NOIRvember 2018 – Filmbesprechungen („Shanghai“, „Im Zeichen des Bösen“, „Rififi“, „Live by Night“) & Fazit

Posted by in 1955, 1958, 2010, 2016, Film, Frankreich, Heist/Caper Movie, Krimi und Noir, Literaturverfilmung, Schwarzweißfilm, Serienlandschaft, Spielfilm, Thriller, USA

Das war es schon wieder mit dem NOIRvember! Dieses Mal hat mich film noir besonders zum Ende hin sehr mitgerissen. Also muss ich mit meiner Filmauswahl wohl etwas richtig gemacht haben. Tatsächlich würde ich am liebsten sofort weiterschauen, v.A. was die Schwarzweißfilme betrifft. Und um es meinem End-Fazit schon mal vorwegzunehmen: ich habe den vielleicht besten Heist-Movie gesehen, der für mich alles was ich bisher gesehen habe, übertrifft. 🙂 Neugierig geworden?

Shanghai

Mikael Håfströms Noir-Film, dessen Schauplatz und Titelgeber (aber nicht Originaldrehort) Shanghai ist, erinnert zu Beginn an den Noir-Klassiker Der dritte Mann. „Paul Soames“ ist die Tarnidentität eines amerikanischen Agenten (John Cusack), der 1941 in Shanghai seinen Freund Connor (Jeffrey Dean Morgan), ebenfalls Spion, treffen soll. Kaum erreicht er aber Shanghai, ereilt ihn die Nachricht, dass Connor gestorben ist. Mehr noch: er wurde scheinbar getötet. Soames nutzt seine Scheinidentität als Journalist und seinen Auftrag in Kreisen der Deutschen zu ermitteln und sich als Nazi-Sympathisant auszugeben, um ebenso im Fall seines ermordeten Freundes zu ermitteln. Im zunehmend durch die Japaner besetzten und kontrollierten Shanghai trifft er dabei auf den Unterweltboss Anthony Lan-Ting (Chow Yun-Fat) und seine Frau Anna (Gong Li), die eine gefährliche Doppelrolle einnimmt.

„SHANGHAI | Trailer deutsch german [HD]“, via vipmagazin (Youtube)

Regisseur Mikael Håfström hat den Noir-Thriller erfolgreich nach Asien verlegt. Im Grunde hat Shanghai alles, was man in einem Noir-Thriller sucht. Eine Femme Fatale (die atemberaubende Gong Li, die man zuletzt zu wenig in aktuellen Produktionen gesehen hat, d.h. leider gar nicht) und einen Ermittler, der Vergeltung sucht (John Cusack), sowie das Plus an moralischer Zwangslage – hier dank der politischen Situation. Shanghai ist 1941 ein Schmelztigel aus Amerikanern, Briten und Deutschen, die aus einer Vielzahl von Gründen in der Stadt residieren und agieren und Japanern, die versuchen Shanghai wie den Rest Chinas einzunehmen. Erwähnenswert ist hier Ken Watanabe in der Rolle des japanischen Militärs Tanaka. Zwischen all den Charakteren und Gong Lis dargestellter Femme Fatale mit Gewissen entsteht bald ein sensibles Geflecht, das aber kaum reicht um den Film zu tragen. Das Drehbuch von Hossein Amini lebt vor Allem vom Zeitgeist, der Geschichte und politischen Zwanagslage, was u.a. auch dank Kostüm und Maske nicht gänzlich die Noir-Atmosphäre einbüßt. Der Rest der Handlung ist erschreckend dünn und „einfach“. Was dem Film hoch anzurechnen ist: alle Darsteller sind mit Muttersprachlern besetzt. Seitens der Deutschen so beispielsweise Franka Potente. Die Filmschaffenden waren hier allgemein sehr um Authentizität bemüht, leider ließ man sie nicht im echten Shanghai drehen. Vor Allem wegen der Authentizität, aber auch wegen der hölzernen deutschen Synchro, sollte man unbedingt im O-Ton schauen.

Shanghai, USA, 2010, Mikael Håfström, 105 min, (7/10)

Sternchen-7

Im Zeichen des Bösen

Orson Welles Adaption eines Kriminalromans ist ein film noir Klassiker, der aber Welles Bild über die Traumfabrik Hollywood wohl ein weiteres Mal erschütterte. Zuviele Anpassungen, zu wenig künstlerische Freiheit, zuviel fiel der Schere zum Opfer. Seit 1998 wird die ursprünglich angedachte Schnittfassung vertrieben. Welles Adaption, in der er sowohl Regie führt, als auch das Drehbuch aus dem Roman adaptierte und auch den zynischen Detective Quinlan verkörpert, ist aber ein Paradebeispiel für film noir. Der Film spielt in einer Kleinstadt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Der Tod eines wohlhabenden Amerikaners sorgt für Aufregung: sein Auto explodierte quasi mitten auf der Grenze. Mit ihm darin. Der Fall der Bombenlegung beschäftigt sowohl den amerikanischen Ermittler Hank Quinlan (Welles), als auch den mexikanischen Drogenfahnder Miguel Vargas (Charlton Heston), der sogar Augenzeuge war. Er muss seine frisch angetraute Susan (Janet Leigh), die auf die Flitterwochen wartet, vertrösten und begleitet die Ermittlungen in dem Fall und begegnet dem renommierten, aber heruntergekommenen Quinlan mit Misstrauen. Gleichzeitig tritt der Drogenboss Grandi (Akim Tamiroff) auf den Plan, der Susan verfolgt und erpresst, da Vargas ihm das Geschäft ruiniert. Nach und nach spitzt sich die Geschichte zu und bald ist Gut nicht mehr von Böse zu unterscheiden, wenn auch bezeichnende Sätze fallen wie

„All bordertowns bring out the worst of the country.“

Tatsächlich ist der Titel hier Programm. Vorrangig in der Figur des Detective Quinlan wird der moralische Verfall demonstriert. Der Ermittler ist bekannt für seine treffsichere Intuition, hat aber auch nach privaten Rückschlägen seinen moralischen Kompass verloren und will Unrecht (oder das was er dafür hält) so vehement bestrafen, dass er sogar dafür über Leichen geht. Charlton Hestons Vargas ist eine sehr geradlinige und deswegen tatsächlich auch etwas langweilige Figur. Zwar fiebert man mit ihm mit und seine Meschenkenntnis trügt ihn nicht, aber was den Verbleib seiner Frau betrifft, ist er mehr als naiv. Janet Leigh als Susan Vargas hingegen ist überraschend cool und schlagfertig – ich möchte fast sagen, dass sie den Film in der ersten Hälfte maßgeblich belebt und Rückenwind gibt. Umso krasser ist es wie sich das Blatt für sie wendet und den Film anfangs von einem saloppen genreübergreifenden Schwarzweißfilm zu einem abgründigen film noir entwickelt, dessen Ende den einen oder anderen (moderaten aber spürbaren) moralischen Twist gibt. Sehr zu empfehlen. Man beachte außerdem Marlene Dietrich in einer Nebenrolle.

Im Zeichen des Bösen (OT: Touch of Evil), USA, 1958, Orson Welles, 106 min, (8/10)

Sternchen-8

Rififi

Der Titel Rififi mag selbst für diejenigen, die des (Alltags- oder Touristen-)Französischen mächtig sind, nicht besonders aussagekräftig sein. Der französische Originaltitel ist Du rififi chez les hommes und bedeutet soviel wie „Krawall zwischen den Männern“. Die Zeile kommt in einem Song vor, der von der Nachtclub-Sängerin Viviane (Magali Noël) zum Besten gegeben wird, in die sich sofort einer unserer Hauptcharaktere, César (gespielt von Regisseur Jules Dassin), verliebt. Er gehört zu einer Gruppe von „Spezialisten“, die sich für einen vielleicht legendären Raubzug zusammentun. Im Zentrum der Handlung steht der „sanfte Tony“ (Jean Servais), der gerade erst fünf Jahre abgesessen hat und noch vom Knastaufenthalt gezeichnet ist. Ebenso teil der Truppe ist sein Kumpel Jo (Carl Möhner), den er damals nicht ausgeliefert hat und der dem Gefängnis dadurch entgangen ist. Ebenso mit von der Partie sind Mario (Robert Manuel), ein Kumpel von Jo und César, ein italienischer Safeknacker, den sie extra kontaktieren, weil der geplante Beutezug es in sich hat. Nicht nur, dass der Safe des ins Auge gefassten Juweliers besondere Herausforderungen an sie stellt, es ist auch das Alarmsystem. Kann der Raub gelingen?

„Rififi – Trailer“, via Rialto Pictures (Youtube)

Dassin war scheinbar ein echter Tausendsassa. Der Regisseur hat auch in seinem Film eine Rolle übernommen und am Drehbuch mitgewirkt. Der geniale Raubzug ist inspiriert durch den „stummen“ Raubzug in Asphalt-Dschungel und setzt noch eins drauf. Man sieht in dem Schwrazweißfilm die Schweißperlen auf der Stirn der Vier und ist minutenlang dabei und in tiefer ebenso Anspannung, ob sie entdeckt werden und gleichzeitig fasziniert davon mit welchen einfachen Mitteln sie den minutiös geplanten Raub ausführen. Rififi kann was die Spannung und Charaktermomente betrifft leicht die geistige Vorlage für die Oceans-Filmreihe gewesen sein, beeindruckt aber durch die bodenständigen Mittel und den Kraftakt des Bruchs, den Tony und seine Kollegen vollführen. Den Noir-Charakter und auch das Mitgefühl bekommt der Film v.A. dadurch, dass die Charaktere alle vorher ihre fünf Minuten bekommen, um ihr Dilemma zu erläutern, ihre Geschichte und ihren Charakter zu erklären. Man wünscht es ihnen regelrecht, dass sie mit wehenden Fahnen und dicken Juwelen in der Tasche davonkommen. Aber es wäre kein film noir, wenn das so einfach wäre. Eine Wucht von einem Film. Schlau, gekonnt inszeniert, wunderbare Mise en Scène und tiefgründige Charaktermomente.

Rififi (OT: Du rififi chez les hommes), Frankreich, 1955, Jules Dassin, 115 min, (9/10)

Sternchen-9

Live by Night

In seiner inzwischen vierten Regiearbeit adaptierte Ben Affleck wieder einen Dennis Lehane-Roman und tritt in Live by Night auch als Hauptdarsteller in der Rolle des Kriegsheimkehrers Joe Coughlin auf. Vom Krieg ausgespuckt und orientierungslos will er mehr vom Leben und schlägt eine kriminelle Laufbahn ein entgegen dem was sein Vater ihm vorgelebt hat. Er beginnt eine Affäre mit Emma Gould (Sienna Miller), der Geliebten des irischen Gangster-Bosses Albert White (Robert Glenister). Der Titel des Films ist dabei eine Anspielung auf eine Zeile Emmas, die ihm von einem Leben erzählt, in dem sie keinen Regeln anderer folgen müssen und tun und lassen können, was sie wollen. Wie beispielsweise nachts wach sein. In Zeiten in denen die irischen Gangs mit der italienischen Mafia im Clinch liegen und ständig irgendwo eine Bombe hochgeht, mehr als schwer.

Der Film fängt in zwei sehr langen Stunden das Leben Joes ein, der mehr als einmal geläutert wird, obwohl er im Gegensatz zu seiner Umwelt regelmäßig nach seinem Gewissen handelt. Es ist fast so als ob man in den 129 Minuten drei Leben miterlebt – und das ist positiv. Der Film fühlt sich wie ein Ritt durch eine ganze Ära an, die zum Einen die amerikanische Geschichte in Auszügen schildert als auch die Ausmaße, die der Machtkampf der Gangs untereinander annimmt. Verblüffend ist wie schwer sich Menschen das Leben machen können, die dasselbe Dilemma teilen. Der Rassismus der Gangs untereinander beispielsweise. Die Iren nennen die Italiener die Spaghetti-Fresser und als noch Kuba und die Spanier ins Spiel kommen, ist sich keiner mehr Grün. Der allgegenwärtige Rassismus, dem Joe sogar sehr mutig entgegen blickt, macht vor nichts halt, obwohl im Grund alle in einem Boot sitzen. Aber eben nicht mehr, wenn es um Geld und Macht geht. Ressourcen, die keiner dem anderen gönnt. Was das betrifft, ist Live by Night wirklich ein passabler Gangsterfilm und film noir, der überraschenderweise durch seinen Epos-Charakter etwas gewinnt, aber durch sein kitschiges Ende verliert.

Live by Night, USA, 2016, Ben Affleck, 129 min, (8/10)

Sternchen-8

Djim Loic

Mal abgesehen von Filmen …

Ja in der zweiten November-Hälfte gab es tatsächlich ein „Abgesehen von Filmen“. Ich weiß gar nicht in welche Schublade ich Hari Kunzrus Buch White Tears stecken soll. Aber wer braucht schon Schubladen? Es vereint Krimi, Thriller, Drama, Satire und packt noch einen Schuss Mystery drauf. Das Buch handelt von zwei Musik-Aficionados, die frisch von der Uni kommen und dank der steinreichen Familie des Einen ein Tonstudio aufmachen. Einer der beiden Kumpel ist zwar nicht steinreich, aber nimmt gern Umgebungsgeräusche z.B. im Park auf und erwischt dabei zum Einen einen Song, der an Blues der 20er Jahre erinnert und eine Gitarrennummer. Sie beschließen beides zusammen zusamplen, lassen es wie einen Song einer alten Platte klingen und stellen es als den Graveyard Blues eines gewissen Charlie Shaw ins Internet. Dort beginnt der Song für Furrore zu sorgen. Als aber jemand behauptet Charlie Shaw zu kennen und einer der beiden Kumpel fast tot geprügelt wird, überschlagen sich die Ereignisse und Nachforschungen werden fällig. Ein irre gutes Buch, das ich hier im Blog nochmal ausführlicher bespreche, v.A. wegen seiner Thematik wie Polizeigewalt und der Beziehung zwischen Farbigen und Weißen. Insgesamt sehr noir-ig und empfehlenswert.

Fazit

Das war ein stetig guter NOIRvember. 🙂 Mit Der dritte Mann startete das Vorhaben schon ganz gut und nach ein paar Auf uns Abs endete es ähnlich stark. Gerade die Filme in der zweiten Hälfte haben meinen Geschmack gut getroffen und hatten diverse und spannende Themen, gut ausgearbeitete Handlung und Charaktere. Nicht übel! Man kann auch quasi behaupten, dass der Noirvember bei mir mit Orson Welles startete und (fast) endete. Da ich Welles mal mehr in Filmen sehen wollte, war das quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Und was war nun der beste Film, den ich gesehen habe? Ganz klar Rififi. Noch mehr: Rififi ist für mich DAS Heist-Movie geworden. Ein sehr spannender und cooler Film, den ich euch sehr ans Herz lege. Damit endet der Noirvember leider schon für mich und bedeutet nach Horrorctober und vor Japanuary für mich, dass ich mal eine Werkschau-Pause einlegen kann. 🙂 Da habe ich nichts dagegen und werde mit Sicherheit zu dem einen oder anderen Weihnachtsfilm greifen.

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung und Filmliste
Zwischenfazit: „Der dritte Mann“, „L.A. Confidential“, „Asphalt Dschungel“, „Shimmer Lake“

Header Image Photo Credits: Djim Loic

Habt ihr am Noirvember teilgenommen? Und welcher Film hat euch am meisten mitgerissen? Habt ihr Empfehleungen für film noir? Was mich besonders interessieren würde, wäre „nordic noir“ und „neo noir“. Letzters, weil mir da keine Vertreter mehr einfielen, die ich nicht schon kenne (aber es gibt bestimmt mehr) und „nordic noir“ möchte ich mich evtl mal im nächsten Noirvember widmen. Legt ihr jetzt auch erstmal eine Pause von den Filmchallenges ein oder gehts weiter mit Weihnachtsfilmen? 🙂