Serienlandschaft: Wie sich „American Gods“ selbst zerstört(e). Oder auch nicht.

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Unglaublich aber wahr. Vergangene Woche erschien der Trailer zu „American Gods“ Season 2. Ich hatte ernsthaft Zweifel, dass wir diese Staffel zu Gesicht bekommen würden. Die Geschichte des drohenden Untergangs einer der besten Serie der letzten Jahre. Fast ein Krimi.

Vielleicht eine der besten Serien. Vielleicht geht nichts schief.

Wie habe ich American Gods gefeiert! Es war das erste Buch Neil Gaimans, das ich gelesen habe und die Nachricht, dass es eine Serienadaption bekommen würde, hat mich fast umgehauen. In solchen Situationen weiß man kaum, ob man feiern oder die Neuigkeiten verdrängen soll. Könnte ja auch schlecht werden. Aber die Nachricht, dass Bryan Fuller als kreativer Kopf am Projekt tätig sein würde, war vielversprechend. Schließlich hat er schon Hannibal, ebenfalls eine meiner Lieblingsserien (schmerzlich vermisst), in ein rauschendes Fest der Sinne verwandelt. Und ähnlich verhielt es sich mit American Gods, das in der Serienadaption noch eine Schippe draufsetzte und eine Aktualisierungskur verpasst bekam – Stichwort Trump Ära. Es war grandios! Ein Slow Burner, aber grandios. Lange dachte ich, dass die größte Gefahr wäre, dass es wie andere Serien Fullers (Hannibal, again) abgesetzt wird, weil es sich an ein sehr spezielles Publikum richtet und daher nicht die Masse anspricht und nicht die nötigen Gewinne ausschüttet. Aber es lief etwas ganz anderes schief.

Von den Göttern verlassen

Wegen kreativen und finanziellen Differenzen gingen zuerst die Showrunner Bryan Fuller und Michael Green (Quelle: io9, 2017-11-29) und nach ihnen ging Gillian Anderson und danach Kristin Chenoweth – fast wie Dominosteine, wie eine Kettenreaktion. Es muss allerdings nicht nur mit bösem Blut geendet haben, wenn man Fullers und Greens vollen Zeitplan betrachtet. Vielleicht mussten sie Prioritäten setzen und nach Diskussionen und dem Äußern von Konditionen fiel American Gods schlichtweg hinten runter? Wie auch immer es war: tragischer Ausgang für Fans (wie mich). Sowohl Anderson als auch Chenoewth haben in früheren Projekten mit Bryan Fuller zusammengearbeitet (Anderson: Hannibal, Chenoweth: Pushing Daisies). Gillian Anderson gab an, dass ihr Grund für den Ausstieg war, dass Fuller und Green gegangen sind. (Quelle: Nerdist, 2018-01-05) Das ist v.A. deswegen so dramatisch, weil sie locker die Hauptcharaktere in den Schatten gespielt hat. Sie hat die neue Göttin „Media“ verkörpert, die sich den alten Göttern und Religionen entgegen stellt und war die mit Abstand stärkste und stilechteste Repräsentation unter den neuen Göttern. Sie wurde für Preise nominiert und bspw. ihre an David Bowie angelehnte Darstellung oder die an Marilyn Monroe waren erstklassig. Sie zu verlieren bedeutet, dass der Spaß geht und die Gefahr geht, die von den neuen Göttern ausgeht. Das ist eine schlechte Bilanz. Ähnlich gravierend: Kristin Chenoweth als Easter, die als Fruchtbarkeitsgöttin im Finale der ersten Staffel einen starken Eindruck hinterlassen hat. Man kann sagen eine waschechte Machtdemonstration. Uff, das hinterlässt ein Loch. Kann eine Narration, eine Vision, egal wie gut sie ist, das verkraften?

„American Gods – Gillian Anderson’s Media as Marilyn Monroe“, via blablah (Youtube)

„American Gods S1 EP8 „Ostara of the Dawn“ Clip“, via Destiny Of the Endless (Youtube)

Was bleibt, was kommt

Wenn bedeutende Figuren gehen, dann stellt sich die Frage: wie damit umgehen? Einfach neu casten? Das wäre in der Mythologie der Serie nicht mal unmöglich, warum sollten denn Götter immer in derselben Gestalt erscheinen? Aber Fans bemerken das natürlich so oder so. Die Charaktere aus den Serien schreiben? Wäre fatal bei dem starken Eindruck, den Anderson als Media hinterlassen hat und bei dem Umstand, dass die alten Götter ganz gut Easters Unterstützung gebrauchen können. Da ist die Vorarbeit zunichte. Nun wurde aber die Figur „Media“ neu gecastet und zu „New Media“ umgeschrieben. Kahyun Kim tritt in Andersons Fußstapfen (Quelle: tvline, 2018-06-04) als ein neuer Gott, der sich nun nicht mehr Medien wie Radio und Fernsehen widmet, sondern sozialen Medien. „New Media“ ist Instagram, Influencer, Youtube, Twitter – den Rest könnt ihr euch denken. Kein schlechter Schachzug. Einen kurzen Blick kann man im erst letzte Woche veröffentlichten Trailer bewundern.

„American Gods season 2 – Official Trailer | Prime Video“, via American Gods (Youtube)

Es geht also weiter und wir dürfen gespannt sein, ob die Serie noch so gut funktioniert wie bisher. Aber ein Sorgenkind bleibt sie wohl. Der Nachfolger von Fuller und Green, Jesse Alexander, hatte zuletzt den Status „fired but not fired“. (Quelle: Screenrant, 2018-09-12) Ich würde wirklich gern Mäuschen spielen, was bei denen abgeht. Schaut man sich die Produktionsdetails an, dann hat American Gods inzwischen eine sehr bewegte Geschichte aus neu geschriebenen und abgelehnten Drehbüchern. Wieviele Differenzen kann man haben? Welche Versionen der Serie wird man nie zu Gesicht bekommen, die man hätte haben können? Neil Gaiman, der Autor der Literaturvorlage, bleibt immerhin eine Konstante der Produktion.

Neil Gaiman und die Schäfchen im Trockenen

Währenddessen hat Neil Gaiman u.a. auch noch an Good Omens mitgewirkt, wofür er auch die Literaturvorlage schrieb (zusammen mit Terry Pratchett). Sowohl American Gods war exklusiv auf Amazon abrufbar (obwohl oder gerade weil eine STARZ Serie) und Good Omens ist eine Amazon Produktion. Man erkennt schon ein Muster. Wie passend, dass Gaiman gerade einen Overall-Deal für kommende Projekte unterschrieben hat. (Quelle: Serienjunkies.de, 2018-10-02) Die Schäfchen im Trockenen und so, die Zukunft gesichert und so. 😉 Ich bin darüber alles andere als böse, zähle ich mich doch zu seinen Fans.

Wie seht ihr die bewegte Produktionsgeschichte von „American Gods“? Vermutet ihr, dass die Qualität gehalten wird oder seht ihr das Projekt den Bach runtergehen?

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).