Serienlandschaft: Review „Midnight Mass“

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Mike Flanagans Adaptionen bekannter Schauerromane haben in den vergangenen Jahren um Halloween rum für die besseren, gruseligeren Serienerlebnisse gesorgt. Vor Allem, weil er metaphysische mit sehr irdischen Themen wie Trauer und Schuld verbindet und damit meist kein Auge trocken lässt. Twists und Turns kann er auch! Schaurig ohne Splatter kann er auch! Das zu verbinden, ohne immergleiche Motive zu verwenden schien zuvor in der Serienlandschaft rar geworden zu sein. Mir haben sowohl The Haunting of Hill House als auch The Haunting of Bly Manor sehr gut gefallen. Entsprechend gespannt war ich auf „Midnight Mass“, nur der Trailer schien sehr wenig zu verraten. Vielleicht aus guten Gründen. Die Besprechung ist spoilerfrei.

„Forgive me father for I have sinned“

Du sollst nicht töten – lautet eins der zehn Gebote. Riley Flynn (Zach Gilford) hat selbst nach dem AA-Programm und mehreren Jahren Gefängnis keine Antwort auf die Frage gefunden wie er sich je vergeben kann, dass er einst betrunken einen Autounfall verursachte, bei dem eine junge Frau ums Leben kam. Als er auf Bewährung freikommt und in seine Heimat Crockett Island zurückkehrt, wirkt es wie ein Spießrutenlauf. Es steht seinem Vater Ed (Henry Thomas) ins Gesicht geschrieben, dass er Riley nie vergeben konnte. Seine Mutter Annie (Kristin Lehman) hingegen schon. Dass sie aber eine treue und praktizierende Christin ist, macht es Riley nicht leichter, der zum Himmel sieht und sich fragt, warum ein „Gott“ zugelassen hat, dass es soweit kommt und er ein Leben genommen hat.

Crockett Islands vornehmlich christliche Gemeinde ist wenn auch aus anderen Gründen ähnlich schwierig für den muslimischen Sheriff Hassan (Rahul Kohli) und seinen Sohn, die diskriminiert werden. Wie war das mit der Nächstenliebe? Zumindest ist es Riley ein Trost, dass seine Schulfreundin Erin (Kate Siegel) auch kürzlich nach Crockett Island zurückgekehrt ist. Auch sie hat ein anderes Leben hinter sich gelassen, ist inzwischen schwanger und sich noch nicht sicher, was sie in der Heimat sucht. Die kleine Fischergemeinde ist zudem kurzzeitig erschüttert als dann anstatt des langjährigen Priesters Monsignor Pruitt ein neuer Priester (Hamish Linklater) Fuß auf die Insel setzt. Er stellt sich als Father Paul Hill vor und bringt einen überraschend frischen Wind in die Kirchgemeinde. Was darauf folgt ist eine Zeit voller Wunder, aber auch voller Schrecken und Terror.


„Midnight Mass | Official Trailer | Netflix“, via Netflix (Youtube)

Miraculous Times!

Es gibt (mindestens) zwei große Themen, die Mike Flanagan kunstvoll verbindet. Das eine ist Vergebung, das andere Fundamentalismus. Beides mündet auf die eine oder andere Weise in Glauben. Religion ist oftmals eine Zuflucht, um die Willkürlichkeit des Lebens (und Sterbens) zu verstehen, Vergebung zu suchen. Religion gibt ihren Verehren, „Followern“ und Anhängern einen Moralkompass mit. Wenn der aber übersteigert ausgelegt und missverstanden wird, gipfelt das häufig in Fundamentalismus. Während Riley sich also vergeblich fragt, ob der enigmatische Father Paul Antworten auf all seine Fragen hat und als kritischer Denker und Zweifler auftritt, ist es vorrangig die Insel-eigene „Superchristin“ Bev Keane (Samantha Sloyan), die für so ziemlich alle Lebenslagen einen Bibelvers parat hat.

Sie sieht sich als bibeltreuer Moralapostel der Insel, die als einzige verstanden hat, was die Welt im innersten zusammenhält. Tatsächlich schaut sie auf alle anderen Menschen außer Father Paul mit Missgunst herab und hat leider gar nichts verstanden. Sie ist das Sinnbild dafür, dass jede starke Überzeugung Gefahr läuft in Fundamentalismus auszuarten, wenn die Überzeugung instrumentalisiert wird und als „Mittel zum Zweck“ dient. Es tut mir ein bisschen leid, dass Samantha Sloyan so einen schwierigen Charakter spielen muss. Darf. Muss. Aber sie tut es so gut.

Neben ihr sieht man noch einige weitere „Flanagan Regulars“ wie beispielsweise Henry Thomas, Rahul Kohli und Kate Siegel. Schaut man Flanagans Filme und Serien und erkennt die bekannten Gesichter, ist das ein bisschen so als ob man „dazugehört“. 🙂 Und sie alle gehen in ihren Rollen wunderbar auf. Emotionales Potential gibt es in Midnight Mass ebenso genug. Die Inselgemeinde lebt zum Großteil vom Fischfang, der aber aufgrund eines Öllecks fast in den Ruin getrieben wurde. Viele Leute ziehen weg, die Gemeinde verarmt. Die Kirche wird leerer und leerer. Glaube auf dem Prüfstand? Father Paul erkennt die Zeichen der Zeit. Seine aktuellen, inspirierenden und den Nerv treffenden Reden haben Schwung, den die Gemeinde lange vermisst hat. Sie fühlen sich verstanden. Er spricht von Hoffnung und bald schon von Wundern. Und sie sehen die Wunder, wenn die bis dahin auf den Rollstuhl angewiesene Leeza (Annarah Cymone) plötzlich aufgefordert durch den Priester wieder Laufen kann. God works in mysterious ways?

Blood of Christ

Okay, das war Religion und Glaube. Aber wie steht es um den Horror? Den gibt es. Menschen verschwinden und es wird reichlich Blut fließen. Woher Father Paul plötzlich kommt und was sein Plan mit der Gemeinde ist, wie die Wunder entstehen und ob das wirklich göttliche Zeichen sind, verknüpfen die Serienschöpfer auf ich möchte sagen sehr kreative und außerordentlich stimmige Weise. Obwohl man bei Midnight Mass und der Prämisse zuerst an Okkultes denkt, sind es ganz andere Motive, die Mike Flanagan hier zusammenführt. Und ich muss sagen: das habe ich so noch nie gesehen. Für Flanagan ist Midnight Mass wie man hier und da lesen kann ein sehr persönliches Projekt. Er verarbeitet darin u.a. seine eigenen Wurzeln in einer katholischen Gemeinde. Jahrelang hat er versucht das Projekt unterzubringen, jetzt ist es gelungen. Obwohl Midnight Mass nicht wie Vorgängerprojekte des Regisseurs auf einem Buch basiert, sondern seinem eigenen Skript, fehlen die Markenzeichen von Flanagans Stoffen ebenso wenig wie Horror oder der emotionale Unterbau, den wir schon aus „Hill House“ und „Bly Manor“ kennen.

Wie schon zuvor in „Hill House“ versteckt Flanagan den Horror anfangs sehr gut im Hintergrund, baut Spannung und Lösung langsam auf. Gibt es anfangs nur einige Anzeichen wie die Ankunft Father Pauls und leuchtende Augen in der Dunkelheit (auch hier lohnt es sich wie in „Hill House“ auf den Hintergrund zu achten!), verknüpfen sich die Motive nach und nach und geben einen Horror preis, der wirklich eine Katastrophe andeutet. Undzwar durch das Motiv der Religion eine teils menschengemachte. Als ob das nicht schon genug wäre, hat offenbar sogar die Pandemie einen kleinen Gastauftritt. Wenn auch nicht so, wie man jetzt vielleicht denken könnte. Und geht das alles zusammen? Das geht sogar meisterlich.

Forgiveness

Einzig die lange Vorbereitung des Schreckens könnte es Zuschauer*innen schwer machen der Serie zu folgen. Wer sich am Thema Glauben stört, wird in den ersten Folgen vielleicht nicht übermäßig glücklich. Für viele Zuschauer wird das möglicherweise aus der Zeit gefallen wirken. Aber gegen Ende mit einer differenzierten Sicht belohnt. Es ist sowohl Raum für diejenigen, die auf Religion nichts geben als auch für andere Glaubensrichtungen. Anhand von Rahul Kohlis Figur des Sheriffs ist es der Islam, der hier „normalisiert“ wird und der christliche Glaube, der in Terror mündet. Aber das heißt auch nicht, dass das Christentum hier an den Pranger gestellt wird. Es ist viel mehr so, dass alle Seiten von Glaube beleuchtet werden. Sowohl der Moralkompass und das übergeordnete Motiv der Vergebung. Vergebung ist nicht nur ein Substantiv, sondern eine Eigenschaft. Eine Eigenschaft, die macht, dass man versteht und bereit ist anderen eine Chance zu geben. In Flanagan typischen Plansequenzen bzw One-Shots werden die großen Fragen des Lebens gestellt. Kannst du mir vergeben? Wie sieht für mich Vergebung aus? Was passiert mit uns nach dem Tod? Keinesfalls haben die Antworten immer etwas mit Gott zutun, sondern hauptsächlich mit Menschen. Flanagans Skript beweist ein unglaublich gutes Gespür dafür, das „Göttliche“ im Leben zu formulieren. Und bei denjenigen, die nichts mit Glaube am Hut haben, Überraschung, wird auch kein Auge trocken bleiben. Versprochen.

(9/10)

Sternchen-9

„There is no time. There is no death. Life is a dream. It’s a wish. Made again, and again, and again, and again, and again, and again, and on into eternity. And I am all of it. I am everything. I am all. I am that I am.“

So ganz will ich es mir nicht nehmen lassen, den „Horror“ zu diskutieren. Aber das geht leider nicht ohne SPOILER.

 

Tja, man möchte das Gesehene gern besprechen, aber würde allen nur den Spaß vermiesen, oder? Als „Midnight Mass“ angekündigt wurde, dachte ich automatisch an irgendwas zu Okkultismus und Satans-Verehrern. Aber nein, Flanagan hat etwas gemacht, das naheliegend ist und doch käme mir nie der Gedanke. Der beim Abendmahl gereichte Wein als Sinnbild für das Blut Christi ist hier der Aufhänger für Vampirismus. Father Paul ist eigentlich Monsignore Pruitt, der auf einer Reise nach Israel einem „Engel“ begegnete, der Wunder vollbracht hat. Das Wunder bestand darin ihn zu beißen und „anzustecken“, d.h. von seinem Blut zu trinken zu geben. Pruitt wurde plötzlich wieder jung. Ein Wunder! ^^‘ Hat Pruitt nie etwas von Vampiren gehört? Er kann sich auf Crockett Island nun schwer als Monsignore vorstellen, also leiht er sich bei der Bibel einen anderen Namen und will das Wunder auf die Insel bringen. Tatsächlich fällt auch nachdem der Groschen bei den Einwohnern gefallen ist nie das V-Wort. Okay, man könnte das „Monster“ auch als Dämon im Allgemein sehen, während es aufgrund der „vollbrachten Wunder“ und dem offensichtlich Wunsch nach Wundern, einem Zeichen und Hoffnung, als „Engel“ missverstanden wird. Oder will uns Flanagan sagen, dass das Monster wirklich ein Engel war? Auch die Deutung ist möglich.

 

Religion ist für viele kein besonders beliebtes Thema. Als ich vor Jahren in die Stadt gezogen bin, in der ich jetzt lebe, haben mich eine Schar neuer Bekannter gefragt, ob ich religiös sei. Ich sagte ja, ich bin Protestantin, also evangelisch erzogen worden. Obwohl ich auch sagte, dass ich einige liberale Ansichten habe, hat das meine Bekannten so getriggert, dass sie ständig große Reden darüber schwangen, dass Religion nichts in der modernen Welt verloren hätte, dass Religion albern sei, usw. Als es mir zu bunt wurde, wies ich sie mal sehr deutlich darauf hin, dass ich kein einziges Mal von selber das Thema Glaube angesprochen habe und dass sie die einzigen sind, die gerade versuchen jemanden zu missionieren. Die, die nach diesem Gespräch einen Aha-Moment hatten, wurden meine Freunde. Und nein, wir reden nicht besonders viel über das Thema. Ich hoffe, dass Zuschauer*innen sich nicht von dem Motiv Glaube und Religion abschrecken lassen und „Midnight Mass“ eine Chance geben. Nicht nur, weil es das Thema differenziert betrachtet, sondern weil es auch einfach eine höllisch gute Serie ist. 😉 Wie hat sie euch gefallen, falls ihr sie schon gesehen habt? Bitte umgeht Spoiler ohne kennzeichnet sie in den Kommentaren.

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).