Russischer Herbst: Leo Tolstoi „Anna Karenina“ #LeoUndAnna – Fazit

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Unglaublich, aber wahr. „Anna Karenina“ sollte das letzte Buch sein, dass ich für den Russischen Herbst lese. Und dieser Beitrag hier gleichzeitig die Buchbesprechung, das Fazit des wie immer wunderbaren gemeinsamen Lesens mit Anette, Jana und Michael und der vorletzte Beitrag zur Reihe „Russischer Herbst“. Fast hätte der sich gejährt, aber im Sommer soll er nun enden. Und zwar morgen mit einem kurzen Fazit. Natürlich hätte ich heute schließen können, aber sowohl Tolstois fantastisches Buch als auch die lange Reise des Russischen Herbstes hat jeweils seinen eigenen Rückblick verdient. Spoiler sind hier übrigens nicht zu erwarten.

Ein Spiegel der Gesellschaft

Anders als der Titel des Romans vermuten lässt, geht es längst nicht nur um Anna Karenina in Tolstois Klassiker der Weltliteratur. Tatsächlich taucht Anna Karenina sogar eher etwas spät im Buch auf. Sie ist die Frau des hochrangigen Beamten Karenin, lebt aber mit ihm und ihrem gemeinsamen Sohn in einer lieblosen Ehe. Wie unglücklich sie mit ihrem Leben an der Seite Karenins ist, bemerkt sie erst als sie sich in den jungen Grafen Wrosnki(j) verliebt. Die Anziehung beruht auf Gegenseitigkeit und beide beginnen eine Affäre, die Anna in den Augen der Gesellschaft zu einer „gefallenen Frau“ macht. Die Gesellschaft kann unermüdlich und ungnädig sein und verstößt sie förmlich. An ihrem Beispiel wird demonstriert wie unterschiedlich die Menschen innerhalb eines Weltbildes betrachtet werden, das sich von unserem in nur etwas über hundert Jahren unterscheidet. Denn während Anna eine Aussätzige ist, kommt sowohl ihr ehebrechender Bruder als auch Wrosnkij verhältnismäßig gut weg. Für Männer scheint es nicht amoralisch zu sein den Ehepartner zu betrügen.

Neben Annas tragischer Geschichte, erfahren wir auch von Kitty und Lewin, die auf eine andere Art demonstrieren wie zwei Liebende zueinander finden (oder nicht). Kitty ist eine junge Adlige und Lewin ein wohlhabender Gutsbesitzer. Beiden finden Gefallen aneinander, wobei Kitty sich anfangs Hoffnungen auf besagten Wronski macht. Der Tanz der beiden umeinander liest sich herrlich, manchmal tragisch und steht im krassen und geschickt geschriebenen Gegensatz zu Anna. Ihre Beziehung ist unschuldiger und skandalfreier. Das „Kriegen sie sich? Oder kriegen sie sich nicht?“ ist gegenläufig zu Annas Geschichte. Immer, wenn es bei ihr bergab zu gehen scheint, lockert Tolstoi mit „Kitwin“ die Handlung auf. An Lewin demonstriert er auch das zweite große Thema des Romans. Den Unterschied zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Ich möchte gar von Zweiklassengesellschaft sprechen. Sowohl am Bild der Frau als auch dieses Gegensatzes entlarvt Tolstoi die Fadenscheinigkeit dessen, was die Gesellschaft akzeptiert und was sie ablehnt. Es ist eine Doppelmoral. Einerseits will man aufgeklärt sein, andererseits gesteht man Bauern keine Bildung zu. Anna Karenina ist der gesellschaftliche Rundumschlag.

Wer hat das Rennen für sich entschieden? „Team Kitwin“ oder „Team Anski“?

Schon in meinem Zwischenfazit habe ich darüber etwas philosophiert. Tatsächlich hat bei mir weder das eine noch das andere gewonnen. Beide „Teams“ zeigen zwei Seiten einer Medaille. Sie sind perfekte Gegensätze zueinander. Während Annas Geschichte die der als gefallene und amoralische Frau abgestempelte ist und Wrosnki die des Mannes, der mit allem davonkommt; ist Kitty und Lewins eine geläuterte, unschuldigere Liebesgeschichte. Während Annas Geschichte anfangs etwas mehr Spaß macht, macht über weite Teile des Buches die Geschichte von Kitty und Lewin mehr „Spaß“. Aber ich könnte nicht sagen zu welchem Team ich gehöre. Aufgrund der Männer tatsächlich zu keiner. Sowohl Wronski(j) als auch L(j)ewin leiden an einem #Mansplaining Syndrom und halten sich salopp gesagt für die allergrößten und stets überlegenen. Mutig von Tolstoi den Patriarchalismus der Gesellschaft, in der er selber als Mann lebte, bei den Eiern zu packen. Vielleicht bin ich stattdessen jetzt einfach Tolstoi-Fan und überlege schon mal was von ihm ich als nächstes lese. Hätte ich jemals gedacht, dass sich ein Tolstoi so gut liest für ein „modernes“, „jetziges“ Publikum? Tatsächlich nicht. Die Übersetzung meiner Ausgabe stammt übrigens von Hermann Asemissen.

Ein dunkler Schleier

Es gibt so viele Aspekte des Buches, das kaum ein Artikel reicht um alle zu adressieren. Etwas, das aber für mich noch lange nachhallen wird ist mal abgesehen von der krassen Bereitschaft meiner Mitmenschen mich zu spoilern (ein Lob an meine Mitlesenden, die da sehr aufgepasst haben) das Alpha und das Omega. Der Anfang und das Ende. Anna wird von der Gesellschaft so zu Grunde gerichtet, dass sie gegen Ende des Buches eine vollkommen andere Person zu sein scheint. Es ist als ob sich ein dunkler Schleier über sie gelegt hat. Ich bin zutiefst erschüttert und wenn ich daran denke, wird mir noch heute kalt und ich bekomme Gänsehaut, obwohl es nun an die vier Wochen her sein muss, dass ich das Ende gelesen habe. der Vergleich ist umso krasser, wenn man sich an den Beginn des Romans erinnert, wo Anna eine lebenslustige, anmutige Person ist, die von allen bewundert wird.

Fazit

Das ist mal ein rundes Paket, würde ich sagen. Tolstoi hat uns alles gegeben, was wir von einem Roman erwarten. Spannungspunkte, Überraschungen, Liebe, moralische Dilemmata, die wir ausgiebig diskutieren können. Die Sprache ist (zumindest in der mir vorliegenden Übersetzung einfach zu verstehen und wir haben einen Einblick in die russische Mentaltität und Kultur bekommen. Außerdem in die Sichtweisen der damaligen Zeit. Denn warum ist Geschichte so wichtig für unser Leben im Jetzt? Um daraus zu lernen. Zu hoffen, dass wir nicht so leichtfertig diskriminieren, Menschen in die Ecke drängen und Unterschiede zwischen eigentlich Gleichen machen. Was aber ist mit dem Zitat, mit dem Anna Karenina beginnt? Dort heißt es noch vor dem legendären Buchanfang „Die Rache ist mein / ich will vergelten“. Wer vergeltet hier? Es ist mitnichten ein Buch, das allein von Rache handelt. Vielleicht bezieht sich das Zitat auf Annas Empfinden es ihrem Umfeld und allen voran Wronski angesichts seiner schwindenden Liebe heimzuzahlen und einen Denkzettel zu verpassen? Der Gedanke begleitet sie gegen Ende des Buches und gehört zu dem dunklen Schleier, von dem ich sprach. Eine üble Vorausdeutung und das letztendliche Drama, das zeigt, zu was Menschen Menschen treiben können. „Lasst uns besser sein!“ – die ultimative Botschaft Tolstois?

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.“ p.5

In jedem Fall war es eine sehr angenehme Überraschung, dass sich der große Klassiker der Weltliteratur so angenehm liest. Der Umfang und das viele Abschweifen Tolstois sind wohl Geschmackssache und etwas, wobei sich Leser eher fragen müssen, ob das „ihr Ding“ ist. Denn neben all dem geschilderten lesen wir auch seitenweise von Lewins und Stepans Jagdausflügen und diversen Kur-Besuchen. Waren auch nicht meine Lieblingsabschnitte, aber es hat sich einfacher gelesen als in anderen Klassikern. Außerdem hat mir das gemeinsame Lesen dieses Mal wieder sehr viel Spaß gemacht. Es tat auch keinen Abbruch, dass wir dieses Mal sehr asynchron gelesen haben, denn Twitter ist geduldig 😉 Unter dem Hashtag #LeoUndAnna haben wir unsere Gedanken geteilt und ihr könnt dort gerne reinschauen, welche Eindrücke wir festgehalten haben. Daher gilt auch hier nochmal Anette, Jana und Michael mein Dank für ein wieder mal sehr schönes gemeinsames Leseerlerbnis und auch Kathrin, die das Buch schon kannte, aber gerade deswegen auch unsere Eindrücke mitverfolgt und kommentiert hat. Gerne wieder 😉

Zu den bisherigen Artikeln der Leserunde

01.05. Ankündigung hier im Blog
18.05. Zwischenfazit von mir
07.06. Fazit von Anette

Bisherige Artikel der Beitragsreihe

I: Ankündigung
II: Sachbuch-Besprechung zu „Russische Geschichte“ von Andreas Kappeler
III: Hörbuch-Besprechungen zu Sergei Lukjanenkos Wächter-Reihe Band 1 „Wächter der Nacht“
IV: Fjodor Dostojewskij „Der Spieler“
V: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“
VI: Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“
VII: Serhij Zhadan „Internat“
VIII: Serien-Besprechung „The Romanoffs“
IX: Film-Besprechung „Stalker“ (Andrei Tarkowski)
X: Vladimir Sorokin „Der Schneesturm“
XI: Fjodor Dostojewskij „Verbrechen und Strafe“
XII: Film-Besprechung „Panzerkreuzer Potemkin“
XIII: Jewgeni Iwanowitsch Samjatin „Wir“
XIV: 5 Erkenntnisse über das Erlernen der russischen Sprache und Lerntipps
XV: Film-Besprechung „Leviathan“

Header image photo credit: Sergei Maslennikov

Habt ihr euch schon mal an das Buch gewagt? Oder jetzt vielleicht Lust bekommen? 😉 Könnt ihr andere Werke Tolstois empfehlen? Vielleicht sogar etwas ganz anderes als die oft zitierten „Anna Karenina“ oder „Krieg und Frieden“? Welche Klassiker hat euch zuletzt positiv überrascht und las sich viel angenehmer als ihr erwartet habt?