Neulich im Kino … Review zu „Moonlight“

Posted by in 2016, Coming-of-Age, Drama, Film, Milieustudie, Review, Spielfilm, USA

„Willst du den besten Film des Jahres sehen?“ steht auf der Postkarte, die auf dem Tresen des Indie-Kinos meines Vertrauens liegt. Ja! ‚Moonlight‘ war mir schon so oft über den Weg gelaufen: auf Film-Webseiten, in den frühen ersten Artikeln darüber welche Filme für einen Oscar nominiert werden sollten, schließlich auf der Liste der Oscar-nominierten Filme und bei den Oscars. Dann kamen die ersten Reviews in der Blogosphäre: die einen begeistert, die anderen etwas unterwältigt. Die Bewertung auf IMDB sieht eher durchschnittlich aus. Wie ist also der „beste Film des Jahres“? Review ist spoilerfrei.

Moonlight erzählt in drei Segmenten aus dem Leben von Chiron. Im ersten Segment quält er sich als Neunjähriger, gespielt von Alex R. Hibbert, durch seine Nachbarschaft in einem Miami, in dem es zwar Palmen gibt, aber nicht die idyllischen Postkarten-Motive die man zu kennen meint. Da, wo Chiron aufwächst, leben viele Perspektivenlose und Drogensüchtige. Wegen seiner schmächtigen Statur wird er von den anderen gehänselt, sie nennen ihn „Schwuchtel“. Chiron kann sich aber nur schwer durchsetzen. Er läuft lieber weg und schweigt viel, das bringt ihm am wenigsten Ärger ein. Als er einmal nicht nach Hause zu seiner Mutter (Naomie Harris) möchte, sammelt ihn Juan (Mahershala Ali) auf, der nicht mit ansehen kann wie der Junge sich in Crack-Höhlen versteckt und bringt ihn zu seiner Frau Teresa (Janelle Monáe). Von nun an kümmern sie sich hin und wieder um ihn, sehr zum Ärger von Chirons Mutter. Im zweiten Segment wird der jetzt ca. sechzehnjährige Chiron von Ashton Sanders gespielt. Die Drogensucht seiner Mutter verschlimmert sich genauso wie das Mobbing in der Schule. Zeitgleich hadert er mit sich selbst und seinen Gefühlen für seinen Schulfreund Kevin (Jharrel Jerome). Im dritten Segment sind ca zehn Jahre vergangen und es hat sich alles für Chiron (Trevante Rhodes) verändert, er lebt ein scheinbar vollkommen anderes Leben bis er eines Tages Kevin (André Holland) wiederbegegnet.

„Moonlight | Official Trailer HD | A24“, via A24 (Youtube)

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Selbst wenn man vor Anschauen des Films schon die Inhaltsangabe kennt und damit ziemlich genau weiß, was einen erwartet, wird man überrascht von Moonlights Intensität. Es ist ein kompromissloses Charakterdrama, das in einem sich zum Ende des zweiten Segments zuspitzenden Akts demonstriert wie das Leben einen empfindsamen Menschen demontiert. Wäre Chiron irgendwo anders aufgewachsen, hätte mehr Rückhalt in seinem Leben gehabt oder hätte er von irgendjemandem mehr Liebe gezeigt bekommen, wäre vieles anders gekommen. Nichtsdestotrotz ist sich Chiron insofern selber treu, dass er zwar einen sehr speziellen Weg einschlägt, aber wie sein Ersatzvater Juan ein guter Kerl bleibt. Und man merkt deutlich wie schwer es ist ein guter Kerl zu sein, wenn man von Gewalt, Abhängigkeit und Hass umgeben ist. Chiron kann nicht er selbst sein und wählt seit Kindestagen den Weg sich selbst zu verneinen, klein zu halten, zu schweigen und keine Gefühle zuzulassen. Oder wenn, dann nur, wenn es keiner sieht. Das und der rapide Abstieg seiner Mutter zu einer verzweifelten Crack-Süchtigen sind ein intensives Filmerlebnis, das sich quasi in Nahaufnahmen abspielt. Nicht selten geht die Kamera unangenehm nah ran an die manischen Augen seiner Mutter, die ihn mit zerzausten Haaren empfängt und bequatscht und vielleicht sogar schlägt, nur um ihm ein bisschen Geld für Crack abzuknöpfen. Oder Chirons Blick, wenn ihm das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht, wenn er seine eigene Mutter nicht wiedererkennt. Dabei führt Barry Jenkins vor Augen wie die feinen Fäden des Netzwerks aus Abhängigkeiten und Zwängen des Milieus ineinandergreifen und demonstrieren, dass es eben nicht einfach ist seiner Herkunft zu entkommen und alleine um zu überleben unsichtbaren Gesetzen folge leistet, auch wenn das wider der eigenen Natur ist. Nicht umsonst hat der Regiesseur Barry Jenkins das Theaterstück In Moonlight Black Boys Look Blue von Tarell Alvin McCraney zu einem Drehbuch und Film adaptiert – sowohl Jenkins als auch McCraney sind in einer solchen Nachbarschaft in Miami aufgewachsen. Sie erzählen nicht wie es gewesen sein könnte, sondern wie es war und wie es noch immer ist mit den unsichtbaren Gesetzen.

Und wenn schon alleine diese Ausweglosigkeit und Unfähigkeit der zu sein, der man sein möchte erschreckend ist, so ist es der Verfall von Paula, Chirons Mutter, wirklich Oscar-würdig gespielt von Naomi Harris. So erschütternd wie letzten Endes die Unterdrückten zu Tätern werden und wie den Menschen Liebe versagt bleibt und sie sich nie entfalten können. Geleitet und getrieben von öffentlichen Meinungen wie sich ein Mann / eine Frau / ein Schwarzer / … zu benehmen hat. Wie er zu sein hat. Laut diesen unsichtbaren Gesetzen. Das ist kein Staat, der in mittelalterlichen Zuständen und Weltanschauungen vor sich hin vegetiert. Das ist eine Geschichte, die sich jeden Tag in den ach so hoch entwickelten Ländern der Welt abspielt, wo alle Schulbildung genießen und sich trotzdem menschliche Dramen abspielen, die liebevolle Menschen zerrütten und erschüttern und in ein Leben der Verneinung und Zurückhaltung, einer regelrechten Qual, münden. Aber es gibt diese Leute, die herausstechen wie Mahershala Ali als Juan, der ein Drogendealer ist und eigentlich das Böse in Person sein sollte, aber einer der wenigen ist, der Chiron so akzeptiert wie er ist und sich ein bisschen gegen diese unsichtbaren Gesetze auflehnt. Vielleicht gibt es ja Hoffnung? Ist jeder seines eigenen Glückes Schmied? Man könnte es fast meinen. Ist nur die Frage, ob Chiron es schafft darüber zu sprechen?

Und wieder frage ich: „Wie ist also der beste Film des Jahres?“ Und antworte auf die unpopulärste Art überhaupt. Er ist so gut und intensiv wie er einen berührt und tangiert. Hat man in seinem Leben nie Ausgrenzung erfahren oder verzweifelte, unerfüllte Liebe gespürt, dann wird er einen möglicherweise kalt lassen. Es ist nun Mal so, dass Filme ein bisschen das sind, was man mit ihnen verbindet. Gibt es diesen emotionalen Nährboden, dann nisten sie sich ein und bleiben lange. Für mich? Für mich ist es ähnlich wie wenn ich das Musikvideo zu Macklemore & Ryan Lewis Song „Same Love“ anschaue. Ich könnte heulen wie ein Schlosshund. Und tue das manchmal auch. Moonlight ging mir unter die Haut, weil jede Faser meines Körpers am liebsten schreien wollte: macht das dieser empfindsame Typ (auch wenn er jetzt Grillz trägt) irgendwann nach über zwanzig Jahren Mal Liebe empfindet, Liebe entgegen gebracht wird und dass er glücklich wird und sich nicht verstecken muss. Ich habe selten einen Film geschaut mit solch einer Angst, dass unausgesprochene Gefühle unausgesprochen bleiben.

Moonlight, USA, 2016, Barry Jenkins, 111 min, (10/10)

Sternchen-10

„Moonlight | Hello Stranger | Barbara Lewis“, via Music Remix (Youtube)

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Ich bin immer noch vollkommen fertig von dem Film. Deswegen müsst ihr jetzt reden. Habt ihr den Film schon gesehen? Wie hat er euch gefallen? Ist er Oscar-würdig?