Russischer Herbst: Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“

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„Der Meister und Margarita“ – der Titel waberte schon eine Weile um mich herum. Wurde immer mal hier und da erwähnt, obwohl mir keine wirkliche Besprechung des Buchs begegnete. Und die Neugier steig und stieg. Tatsächlich sollte Bulgakows Buch sowas wie das Herz des „Russischen Herbst“ sein. Ich wollte es mir aufheben und es feiern. Und in meinem Umfeld hieß es sogar: „das ist wahrscheinlich das beste Buch aus deiner Leseliste. Danach macht dir der Rest keinen Spaß mehr.“ Gut, über letzteres kann ich mir noch keine Meinung bilden, da ich tatsächlich nach „Der Meister und Margarita“ eine kleine Pause vom Russischen Herbst eingelegt habe, aber der Rest trifft zu. Es ist das Herz und es ist wohl das bisher beste Buch des Russischen Herbst.

Gestatten: der Teufel.

Es geht nicht besonders gut für Berlioz und Besdomny aus als sie an den Moskauer Patriarchenteichen einen sonderbaren Mann treffen und mit ihm diskutieren, dass es Jesus und den Teufel nie gegeben hat. Berlioz ist Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung MASSOLIT, während Besdomny Dichter ist. Der eine von den beiden wird kurz darauf einen grotesken Tod sterben und der andere in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden. So wie die halbe Belegschaft der Kulturvereinigungen Moskaus. Denn Berlioz und Besdomny haben dort niemand geringeres getroffen als den Teufel persönlich, der sich unter dem Namen Voland im Moskau der 1930er Jahre zusammen mit seinen ebenso teuflischen Kumpanen einen Reibach macht und ordentlich Unruhe stiftet. In all dem finden sich zwei Seelen wieder, denen zuvor auf die eine oder andere Art großes Unglück widerfahren ist: nämlich der Meister und Margarita.

„Bekleidet war er mit einem teuren grauen Anzug und dazu passenden ausländischen Schuhen. Die graue Baskenmütze hatte er flott aufs Ohr geschoben, und unterm Arm trug er einen Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pferdekopfes. Dem Aussehen nach war er etwas über vierzig. Der Mund war leicht schief. Das Gesicht glattrasiert. Brünett. Das rechte Auge war schwarz, das linke aber grün. Die Brauen waren schwarz, doch saß die eine etwas höher als die andere. Kurzum – ein Ausländer.“ S. 15

„‚Kater dürfen nicht mitfahren! Sie haben keinen Zutritt! Husch! Steig ab, sonst ruf ich die Miliz!‘ Weder die Schaffnerin noch die Fahrgäste waren vom Wesentlichen befremdet: Daß ein Kater die Straßenbahn bestieg, war ja halb so schlimm, aber daß er selbst bezahlen wollte!“ S. 66

Obwohl sie den Titel vorgeben, tritt der Meister erst nach einem Drittel des Buches auf und die Geschichte der Beiden wird vor den Augen des Lesers erst im zweiten Teil des Buches ausgebreitet. Der erste Teil dominiert durch den gesammelten Schabernack, den Voland und seine Gehilfen treiben. Darunter u.a. der als riesengroßer Kater auftretende Behemoth, der schnell einer meiner Lieblingscharaktere wurde. Allerdings von der Sorte, denen man niemals begegnen möchte. In der Regel hinterlassen Voland, Behemoth und die anderen eher verbrannte Erde als fröhliche Gesichter. Man fühlt sich richtig schlecht dabei wie witzig man es findet, was die Gruppe mit ihrer Umwelt anstellt. Das changiert von kleinen, bösen Scherzen und zum Narren halten bis hin zu Bloßstellungen und dem Schüren nackter Angst. Wenn der zweite Teil beginnt, lernen wir den Meister und Margarita erst richtig kennen und erleben einen Aha-Effekt. Das Buch ist bereits zu Beginn (d.h. vor dem Auftreten des Meisters) durchzogen von Erzählungen über Pontius Pilatus und Jeschua han-Nazri (Jesus von Nazareth), die Voland beginnt zu erzählen, als Berlioz und Besdomny mit ihm darüber diskutieren, dass es Jesus nie gegeben hat. Die Geschichte setzt sich fort und später wird klar, dass es sich dabei um den Roman handelt, den Der Meister versucht hat zu schreiben, der der Zensur zum Opfer fiel, für den er keinen Verleger fand und ausgelacht wurde. Kein Platz für Religion im stalinistischen Russland und kein Platz für die Träume eines Schriftstellers. So nahm das Unglück des Meister seinen Lauf und gleich den seiner Margarita mit. Nach und nach entwickelt Der Meister und Margarita dann einen gefährlichen und düsteren Unterton als sich Margarita mit Voland verbündet und einen Deal eingeht, damit sie das Schicksal ihres Meisters zum Besseren wenden kann. Doch letzten Endes ist es ein bisschen so wie das Buch beginnt – mit dem berühmten Zitat aus Goethes Faust „Nun, wer bist du denn? – Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gut schafft.“ Je nachdem was gut für Menschen bedeutet, die scheinbar alles verloren haben oder in ihrer Gesellschaft vielleicht nie glücklich werden können.

„Es gibt keine größere Sünde als die Feigheit“

„‚Ach ja‘, entgegnete Voland, ‚ich hatte das Vergnügen den jungen Mann an den Patriarchenteichen kennenzulernen. Er hat mich fast verrückt gemacht, denn er wollte mir andauernd beweisen, daß ich nicht existiere. Glauben Sie denn, daß ich es wirklich bin?'“ S. 358

Bulgakows Der Meister und Margarita ist ein unschwer zu erkennen satirisches Werk, das die Grenzen der Verträglichkeit der damaligen Gesellschaft und Politik ausgereizt hat. Bulgakow hatte bereits zuvor unter der Zensur in der Stalinschen Ära gelitten und nagte am Hungertuch. Der Meister und Margarita entstand noch an seinem Krankenbett, indem er es seiner Frau diktierte. Man erkennt darin unschwer die Mühen die Der Meister auszustehen hat und die ihn letzten Endes an den Rand des Wahnsinns treiben. So ist es wahrscheinlich kein Wunder, dass Voland es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kulturschaffende zum Narren zu halten, obwohl er zu dem Zeitpunkt dem Meister oder Margarita noch nicht (physisch) begegnet ist. Zensur, Überwachung (ständig will einer die Miliz rufen …) und Feindlichkeit gegenüber dem Westen stehen an der Tagesordnung und die Ressourcen sind mehr als knapp. V.A. auf dem Wohnungsmarkt, der sogar ein sehr zentrales Thema des Buches wird. Kaum wird eine Wohnung frei, in diesem Fall die Wohnung Nr. 50 in der Sadowaja 302b, so stehen die entfernten Bekannten und Verwandten Schlange. Die Rechnung haben sie aber ohne Voland gemacht, der den einen oder anderen ordentlich auf die Schippe nimmt und einem Hausbesetzer gleicht. Kein Wunder, dass Bulgakows Buch nur stark zensiert veröffentlicht wurde und ansonsten zuerst nur als Samisdat (Begriff für russische im Eigenverlag oder durch Abschrift unter der Hand veröffentlichte Literatur o.Ä.) verfügbar war.

„Kein Dokument, kein Mensch.“ S. 362

Das Zitat

„[…], daß kann nicht sein, denn Manuskripte brennen nicht.“ S. 359

unterstreicht, dass der Gedanke des Schriftstellers und mutigen Kritikers ewig ist und zieht den Bogen zu einem weiteren Leitmotiv des Buches, nämlich Sünde, Sühne, Seelenfriede. Die Geschichte Pontius‘ Pilatus, der doch Jeschuah retten wollte und letzten Endes zu feige war, ist eine die ich nicht erwartet hatte in dem Buch zu finden und die besonders gegen Ende berührt, als sich Pilatus‘ Bedauern und Gram als ewig herausstellt und die Feigheit zu Recht als die größte Sünde. Und das Buch als genial. Anfangs wusste man noch nicht, wohin die parallele Erzählung über Pontius Pilatus verlaufen soll. Gegen Ende greift alles perfekt ineinander. Umso tapferer und bewundernswerter ist Margarita, die zum Einen verheiratet ist und ihr gutes und sorgloses Leben aufgibt um beim Meister zu sein, wohlwissend, dass dieser quasi am Ende ist und noch mehr: bereit ist sich mit dem Teufel auf einen Deal einzulassen, um das Seelenheil des Meisters zu bewahren.

„Mir nach Leser! Wer hat dir gesagt, es gäbe auf Erden keine wahre, treue ewige Liebe? Man schneide dem Lügner seine gemeine Zunge ab!“ S. 273

Fazit, und: was ich gelernt habe

Das Buch ist inhaltlich ein wilder Ritt. Es ist witzig, es ist tragisch, es ist satirisch, es ist entlarvend, es macht klüger und es fordert. Es ist unheimlich bildgewaltig. Ich sehe jetzt noch Behemoth vor meinem inneren Auge an die Decke springen und x Personen von der Miliz zum Narren halten oder mit Gaskochern rumschleppen oder Margarita als Hexe verwandelt durch den Nachthimmel jagen. Aber einfach zu lesen ist es nicht. Bulgakows Satire mag einerseits die Stimmung auflockern und hält den Menschen treffend den Spiegel vor, ja er spricht sogar den Leser direkt an! Aber so manches Kapitel über Pontius Pilatus scheint immer länger und länger zu werden. Die ganzen Namen der braven Russen, die Voland um die Wohnung Nr. 50 betrügt oder der Kulturschaffenden, die er in die Pfanne haut, wollen sich nicht so richtig einbrennen, obwohl ihre Schicksale in vielerlei Hinsicht fantastisch sind. War das jetzt der, der plötzlich nach Leningrad gefahren ist? Oder der, der zum Vampir gemacht wurde? Und es hat so seine Längen bis all die einzelnen Handlungsfäden zusammenführen. Und als sie es tun, hat es einen bitteren Beigeschmack. Aber vor Allem hat es einen: es erinnert uns, dass es zwischen Gut und Böse viele Schattierungen gibt. Und dass Mut uns im Zweifelsfall weiterbringt.

„Du hast deine Worte so gesprochen, als erkennest du weder die Schatten an noch das Böse. Willst du nicht so gut sein, einmal darüber nachzudenken, was dein Gutes täte, wenn das Böse nicht wäre, und wie die Erde aussähe, wenn die Schatten von ihr verschwänden? Kommen doch die Schatten von den Dingen und den Menschen. […] Du willst doch nicht etwa den Erdball kahlscheren, alle Bäume und alles Lebende von ihm entfernen und deine Phantasie an kahlem Licht ergötzen?“ Voland zu Levi Matthäus, S. 448

Was ebenso verblüffend ist, sind die Analogien zu Bulgakow, der an dem Buch nicht nur bis zum Ende seines Lebens geschrieben hat, sondern sein Leben quasi in das Buch geschrieben hat. Sei es seine Gesellschaftskritik und Satire oder sogar er selbst. Wer erkennt nicht ein bisschen Bulgakows Biografie im Meister oder wird stutzig, wenn man liest, dass Bulgakow selbst in der Wohnung Nr. 50 in der Sadowaja gelebt hat? Das macht das Buch aber nur noch reicher.

„Es tut wohl, daß sie einen Kater so höflich behandeln. Kater werden aus irgendwelchen Gründen gewöhnlich mit du angeredet, obwohl noch niemals ein Kater mit irgendwem Brüderschaft getrunken hat.“ Behemoth, nachdem er gesiezt wurde. S. 362

„Alles wird richtig werden, darauf beruht die Welt.“ S. 473

Bisherige Artikel der Beitragsreihe

I: Ankündigung
II: Sachbuch-Besprechung zu „Russische Geschichte“ von Andreas Kappeler
III: Hörbuch-Besprechungen zu Sergei Lukjanenkos Wächter-Reihe Band 1 „Wächter der Nacht“
IV: Fjodor Dostojewskij „Der Spieler“
V: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

Header image photo credit: Vyacheslav Argenberg

Wofür ich jetzt quasi keinen Platz mehr hatte, sind die Erkenntnisse, die ich gewonnen habe. Tatsächlich lerne ich viel durch den Russischen Herbst. Manches wusste ich schon zuvor durch den Russischkurs oder Unterhaltungen mit russischen und ukrainischen Freunden. So beispielsweise, dass Häuser damals in Moskau keinen Elektroanschluss hatten oder die Leute kein Geld für Herde oder größere Brennmittel, weswegen in vielen Wohnungen ein kleiner, portabler Gaskocher zum Zubereiten von Speisen benutzt wurde. Zudem haben Wohnungen in Russland oftmals eine Nummer zusätzlich zur Hausnummer, was hier eben die markante Wohnung Nr. 50 ist. Aber auch die Plätze Moskaus, die im Buch erwähnt werden, haben sich in meinem Kopf festgesetzt und ich habe sie mehrmals während des Lesens im www nachgeschlagen um sie vor meinem inneren Auge zu sehen. So der Arbat, die Sadowaja und die Patriarchenteiche. Aber auch kulturelle Referenzen wie das Wunderpferdchen Gorbunok habe ich inhaliert und festgehalten. Leider habe ich noch keine deutsche Version des Märchens von Pjotr Pawlowitsch Jerschow aufgetrieben, aber ich habe es auf dem Merkzettel. Am meisten wird mir aber die Liebe zwischen dem Meister und Margarita im Gedächtnis bleiben und Pontius Pilatus, der im Mondschein auf Jeschuah wartet, damit er mit ihm noch einmal spazieren geht. Ein faszinierendes Buch, aber wie oben erwähnt, eins das nicht ganz einfach zu lesen ist und mir deswegen erstmal eine Pause abgefordert hat. Habt ihr „Der Meister und Margarita“ schon gelesen? Wie hat es euch gefallen? Musstet ihr auch etwas mit euch kämpfen oder hattet ein schlechtes Gewissen den Schabernack Volands witzig zu finden? 😉