Serien-Besprechung: „Babylon Berlin“ Staffel 3

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Auf „Babylon Berlin“ zu warten ist schmerzhaft. Vor Allem angesichts der Erstausstrahlung auf Sky. Vor Kurzem lief die dritte Staffel dann auch im Free TV und ist Stand heute auch noch in der Mediathek zu sehen. 😉 Und wie bei allen guten Serien lohnt sich das Warten. Besprechung ist weitestgehend spoilerfrei, enthält aber Hinweise über das Geschehen in der ersten und zweiten Staffel.

„Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd, bei manchen ist es umgekehrt.“

Nachdem in der zweiten Staffel ein großer Handlungspfad abgeschlossen wurde, finden sich alle Charaktere zumindest vordergründig in einer sortierteren Welt wieder. Zumindest bis man tiefer gräbt. (Char)Lotte Ritter (Liv Lisa Fries) arbeitet endlich offiziell als Kriminalassistentin bei der Polizei und bemüht sich um Beförderungen, die ihr wegen der Kleinkariertheit einzelner Kollegen versagt bleiben. Sie hat ihre Schwester Toni (Irene Böhm) bei sich aufgenommen, lebt finanzielle Unabhängigkeit, was aber keineswegs heißt, dass sie sorgenfrei ist. Die Familie (abgesehen von Toni) klopft an die Tür und sie versucht händeringend Greta (Leonie Benesch) Beistand zu leisten, die sich vor Gericht für ihre Taten verantworten muss. Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), Lotte und die Kollegen werden währenddessen zu einem Fall hinzugezogen, der sie an einen prominenten Schauplatz führt: Die Filmstudios Babelsberg (wenn auch unter anderem Namen, aber deutlich hieran angelehnt). Dort kam die Schauspielerin Betty Winter (Natalia Mateo) bei den Dreharbeiten an einem Revue-Film um. Was aber wie ein Unfall aussieht, war Mord. Und der Mörder wurde auch gesichtet – eine Augenzeugin sah ein Phantom vom Tatort flüchten. Gefundenes Fressen für Presse und Boulevard.

Es wäre aber nicht Babylon Berlin, wenn das schon alles wäre. Zeitgleich rumort es in der Berliner Unterwelt, da Walter Weintraub (Ronald Zehrfeld) aus dem Gefängnis freigelassen wurde – ein langjähriger Freund und Geschäftspartner des „Armerniers“ (Mišel Matičević). Mit dem Voranschreiten der Zeit kriecht die Welt in der Serie langsam den 30er Jahren entgegen und wandelt sich. Politisch brodelt es – die Nationalsozialisten tauchen auf, fliegen noch relativ unter dem Radar. Hier und da versuchen sie mal Jungspunde für die Hitlerjugend zu akquirieren und mischen sich natürlich fleißig in den Fall Greta Overbeck ein und kreuzen dabei die Wege Lottes und Gereons. Es ist also eben nur vordergründig „geordnet“ und kocht heftig unter der Oberfläche. Auch was das Auftauchen Annos (Jens Harzer) für Gereon und Helga (Hannah Herzsprung) bedeutet, wird schneller gelöst als ich erwartet hätte. Aber erwartungsgemäß schmerzhaft.


„Babylon Berlin – Staffel 3 – Official Trailer – Sky Show [HD]“, via Sky Show CH (Youtube)

„Aber nur kieken, nich anfassen!“

Wenn wir aber mit dem Finger auf dem Zeitstrahl entlang wandern und dabei nochmal unser Wissen aus dem Geschichtsunterricht bemühen, dann fällt uns auf, dass das langsame Aufkeimen von Nazi-Dreck nicht das einzige zeitgeistige Problem ist. Die ersten Minuten der Serie geben einen Vorgeschmack auf das, was kommt: den Börsencrash 1929. In einer alptraumhaften Szene wandelt Gereon durch die Börse. Da erschießen sich Banker, da ist wütender Mob – man könnte meinen, dass das ein surrealer Traum ist. Der Verdacht: das ist ein sehr realer Albtraum. Und in dessen Zentrum navigiert sich ganz allein ein Alfred Nyssen (Lars Eidinger), der seine Stunde gekommen sieht.

Neben der Vorbereitung dieser Katastrophe sind Lottes Bemühungen einerseits als Frau in der Männerdomäne Polizei weiterzukommen ein starkes Motiv, aber auch die Klassenunterschiede. Als etwas unvorhergesehenes passiert, wird Lotte vor Augen geführt, dass Aufstieg nicht von heute auf morgen geschieht. Die Klassenunterschiede sind nicht ausradiert und die Hürden nach wie vor da. Kannst dir was nicht leisten, greifst zu unpopulären Mitteln, und triffst es hinterher noch schlechter? Ich behaupte, dass gerade dieser Konflikt zu einer der haarsträubendsten Szenen der Staffel führt und wieder einmal zeigt wieviel Lotte stellvertretend für die „kleinen Menschen“ und um Gleichberechtigung ringende Frauen ertragen können oder müssen.

„Man muss eben erstmal tun, was man tun muss. Und danach kann man tun, was man tun will.“

Man kann kaum alle Implikationen und Charaktere aufzählen, die hier auftreten. Es ist fast leichter aufzuzählen, was anders ist als in den vorherigen Staffeln. Die flirrende Partyszene ist da, wird aber etwas mehr in ausgelassene Abende in der Kneipe verlegt oder ins Private. Christian Friedel als Polizei-Fotograf Reinhold Gräf bekommt mehrere prominente Auftritte und eine größere Rolle – ich würde gern auch künftig mehr von ihm sehen. Sowieso steht die Polizei im Fokus der Serie, zumal auch dieses Mal in ihren eigenen Reihen nicht alles läuft wie erhofft. Sie erwägen gar Beistand durch ein Medium um bei dem eingefahrenen Fall Betty Winters voranzukommen. An der Filmszene wird auch besonders deutlich wo die Reise von den goldenen Zwanzigern hingeht. Expressionismus, Fantasien vom mechanischen Menschen und technischen Fortschritt (mit einigen mehr als deutlichen Anspielungen auf Metropolis 🙂 ) und das Unterbewusste triggern die Menschen und beeinflussen auch den visuellen Stil der Staffel.

Bis hierhin kein Meckern? Genau – bis hierhin kein Meckern. Die Staffel ist rundum gelungen, spannend und ein Augenschmaus. Das einzige, was Rätsel aufgibt ist inwiefern Anno Gereon beeinflusst und was das noch für Folgen nach sich zieht. Es ist gemäß dem Motiv Unterbewusstsein schwer nachvollziehbar welche Handlungen Gereons selbst getroffene Entscheidungen sind. Hier gibt es aber erstens Entwicklung, die zum Serienfinale auch ausgesprochen rund ist und zweitens darf man erwarten, dass sich die Serie dem in kommenden Staffeln annimmt. Babylon Berlin ist spannend bis zur letzten Minute und gibt uns wie keine andere Serie das Gefühl Zeitgeist nachzuempfinden. Wie immer – ein großer Tipp! (10/10)

Sternchen-10

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Bevor ihr euch wundert: die Überschriften sind Zitate aus der Serie. Habt ihr die dritte Staffel auch gesehen und wie hat sie euch gefallen? Was waren die Schlüsselmomente, die euch am meisten überrascht oder schockiert haben? Welche Serien empfehlt ihr „Babylon Berlin“ Fans?