Filmbesprechung „Family of Strangers“ & „A Girl Missing“ (Nippon Connection 2021)

Posted by in 2019, Drama, Film, Frankreich, Japan, Literaturverfilmung, Review, Spielfilm

Der Stapel an Besprechungen zur diesjährigen Nippon Connection schrumpft langsam, aber ein paar sind noch übrig. Gemeinsamer Nenner der heute besprochenen Filme ist, dass sie zum Festivalthema 2021 passen: „Family Matters“. Das doppeldeutige Motto wurde zum Festival wunderbar durch verschiedenste Filme präsentiert. Die beiden heute gehören zu der Sorte Film, die sehr dramatisch ist und die Protagonist*innen wie Zuschauende vor moralische Zwickmühlen stellt, die einem fast den Magen umdrehen. Besprechungen sind spoilerfrei.

Family of Strangers

Regisseur Hideyuki Hirayama hat mit Family of Strangers einen Roman von Hosei Hahakigi adaptiert, in dem drei Patienten einer psychiatrischen Klinik füreinander zu einer Ersatzfamilie werden. Hidemaru (Shōfukutei Tsurube) ist ein verurteilter Straftäter, der vor vielen Jahren gehängt werden sollte. Infolge des missglückten Vollzugs verblieb er querschnittsgelähmt und sitzt seitdem im Rollstuhl. Chu (Go Ayano) hat psychotische Schübe und ist freiwillig in der Klinik. Er könnte jederzeit gehen, aber er traut sich selbst nicht. Zudem hat er sich von der Außenwelt entfremdet, die ihm als feindseelig erscheint. Das beste Beispiel sind seine Angehörigen, die bis auf seine Mutter ausgesprochen kalt und wenig unterstützend reagieren. Gerade erst in die Klinik aufgenommen wurde Yuki (Nana Komatsu), die auch vor etwas flüchtet und sich direkt am ersten Tag das Leben nehmen will. Der Film stellt die ganz unbequemen und erschütternden Fragen, warum soviele Menschen von ihren Familien im Stich gelassen werden? Warum Fremde mehr Verständnis füreinander aufbringen? Und vor Allem stellt es die Frage, ob es für die Drei wieder ein Umfeld gibt, in dem sie sich außerhalb der Psychiatriemauern sicher fühlen?


„Family Of Strangers // Trailer“, via NipponConnectionTV (Youtube)

Family of Strangers ist ziemlich harter Tobak. Es sind ja nicht mal nur die Drei, sondern auch andere Patienten, die in Nebenrollen auftauchen und ebenso „draußen“ scheinbar keinen Platz haben. Es ist kein Film, der das Klinikpersonal verteufelt und spart sich dankbarerweise „Schwester Ratched„-Anleihen. Stattdessen wird darauf eingegangen wie die Fachkräfte für ihre Patienten einstehen und insbesondere gegen Ende erlebt man echtes persönliches Interesse, was eine Wohltat ist. Dafür ist er aber in anderer Hinsicht sehr Schwarz-Weiß. Es gibt kaum Charaktere außer dem Personal die Verständnis für die Drei oder die Patienten allgemein aufbringen. Nicht nur das – mit der enormen Ansammlung an Leid und Übergriffen, die die Drei ertragen müssen, schleicht sich der Verdacht ein gerade Misery-Porn zu schauen. Die in Rückblicken gezeigte emotionale Tortur der Charaktere hätte ja schon gereicht und zeichnet zumindest von ihnen ein vielschichtiges Bild. Aber es wird noch und noch eins draufgesetzt.

Dabei wird leider zu empfindlich an der vermutlich eigentlich zentralen Botschaft vobrei geskriptet, nämlich dass Abstempeln und Abschieben leichter ist als verstehen und behandeln. So als ob die Gesellschaft froh ist sich nicht kümmern zu müssen. Wir erfahren nicht, warum der enorm aggressive Shigemune (Kiyohiko Shibukawa) in die Psychiatrie eingeliefert wird. Wusste man nicht wohin mit ihm wie damals mit Hidemaru nachdem er die Todesstrafe überlebte? Was letzten Endes passiert ist, dass Shigemune eh schon fragile Mentalitäten dann nahezu zugrunde richtet. Das ist dann so bitter, dass man gar nicht mehr weiß wohin mit sich. Das kurze Intermezzo im Gerichtssaal setzt der Tortur dann noch eins drauf. Es mag den Sachverhalt gut illustrieren, aber es ist halt auch einfach höllisch schwer anzuschauen und stellt sich für mich die Frage wieviel Tortur es bentötigt um „einen Sachverhalt zu illustrieren“? Andererseits … vielleicht ist der Effekt auch beabsichtigt um das scheinbare Ungleichgewicht in der Welt zu adressieren.

Family of Strangers (OT: 閉鎖病棟―それぞれの朝― „Heisa byoto ―sorezore no asa―“), Japan, 2019, Hideyuki Hirayama, 117 min, (7/10)

Sternchen-7

A Girl Missing

Pflegerin Ichiko (Mariko Tsutsui) arbeitet schon lange in der häuslichen Krankepflege für die Familie Oishi und ist für deren zwei Töchter wie zu einem Familienmitglied geworden. Als eine der beiden verschwindet, zeigt sich aber wie empfindlich die geknüpften Bande sind – auch innerhalb der Familie. Der Entführer wird geschnappt, das Mädchen kommt zurück zu den Oishis, aber Ichikos Leben ist erschüttert – der Täter ist ihr Neffe. Das weiß auch die Schwester der Verschwundenen, Motoko (Mikako Ichikawa). Sie ist bereits zuvor schon sehr auf Ichiko fixiert gewesen und weiß um den Schaden, den die Auflösung anrichten kann und verspricht Ichiko es für sich zu behalten, was für eine (zumindest von einer Partei) gewollte und gefährliche Abhängigkeit sorgt. Ein Spiel auf Zeit, das geboren ist um zu scheitern.


„A Girl Missing // Trailer“, via NipponConnectionTV (Youtube)

Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit bis die Presse und die Öffentlichkeit die Verbindung zu Ichiko zieht, irgendwelchen Schmutz (er)findet und Ichikos Leben nach und nach zerbröselt. Job, Beziehung, Sicherheit, Ruf, alles in Gefahr. Interessant ist das Erzählmuster. An Mariko Tsutsuis Frisur kann man anfangs am ehesten die Geschehnisse in Reihenfolge bringen. Denn der Film beginnt nachdem Ichiko schon längst nicht mehr als Krankenpflegerin arbeiten kann und erzählt in Rückblicken wie Ichiko an diesen Punkt kam. Erzählerisch und dramatisch sehr gut gemacht, stellt sich aber auch hier die Frage nach Misery Porn oder warum nicht wenigstens irgendwer zu Ichiko hält. Ist das ein überspitzter Seitenhieb auf die Bedeutung von Ruf und Verantwortung gegenüber Anderen in der japanischen Gesellschaft? Dann ist das gelungen.

Ichikos Entfremdung von ihrer Umwelt drückt sich in zuweilen surrealistischen Träumen aus. Die sind allgemein gesprochen oftmals ein schönes Stilmittel um zu untermauern, was man nicht erzählen (vorkauen), aber zeigen will. Hier bin ich mir unschlüssig wie effektiv die Szenen sind. Zumindest die „Hunde-Szene“ funktioniert mich eher weniger. Sehr gut funktioniert rückblickend dass der Film mit einem Haarschnitt beginnt. Oftmals floskelhaft als einleiten eines „neuen Lebensabschnitts“ betrachtet, illustriert der Moment rückblickend gut, dass noch gar nicht klar ist wie der für Ichiko aussehen wird. Fängt sie einfach neu an oder ist es nur eine Maskerade? Rache oder weiterleben? Mariko Tsutsui und Mikako Ichikawa funktionieren übrigens ganz wunderbar – große Leistung. Nach hinten raus gewinnt der Film an mehr Realismus als zuvor, wo sich scheinbar die ganze Welt gegen Ichiko verschworen hat. Denn dann wird sowohl adressiert, dass es nicht immer zufrieden stellende Erklärungen gibt und auch nicht immer ein Happy End.

A Girl Missing (OT: よこがお „Yokogao“), Japan/Frankreich, 2019, Koji Fukada, 111 min, (7/10)

Sternchen-7

Muss ich eigentlich noch dazu schreiben, dass die Besprechungen hier spoilerfrei sind? Was bedeutet überhaupt spoilerfrei, wenn schon ein Satz zuviel in der Analyse oder Zusammenfassung der Handlung ein Spoiler für jemanden darstellen kann? Uh, das riecht nach einem extra Artikel. Was man nun aus beiden Besprechungen (hoffentlich) rausliest, ist, dass sie sehr spannend und dramatisch sind, aber mir auch an einigen Stellen zuviel Misery Porn und zu Schwarz-Weiß und geradlinig an ihrer Aneinanderreihung von Übel. Ich bin gespannt wie ihr das seht, falls ihr die Filme zufällig auch gesehen habt.