Serien-Besprechung: „Mad Men“ Season 7 (Serienfinale)

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„Mad Men“ und ich, die Reise war lang. Als Studentin lief irgendwo im TV „Mad Men“ und ich wagte einen Blick, mehr nicht. Die Serie wurde aber so oft lobend erwähnt, dass ich wusste ich werde ihr nochmal eine Chance geben. Es gibt quasi kein Video a la „10 Most Memorable TV Moments“ in dem „Mad Men“ nicht vorkommt. 2017 dann fing ich nochmal an „Mad Men“ zu schauen und war von der ersten Staffel anfangs nicht übermäßig begeistert. Für mich als Frau schien die Behandlung der Frauen sogar anfangs wie eine Qual. Zudem wirkte „Mad Men“ damals hermetisch und öde auf mich. Aber natürlich war klar, dass das was ich als Qual wahrnahm, Gegenstand der Serie ist und irgendwo hinführen musste. Es brauchte die ersten Dramen und den Moment, in dem ich realisierte, dass man hier etwas Interpretationsarbeit leisten und wirklich über das Gesehene nachdenken muss. Und obwohl es selbst dann noch Jahre dauerte bis ich die Serie zu Ende schaute, war ich am Haken. Jetzt hat die Reise ein Ende – und es war dramatisch und gut. Die Besprechung enthält Spoiler für vorhergehende Staffeln, am Ende gibt es ein spoilerfreies, kurzes Fazit zur Gesamtserie.

„Do the work, Don“

Die siebte und finale Staffel von Mad Men ist in zwei Teile gegliedert. Part 1: The Beginning setzt eine Weile nach dem Ende der sechsten Staffel ein. Don (Jon Hamm) ist aufgrund seines Fehltritts immer noch suspendiert, aber argumentiert sich mit der Hilfe von Roger (John Slattery) wieder in die Firma. Das Machtverhältnis ist gekippt. Er arbeitet jetzt für Peggy (Elisabeth Moss), was entsprechend schwierig für beide ist und der Beginn eines Machtkampfs in mehreren Schattierungen. Es ist ein bisschen wie das Wiedersehen alter Freunde, aber erst nachdem es Krieg gab. Megan (Jessica Paré) lebt wie vor einer Weile angedacht an der Westküste und beide versuchen auf ihre Weise die Ehe zu retten. Mit diesen Hauptmotiven beginnt die Staffel relativ gemächlich. Als aber mit dem Tod einer Figur, die die Serie lange begleitet hat, Part II: The End of an Era eingeläutet wird, geht es erst richtig los.


„Mad Men season 7 promo“, via steele8280 (Youtube)

„Theres more to life than work.“

Die Geheimratsecken werden höher, bei anderen die Haare länger, die Bäuche sind geringfügig dicker. In der zweiten Hälfte ist SC&P endgültig Geschichte. Zwar versuchten sie die Agentur zu modernisieren, indem sie beispielsweise einen IBM 360 installieren ließen (was quasi eine Umgestaltung einer ganzen Etage erforderte), aber das Abspringen großer Kunden und die Liaison mit der wesentlich größeren Agentur McCann Erickson fordert den wohl einzigen und unvermeidlichen Ausgang. Und der ist wenig glanzvoll, so wie es Enden im Business meist sind. McCann ist ein großes falsches Versprechen, was schnell klar macht, dass alle am Ziel bzw einer Sackgasse angekommen sind. Höher hinaus geht es nicht mehr, so das die möglichen Ausgänge begrenzt sind und sich die Einzelnen wieder fragen müssen: was will ich?

Zuerst dachte ich, dass es nach der repetitiven 6. Staffel nicht gut werden kann, aber tatsächlich nimmt sich die Staffel Zeit für alle Personen bis hin zur Sekretärin (zumindest den meisten) einen würdigen Abschluss zu finden. Und das nicht mal auf Krampf, sondern stufenweise. Mal mit mehr, mal mit weniger Screentime. Für viele läuft es auf die Frage nach Karriere oder privatem Glück hinaus. Manche brauchen erst den oben als Titel gewählten Satz von von Stan (Jay R. Ferguson): there’s more to life than work. Nur für Don dauert die Antwort auf die Frage wie es weiter geht etwas länger. Er lebte bisher nach dem Motto: immer nach vorn schauen. Das bedeutet aber häufig sich nicht der Vergangenheit zu stellen, nichts aufzuarbeiten, sondern wegzulaufen und zwangsläufig rückfällig zu werden. In den eindrucksvollen letzten Episoden der Staffel tut er genau das. Die Serienschöpfer haben minutiös konstruiert wo die Reise für die Einzelnen hingeht, Happy-Ends wechseln sich mit Nicht-so-happy-ends ab, während Don läuft. Oder in dem Fall fährt. Und fährt. Auf dem Weg wird alles, was er hat immer weniger bis nichts mehr da ist, womit er sich ablenken könnte. Wo und wie wird er ankommen? Im Vorfeld zum Finale dachten wohl viele Fans, dass Don zwangsläufig Selbstmord begehen würde, da sie im Opening der Serie ein Foreshadowing sahen. Soviel Spoiler erlaube ich mir – so einfach ist es nicht.

Hilltop

Die letzte Staffel von Mad Men hat großartige Serienmomente, die auch in die Seriengeschichte eingehen und beweisen wie gut die Serie ist. Man nehme nur den Moment, wenn Peggy McCann wie ein Rockstar betritt und vergleiche das zur Einführung Peggys in die Agentur in der ersten Staffel. Damals noch als Dons Sekretärin, verschüchtert, von den Männern nur nach Äußerlichkeiten bewertet wird und verlacht bei ihnen durchfällt. War es noch in der ersten Staffel Don, der als Peggys Verbündeter auftritt, wird es hier Don sein, der dieses Mal Peggy anruft. Aber das eine oder andere an dem Finale gibt auch zu denken. Das jahrelange Kettenrauchen in der Serie bleibt nicht ohne Folgen. Aber es war keiner der Männer, die in ihren Büros saufen, rumhuren und rauchen, den letzten Endes der Lungenkrebs heimsucht. Bis heute noch weiß ich nicht, ob ich das für einen gelungenen Twist oder einen zu einfach erkauften Tränenzieher halten soll. Eine gewisse Bitterkeit schwingt mit.

Bis zum Ende schafft es Mad Men sowohl den Zeitgeist als auch die legendären Kampagnen der Werbebranche einzufangen – letzteres zwangsläufig beeinflusst vom ersteren. Tatsächlich spiegeln sich ganze Generationen und ihre Dilemmata in der Serie wieder. Von der Kriegsgeneration von Don alias Dick bis hin zu den Frauen, die in den 50er Jahren hängen geblieben sind wie Betty (January Jones). Die nur gelernt haben, dass Schönheit ihr Kapital ist und ihr Glück durch ein trautes Heim zu definieren. Manche Figuren schienen für mich im Laufe der Serie irgendwie nicht ins Bild zu passen. Auch das sehe ich inzwischen anders. Megan war das komplette Gegenstück zu Betty. Sie lernt, dass sie alles erreichen kann und tut das auch wie selbstverständlich. Sie nutzt Schönheit und Intellekt. Sie erlaubt sich Freiheiten in jeglicher Hinsicht und lebt ein Leben, das wohl für Betty als unkonventionell gelten würde (keine Kinder, Fernbeziehung, Partys, sex-positiv). Aber an Megan wird auch demonstriert, dass sie gerade wegen der Freiheiten, die sie genießt, nicht mit Ablehnung umgehen kann.

Ganz anders die wohl jüngste und oft bei der Rezeption von Mad Men vergessene Generation. Sally (Kiernan Shipka) repräsentiert die Baby Boomer. Die Generation, die von Eltern erzogen wurde, die Krieg, gesellschaftliches Korsett oder Mangel (oder alles zusammen) erdulden mussten und ihre Kinder härter aufgezogen haben als sie vielleicht müssten. Nahezu explosiv nimmt sich diese Generation das zurück, was ihnen durch Mangel lange verwährt blieb und mündet in bissigen Charakteren wie Betty oder besessenen wie Don, unter denen Sally leidet. Sie hatte keine Kindheit und muss schneller erwachsen werden als fair ist, was auch das Ende von Mad Men ein weiteres Mal beweist. Es beweist aber auch, dass Sally erkannt hat wie die anderen ticken. Sie wird klar kommen, sie hat das alles schon früh durchschaut.

Zusammen mit diesem Rundumschlag ist die letzte Staffel genial. Sie findet ein durchdachtes und wohlwollend vorbereitetes Ende mit schon fast formelhaften 5 Minuten Ruhm für nahezu alle Charaktere. Auch wenn ich einige wie Dawn (Teyonah Parris) gegen Ende vermisst habe. Nach hinten raus gibt uns Mad Men noch etwas zu diskutieren mit einer Schlussszene, die über Dons Schicksal mehrere Interpretationen zulässt, die ich im Absatz nach der Besprechung diskutiere – eingeklappt zur Spoilervermeidung. Und die letzte große Kunst der Serie und von Matthew Weiner: Alles läuft auf den Höhepunkt hinaus, den Hilltop, gekrönt mit der letzten zu sehenden Werbekampagne. Hilltop für Coca-Cola von McCann-Erickson echt. Beides gab es wirklich. (10/10)

Sternchen-10


„Hilltop, Remastered“, via The Coca-Cola Co. (Youtube)

Diskussion des Finales von Don, Peggy, Joan und Betty

Das Happy oder Unhappy End dieser vier Charaktere hat mich am meisten beschäftigt. Dass sich Joan letzten Endes für die Karriere statt der Familie und dem Liebesglück entscheidet, finde ich persönlich schade, aber sehr nachvollziehbar. Eigentlich hätte ich ihr einen Kompromiss aus beidem gewünscht, aber andererseits ist es für Joans Entwicklung wohl wichtiger und richtiger, dass sie die Karriere bekommen hat. Sie wird stets und ständig auf ihr Äußeres reduziert und die Behauptung im Beruf ist wahrscheinlich etwas, das ihr wesentlich mehr Erfüllung gibt. Was Betty betrifft, bin ich etwas bitter. Und das obwohl sie nicht einer meiner Lieblingscharaktere ist. Zwar ist es auf eine bittere Art konsequent, dass die Serie die Folgen des Kettenrauchens aufzeigt, aber musste es zwischen all den Kettenraucher*innen gerade Betty sein? Als Mutter von drei Kindern? Während die anderen offenbar „davonkommen“. Betty ist von allen Charakteren die wohl am stärksten in das gesellschaftliche Korsett gepresste. Während alle gegen ihre Eltern und die Gesellschaft rebellierten, hat sie mitgemacht und sich ohnmächtig, komplett diesen alten Werten hingegeben. Dass sie an Lungenkrebs sterben wird, erscheint mir wie eine Bestrafung für Frauen oder Menschen allgemein, die sich nicht gegen die gesellschaftlichen Zwänge auflehnen oder nicht bereit sind mit der Zeit zu gehen und ihre Denke zu hinterfragen. Letzteres mag wichtig sein, aber ist diese Bestrafung nicht grausam? Das Ende erscheint mir zu hart, da ich schon ein wenig Entwicklung bei Betty sehe. Wenn auch wesentlich weniger und weniger fortschrittlich als es andere Frauenfiguren demonstrieren.

Peggy ist hingegen wohl der „einfachste“ Fall. Sie hat alles bekommen. Liebe und Karriere. Und ich denke, dass das genau das ist, was sich die Zuschauer*innen für sie gewünscht haben. Zumindest ich tue das. Peggy ist die Identifikationsfigur der Serie, die Cinderella-Story – aber auf realistisch. Der Underdog, wenn man so will. Und genau das ist es, was Don wohl in ihr seit der ersten Staffel gesehen und weswegen er sie gefördert hat. Stets im Glauben, dass sie ein bisschen so ist wie er. Tatsächlich ist Peggy aber vollkommen anders. Sie hat Fehler, aber sie kämpft und findet stets zur Fairness, Ehrlichkeit und sich selbst zurück. Statt wegzulaufen (wie Don), stellt sie sich immer wieder die Frage „was ist richtig?“ Und macht es. So ist es einfach nur heilsam und schön zu sehen, dass sie zu so einem sogar richtig schönen Happy-End findet. Zwar hatte es auch eine schöne Note, dass Stan und Peggy demonstrieren, dass es Freundschaft zwischen Männern und Frauen ohne Sex oder „zwangsläufiges sich verlieben“ gibt, aber die letzte Staffel hat schon mit einigen Schlüsselmomenten den Weg geebnet.

Und dann wäre da noch Don. Die Meditations-Szene und sein Lächeln, bevor der Cut zu der Hilltop-Kampagne kommt, lässt denke ich nur den Schluss zu, dass Don wieder zurück „nach Hause“ gegangen ist. D.h. New York und die Werbebranche. McCann-Erickson hat ihn mit etwas gekördert, das er lange wollte – Coca Cola. Der offensichtlich von den Werten beeinflusste Song, die Don in dem Selbstfindungs-Coaching vermittelt wurden, sind das wohl deutlichste Indiz. Selbst die Charaktere in dem Spot scheinen von Personen aus Dons Leben beeinflusst. Ich war an der Stelle etwas vor den Kopf gestoßen, da ich erwartet habe, dass Don aus seinem Leben etwas ganz anderes macht. Für mich war seine Begeisterung für die Werbebranche immer ein Indiz dafür, dass er dort etwas tut, was er auch im privaten tun muss: Eine Marke verkaufen. Die ultimative Metapher für die Lüge „Don Draper“.

Nachdem ich nun eine Woche über das Finale nachdenken konnte, sehe ich das inzwischen anders. Ein neues Leben anfangen ist schwer und hätte bedeutet ein weiteres Mal wegzulaufen. Er muss immer noch befürchten, dass er strafrechtlich verfolgt wird, wenn der Unfall und Identitätsraub rauskommt. Also hat er nach wie vor keine Wahl als die Kampagne „Don Draper“ durchzuziehen. Aber die Werbebranche, hat er sich ja doch selber ausgesucht. Vielleicht brennt er einfach wirklich dafür. Für den Rest des Finales gibt es hier zwei Lesarten. Entweder hat Don zu sich selbst gefunden und ist ab jetzt ein glücklicherer „Don Draper“ oder er ist zurück gegangen und verfällt wieder in alte Muster. Ist sein Lächeln ein Indiz dafür, dass er die Idee für einen Werbespot hatte oder ein Indiz für einen echten, persönlichen Wandel? Je nachdem kann die Serie eine Warnung sein oder v.A. gemessen an ihren Nebencharakteren eine sogar recht schöne Botschaft. Wer ehrlich zu sich selbst ist und bereit sch zu verändern, hat hier jedenfalls ein Happy End bekommen. Ich sehe hier was Don betrifft, den pessimistischen Weg. Ich denke sein Lächeln gilt nur dem Spot. Aber das hat nichts mit dem Happy End aller Anderen zutun. Wenn ihr einen Weg findet spoilerfrei für andere Leser*innen mit mir in den Kommentaren oder notfalls in sozialen Netzen darüber zu diskutieren wie ihr das erlebt habt, werde ich mich freuen. 🙂

Und die Serie als Ganzes?

Eigentlich habe ich in dem langen Artikel hier eure Nerven schon genug strapaziert – wie sieht also ein kurzes Fazit zur gesamten Serie aus? Schaue ich die unten verlinkten Staffeln an, dann kommen wir wohl zahlenmäßig irgendwo bei einer 9 von 10 raus. Trotzdem hatte ich einen harten Start mit der Serie und ich denke, es ist einfacher sie zu empfehlen, wenn man für emanzipatorische Stoffe und Drama-Serien empfänglich ist. Wen das nicht interessiert, der wird sich wohl nur bei Mad Men langweilen.

Die Geduld wird belohnt, wenn man die Charakterentwicklung und den Zeitgeist über viele Staffeln hinweg betrachtet. Was man über die Serie noch dringend wissen muss ist, dass man die Handlungen und Motive der Charaktere interpretieren muss. Die Serie bedient sich show, don’t tell und wird niemandem vorkauen, was man da gerade gesehen hat. Warum Betty die Vögel erschossen hat oder warum Don tut was er tut, etc. Die Genialität der Serie liegt in Parallelen, Montagen, Charakteren. Megan neben Betty – zwei vollkommen unterschiedliche Generationen und Frauenbilder; Peggy in Dons Bürostuhl in derselben Szene wie im Opening als Parallele auf Erfolg aber auch die Möglichkeit Dons nachzumachen und zu fallen; das leere Büro von SC&P, die zugigen Fenster bei McCann-Erickson als Metapher auf falsche Versprechen, das Ende von „Camelot“ (JFK) und gleichzeitig das Ende von Bettys und Dons Ehe. Solche genialen Parallelen und Motive fielen mir erst spät auf. Es dauert bestimmt zwei Staffeln bis ich eine „mündige Mad Men“-Zuschauerin wurde. Ich bin an der Serie gewachsen zum Serienschauen. Das ist etwas Gutes! Die Bezüge zwischen Zeitgeist und wie sie sich auf die Charaktere auswirken und die Charakterentwicklung als Ganzes sind etwas, das ich so noch bei keiner andere Serie so gesehen habe. Vielleicht Hannibal. Also ja, Mad Men ist lohnenswert und wirklich richtig gut. Was ich der Serie aber trotzdem nicht verzeihen kann ist wie sang- und klanglos manche Charaktere aus der Serie ausgeschieden sind. Namentlich Sal Romano (Bryan Batt), Dawn Chambers und Michael Ginsberg (Ben Feldman).

Besprechungen der früheren Staffeln: Season 1 | Season 2 | Season 3 | Season 4 | Season 5 | Season 6

Nach den vielen Wörtern, freue ich mich eure Meinung zu hören oder zu lesen. Wie hat euch die letzte Staffel gefallen? Welches Schicksal hat euch am meisten beschäftigt? Was hat euch überrascht? Was haltet ihr für genial, was für verschenkt oder weniger gelungen? Achtet bitte darauf nicht zu spoilern oder Spoiler gut zu kennzeichnen. Wie habt ihr die Serie als Ganzes erlebt? 🙂