Serienlandschaft: „The Witcher“ Season 1 Besprechung

Was, wie? Season 1? „Miss Booleana, da muss dir wohl ein Fehler unterlaufen sein. Meinst du nicht Season 2??“ Nein. Ich wollte gerade anfangen Season 2 zu schauen und kurz vorher das tun, was ich immer tue. In meinen erweiterten, digitalen Medien-Mind Palace (den Blog) schauen, was in der ersten Staffel so passierte und wie ich das fand, als ich feststellte, dass ich die erste Staffel nie besprochen habe. Mit so aufgefrischtem Gedächtnis fiel mir auch wieder ein warum. Weil alle 2019/20 darüber gesprochen und geschrieben haben! In Länge! Und dann hatte ich keine Lust mehr! Tja. Da stehe ich nun. Aber die Erinnerung kam zurück. 😉 Die Besprechung ist spoilerfrei.

„How to turn chaos into magic“

Die erste Staffel von The Witcher folgt drei Charakteren der Geralt-Saga von Autor Andrzej Sapkowski. Der Hexer Geralt von Riva (Henry Cavill) stellt sich Aufträgen um die Welt von Monstern und anderem Übel zu entledigen. Sein Ruf als „Butcher of Blaviken“ ist dabei nicht der beste, Ruhm und Lohn überschaubar. Relativ unerwartet wird er mit einer Verantwortung seiner Vergangenheit konfrontiert, die er eher vernachlässigt hat. Die an einer starken Wirbelsäulenverkrümmung leidende Yennefer von Vengerberg (Anya Chalotra) lebt in einfachen Verhältnissen und wird aufgrund ihrer Erscheinung eher wie Dreck behandelt. Eine Fremde sieht mehr in dem Mädchen und kauft Yennefer ihrem Vater ab um sie mit nach Aretuza zu nehmen und als Magierin auszubilden.

Die Fremde gibt sich als Tissaia de Vries (MyAnna Buring) zu erkennen und wird Yennefers Lehrmeisterin. Aber die Aufgaben sind hart und es ist nicht klar, ob Yennefer den Ansprüchen gewachsen ist. Das Königreich Cintra wurde offenbar im Kampf des angreifenden Heeres von Nilfgaard geschlagen. Regentin Calanthe (Jodhi May) schleppt sich schwer verletzt zu ihrer Enkelin Ciri (Freya Allan), um ihr eine Botschaft zu überbringen und sie vor Nilfgaard zu bewahren. Sie sagt Cintri, dass sie Geralt von Riva suchen solle – er sei ihr Schicksal.


„THE WITCHER | MAIN TRAILER | NETFLIX“, via The Witcher Netflix (Youtube)

The Law of Surprise

Anfangs ist nicht so ganz klar wie die Handlungsstränge mal zusammenkommen sollen und wann sich die Wege der Drei kreuzen. Dass sie sich kreuzen werden, liegt auf der Hand. Aber The Witcher ist schlau konzipiert. Während man anfangs die ganzen Vorhersagen („Geralt ist dein Schicksal!“) einfach so als Trope voller Gravitas hinnimmt, entwickelt sich die Summe der einzelnen Handlungsstränge aber dahin, dass man nichts mehr schulterzuckend hinnimmt, sondern bitterlich und in starker Erwartung hofft, dass sie sich endlich treffen. 🙂 Das hat die Serie wirklich drauf. Kann sie bis dahin Zuschauer*innen verloren haben? Möglich. Dank des Hypes um die Serie sind aber wahrscheinlich die meisten bereit zu warten. So meine Theorie zu Hypes. Ist der groß genug, befeuert sich Geduld, Erwartungshaltung und Endresultat meist von selber und viel kann nicht mehr schief gehen, weil „alle finden es doch gut!“ Aber das ist eine andere Diskussion und gibt wohl zuviel preis, was ich von Hypes halte. (Wenig.)

Während die Serie am Anfang also Startschwierigkeiten hat und Zuschauende verlieren kann, wird belohnt wer dranbleibt. V.A. dank der Charakterzeichnung. Henry Cavill scheint wie geschaffen für die Rolle und als Fan der Computerspiele war er wohl selber sehr gehyped auf die Rolle. Die Bereitschaft macht sich bemerkbar. Zwar kenne ich leider weder Bücher, noch Game, aber trotz meines bescheidenen Wissens über die Fantasy-Saga, ist meine Wahrnehmung trotzdem: er ist Geralt. Seine Einsilbigkeit, Murren und trockenen Oneliner sind ein Ausdruck des Lebens an das er sich gewöhnt hat.

Durch das Law of Surprise, einen schicksalhaften Bund, wird er oft mit einem Glauben an etwas Höheres konfrontiert, an das er nicht glaubt bis seine Ansichten auf die Probe gestellt werden. Geralt hat in der Staffel eine ziemliche Reise und Entwicklung vor sich, v.A. wegen der Charaktere, die etwas in ihm bewegen (ob er das will oder nicht). Allen voran Yennefer die ein auf andere Art mächtiger Counterpart wird und der Barde Jaskier (Joey Batey), der dank Marketing dafür sorgt, dass Geralt einen besseren Ruf, mehr Lohn und bessere Aufträge bekommt. Geralt ist es nicht gewöhnt nicht allein zu sein und schiebt die mehrmals von sich. Es gibt Bedrohungen denen kann man sich stellen, es gibt welche, vor denen selbst er lieber wegläuft. Er stimmt in den Kanon ein, der Hexern nachsagt, dass sie keine Gefühle hätten. Und an Schicksal glaubt er schon gar nicht. Worin das begründet ist, bekommen wir ansatzweise mit. Geralt hat ganz offenbar keine einfache Vergangenheit.

„Toss a coin to your witcher …“

Na? Ohrwurm erfolgreich incepted? 🙂 Tatsächlich sorgt das zarte Streiten zwischen Geralt und Jaskier für den Comic Relief der Serie und wenn man so will ein bisschen Bromance. Durch oben besagte Begegnungen stellt er bald seine Entscheidungen in Frage. Und glaubt an Schicksal? Eine gleichermaßen bewegende Reise hat Yennefer hinter sich, die lernt ihre verborgenen Fähigkeiten zu nutzen und angestachelt dadurch einige folgenschwere Entscheidungen trifft. Yennifer versucht ihrer Herkunft und angeborenen Stellung zu entkommen und an etwas zu gelangen, von dem sie Zeit ihres Lebens einen Mangel hatte: Macht und dem Gefühl stark zu sein. Wobei erstmal Schönheit auf dem Wunschzettel steht. Jeder Schritt auf ihrem Weg zu Selbstbefähigung und -behauptung hat aber einen Preis, dessen Bürde schwer wiegt. Das zu realisieren macht die Entwicklung von Yennefer aus – und das dankbar früh. Was insbesondere beim Aspekt der Schönheit nicht ganz so öffentlich gemacht wird, ist wieviel Make-Up dabei hilft. Auch scheinen mir die Nacktszenen zwischen den Geschlechtern etwas ungleich verteilt. ^^

The Witcher könnte in vielerlei Hinsicht subtiler sein. Die überaus leuchtenden violetten und gelben Augen würden sich einen Tick dezenter besser in den um Realismus bemühten Look einreihen. Der funktioniert ja bei Kulisse, Szenerien und Kostümen schließlich auch. Erzählerisch ist es ein cooler Kniff die Handlungsstränge zeitversetzt zu erzählen, der aber je nach Wahrnehmung der Zuschauenden früher oder später (oder gar nicht?) realisiert wird und deswegen von einigen geliebt, von anderen leidenschaftlich gehasst wird. In einigen Punkten ist es leider nur nicht besonders gut durchdachte wie sich u.a. an Jaskiers gleichbleibender Jugendfrische zeigt. Als Mensch müsste man ihm Zeichen der Zeit ansehen. Das World Building gelingt sehr gut, muss nicht viel erklären, aber weckt eben auch den Wunsch nach mehr. Auch mit der Frage wie ein Hexer gemacht wird, werden wir böse geködert. Das riecht eben alles sehr nach mehr Staffeln, was schon okay ist, wir wollen die ja dann auch. Was einige Motive und Tropen betrifft, macht sich The Witcher Season 1 der Übertreibung schuldig wie beispielsweise der „Begegnung im Wald“ – das ist mein Versuch das besonders vage zu halten. Man kann sich kaum entscheiden, ob man es gut findet, weil Schlüsselszene oder schlecht weil, so verkitscht! Unheimlich gut ist The Witcher aber wegen der sehr nahbaren Charaktere und Fixpunkte, in denen sie sich aufeinanderzubewegen. Ich hoffe, dass die zweite Staffel das Niveau hält. (8/10)

Sternchen-8


„geralt and jaskier being the comedic duo for three minutes and thirty six minutes“, via Merty Meh (Youtube)


„Netflix’s THE WITCHER (OST) – The Song Of The White Wolf | OFFICIAL Soundtrack Music Score“, via Versus Music Official (Youtube)

„Witcher“ war einer der wenigen Hypes neben „Squid Game“ auf die ich Bock hatte aufzuspringen. Manchmal wird das belohnt (nicht immer). Ich wusste gar nicht, was ich zuerst shippen soll. Geralt/Yennefer oder Geralt/Jaskier oder was mir sonst noch so einfällt. ^^ Vielleicht hilft euch die Besprechung ja auch wieder reinzukommen in „Witcher“ bevor ihr die zweite Staffel schaut. Die kann ich jetzt gar nicht erwarten und naja, werde die wohl auch mal zeitnah(er) reviewen. Wie hat euch die erste Staffel gefallen und setzt sich die zweite eurer Meinung nach weiter so gut fort? (Bitte keine Spoiler in den Kommentaren 😉 ) Kennt ihr die Bücher und wird die Serie denen gerecht? (Ihr wisst schon auf die „Es ist eine Adaption“-Art statt auf die „Allles muss genauuuuso sein wie die Bücher, sonst macht es ja gar keinen Sinn!“-Art.

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).

4 Antworten

  1. Avatar von Voidpointer
    Voidpointer

    Mir gefällt die Serie ebenfalls und sie gefällt mir deutlich besser als die Spiele selbst.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Oh echt!? Da habe ich ja leider keine Vergleichsmöglichkeiten, aber ich habe den Eindruck, dass einige Zuschauer*innen eher enttäuscht von der Serie sind, weil sie erwarten, dass alles 1:1 adaptiert wird. Sicherlich nicht nur hier. Aber mir gefällt sie auch gut. Nur habe ich die zweite Staffel etwas weniger dramatisch und inhaltlich dünner empfunden.

  2. […] Angst vor dem Unbekannten. Angst vor den eigenen Unzulänglichkeiten. Was in der ersten Staffel von The Witcher bereits ein Thema war, bekommt in der zweiten noch deutlichere Bilder. Im Norden erleben die Elfen […]

  3. […] The Witcher S1-2, Haibane Renmei, Falcon & The Winter Soldier, Supernatural, Schitt’s […]

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