ausgelesen: Haruki Murakami „Von Männern, die keine Frauen haben“

Der Griff zu Murakamis Kurzgeschichtensammlung war eher spontan. Einerseits wollte ich im Januar Drive my Car im Kino schauen, zufällig eine Adaption zweier Kurzgeschichten aus dem Buch. Andererseits wollte ich passend zum Japanuary auch Literatur japanischer Autor*innen lesen. Da drängte es sich förmlich auf Von Männern, die keine Frauen haben zu lesen, auch wenn ich den Titel nicht besonders mag und sich mir sofort die Frage aufdrängt „Und was ist mit Männern, die keine Männer haben?“ Aber ich schätze, das ist dann ein anderes Buch. Und das merkt man. Geschlechtsidentität ist hier sehr hart verdrahtet.

Die Sammlung enthält u.a. die Geschichte Drive my Car und handelt von einem Theaterregisseur und Schauspieler, der sich etwas gegen seinen Willen in seinem Auto von einer Frau chauffieren lassen muss. Yesterday handelt von dem Beatles-Song und Dialekten, kommt sehr slice-of-lifig daher und plätschert so vor sich hin. Die Geschichte Das eigenständige Organ handelt von einem Arzt, der stets Affären hat, aber nie feste Beziehungen eingeht. Eines Tages verliebt er sich aber doch und das mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Scheherazade handelt von einer Frau, die faszinierende Geschichten erzählt und sich stets das Ende vorbehält. In Kinos Bar bekommt es ein Ladenbesitzer mit einigen seltsamen Vorkommnissen zutun. Samsa in Love ist die Umkehr von Franz Kafkas Verwandlung – dieses Mal scheint sich „irgendwer“ (der Käfer?) in Gregor Samsa zu verwandeln. Und in der letzten Kurzgeschichte Von Männern, die keine Frauen haben erfährt ein Mann, dass sich zum wiederholten Male eine seiner Ex-Freundinnen das Leben genommen hat.

„Es ist beglückend, eine andere Person zu werden als die, die man ist?“
„Solange man weiß, dass man wieder zurück kann.“
p.26 (Drive my Car)

Wenn man das so hört, hat jede der Geschichten offensichtliche Aufhänger und Spannungspotentiale. Besonders mochte ich die Geschichte Kinos Bar, die von allen Geschichten wohl am deutlichsten surreales und sehr menschliches und alltägliches verbindet. Sie fängt auch sehr schön ein wie Murakami Atmosphäre erzeugt und das Seelenleben seiner Protagonist*innen erlebbar macht. Wenn es beispielsweise heißt „Ihm war, als verlöre sein Körper mit der Zeit an Gewicht und seine Haut würde durchsichtig.“ (p.199) Der Barbesitzer Kino ist aber auch ein sehr nahbarer Charakter, der erst sehr seltsame Dinge erleben muss, um zu einer wichtigen Erkenntnis über sich und seine just geschiedene Ehe zu kommen. Im Gegensatz dazu bleiben manche der Protagonisten schwer greifbar (ja, Maskulinum). Oftmals haben diese keinen Namen und werden nicht weiter charakterisiert. Manche wie der in Scheherazade scheinen sogar nur ein plot device in Erzählerfunktion zu sein und nur zu existieren um eine Stimmung einzufangen.

Wortwörtlich Probleme hatte ich mit der Geschichte Das eigenständige Organ. Zuerst dachte ich, dass es sich bei dem betitelten „eigenständigen Organ“ um das Herz handelt. Denn das tut offenbar was es will in dem Arzt, der sonst keine Beziehungen eingeht und sich nie verliebt hat, es dann aber doch tut. Aber nein. Im Buch wird an einer Stelle die Aussage getroffen „Dr. Tokai war nämlich der Meinung, dass alle Frauen von Geburt an mit einem eigenständigen Lügenorgan ausgestattet seien.“ (p.125). Der Rest der Erklärung wird nicht besser und daher erspare ich uns den. Das ist schon eine ganz schöne Hausnummer. V.A. wenn die Männer alle in einer Art charakterisiert werden, die scheinbar keine charakterlichen Mängel oder böse Intention zulässt. Es gibt noch mehr Aussagen an verschiedenen anderen Stellen im Buch, in unterschiedlichen Kurzgeschichten, die ich tatsächlich chauvinistisch fand.

Mein erster Gedanke war (stirnrunzelnd): Ist das Murakami? Wenn ja, warum ist mir das nicht früher aufgefallen? Aber man soll Autor und Werk nicht verwechseln. Vielleicht ist gerade das der Aufhänger? Dass er als Erzählstimmen und Protagonisten Chauvinisten wählt, um uns ihre Ansichten aufzuzeigen? Ein paar Wochen nach dem Lesen finde ich die Masse chauvinistischer Ansichten in dem Buch immer noch problematisch, auch wenn es eventuell transportieren soll, dass sie sich so äußern, eben weil sie vor den Kopf gestoßene, beleidigte, enttäuschte Personen sind oder welche, die in der Zwickmühle stecken, isoliert oder desillusioniert sind. Um das besser verständlich zu machen, hätte es anders geschrieben sein müssen. Aber es gibt eben auch andere Protagonisten und Meinungen in den Geschichten und adressiert auch die Angst vor Bindung, Verantwortung, Nähe der Männer in den Geschichten. Ich für mich bin zu dem Schluss gekommen, dass ein Band wie Von Männern, die keine Frauen haben eben alle Formen von Beziehungen und Empfindungen von Männern gegenüber Frauen enthalten muss. Auch problematische. Leider.

„Auf dieser Welt nennt man euch „Männer, die keine Frauen haben“. In einem unendlich kalten Plural. Nur Männer, die keine Frauen haben, können verstehen wie herzzerreißend, wie furchtbar traurig es ist, Männer zu sein, die keine Frauen haben.“ p.246 (Von Männern, die keine Frauen haben)

Fazit

Bunte Mischung, die zu denken gibt – nicht nur aus guten Gründen.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-3-8321-9781-0, Dumont

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

2 Antworten

  1. Bin gerade dabei, es zu lesen, da ich den Film „Drive my car“ sah (den ich großartig fand, der mich von den Sitzen riss) und ich erfuhr, dass er auf Murakamis Erzählung des gleichen Namens und seiner Erzählung „Scheherazade“ beruht. Schön, von dir darüber zu lesen.

  2. Avatar von Miss Booleana
    Miss Booleana

    Das ist ja ein Timing! 🙂 Und wie gefallen dir die Kurzgeschichten bis jetzt? Ich finde es auch ganz spannend zu vergleichen wo sich der Regisseur bedient hat und wo nicht.

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