Ukrainischer Herbst: Hörbuch-Besprechung zu Natascha Wodins „Sie kam aus Mariupol“

Posted by in Gedanken, Literatur

Als ich mir meine Literaturliste für das Projekt Russischer Herbst aussuchte, war klar, dass ich über den Tellerrand schauen wollte. Es gab vieles, dass ich über Russland nicht wusste. Aber eines wusste ich: dass die russische Geschichte die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und seiner Nachbarländer mit einschließt. Die Ukraine und das was dort nach so vielen Jahren immer noch an Unruhen herrscht, würde ich nicht vergessen. Und so wollte ich unbedingt noch zwei große Kriterien auf meiner Literaturliste erfüllt sehen: 1. eine weibliche Autorin zwischen all den Bulgakows, (L.) Tolstois und Dostojewskijs; 2. ukrainische Autoren und 3. ein Buch, das in der Ukraine spielt bzw. von der Ukraine handelt. Gleich mehrere Punkte davon fand ich vereint in Natascha Wodin, die sich in „Sie kam aus Mariupol“ auf Spurensuche nach ihrer Mutter begibt.

„Meine arme Mutter“

Natascha Wodin wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Eltern waren ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine, sogenannte Ost-Arbeiter, die ins Dritte Reich deportiert wurden, um dort harte körperliche Arbeit unter menschenunwürdigen Verhältnissen verrichten mussten und nach der Befreiung nur geduldet und als sogenannte Displaced Persons von Gemeinde zu Gemeinde geschickt wurden, zwischenzeitlich auch mal im Valka-Lager lebten. Ihre Lebensumstände sollten sich zwar im Laufe der Zeit marginal bessern, aber Gesundheit und Seele waren schwer gezeichnet von dem Leben, dass sie gezwungen waren zu führen. Im Nachkriegsdeutschland hatten es die ehemaligen Ost-Arbeiter schwer, wurden ausgegrenzt und zogen Hass und Ressentiments der Kriegsverlierer auf sich. Und das transportieren die Kinder ihrer Eltern bis in die Schule und bis zu Natascha. Als Kind muss es besonders schwer zu verkraften sein, da man nicht weiß wo all dieser Hass und diese Vorurteile herkommen. Aber auch das Leben zuhause mit einer psychisch und physisch gezeichneten Mutter und einem teils gewalttätigen, später sogar abwesenden Vater, brachte wenig Liebe und Frieden. Wie kann man so überhaupt einen Eindruck davon gewinnen wie das Leben sein kann? Wodin berichtet schon früh in der Erzählung davon, dass sie sich nirgends zugehörig fühlte und auch davon, dass ihre Mutter sich das Leben nahm, als sie und ihre Schwester noch Kinder waren. Im Grunde wusste sie wenig über ihre Mutter oder ihre Herkunft. Vielleicht war es zu schmerzlich viel aus der Heimat zu erzählen? Später wird sich Wodin fragen, ob ihre Mutter vielleicht über ihre eigene Herkunft überhaupt nichts wusste. Natascha Wodin hat seit jeher nachgeforscht, aber dann als 67-Jährige stößt sie auf eine Webseite, bekommt unerwartet Hilfe bei der Recherche und erfährt die ganze Geschichte über ihre Mutter und somit auch ihre eigene Herkunft. Es beginnt mit einem harmlosen Eintrag in einer Datenbank: „Iwaschtschenko, Jewgenia Jakowlewna, Geburtsjahr 1920, Geburtsort Mariupol“.

„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe“

Es ist die Kontaktperson eines genealogischen Forums, die Wodin unterstützt. Gemeinsam graben sie alte Fotos aus, holen Auskünfte bei Ämtern ein und bezahlen gar für die eine oder andere einscannte Akte, die möglicherweise unter der Hand aus ukrainischen oder russischen Aktenordner bei ihr als Kopie landete. Wodin findet mehr als sie sich erträumen konnte. Die Spuren reichen bis nach Moskau, bis nach Sibirien und bis nach Deutschland. Es gelingt ihnen die Geschichte ihrer Mutter zu rekonstruieren bis zu Wurzeln, die nach Deutschland und Italien führen, zu Bildern von aristokratisch aussehenden Mädchen mit riesengroßen Schleifen im Haar, Opernsängern und Revolutionären. Und einem adligen Stammbaum. Spätestens jetzt ahnt man, dass sie Familie nach der Oktoberrevolution von den Bolschewisten verfolgt werden würde, man ihnen alles nahm und sie mitsamt der ukrainischen (und russischen) Bevölkerung hungern und an einem Tiefpunkt ankommen würden, wo man sogar munkelt, dass Mütter ihre eigenen Neugeborenen kochen oder Ratten und Hunde essen bis es nichts Lebendes mehr in ganzen Landstrichen gibt. Und in dieses dunkle Zeitalter der Geschichte der Sowjetunion, v.A. unter Stalins Schreckensherrschaft wird Wodins Mutter Jewgenia hineingeboren und ihre Familie nach und nach in alle Himmelsrichtungen zerstreut. In Verbannung, in Zwangsarbeitslager oder in den Verhältnissen zurückgelassen, in denen sie lernten zu überleben.

Die Nachforschung geht soweit, dass Wodin erfährt, dass ihre Tante Lidia noch bis vor einigen Jahren gelebt hat. Lange Zeit musste sie als Kind, als Frau und während ihrer Recherche davon ausgehen, dass ihre Tante im Zwangslager schon als junge Frau gestorben sei. Und sich fragen wie Lidia dort überhaupt gelandet war. Was hatte sie verbrochen? Mit der Erkenntnis kommt die nächste: sie hätte Lidia noch treffen können, wenn sie früher gewusst hätte, wohin es die Tante verschlagen hat. Wodin wird das Tagebuch ihrer Tante Lidia zugespielt, der Kreis historischer Details und der Herkunft ihrer Familie und Lücken der Geschichte schließt sich. Natascha Wodin findet aber noch mehr. Sie findet Cousins, Cousinen, ihre Herkunft und sie bekommt einen Eindruck, was es ist, das ihre Mutter physisch und psychisch zugrunde gerichtet hat. Die Antwort auf eine Frage des Lebens, die in dunkelsten Zeitalter zwangsläufig zutage gefördert wird: Wieviel kann ein Mensch verkraften?

Fazit: ein dunkles Zeitalter der Menschheit

Ich hörte Natascha Wodins als von Dagmar Manzel gelesenes Hörbuch aus dem Argon Verlag. Wodins Buch wurde von Manzel schnörkellos, ich möchte fast sagen nüchtern vorgelesen. Für meinen Geschmack zu nüchtern, aber vielleicht muss man einen Stoff wie diesen so emotional unaufgeladen präsentieren, ansonsten wäre es womöglich eine Tour de Force oder das andere Extrem: womöglich unglaubhaft. Es wird Stellen geben, an denen Wodin selber nicht weiß, ob all die Erkenntnisse Glück oder Unglück über sie brachten und sie all diese Fakten herausfinden oder diese Menschen kennenlernen wollte. Zwischenzeitlich denkt man, das Buch wird zu einem Krimi. Es gibt kaum Worte mit denen ich beschreiben kann wie mich das in dem Buch geschilderte menschlich erschüttert hat. Die Zustände, in die politische Revolutionen und Umwälzungen ein Land versetzen und wie Menschen miteinander umgehen, wie sie sich als ungleich, besser oder schlechter definieren – mit welchem halbseidenen Recht Menschen Gewalt angetan wird. Und in welchem menschlichen Elend dieses mündet. Aber das ist nicht alles, was das Buch ist. Es ist auch eine spannende Spurensuche, es basiert auf wahren Begebenheiten, es hat mir den stalinistischen Terror greifbar gemacht und die Verzweiflung der ehemaligen Ost-Arbeiter. Über Konzentrationslager hat man in der Schule gehört, ohne Ende. Aber nicht über Zwangsarbeitslager. Der Fakt, dass es Menschen gibt, die in all diesen Umständen geboren und gestorben sind und nie ein anderes Leben kennengelernt haben, rührt mich, zermürbt mich und macht mich unruhig und wütend auf das Menschenwerk. Aber ich hab auch gelernt, dass die Ukraine die Kornkammer des Ostens war. Dass die Flagge ihre Farben dem kornblumenblauen Himmel und dem Gelb des Weizens verdankt. Dass Mariupol vierzig Jahre lang Ždanov hieß und was für ein Leben und mit welchen Ritualen die Familien lebten. Bereits in der Auseinandersetzung mit dem Sachbuch Russische Geschichte lernte ich, dass die Geschichte Russlands und der Ukraine seit Urzeiten an eng miteinander verwoben ist und ich habe viel gelernt und einen Eindruck von diesem Geflecht gewonnen. Die Geschehnisse konnte ich dank der vorherigen Recherche über Russische Geschichte, die mir in meiner Schulbildung fehlte, einordnen können. Ich habe dem Buch etwas zu verdanken. Vielleicht darf ich mir keine Meinung erlauben, aber ich verstehe jetzt mehr.

Bisherige Artikel der Beitragsreihe

I: Ankündigung
II: Sachbuch-Besprechung zu „Russische Geschichte“ von Andreas Kappeler
III: Hörbuch-Besprechungen zu Sergei Lukjanenkos Wächter-Reihe Band 1 „Wächter der Nacht“
IV: Fjodor Dostojewskij „Der Spieler“

Header image photo credit: John-Mark Smith

Fünf Beiträge zählt nun schon meine Auseinandersetzung mit russischer Geschichte, Literatur, Gesellschaft und Lebensgefühl und ich könnte mir kaum ein besseres, wenn auch stellenweise erschütterndes, Ergebnis vorstellen. Besser noch als im Feministischen Frühling greifen die Details ineinander. Aber es ist keine Geschichte voller Spaß und Glückseligkeit und eine Auseinandersetzung mit durchaus dunklen Kapiteln der Geschichte. Bisher ist die Mischung aber nicht zu verachten. Kennt ihr Wodins Buch? Es hat 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen und ich bereue etwas, dass ich mich nicht schon damals mit Russland und der Ukraine stärker auseinandergesetzt habe.