Fantastischer Film: Angst essen Seele auf

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Es beginnt für Alis (El Hedi ben Salem) Freunde in der Kneipe als Scherz als Ali die ältere Dame zum Tanz auffordert. Emmi Kurowski (Brigitte Mira) ist sich dessen vielleicht schon bewusst. Sie flüchtete eigentlich nur vor dem Regen in die Bar. Sie ist alleine. Ihr erster Mann ist bereits verstorben, sie arbeitet als Reinigungskraft, die Kinder sind alle erwachsen und scheren sich wenig um sie. Emmi erwartet nicht mehr viel vom Leben. Als Ali sie dann nach Hause begleitet und sie sich öfter sehen, scheint da doch mehr zu sein. Emmi kommt wieder in die Bar. Der Marokkaner Ali kommt wieder zu Emmi. Es dauert nicht lange bis ihre Umwelt auf sie reagiert. Bis Alis und Emmis Freunde und Bekannte sie seltsam anschauen und ausgrenzen. Entgegen aller Widrigkeiten heiraten Emmi und Ali.

Angst essen Seele auf ist ein inzwischen viel zitierter Satz Alis, der aufgrund seines gebrochenen Deutsch grammatikalisch zwar nicht korrekt sein mag, aber durch seine Aussage umso stärker wirkt. Er drückt die ganze Verzweiflung und Verletzlichkeit aus, die Ali zu verstecken sucht. Inzwischen ist es schwer einen Trailer zu Rainer Werner Fassbinders 1974 erschienen Film zu finden, der wiedergibt wie sich Angst essen Seele auf anfühlt. Oder überhaupt in einigermaßen guter Auflösung daherkommt. Das Drama ist in vermeintlich einfacher Manier gedreht und stark dialoglastig bis gar etwas hölzern inszeniert. Was optik-versessene Cineasten abschrecken mag, lässt aber viel Platz für die Handlung – und ist mit großer Wahrscheinlichkeit genauso gewollt. Anti-style-over-substance. Und die hat es in sich. Sie adressiert die latente Fremdenfeindlichkeit der Gesellschaft und Bigotterie mit der Menschen in zweierlei Maß messen. Emmis Kinder beispielsweise interessieren sich kaum für ihre Mutter, als aber in deren Leben ein Marokkaner tritt, fürchten sie um ihr Erbe und sind plötzlich mehr als aufmerksam.


„Ali Fear Eats the Soul Angst essen Seele auf“, via EJ2012at (Youtube)

Ähnlich ist es mit Emmis Arbeitskollegen. Besonders schön ist die Scheinheiligkeit anzuschauen als sie sich immer auf den gerade aktuellsten Stein des An/Abstoßes stürzt. Sagen wir mal so (und das ist nicht mal ein wirklicher Spoiler): Emmis Ehe mit dem Marokkaner Ali bleibt nicht das Zentrum des Interesses. Aber ist es lange genug. Einige mögen sich an den Gedanken gewöhnen, andere nicht. Nebenbei hat Fassbinder keine Angst all die anderen potentiellen Konflikte anzusprechen. Beispielsweise die Frage, ob der Altersunterschied zwischen Emmi und Ali nicht doch ein Problem ist und ob Emmi die Ausgrenzung gar nichts ausmacht. Gerade letzteres führt zu einer der wohl rührendsten und schmerzlichsten Szenen des deutschen Films. Man hofft, dass die in Angst essen Seele auf aufgegriffenen Themen von Ausgrenzung und Bigotterie irgendwann überflüssig werden. Ein Relikt, über dass man nicht mehr sprechen muss. Und Angst essen Seele auf ein Film, der unseren Kindeskindern mal zeigt wie „schlimm das früher mal so war“ und wie „manche Leute früher so gedacht haben“. Alle seufzen und finden das schlimm. Kindeskinder sagen „das hätte ich aber nicht gedacht, Oma!“ Die Befürchtung liegt aber nahe, dass sich nur die Gestalt der Ausgrenzung wandelt und das Thema zeitlos bleibt!? Und damit auch Fassbinders Film.

Angst essen Seele auf, BRD, 1974, Rainer Werner Fassbinder, 89 min

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆