Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „The Gentlemen“

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Wenn ein neuer Film von Guy Ritchie in die Lichtspielhäuser kommt, warte ich meist nicht lange um ihn zu sehen. Ritchie steht für smarte Verwicklungen in der Storyline, oftmals Geschichten aus dem Bling-Bling-Gangster-Milieu, coole Typen, Witz und ein irre schnelles Pacing mit vielen Akteuren. Als ich den Trailer zu „The Gentlemen“ sah, dachte ich allerdings auch das erste Mal „sieht jetzt nicht so anders aus als andere Guy-Ritchie-Gangster-Filme“. Mal abgesehen davon, dass mit Michelle Dockery jetzt auch endlich mal wieder eine Frau mitmischen darf. Hält der erste Eindruck, was er verspricht? Besprechung ist spoilerfrei.

Da kommt man nach einem langen Arbeitstag voller schmutziger Angelegenheiten heim und hat nicht mal dann seine Ruhe. Auf Raymond (Charlie Hunnam) wartet schon der Privatdetektiv Fletcher (Hugh Grant), der ihm eine sensationelle Story verkaufen will in dessen Zentrum Raymonds Chef steht. Das ist der „Selfmade-Milliardär“ Mickey Pearson (Matthew McConaughey. Seine Ware: Gras. Als der sein Geschäft verkaufen und sich zur Ruhe setzen will, entbrennt ein Gebiets- und Machtkampf in England, in den sich u.a. die Chinesen rund um den „Dry Eye“ genannten Youngster (Henry Golding) einmischen. Gleichzeitig will Mickey einem seiner Geschäftspartner einen Gefallen tun und naja, es läuft ein bisschen was schief. Fletcher verspricht das für sich zu behalten, wenn Raymond und sein Chef ordentlich zahlen. Ein gewagter Plan, kann der gut ausgehen für alle Beteiligten?


„THE GENTLEMEN Trailer 2 German Deutsch (2020)“, via KinoCheck (Youtube)

Es ist erstaunlich, aber Guy Ritchie hat dieses Mal in zwei Stunden Spieldauer ein Pacing vorgelegt, bei dem man trotz der Masse an Akteuren gegen Ende noch einordnen kann, was warum wann passiert und wie die Allianzen oder Abneigungen sind. In früheren Werken Ritchies wie Snatch oder Bube, Dame, König, grAs war zumindest für mich irgendwann im Film der Moment erreicht, wo ich mich gefragt habe „Ach, warum macht der das nochmal?“ oder „Warte, wer war der doch gleich?“ Zwar schaut man die Filme zum Teil ja auch gerade wegen der rasanten Geschwindigkeit und vielen irren Charaktere, aber offenbar gelingt der Spagat Ritchie nun besser oder ich habe was dazu gelernt. Der Vergleich kommt aber nicht von ungefähr, denn wie schon zuvor befürchtet ähneln sich die Szenarien eben doch. Beispielsweise in der Masse an Akteuren, die versuchen andere aus dem Weg zu räumen und ihr Gebiet für sich abzuzwacken. Der größte Unterschied ist wohl, dass wir uns dieses Mal im Milieu von Edel-Gangster befinden, die sich nicht zwingend mehr selber die Hände schmutzig machen. Die über tausend Pfund teuren Scotch haben, wollen dass man sich verdammt nochmal die Schuhe auszieht bevor man die Wohnung betritt und die ein bisschen mehr Wert auf Hygiene legen. Sieht gut aus, ist nobel, aber gehörte bisher nicht unbedingt zur Guy-Ritchie-Formel. Früher waren es Zigeuner, deren Dialekt man nicht verstand und Klein-Gangster mit viel Straßenweisheit. Typischerweise suchen das viele Fans und vermissen nun eventuell etwas. Aber der Titel hatte uns ja vorgewarnt. Wir sind jetzt eben Gentlemen.

Apropos Gentlemen – die aus Downton Abbey bekannte Michelle Dockery spielt hier die Frau Mickeys, die ebenfalls ein Geschäft hat. Allerdings eine teure Edel-Tuning-Werkstatt betreibt, in der (hört hört) vorrangig Frauen arbeiten. Sie darf das Edel-Image des Films mit zugegebenermaßen atemberaubenden Outfits untermalen und bekommt ihre drei mal fünf Minuten, in denen sie auch wirklich tough sein darf. Aber das war’s dann auch schon. Und das ist wirklich eine Schande. Trotz des Settings, trotz ihrer toughen Figur und ihres Könnens kann man kaum sagen, dass das Drehbuch sie im Gentlemen-Club wirklich mitspielen lässt. Trotz der prominenten Platzierung auf dem Filmplakat und im Trailer, besteht es nicht mal den Bechdel-Test. Das ist sehr gewollt und schon ein kleines Armutszeugnis.

Auch wenn das für mich eine herbe Note Abzug gibt, kann der Film letzten Endes noch mit genügend anderen Merkmalen punkten. So gewöhnungsbedürftig der noble Gentlemen-Club ist, so herrlich sind aber andererseits ihre Schrullen. Wie oben bereits erwähnt ist es stark davon abhängig, was der Zuschauer erwartet. Sucht man Gangster-Slang: check. Schmutz und Straßenweisheiten: nope. Aber der Humor ist zuhauf da. Die Verwicklungen und Twists: check. An der einen oder anderen Stelle fühlt man sich an die Verfolgungsjagden anderer Filme erinnert, nur hier mehr als Persiflage. War es früher eine Jagd auf Leben und Tot, geht es jetzt mehr um Prestige und schlechte Publicity. Jetzt werden Kinder wegen ihrer Smartphones gejagt, weil sie etwas gefilmt haben, was niemand sehen soll. Und unsere Gentlemen kommen ganz schön außer Puste. Ganz schön cool ist der neue Guy Ritchie aber immer noch trotz all der kleinen Seitenhiebe, Schrullen und dem aufgesetzten Nobel-Image. Wegen des Realismus guckt man die Gangster-Filme von Guy Ritchie schließlich auch nicht, ne? Im echten Leben ist das ja wohl nicht so lustig. Was ich dem Film trotzdem hoch anrechne ist der Hauch Verantwortungsbewusstsein. Zwar muss sich ein Gangster eigentlich nicht als besser als ein anderer verkaufen, aber dass mal angedeutet wird, dass Gras im Gegenzug zu Heroin und Crystal Meth in der Regel keine Menschenleben und Familien zerstört, ist ja mal eine überraschend reflektierte Aussage.

The Gentlemen, UK/USA, 2020, Guy Ritchie, 115 min, (8/10)

Sternchen-8

Ja lustig und cool ist er schon der neue Guy Ritchie. Aber vielleicht sollte sich der Meister der Bit-Gangster-Komödien demnächst was neues einfallen lassen. Die Gangster in teure Anzüge zu stecken reicht dann irgendwann auch nicht mehr. Für alle diejenigen, die Realismus suchen, übrigens auch nicht. Die schmutzigen Geschäfte sind hier typischerweise verhältnismäßig sauber inszeniert. 😉 Wie hat euch der Film gefallen? Ist das Muster inzwischen für euch doch zu abgenutzt oder hattet ihr Spaß?