Serienlandschaft: Besprechung zu „Castle Rock“ Season 1

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Als Stephen-King-Fan (mit Stephen-King-Krise) beobachte ich sehr genau und mit großem Interesse was sich bei den Adaptionen tut. Besonders gespannt, war ich aber auf „Castle Rock“ aus dem Hause Hulu, das eine eigene Story verspricht, die nur lose an den Kingschen Kosmos angelehnt ist und eben dort spielt, wo Stephen King zahlreichen Horror wie in „Cujo“ entfesselt hat. Wieviel Horror, Originelles und wieviel „King“ steckt in der Serie? Reviews sind spoilerfrei.

„The Kid“

Castle Rock beginnt mit der Szene des wohl eigentümlichsten und ebenso derbsten Selbstmords, den man in einer Serie gesehen hat. Der ehemalige Gefängnisdirektor Lacy (Terry O’Quinn) hat sich das Leben genommen ohne dass seine Angehörigen auch nur ein Anzeichen oder Tendenzen erkannten. Als seine Nachfolgerin antritt, bemerkt sie im Shawshank-Gefängnis einige Ungereimtheiten wie einen ohne erkennbaren Grund komplett verwaisten Flügel des Gebäudes. Dort finden die Angestellten einen Bunker, indem ein junger Mann gefangen gehalten wurde. Schnell ist klar, dass er sehr lange dort war und wahrscheinlich von Lacy dort eingesperrt und am Leben gehalten wurde. Wegen seines jugendlichen Aussehens wird er von allen nur The Kid (Bill Skarsgård) genannt. Er scheint vollkommen verstört zu sein und sagt nichts außer „Henry Deaver“. Henry Deaver ist aber ein anderer – nämlich ein Anwalt (André Holland), der ebenso eine Vergangenheit mit Castle Rock hat. Seine plötzliche Namensnennung ruft ihn auf den Plan. Und seine Rückkehr wirbelt einigen Staub auf. Wer ist der Mann aus dem Bunker, warum wurde er gefangen gehalten und was hat Henry Deaver mit all dem zutun?

„Castle Rock Trailer Season 1 (2018) Stephen King J.J. Abrams Series“, via Series Trailer MP (Youtube)

„It wasn’t me. It’s this place!“

Der Aufhänger der Serie ist, dass in Castle Rock seit jeher viel Mist passiert ist. Man erkennt darin sowohl originelle als auch bei Stephen King entliehene Ideen. Eine der Neuschöpfungen ist beispielsweise das Verschwinden Henry Deavers als Kind. Nachdem er nach elf Tagen wieder auftauchte, keine Erinnerung hatte und kurz darauf sein Vater starb, munkelten alle, dass der Junge etwas damit zutun hat. Und das ist nur ein Beispiel. Gewalttätige Ausbrüche, Morde, etc. Immer wieder würden die Leute dabei sagen, dass sie wie von Sinnen gewesen wären. Dass sie es ja gar nicht wollten, sondern dass es am Ort liege. Tatsächlich wird dieses Castle Rock als ein sehr trister Ort dargestellt. Und das Motiv wird umso schärfer umrissen als nach und nach einige Enthüllungen über Lacy, Henry und The Kid bekannt werden. So sagte Lacy, dass der Junge das Böse wäre. Der Niedergang. Und dass er eigentlich die Stadt bewahren wolle. Tatsächlich geht in Castle Rock ziemlich die Post ab, als man ihn aus dem Bunker lässt. Und das stets in der unmittelbaren Umgebung des für voraussichtlich über zwanzig Jahre eingesperrten Mannes, der außerdem nicht zu altern scheint. Zufall?

Darf’s noch ein bisschen mehr King sein?

Der geneigte Leser brennt sicherlich darauf zu erfahren, ob in Castle Rock viel „King“ steckt. Das kann man sagen – so moderat. Ich persönlich wartete auf Nennungen von Pennywise, zumal Bill Skarsgård den Horror-Clown spielt und der Schauplatz von „ES“, das beschau(er)liche Derry; im Kanon nicht weit weg von Castle Rock ist. Ebenso wartete ich auf Nennungen von Leland Gaunt, dem „Big Bad“ in meinem liebsten King-Buch Needful Things (In einer kleiner Stadt). Und wurde enttäuscht. Weder das eine noch das andere hat bisher den Kanon der Serie erreicht. Sehr wohl aber Namen wie Desjardin, die Nennung des Amok-Hundes „Cujo“ und Charaktere wie der von Scott Glenn gespielte Sheriff Alan Pangborn. In der Serie befindet er sich im Ruhestand und hat eine sagen wir mal schwierige Beziehung zu Henry Deaver. Anfangs hat er scheinbar als Einziger eine vage Vorstellung davon, was in Castle Rock abgeht. Pangborn ist ein in Kings Romanen wiederkehrender Charakter, der u.a. in Stark – The Dark Half und Needful Things auftritt. Und sich somit dem „Bösen“ in Castle Rock schon einige Male stellte. Außerdem gibt es da noch den bisher kaum ausgebauten Charakter von Jackie Torrance, die von Jane Levy verkörpert wird. Sie ist eine clevere Einwohnerin Castle Rocks, die entfernt mit Jack Torrance (der Vater aus The Shining) verwandt ist und sich um ihre Familie zu ärgern nach ihm benannte. Am offensichtlichsten ist aber wohl das Shawshank-Gefängnis, das wohl die meisten kennen. U.a. aus der Kurzgeschichte, aus der auch der wunderbare Film Die Verurteilten adaptiert wurde. Und natürlich das offensichtlichste Merkmal: Castle Rock selbst und die teilweise unerklärlichen Dinge, die dort vorgehen.

„Castle Rock: The Search for Castle Rock Documentary • A Hulu Original“, via Hulu (Youtube)

Slow-burn-sing-along

Wer es bis in die zweite Hälfte der Geschichte schafft, wird belohnt. Einer Statistik von Netflix zufolge entscheiden ja die meisten Zuschauer bei der zweiten oder dritten Folge, ob sie abschalten. Damit hätte Castle Rock schlechte Karten. Anfangs hält einen am meisten die Frage, was The Kid und Henry Deaver miteinander zutun haben. Die düstere Grundstimmung in Castle Rock zieht den einen oder anderen Zuschauer an, stößt andere sicherlich aber auch ab. Viele Charaktere sind anfangs schwer einzuordnen oder ihre Motivation ist vollkommen unklar. Im Falle von Jackie Torrance wird das so bleiben. Sie ist clever, aber hat quasi keine Geschichte. Melanie Lynskey spielt Molly Strand und hat quasi die weibliche Hauptrolle. Ihr Dilemma ist ihre Gabe. Sie ist wie ein sozialer Wellenempfänger und kann Gedanken, Träume, Verfassung ihres Gegenübers empfangen, wird aber dadurch auch schwer beeinflusst. Die Erklärungen, das Auftreten und wie die Figur eingeführt wird, sind Geschmackssache. Insgesamt ist der Cast aber großartig. André Holland hechtet als Henry Deaver bald von einer Katastrophe zur nächsten in Castle Rock und wird Sympathieträger. Ihm bleibt nichts erspart. Entfremdung von seinem Sohn, mit seiner dementen Mutter und ihrem Neuen (Alan Pangborn!) klarkommen, den Fall von The Kid übernehmen, seine eigene Vergangenheit entschlüsseln und irgendwie Castle Rock trotzen. Carrie-Veteranin Sissy Spacek spielt seine Mutter Ruth, die unter Demenz oder Alzheimer leidet und legt eine fantastische Performance ab. Sie bekommt eine extra Folge gewidmet, die in der zweiten Hälfte der Serie spielt und wohl eine der stärksten ist, die ich in einer Mysteryserie überhaupt je gesehen habe. Der Horror der Selbstauflösung durch Demenz bekommt hier gepaart mit den Vorgängen in Castle Rock, der ungesunden Ehe, Reue und spätem Glück eine unglaublich bittersüße Note. Stark!

Bill Skarsgård ist als The Kid gewohnt souveränes Mystery-Material. Scott Glenn glänzt als raubeiniger Sheriff, der die eine oder andere fragwürdige Entscheidung getroffen hat. Insgesamt ist nicht jede Geschichte gelungen, die man den Bewohnern Castle Rocks auf den Leib geschrieben hat. Aber die Narrative, die all das verbindet ist ziemlich gut, wenn sich einige lose Enden in der zweiten Hälfte der Staffel verbinden. Da möchte man plötzlich gar nicht mehr ausschalten. Aber wie gesagt: soweit muss man erstmal kommen. Eine zweite Staffel wurde angekündigt, aber Achtung: das krasse „WAAARUUUUUM?“-Gefühl am Ende der ersten Staffel wird die vielleicht nicht auflösen. Denn: Castle Rock ist eine Anthologie-Serie und hat mit jeder Staffel andere Hauptcharaktere und Storylines. (8/10)

Sternchen-8

Diskussion des Finales

(Spoiler zu erwarten – „markieren“ zum lesen)

Nicht nur, dass mit der Erwähnung anderer Dimensionen Querverweise zu anderen Stephen-King-Geschichten wie der Dunkler-Turm-Reihe geknüpft werden, es macht The Kid zu einer tragischen Figur. Oder nicht? Der krasse Cliffhanger lässt mehrere Deutungsmöglichkeiten zu und schockiert. Einerseits ist da Henry, der den jungen Mann wieder einsperrt und das Erbe Lacys antritt. Auch wenn man nicht weiß, ob die Geschichte von The Kid stimmt, scheint es wie eine krasse moralische Entscheidung ihn weiter wegzusperren. Wie sicher ist sich Henry, dass der „andere Henry Deaver“ böse ist? Und wie sicher sind wir uns? Einerseits: wäre er böse, hätte er Pangborn längst umbringen und sich rächen können. Schließlich hat Pangborn zugelassen, dass Lacy ihn einsperrt. Andererseits: wenn er nicht böse ist, warum benimmt er sich dann wie ein Statist bei diversen schockierenden Situationen? Ist er böse, dann wäre seine rührende Geschichte erlogen. Das würde sein diabolisches Grinsen am Ende erklären. Auch dass Molly in einer anderen Dimension glücklich ist, wäre wahrscheinlich erlogen und umso trauriger. Was soll man sich also wünschen? Dass „The Kid“ die ganze Zeit über böse war, Henrys Tat aber gerechtfertigt ist? Oder dass er das eigentliche Opfer ist, aber Henry so wirr und von seiner Schuld überzeugt, dass er zu so einer grausamen Tat fähig ist. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Vielleicht hat der Wechsel zwischen den Dimensionen oder das lange eingesperrt sein „The Kid“ verändert. Und Henry auch? Vielleicht gibt die zweite Staffel darüber etwas Aufschluss.

Castle Rock kann man hierzulande auf Amazon Instant Video im STARZ-Channel schauen, d.h. nur mit Draufzahlung. (Monatlich kündbar.) Werde ich weiterschauen? Definitiv. Aber auch mir fiel es schwer das Geschehen zu Anfang der Staffel mit Spannung zu verfolgen. Wer auf große Stephen-King-Anleihen hofft und ein wahres Sammelsurium an Romancharakteren, der wird vielleicht enttäuscht. Die sich entfaltende Geschichte ist aber meines Erachtens nach sehr sehenswert.

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).