Neulich im Kino … Review zu „Die Taschendiebin“

Posted by in 2016, Arthouse & Indie, Film, Genreübergreifend, Literaturverfilmung, Review, Spielfilm, Südkorea

Wenn einer deiner Lieblingsregiesseure nach Jahren wieder einen Film rausbringt, ist das vielleicht der beste Anlass, um einem der Lieblings-Indie-Kinos wieder einen Besuch abzustatten. Besonders neugierig hat mich dabei gemacht wie untypisch unblutig der Trailer aussieht und dass Park Chan-wook mal eine ganz andere Kulisse gewählt hat. Nämlich das frühe 20. Jahrhundert und somit historische koreanische Kulissen und Kostüme verspricht. Wer einen Vergleich sucht und sich fragt, ob dass so ungewöhnlich ist, kann ja mal einen Blick in meine Werkschau seiner früheren Filme werfen. Review ist spoilerfrei.

Im frühen 20. Jahrhundert lebt die Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri) mit anderen von ihrem Schlag zusammen und plant alle möglichen Gaunereien. Eines Tages tritt der Betrüger Fujiwara (Ha Jung-woo) an sie heran. Er hat von dem verarmten Industrie-Millionär Kouzuki (Cho Jin-woong) gehört, der plant eine junge, reiche, japanische Erbin zu heiraten. Dieses Fräulein Hideko (Kim Min-hee) ist eigentlich die Nichte seiner verstorbenen Frau und er hat sie erzogen und auf seinem Anwesen quasi vor der Außenwelt versteckt. Fujiwara plant zuerst Sookee auf dem Anwesen als persönliches Dienstmädchen Hidekos einzuschleusen, um sie zu beeinflussen und ihre Gewohnheiten herauszufinden, damit Fujiwara anschließend leichtes Spiel hat Hideko zu verführen, mit ihr abzuhauen, sie zu heiraten und sie dann als verrückt zu brandmarken, in eine geschlossene Anstalt einweisen zu lassen und das Vermögen für sich zu beanspruchen. Soviel zum Plan. Sookee macht auch mit – ihr wird ein beachtlicher Anteil versprochen. Als sie aber Hideko gegenübersteht und die Anziehung zwischen Fräulein und Dienstmagd nicht zu leugnen ist, passt ihr die Idee gar nicht mehr.

Park Chan-wooks Film basiert auf dem 2002 veröffentlichten Roman Fingersmith von Sarah Waters, der im selben Jahr sogar auf der Shortlist für den Man Booker Prize stand. Was ein bisschen verwundert ist die Wahl des Titels im deutschen Verleih. 아가씨 / Agassi bedeutet laut Wikipedia unverheiratete Frau bzw. Fräulein, womit wahrscheinlich eher Hideko gemeint ist. Der englische Titel ist The Handmaiden, das Dienstmädchen, womit Sookee gemeint ist. Der deutsche Titel ist dann wiederum eine dritte Version und bezieht sich auch deutlich auf Sookee. Naja. Wir sind es ja gewöhnt, dass die Wahl der Titel immer für Diskussion und Stirnrunzeln sorgt. Aber auf einige Dinge kann man sich verlassen: bei Park Chan-wook-Filmen weiß man was man bekommt. Schlaue Schnitte, ein schnelles und pointiertes Storytelling in einem allerdings meist überlangen Film, die eine oder andere Wende und eine beeindruckende Optik. Und meistens gibt es irgendwelche Inhalte, die schockieren oder den Zuschauer aus der Comfort-Zone mit Gewalt heraustreiben. Zum Beispiel Gewalt-Explosionen, fiese moralische Zwickmühlen, extreme Twists oder Charaktere, die sich am Rande der Legalität bewegen und weder Held, noch Antiheld sind. Park Chan-wook polarisiert mit den Themen seiner Filme gerne und bildet damit sowas wie ein Ausnahme-Talent. Man könnte anhand des Trailers erwarten, dass sich der Regiesseur diesmal eines gediegeneren Themas widmet und einfach eine sicherlich wendungsreiche Geschichte um Betrüger und Betrogene in einer historischen Kulisse erzählt. Und ja – insofern stimmen die Erwartungen: Wendungen gibt es. Was man nicht unbedingt erwartet, ist dass hier das Thema Erotik und Perversion eine zentrale Rolle spielen. Und das kann etwas unbequem werden – je nachdem wie der Zuschauer so tickt. Der gleichgeschlechtliche Sex zwischen Sookee und Hideko ist sehr explizit und wenn man denkt, man hat schon alles gesehen, dann präsentiert Park Chan-wook noch eine weitere (Ein)Stellung. Der Zuschauer sollte sich dessen bewusst sein, was er im Kino oder lieber im Heimkino sehen möchte. Dabei bewahrt er aber für alle Facetten von Erotik einen offenen Geist wie man so schön sagt. Nicht nur expliziter Sex und nackte Haut werden gezeigt, sondern auch Szenen von prickelnder Anziehung, die expliziten Geschlechtsverkehr nicht brauchen, um die Luft flirren zu lassen. Was ich persönlich schwieriger anzuschauen empfand war das Ausmaß der Perversion von Hidekos Onkel. Er ist nicht nur ein Fan von Shunga – aber mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden und wer gar nicht gespoilert werden möchte, sollte Shunga jetzt nicht im www nachschlagen. Dass aber das Thema Perversion und Unschuld kollidieren ist eins der interessantesten Motive des Films – das offenbart sich aber erst im zweiten Teil der drei-geteilten Handlung.

Was Park Chan-wook ganz schlau anstellt ist, dass er die Handlung drei Mal erzählt, aber dem Zuschauer immer einen Tick mehr Informationen bereitstellt. Man kann sich sichtlich vorstellen, dass er im Grunde den Stoff ein Mal gefilmt hat, aber in den drei Schnitt-Versionen mehr und mehr offenbart. Das schlägt sich auch in den über zwei Stunden Laufzeit nieder, die sich allerdings nicht so lang anfühlen. Hauptgrund dafür ist, dass die drei Teile sich nicht stark wiederholen. Wenn es Szenen gibt, die man schon gesehen hat, aber jetzt aus einem anderen Blickwinkel erlebt, werden einfach Dopplungen ausgelassen. Das macht es kurzweilig und spannend und verhindert, dass man angeödet wird. Das große Plus des schlauen Editings und Storytellings – wenn man eben ganze Blickwinkel herauslässt, dann gibt es viel was die Handlung drehen und wenden kann. Das gepaart mit den luxuriösen Kostümen, der für europäische Zuschauer exotischen Kulisse des japanisch besetzten Südkorea im frühen 20. Jahrhundert mit britischen Einflüssen: das ist schon eine Augenweide.

Was mir anfangs etwas Sorge bereitete war die deutsche Synchro, die stellenweise sehr überdreht wirkt (Sookees schrilles, nervöses Lachen), was sich aber legt und daher der Eindruck entsteht, dass es auch so gewollt ist. Was mich überrascht hat, war wie witzig einige der Szenen sind, eine Note die sonst in Park Chan-wooks Filmen nur sehr seicht durchschimmert und meistens als schwarzer oder ironischer Humor rüberkommt. Was hier stattdessen sogar sehr slapstick-mäßiger Humor ist. Aber meistens in sehr kurzen Szenen oder nur kleinen fiesen Sprüchen durchblickt. Der Soundtrack ist wunderbar und dramatisch und ruft neben den witzigen und kontroversen Szenen ganz gut die Dramatik und gesellschaftliche Bedeutung der Handlung hervor, die sonst neben Sexszenen, perversen WTF-Momenten etwas auf der Strecke geblieben wäre. Einer der Gründe, warum ich dem Film einfach mal den Nicht-Stempel ‚genreübergreifend‘ aufdrücke. Man kann schwer sagen, was der Film ist. Er handelt viel von der Abhängigkeit der Frau in der damaligen Gesellschaft (und der Befreiung davon), den Geschlechterrollen und naja, von Perversion. Denn seien wir mal ehrlich: manche Geschlechterrollen sind von Perversion nicht weit entfernt. Für Arthouse-Fans eine Empfehlung, alle anderen sollten abwägen, ob die Handlung was für sie ist.

Die Taschendiebin (OT: Agassi – 아가씨), Südkorea, 2016, Park Chan-wook, 145 min, (8/10)

Sternchen-8

Habt ihr den Film schon gesehen? Wie hat er euch gefallen? Hat im Kino jemand einen hochroten Kopf bekommen oder war es zu schwer das im Dunkeln zu sehen? 😉 Empfandet ihr auch etwas als unbequem und hattet einen WTF-Moment? Meiner war das „Vorlesen“.