Serienlandschaft: „Haibane Renmei“ – von Engeln mit grauen Flügeln (Anime-Besprechung)

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„Haibane Renmei“ ist ein Anime nach einer Idee Yoshitoshi ABe’s (kein Tippfehler), der bereits u.a. an „Serial Experiments Lain“ mitarbeitete und maßgeblicher Schöpfer und Impulsgeber war. Wer das nicht am Stoff erahnt, der sieht es spätestens am Artwork und Character Design, das „Serial Experiments Lain“ stark ähnelt. „Haibane Renmei“ ist eine anfangs fröhliche und seichte Serie, die sich um einige engelsähnliche Wesen (Haibane) dreht, die in erster Linie ihren entbehrungsreichen Alltag im Zusammenleben mit den Menschen meistern und nach und nach ihr Dasein hinterfragen. Und es ist ein Anime, der mit einer starken Botschaft endet und lange beschäftigt, desto mehr dem Zuschauer klar wird, warum die Haibane dort sind. Die Besprechung des Anime ist erst einmal spoilerfrei, die Diskussion im Anschluss nicht (Passagen sind gekennzeichnet).

Es ist als würden sie vom Himmel fallen. So plötzlich taucht der Kokon auf. Daraus schlüpft ein junges Mädchen, das von anderen Teenagern und jungen Frauen empfangen wird, die einen Heiligenschein tragen und hellgraue Flügel haben. Sie sagen ihr, dass auch sie eine Haibane ist, das steht für Ascheflügel, weil auch sie bald aschefarbene Flügel haben wird. Das Mädchen wird später auf den Namen Rakka getauft und einhergehend mit einem sehr schmerzhaften Fieber bekommt sie tatsächlich ihre Flügel und einen Heiligenschein. Die toughe Reki, die ruhige Hikari, die wilde Kana, die ruhige Nemu und die noch sehr junge und burschikose Kuu erklären ihr die Welt in die sie hineingeboren wurde. Eine Stadt, die von hohen Mauern umgehen ist, weite Landschaften, ein geruhsames Zusammenleben mit den Menschen – die übrigens ohne Flügel oder Heiligenschein daherkommen. Aber Rakka blickt stets zu den Krähen, die als einzige die Mauer überwinden und fragt sich, was eigentlich die Aufgabe der Haibane ist. Wer sind sie? Warum gibt es sie? Warum sind sie unterschiedlich von den Menschen?

Haibane Renmei fühlt sich in der ersten Hälfte wie ein klassischer Slice of Life-Anime an, der auf wunderbar natürliche Weise ignoriert, dass die Haibane äußerlich die Vorstellung von Engeln bedienen. Aber die Serie bricht hervorragend mit der leuchtenden, heiligen, erhabenen Vorstellung von Engeln, indem die Haibane unperfekte und auf positive Art sehr menschliche Erscheinungen sind. Rakka stehen immer die Haare zu Berge, Kana ist laut und burschikos usw. Sie fühlen sich echt an. Wie wir. Wir lernen zusammen mit Neuankömmling Rakka alles mögliche über das Leben der Haibane. Beispielsweise, dass sie wenig Besitz haben und das meiste was sie zum Leben brauchen als Spende oder Second Hand bekommen. Für Nahrung und ihren normalen Unterhalt gehen sie in der Stadt arbeiten. Rakkas nagendes Gefühl, das irgendeine große Erkenntnis unausgesprochen bleibt, teilt aber auch der Zuschauer. Früh kommt bereits das Gefühl auf, dass die Haibane eventuell schon ein Leben gelebt haben und spätestens in der zweiten Hälfte tastet man sich in der Mythologie und dem World Building der Serie langsam voran bis die Serie in einem Ende mündet, das nicht alle Fragen beantwortet, aber die dringendsten doch sehr eindeutig. Es ist eine Serie, die von Sühne, von Leben und Tod, Depression und von der Bedeutung der Selbsterkenntnis handelt. Von Zuwendung und der Fähigkeit um Hilfe zu bitten. Die meiste Zeit ist es ein sehr stiller und ruhiger Anime, der sicherlich den einen oder anderen Zuschauer mit langen Landschaftsaufnahmen und gediegenen Alltagsgeschichten langweilt. Wer aber Rakkas Sinnsuche und die Bedeutung der Haibane einigermaßen spannend findet, wird letzten Endes mit einer Serie und Botschaft konfrontiert, die Grundmanifeste unseres Daseins adressiert und uns noch eine Weile im Hinterkopf begleiten wird. Das einzige was sich neben der Exposition wie ein Biss in den sauren Apfel anfühlt ist, dass die Serie vom Look her nicht an das großartige Artwork ABes rankommt und die Qualität teilweise etwas schwankt. (8/10)

Sternchen-8

„Haibane Renmei Trailer German“, via Keichi (Youtube)

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Eine Stadt mit Mauern – über „Haibane Renmei“s Einflüsse

Auf den ersten Blick greift Yoshitoshi ABes Haibane Renmei einige christliche Motive auf. Die engelsgleichen Haibane mit Flügeln und Heiligenschein, das Leben nach dem Tod, Sünde und es wird von einer improvisierten Schöpfungsgeschichte erzählt, die der biblischen ähnelt. ABe hat sich aber offensichtlich gefragt wie sich das Leben nach dem Tod anfühlen würde – warum sollten die ehemals Lebenden nach dem Übergang irgendwie erhabener und perfekter sein? Weil sie ein ganzes Leben gelebt haben? Das wird wohl für nicht alle zutreffen. Weiße Kleidchen tragen und schöne Lieder mit süßer Stimme vortragen? Er gibt ihnen keine schneeweißen Flügel und einige charakterliche Stärken genauso wie Schwächen. Sie sind Menschen wie du und ich, aber sie haben an etwas zu knabbern. Die Erkenntnis trifft die eine früher als die andere. So stellt Rakka ihr Dasein ab sofort in Frage.

Neben dieser angenehmen Neuinterpretation gibt es aber zwei Referenzen, die sich dem Zuschauer aufdrängen. Beispielsweise spielt der eigene Name eine große Rolle. In Chihiros Reise ins Zauberland verliert man mit seinem Namen das Selbst. Chihiro darf ihren auf keinen Fall vergessen, sonst wird sie es nie nach Hause schaffen. In Haibane Renmei ist es quasi andersrum. Sie bekommen einen neuen Namen und erfahren ihren alten nicht. Ihr neuer Name gibt aber über etwas sehr wichtiges Aufschluss und soll ihnen zu einer Selbsterkenntnis und Erinnerung verhelfen. Der Rest muss von ihnen kommen, um ihr Schicksal zu erfüllen. Wer sich die Stadt mit der Mauer anschaut und gerne Haruki Murakami liest, erlebt vielleicht ein Déjà-Vu. In seinem Roman Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt gibt es im zweiten Segment („Das Ende der Welt“) ebenfalls eine Stadt, die von einer Mauer umgeben ist. Oder vielmehr eine weitläufige Gemeinde. Der Protagonist wacht einfach in dieser Welt auf, kann sich nicht mehr an sein früheres Leben oder seinen Namen erinnern und führt ein ähnliches einfaches Leben wie die Haibane und tritt einen Job in der Gemeinde an. Die anderen an diesem Ort kümmern sich um ihn. Im Gegensatz zu den Haibane hadert er aber damit. Ähnlich wie Rakka will er aber wissen, was für ein Leben er einmal führte. Es gibt Quellen, die besagen, dass ABe sich von dem Roman beeinflussen ließt, es gib welche die behaupten das Gegenteil. In jedem Fall sind beide Geschichten vom Look and Feel her sehr ähnlich. Während es in Murakamis Roman Menschen gibt, die abgeschieden von anderen in einem Wald leben, ist es bei Haibane Renmei eine Fabrik, usw.

Ursünde und die Bedeutung von Namen

(Die nächsten drei Absätze enthält gravierende Spoiler)

Es gibt im Internet unglaublich viele Fantheorien, wovon Haibane Renmei genau handelt oder was die Haibane und die Stadt mit der Mauer symbolisieren. Bereits in der ersten Folge hatte ich ein seltsames Gefühl bei dem Anblick von Rakka, die in ihrem Traum scheinbar ins Bodenlose fällt. Da man Engel oftmals mit Himmel und dem Leben nach dem Tod verbindet, bekam auch ich damals den Gedanken, der auch die weit verbreitete Fantheorie ist, dass die Haibane sich entweder im Vorort zu Himmel oder Hölle befinden oder allgemeiner gesprochen im Leben nach dem Tod verweilen. Das Ende der Serie macht das umso deutlicher, indem es Licht ins Dunkel bringt, was die Namen der Haibane betrifft. Anfangs wird gesagt, dass jede Haibane nach irgendetwas benannt wird, dass sie in ihrem ersten Traum (im Kokon/während ihrer Ankunft) sehen. Rakka bedeutet dementsprechend fallen, während Reki kleiner Stein oder Kiesel heißt, weil sie in ihrem Traum einen solchen Pfad aus Kieseln oder Kies gesehen hat. Später erfährt Reki, dass der Pfad aus Kieseln eigentlich ein Gleisbett war und ihr Name auch nicht nur einfach Kiesel bedeutet, sondern noch eine zweite Lesart hat: in Stücke gerissen bzw. überfahren werden. Wer nicht bereits vorher eine Ahnung hatte, weiß es spätestens jetzt: die Haibane sind Verstorbene, leben ein Leben nach dem Tod als Haibane und es drängt sich die Theorie auf, dass Reki und vielleicht auch Rakka Selbstmord begangen haben. Zumindest gibt das Aufschluss über die sogenannten Ursündigen, d.h. die Haibane deren Flügel sich schwarz färben wie Rekis und Rakkas es tun.

Die Serie bringt zum Nachdenken. Im Gegensatz zu der anfänglichen Theorie, denke ich inzwischen eher, dass nicht alle Haibane in ihrem früheren Leben Selbstmord begangen haben müssen. Vielmehr sind sie möglicherweise zu früh, gewaltsam oder mit schwerem Bedauern aus dem Leben geschiedene Menschen, die nun ein friedvolles Leben nach dem Tod fristen dürfen – vielleicht um ihre verlorene Lebenszeit wieder aufzuholen oder um ihren Frieden zu finden. Was mich rührt und zu der Theorie bringt, sind die vielen kleinen Kinder, die als Haibane von Reki unterrichtet werden. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Kinder beschlossen haben Selbstmord zu begehen, da sie scheinbar die Mehrzahl der Haibane ausmachen und als Kinder (vielleicht? hoffentlich?) nicht genug Zeit hatten soviel vom Leben kennenzulernen, dass sie auf die Idee kommen könnten Selbstmord zu begehen. In der ersten Folge deutet es sich erst an, dass die Namen der Haibane Aufschluss über ihren ersten Traum und wahrscheinlich auch ihre Todesursache geben. Aber der bittere Moment der Erkenntnis kommt, wenn man sich das später in Erinnerung ruft und versteht, was das für die Charaktere bedeutet. Am gewalttätigsten klingt dabei wohl Rekis Name. Zerrissen werden. Überfahren werden. Aber auch die Anderen: Hikari war in ihrem Traum von gleißenden Licht umgeben. War es Feuer? Ist sie etwa verbrannt? Nemu ist schläfrig und so gibt es auch ihr Name wieder: hat sie in ihrem früheren Leben zuviel Schlaftabletten genommen? Kana heißt fließendes Gewässer und Kuu Luft – ertrunken und erhängt oder erstickt? Und Rakka? In den Tod gestürzt. Es klingt plötzlich so krass und brutal, obwohl die Serie uns so viele Folgen über mit schönen und ruhigen Bildern verwöhnt hat.

Aber das ist es eben nicht worum es geht, obwohl man als Zuschauer die grausame Erkenntnis dringend braucht, wofür die Namen stehen. Es ist einer Erinnerung daran wie endgültig der Tod ist, wie wertvoll das Leben. Auch Reki, Rakka und die anderen müssen sich nicht zwangsläufig für den Freitod entschieden haben, es können auch alles Unfälle gewesen sein. Und die Ursündigen sind dann vielleicht diejenigen, die den Tod leugnen. Die sich damit nicht abfinden konnten und zunehmend bitter wegen der Endgültigkeit werden. Oder sie haben sich doch für den Freitod entschieden, konnten sich aber von dem befreien, was sie dazu bewegt hat? Nicht verstehen oder darüber wegkommen, warum passiert ist, was passiert ist? Es gibt viele Deutungsmöglichkeiten für die Ursünde, für die Haibane. Vielleicht werden sie wiedergeboren, wenn sie verschwinden. Vielleicht fahren sie in den Himmel. Vielleicht ist die Botschaft: Selbsterkenntnis ist das, was dich weiter bringt, auch wenn sie manchmal bitter schmeckt. Akzeptieren, um Hilfe fragen, auch wenn es manchmal weh tut. Und tatsächlich ist niemand so alleine wie er denkt, dass er ist. Dafür ist Reki wohl das beste Beispiel, die sich für einen Imposter unter den Haibane hält. Aber genauso wenig eine schlechte Haibane ist wie sie sich für alleine hielt und Haibane Renmei letzten Endes ein wahrer Iyashikei, ein „heilsamer Anime“. Er verurteilt nicht, er sagt du bist von Sünde befreut, sobald du etwas als Sünde anerkannt hast. Er will uns lehren, das Leben mehr ist und Glück im Alltäglichen und im Miteinander steckt. In Aufgaben, in Gaben, im Aufwachen. Er sagt nicht, dass du fehlerfrei sein musst – ein Engel mit schneeweißen Flügeln. Sondern einer mit grauen oder schwarzen. Letzten Endes bist du es, der entscheidet wer du bist und wo deine Reise hingehen soll.

Was ihr hier lest, sind meine Gedanken und das was mich am meisten während des Schauens dieses wunderbaren Anime beschäftigt hat. Aber der lässt sehr viele Deutungen zu und behandelt noch weitaus mehr Themen als ich hier aufgegriffen habe. Beispielsweise das Thema Depressionen, denn das ist es, worin Rakka verfällt als sie eine schwere Krise durchstehen muss. So gibt es auch Hinweise auf einige psychische Erkrankungen – versetzen sie Rakka evtl in einen ähnlichen Zustand wie sie in ihrem früheren Leben erlebt hat? Es gibt soviel zu spekulieren. Erstaunlich schwere Themen für einen Anime, der so ruhig und slice of life-ig beginnt. Wie seht ihr das? Kennt ihr den Anime? Was sind eure Theorien? Übrigens kann man den Anime derzeit noch bei Watchbox schauen.

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).