Filmbesprechung „Her Love Boils Bathwater“ & „Until the Break of Dawn“ (JFF Online 2022)

Posted by in 2012, 2016, Drama, Film, Japan, Literaturverfilmung, Review, Spielfilm

Seit 2016 bewirbt das Japanese Film Festival (JFF) die ganze Bandbreite des japanischen Films. Zuerst in Südostasien und Australien, dann in immer weiteren Ländern wie beispielsweise auch Teilen Europas. Seit 2020 auch als Online-Filmfestival, dessen Beiträge nach Anmeldung auf der Webseite von JFF zum kostenfreien Streamen zur Verfügung stehen. Aktuell läuft das Festival noch. Vielleicht könnt ihr die Gelegenheit noch nutzen diese oder andere zu streamen, bevor das Festival am 27.02.22 endet. Die Besprechungen sind spoilerfrei.

Her Love Boils Bathwater

Futaba (Rie Miyazawa) zieht alleine ihre Tochter Azumi (Hana Sugisaki) auf, die in der Schule schwer gemobbt wird. Nachdem Futaba aber einen Zusammenbruch erleidet, wird bei ihr Krebs im Endstadium festgestellt. Die Ärzte vermuten, dass sie nur noch Monate zu leben hat. Natürlich geht die Nachricht nicht spurlos an ihr vorbei und ganz wie sie gebaut ist, gilt einer ihrer ersten Gedanken Azumi. So fährt Futaba in den Modus, die ihr verbleibende Zeit bestmöglich zu nutzen und für die Absicherung ihrer kleinen Familie zu sorgen. Angefangen damit Azumis Vater (Joe Odagiri) aufzuspüren und das alte Badehaus ihrer Familie wieder auf Vordermann zu bringen.


„Her Love Boils Bathwater [OFFICIAL TRAILER] (English)“, via Japan Foundation London (Youtube)

Eine fatale Diagnose, eine Familie, die wieder zusammenwachsen soll, Kitsch vorprogrammiert? Vielleicht für einige Zuschauende schon. Tatsächlich ist es aber die Warmherzigkeit Futabas, die so ziemlich alle harten Schalen knacken dürfte. Schon alleine der Anfang bricht mir das Herz, wenn Futaba ihre Tochter nach einem fiesen Mobbing-Übergriff tröstet. Bald schon schart sich um Futaba eine Patchwork-Familie wie sie im Buche steht. Denn ihr flüchtiger Ehemann bringt noch eine zweite Tochter mit, mit der wiederum er von seiner neuen Flamme sitzen gelassen wurde. Hier drängt sich ein Muster auf. Und das geht tatsächlich noch weiter.

Futaba räumt ordentlich auf und beeinflusst damit die Leben aller um sie herum zum positiven. Von Familie im Stich gelassen zu werden und in jemand anderem Mutter/Vater/Elter(n) zu finden ist auf wirklich warmherzige Weise dargestellt. Allerdings auch nach hinten raus mit einem Hang zur Übertreibung, wenn sich die Errettung fortsetzt bis zum Privatdetektiv, der einst engagiert wurde um Azumis Vater aufzuspüren. Schrecklich ist der Realismus. Schrecklich traurig und echt wie Krankheit dargestellt wird. Schrecklich lustig wie Futaba auch mal aus der Rolle der verständnisvollen fällt, wenn sie mit krasser Ungerechtigkeit konfrontiert wird (Stichwort Wurfübung). Schrecklich schön wie sie das Leben aller besser macht. Ein Feelgood-Movie.

Her Love Boils Bathwater (OT: 湯を沸かすほどの熱い愛 „Yu o Wakasu Hodo no Atsui Ai“), Japan, 2016, Ryōta Nakano, 125 min, (8/10)

Sternchen-8


„Message from Ryota Nakano „Her Love Boils Bathwater“ – JAPANESE FILM FESTIVAL ONLINE 2022″, via JAPANESE FILM FESTIVAL + (Youtube)

Until the Break of Dawn

Ayumi (Tori Matsuzaka) tritt ein bedeutungsvolles Erbe an: er wird der nächste „Connector“. Ein Connector kann eine Verbindung zu Toten herstellen. Die Gabe wird in der Familie Ayumis seit jeher weitergegeben. Ayumis Großmutter (Kirin Kiki) ist inzwischen gesundheitlich angeschlagen und plant Ayumi die Gabe und damit einhergehende Verantwortung zu übertragen. Denn ihre Familie stellt sich in den Dienst der Menschen. Wer „unfinished business“ mit den Verstorbenen hat oder schlichtweg seine Liebe nochmal sehen möchte, kann an den Connector herantreten und um ein Treffen mit den Verstorbenen bitten. Und das nur unter bestimmten Regeln – das Treffen ist einmalig. Seine Großmutter bereitet Ayumi behutsam auf die Aufgabe vor, indem er diejenigen begleitet, die um ein Treffen gebeten haben.


„Until the Break of Dawn – JAPANESE FILM FESTIVAL ONLINE 2022“, via JAPANESE FILM FESTIVAL + (Youtube)

Sicherlich hätte die Motivation der Sterblichen noch etwas unterschiedlicher und diverser sein können. In zwei Fällen sind es Schuldgefühle und in einem Fall der Wunsch nach Gewissheit. In der Regel suchen sie alle eine Möglichkeit unausgesprochene Dinge los zu werden und nach einer Form des Abschlusses. Trotzdem sind die Fälle an sich, wenn auch in ihrer Motivation ähnlich, durch die individuellen Geschichten unterschiedlich gestaltet. Und vor Allem: alle dramatisch und empathisch aufbereitet. An der Pathos-Stellschraube hätte man für meinen Geschmack etwas runterregeln können, aber die Botschaft gelingt allemal. Selbst wenn sich durch lange und schwere Krankheit Tod ankündigt, gibt es doch immer irgendetwas, das noch nicht gesagt wurde. Würdet ihr die Möglichkeit ergreifen? Ich würde. Die Botschaft ist also trotz der etwas hinkenden Heranführung sicherlich für viele Zuschauende ein Treffer.

Das Ayumi so lange braucht um das zu verstehen, erklärt der Film allerdings nicht besonders gut. Er wird zwar der nächste Connector, hat aber große Zweifel, ob das Treffen mit den Verstorbenen nicht mehr Leid als Frieden schafft. Der Film endet damit, dass er zu einem Entschluss darüber findet und mit seiner eigenen Familiengeschichte ins Reine kommt. Obwohl sich einiges nicht besonders gut zusammenfügt, sind die Darsteller, das Produktionsdesign, Kamerarbeit und Szenengestaltung erstklassig. Wie man der Grußbotschaft des Regisseurs Yuichiro Hirakawa anlässlich des Filmfests entnehmen kann, sind bereits einige der Mitwirkenden von uns gegangen wie beispielsweise Kirin Kiki, was mich Filme umso mehr als ein Erbe verstehen lässt.

Until the Break of Dawn (OT: ツナグ „tsunagu“, dt: „verbinden“), Japan, 2012, Yuichiro Hirakawa, 129 min, (6/10)

Sternchen-6


„Message from Director Yuichiro HIRAKAWA „Until the Break of Dawn“ – JFF ONLINE 2022″, via JAPANESE FILM FESTIVAL + (Youtube)

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Fans von Tori Matsuzaka kommt das diesjährige JFF Online offenbar entgegen. 🙂 Er spielt in beiden oben genannten Filmen mit. Habt ihr schon Filme im Zuge des JFF geschaut? Ich muss gestehen, dass ich mir etwas Uneins über das Naming bin, da es letztes Jahr unter dem Begriff JFF+/JFF Plus lief und ich dieses Jahr zumindest auf der Homepage „JFF Online“ lese. So oder so: es gibt dieses Jahr wieder ein tolles Programm. Und was ich noch großartiger finde: man kann alle Filme über eine Zeitspanne von zwei Wochen schauen, wohingegen man letztes Jahr für jeden Fall genau einen Tag Zeit hatte. Also: großer Tipp. Ein wenig bedauere ich nicht den Film „Awake“ schauen zu können, der zumindest in Deutschland nicht verfügbar ist. Wer hingegen auf der Nippon Connection ein paar tolle Filme wie Aristocrats verpasst hat, bekommt hier eine zweite Gelegenheit.