Feministischer Frühling: Virginia Woolf „A Room of One’s Own“ and „Three Guineas“ – zwei verschiedene Tonarten über Feminismus

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Der „Feministische Frühling“ ist eine Beitragsreihe, in der ich mich Feminismus in der Gesellschaft und Literatur widme. Zu den Beiträgen der Reihe gehörten bisher eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Frauenbewegung, eine erste Berührung mit Virginia Woolf bzw. ihrer Figur „Mrs Dalloway“ und ein Blick auf den Begriff Diversity und wie Frauenbewegung heute oftmals wahrgenommen wird. Nun gehen wir nochmal einen Schritt zurück und betrachten Essays von Virginia Woolf, darunter das sehr bekannte „A Room of One’s Own“, das mir die liebe Sabine in Form einer wunderbaren Buchausgabe zukommen ließ. Vielen Dank nochmal an der Stelle 😀

A Room of One’s Own

Virginia Woolf veröffentlichte in dem gemeinsam mit ihrem Mann geführten Verlag Hogarth Press 1929 „A Room of One’s Own“, das ursprünglich aus zwei Vorträgen bestand, die sie an Universitäten hielt. Zusammen ergaben beide diese rund 100-Seiten-starke Schrift, die heute als eins der wichtigsten feministischen Essays gelten. Woolf selber wäre mit der Bezeichnung vielleicht nicht zufrieden gewesen. Sie fasst am Beispiel einer fiktiven jungen Literatin ihre eigenen Erkenntnisse auf. Nämlich, dass Frauen durch das Gesellschaftsbild in dem sie aufwachsen gar nicht die Möglichkeit haben künstlerischer, literarischer oder irgendeiner Profession nachzugehen. Es fehlt schlichtweg die Grundlage. Weiterhin bemerkt sie auch, dass Frauen nicht mal in den Romanen eine Rolle spielen und man sie komplett ihrer Daseinsberechtigung beraubt was alles außer Heim und Herd betrifft.

„Be that as it may, I could not help thinking, […] it would have been impossible, completely and entirely, for any woman to have written the plays of Shakespeare in the age of Shakespeare.“ p.42

„Yet it is the masculine values that prevail. Speaking crudely, football and sports are ‚important‘; the worship of fashion, the buying of clothes ‚trivial‘. And these values are inevitably transferred from life to fiction. This is an important book, the critic assumes, because it deals with war. This is an insignificant book because it deals with the feelings of a woman in a drawing-room.“ p. 67

Sie begründet das darin, dass Frauen allgemein die Rolle der Ehefrau, Mutter und Fürsorgerin zugedacht wird und deshalb an ihrer Ausbildung gespart wird. Und selbst wenn sie entsprechende Ausbildung genießen, dann geraten sie wie natürlich immer wieder in diese Rolle. Woolf spricht daher den Rat aus, dass man sich als Frau unabhängig machen sollte und stellt die These auf, oder formuliert viel mehr die Bitte, dass jede Frau dafür sorgen solle, dass sie wenigstens einmal in ihrem Leben zugunsten ihrer freien Entfaltung ihr eigenes Geld verdienen und ein Zimmer für sich allein haben soll. Ihr Gedankengang erinnert mich an mein eigenes Sinnen über das Thema Alleinsein. Auch ich habe es erlebt, dass das Alleinsein verpönt ist. Noch heute begegnet einem ein gewisser sozialer und gesellschaftlicher Druck, der manchmal den faden Beigeschmack hat, dass man alleine weniger wert ist und man insbesondere als Frau in eine Beziehung gehört mit dem vorgezeichneten Pfad aus Heim und Herd. Das Alleinsein lässt aber zu selbst zu reifen und sich die Zeit für sich selbst zu nehmen.

„Intellectual freedom depends upon material things. Poetry depends upon intellectual freedom. And women have always been poor, not for two hundred years merely, but from the beginning of time. […] Women, then, have not had a dog’s chance of writing poetry.“ p.97

Auch wenn das für den einen oder anderen Leser da draußen jetzt keine Überraschung sein mag, aber man liest aus Woolfs Essay heraus wie verblüffend für sie die Erkenntnis ist, dass die Literaturszene und die Gesellschaft allgemein die Frau sogar aus Büchern verbannt hat. Sie spielen keine tragenden Rollen. Woolf geht sogar soweit zu sagen, dass sie gar nicht wüsste wie Frauen im 19. Jahrhundert gelebt haben, weil ihre Geschichten einfach nicht erzählt wurden. Das kann man sich aus heutiger Sicht nicht vorstellen, da Wikipedia stets nicht weit ist. Da ihr Buch aber 1929 erschien, wirkt es vielleicht schon vorstellbarer, dass diese Lücke existierte. Und selbst wenn Woolf sie hätte stopfen können, wäre es nicht besser geworden. Ute Gerhards Frauenbewegung und Feminismus bestätigt Woolfs These: Frauen waren arm. Kein Geld für Bildung, kein Geld für die freie Entfaltung. Ob Geld aber nun gleichzusetzen ist mit Freiheit!? Das mag vielleicht niemand gern hören, aber man muss das in Relation betrachten. Früher hatten Frauen nichts. Ihren Lohn mussten sie abgeben, Besitz gehörte vor dem Recht nur ihren männlichen Angehörigen und in ihre Bildung wurde eher nicht investiert, weshalb oftmals „Heirat“ ihre Berufung war. Ohne Beruf oder Berufung wurden sie nicht mit den intellektuellen Themen behelligt, geschweigedenn dazu ermutigt ein Buch zu schreiben, an Universitäten und in öffentlichen Ämtern wurden sie erst spät geduldet; dadurch dass sie keine Armeen anführten, werden keine Bücher über sie geschrieben. Dann wiederum gibt es keine weiblichen Vorbilder, an denen sich Frauen orientieren können … und die Geschichte setzt sich fort.

Dabei bringt sie ein sehr smartes Beispiel an. Nämlich dass einer fiktiven Schwester Shakespeares, der es nicht im mindesten möglich gewesen wäre dieselbe Laufbahn wie ihr Bruder einzuschlagen. So schlecht ist der Rat deswegen nicht, in die eigene Zukunft und Unabhängigkeit zu investieren und ggf auch in die eigen Freiheit, wenn man es sich dann leisten kann ein Zimmer für sich und seine Gedanken zu haben. Auch die Geschlechteridentität entgeht ihr nicht. Sie singt einen Abgesang auf die Labels männlich und weiblich und plädiert für das beste beider Geschlechter und Androgynität. Sowie Weltoffenheit. Woolf schließt mit den optimistischen Sätzen und Wünschen

„Now the writer, as I think, has the chance to live more than other people in the presence of this reality. […] So that when I ask you to earn money and have a room of your own, I am asking you to live in the presence of reality, an invigorating life, it would appear, whether one can impart it or not. „ p.99

Three Guineas

Three Guineas erschien gut zehn Jahre nach dem eben besprochenen Essay Woolfs und beginnt mit einer Frage, die man im ersten Moment nicht mit einem feministischen Essay verbinden würde: „How in your opinion are we to prevent war?“ (p. 117 meiner Ausgabe) Ausgehend von dieser Frage argumentiert Woolf, dass es hauptsächlich Männer sind, die Politik betreiben und deswegen den Krieg treiben und herausfordern. Frauen spielen durch ihre Position in der Gesellschaft keine Rolle und haben keine Stimme. Daher argumentiert sie weiter, dass dieser Krieg nicht der der Frauen wäre.

„Our class is the weakest of all the classes in the state. We have no weapon with which to enforce our will.“ p.127

Weiter beschreibt Virginia Woolf als eine Lösung in die Ausbildung der Frauen zu investieren, um mehr als nur dieselben männlichen Ansichten in Ämtern vertreten zu sehen. Sie führt im Laufe des Essay gedanklich drei Guineen ein, die man investieren solle. Beispielsweise in die Gründung von Colleges für Frauen und schließt damit, wenn auch wesentlich harscher, an ihr Essay A Room of One’s Own an. Dabei ist stets der Vergleich im Vordergrund und die Rede von an „educated mans daughter“ oder „educated mans sister“, so als ob Frauen ohne gelehrte Männer in ihrer Familie die Chance auf Bildung von vornherein verborgen bliebe (bitter).

Die Vehemenz ihrer Worte deutet sich u.a. dadurch an, dass sie die britische Regierung mit Diktatoren vergleicht und wenig Unterschied zu namhaften Kriegstreibern und Hetzern wie Hitler sieht. Aufgrund dieser Aussagen wurde Three Guineas mitunter als polemisch angesehen. Wie um ihre Aussagen zu untermauern, findet sich im Essay in größeren Abständen immer mal wieder ein Foto von religiösen Würdenträgern oder Männern des Militärs, die in feinem Zwirn ihre Arbeit verrichten. Woolf schreibt weiterhin, dass Frauen ihrer Heimat wenig zu verdanken hätten, deswegen Leidtragende des Krieges sind und dass sie stets eine Gruppe Außenseiter darstellen, die sich selbst helfen müssen. Sie schreibt „‚Our country‘, she will say, ‚throughout the greater part of its history has treated me as a slave; it has denied me education or any share in its possessions.'“ (p. 234) aus der Sicht einer Frau im allgemeinen und kommt zum Schluss „as a woman I have no country“ (p. 234), was sicherlich stark dazu beigetragen hat, dass ihre Schrift als unsachlich wahrgenommen wurde und zuweilen als beleidigend.

Three Guineas steckt voll Distanzierung. Distanz zum Patriarchat, zur Heimat und zum Krieg. Es handelt weniger davon was eine Frau tun kann, sondern spricht von scheinbarer Machtlosigkeit und als ob die Interessen der Geschlechter nicht vereinbar wären, wenn sie zu dem Schluss kommt „We can best help you to prevent war not by joining your society but by remaining outside your society but with co-operation with its aim.“ (p. 272) und damit zwar erklärt, dass man zusammen arbeiten müsse, dass Frauen aber gut da aufgehoben sind, wo sie sind: als Außenseiter gegenüber dem Patriarchat.

Tonarten und ein Fazit

In beiden Essays hat Virginia Woolf eine messerscharfe und pointenreiche Argumentation. Längst vergessen ist der (w)irre Bewusstseinsstrom in Mrs Dalloway. Ihre Bissigkeit in A Room of One’s Own ist erfrischend und scharfsinnig. Three Guineas hingegen ist das durch den Krieg dunkel gefärbte Moll, während A Room … das C-Dur ist. Es ist fast so als würde man in Three Guineas den Wut und die Ohnmacht hören angesichts der wenigen Verbesserungen die Frauen in der Gesellschaft innerhalb der zehn Jahre Abstand zwischen den Essays erfahren haben, was ihre Rolle und Bildung betrifft.

Mir erging es beim Lesen wohl nicht anders als den Kritikern der Essays. Während ich Woolfs These aus dem 1929er Essay A Room … voll vertrete und jeder Frau raten würde, dass sie wenigstens ein Mal in ihrem Leben für eine gewisse Zeit unabhängig von allen anderen ihr eigenes Ding durchgezogen haben sollte, fällt es mir schwer Woolfs Abkehr von diesen Idealen zu beobachten. Soll eine Frau nicht mehr danach streben die gleiche Behandlung zu erhalten und ihre Rolle als jemand außenstehendes akzeptieren? Passt das in das Bilder der 1920er und 1930er Jahre oder ist das auch noch ein Rat für heute? Es gibt Tage, da denke ich, dass wir es geschafft haben und die Rollenbilder verwischen, und welche an denen denke ich, dass Woolf mit Three Guineas recht hat und wir nie die Rollenbilder und Klischees hinter und lassen können, obwohl wir nun schon gleiche oder ähnliche Chancen haben. Hat sie Recht, wenn sie sagt:

„It seems as if there were no progress in the human race, but only repetition.“ p.190 (Three Guineas) ?

Bisherige Artikel der Beitragsreihe

I. Sachbuch-Besprechung „Frauenbewegung und Feminismus“ von Ute Gerhard
II. Buch-Besprechung „Mrs Dalloway“ von Virginia Woolf“
III. Diversity und Wahrnehmung
IV. Virginia Woolf „A Room of One’s Own“ and „Three Guineas“ – zwei verschiedene Tonarten über Feminismus
V. Feminism gone wrong? Stephen und Owen Kings „Sleeping Beauties“ und andere Medien
VI. Ein Abschied vom Feministischen Frühling mit lesenswerten Geschichten von und über Frauen

Mir gefällt immer noch die Botschaft von „A Room …“ besser und ich persönlich finde ihre Aussagen in „Three Guineas“ messerscharf und entlarvend, aber auch teilweise polemisch. Wo kommt dieser Wandel her? Welche Tonart könnt ihr mehr vertreten? Komplett gegensätzlich sind sie ja nicht. „Sein eigenes Ding zu machen“ klingt vielleicht nur schöner als „Außenseiter sein“. Wie seht ihr das? Die Ausgabe ist in jedem Fall gerade wegen ihrer Gegensätze in der Herangehensweise sehr lohnenswert und da u.a. Mary Wollestoncraft erwähnt wird, hat sich für mich die Auseinandersetzung mit Frauenbewegung und Feminismus umso mehr gelohnt.