende Fragen aufwirft und neugierig macht. Leider kommt man in diesem ersten Band nicht dahin. Murakami-Fans wissen sicherlich, was sie bekommen und schätzen, was der erste Band ihnen gibt, aber für gewillte Murakami-Einsteiger ist das Buch unter Umständen nicht der ideale Start für die Reise.

Und ich persönlich? Ich empfinde das Buch als spannend, aber hing ebenso in der Luft und konnte den April nicht abwarten. Obwohl es viele Motive, die ich sehr gern mag und sehr bei Murakami schätze und der Band sogar etwas mehr comic relief hat als andere Bücher Murakamis, sind es mir aktuell auch etwas zuviele Fragen und etwas zu wenig Antworten. Wäre es mein erster Murakami, wäre ich mir nicht sicher, ob ich weiterlesen würde. Ein Effekt, den Murakami bei 1Q84, das ebenfalls in mehreren Bänden erschien, geschickter gelöst hat. (Siehe hierzu Besprechung zu Band 1, Band 2 und Band 3). Das war übrigens tatsächlich mein erster Murakami. Natürlich bleibe ich dran. Es ist diese dem Buch inneliegende Ruhe, die scheinbar nur Murakamis Werke ausstrahlen. Plus die philophischen Gedankengänge, die mir Fragen beantworten, die ich anfangs beim Lesen gar nicht hatte. Das Plus der Murakami-Bücher, das mich dazu bringt weiterzulesen. Und immer und immer wieder.

Fazit

Ein Buch, das viel verspricht, das wahrscheinlich erst im zweiten Teil seine ganze Magie entfaltet. Für Murakami-Kenner vielversprechend, für Einsteiger wahrscheinlich nicht geeignet.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂