Fantastischer Film: Burning

Posted by in 2018, Arthouse & Indie, Fantastische Filme, Film, Genreübergreifend, Literaturverfilmung, Milieustudie, Review, Spielfilm, Südkorea, Whodunit

Das war eine lange Pause. Lee Chang-dong ist bekannt für seine komplexen und metaphorisch aufgeladenen Filme. Sein letzter war Poetry aus dem Jahr 2010. Erst 2018 legte er mit Burning nach. Der basiert auf Haruki Murakamis Kurzgeschichte Scheunenabbrennen aus dem Jahr 1983 und wurde inhaltlich von Japan nach Südkorea verlegt. Anders als man denken könnte, handelt der nur am Rande vom Abbrennen von Scheunen. Der Film beginnt mit dem jungen Arbeiter Lee Jongsu (Yoo Ah-in), der gern Schriftsteller werden möchte. Er trifft eine Klassenkameradin von früher wieder und verliebt sich in sie: Shin Haemi (Jeon Jong-seo). Beide beginnen eine Affäre kurz bevor Haemi in den Urlaub aufbricht, auf den sie lange gespart hat. Haemi kommt allerdings mit einem neuen Freund zurück: dem reichen, immer entspannten Ben (Steven Yeun). Konfrontiert mit dem Unterschied zwischen seinem und Bens Leben, kommt sich Jongsu schnell abgeschrieben vor und beäugt Ben kritisch. Meint er es ernst mit Haemi oder ist das nur der Zeitvertreib eines gelangweilten Reichen? Vor Allem zweifelt Jongsu, nachdem Ben ihm gesteht, dass er ab und zu alte Gewächshäuser abbrennt, um sich wieder lebendig zu fühlen.

Jongsu sieht dementsprechend etwas, dass Haemi nicht sieht oder nicht sehen will. Dass sie für Ben und seine reiche Klicke nur wie ein Äffchen im Zoo ist. Etwas drolliges, das man beobachtet und sich manchmal darüber wundert. Vielleicht ist sich Haemi dessen aber doch bewusst? Irgendwann verschwindet sie und in Jongsu keimt ein schrecklicher Verdacht. Man muss gestehen: bis dahin mäandert Burning sehr lange vor sich. Es würde mich nicht wundern, wenn man bis zu Haemis Verschwinden schon ausgeschalten hat. Neben ausdauernden Zuschauern richtet sich Burning an interpretierwilliges Publikum und ist daher eher keine Mainstream-Kost, die mit einer endgültigen Antwort aufwartet. Viel mehr ist es so, dass Lee Chang-dongs Film mehrere Deutungsmöglichkeiten zulässt. Ist Ben ein Psychopath oder gelangweilter Reicher, der der eigentlich bemitleidenswerte ist? Nicht selten erwischt Jongsu ihn dabei, dass er in geselligen Runden mit seinen gut situierten Freunden gähnt und sich scheinbar nicht so besonders amüsiert. Und Jongsu? Ist er zu Recht besorgt um Haemi oder sieht er aus Neid und verletzten Gefühlen nur, was er sehen will und ist damit nicht besser als sein sturer und gewalttätiger Vater? Ist man bereit das zu erkunden, ist Burning der richtige Film. Hinzu kommt eine schmerzhaft präzise ausgearbeitete Gegenüberstellung des Klassenunterschieds der Charaktere.


„BURNING Trailer Deutsch German (2019)“, via Moviepilot Trailer (Youtube)

Irgendwo zwischen Drama und Krimi lässt der Film seine Hauptcharaktere sogar selber formulieren und uns ins Gesicht sagen, was ihr Konflikt ist – falls Zweifel aufkommen. Für Jongsu ist „das Leben ein Rätsel“ und er wird mit einem überaus großen konfrontiert. Haemi identifiziert sich mit den Völkern, die sie in Afrika beobachtet hat und spricht vom „kleinen und vom großen Hunger“. Der kleine ist der leere Magen, der große Hunger aber ist der nach den Antworten auf die großen Fragen des Lebens: wo ist mein Platz? Bin ich glücklich? Was ist der Sinn meines Lebens? Neben all dem hört man die Nachrichtenmeldungen von Jugendarbeitslosigkeit in Südkorea und bekommt den schmerzhaften Unterschied von Jongsu/Haemi und Ben vor Augen gehalten.

Letzterer scheint in seinem Leben so perfekt gelangweilt zu sein und nicht auch nur einen Fingen krumm machen zu müssen, dass er sich gar der Hobbys der anderen annehmen kann (er liest Faulkner, weil Jongsu den Autor sehr schätzt). Wohingegen Haemi in einer winzigen Wohnung lebt, in der man nur Sonnenlicht hat, wenn der Sendemast am Hügel gegenüber das reflektiert – zu einem „magischen“ Augenblick irgendwann vormittags. Während Haemi davon träumt, dass ihr großer Hunger vergehen möge, lächelt Ben die Leere in sich weg. Jongsu steht irgendwo dazwischen und ist vielleicht eine Symbolfigur für Gerechtigkeit oder radikale Aufstiegswünsche – je nachdem was der Zuschauer interpretiert. Burning ist ein stiller und vom Tempo her sehr gemächlicher Film, der mit dem Thema der Klassenunterschiede das Thema der Stunde (außer Corona natürlich) adressiert und dabei den Zuschauer vor die Wahl stellt, welche Wahrheit unseren großen Hunger stillt.

Burning (OT: 버닝), Südkorea, 2018, Lee Chang-dong, 148 min

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆