Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Drive My Car“ #japanuary

Posted by in 2021, Drama, Film, Japan, Literaturverfilmung, Review, Roadmovie, Spielfilm

Es war gar nicht so einfach den Film zu sehen. Ganz unbedarft ging ich zu dem einen Indie-Kino meines Vertrauens, bei dem „Drive My Car“ laufen sollte. Passte so schön zum #japanuary dachte ich mir händereibend. Bald sollte ich mir die Hände reiben um auf meinem Rückweg warm zu bleiben, den sie mussten mich leider wegschicken. Der Saal war voll. Ich dachte mir ja schon, dass ich nicht die einzige bin, die den sehen will. Natürlich sind halt zur Zeit auch nicht soviele Plätze belegbar. Zuletzt habe ich so einen Run bei Toni Erdmann erlebt. Reservieren musste ich dort sonst selten. Beim zweiten Mal war es dann soweit, Reservierung sei Dank. Die Besprechung ist spoilerfrei.

Der Schauspieler Yūsuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) wird beauftragt in Hiroshima das Theaterstück Onkel Wanja von Anton Tschechow zu inszenieren. Das Festival stellt ihm eine Fahrerin, was er anfangs ablehnt. Er will selber fahren, da er Routinen hat, die eigenartig wirken könnten. Sein tomatenroter Saab turbo ist außerdem mit vielen Erinnerungen behaftet. Nach einer Probefahrt stimmt er aber dennoch zu. Seine Fahrerin Misaki Watari (Tōko Miura) spricht nicht viel und fährt gut. Sie kommentiert auch die Dramen, die sich auf der Rückbank abspielen oder die, die sich abseits der Bühne entfalten, nur sehr nüchtern oder gar nicht. Like a pro. Denn während alle annehmen, dass Kafuku selber bei dem Stück die Titelrolle des Wanja spielen würde, castet er den jüngeren Darsteller Kōji Takatsuki (Masaki Okada). Die wenigstens wissen, dass die Zwei sich schon mal gesehen haben. Takatsuki hatte eine Affäre mit Kafukus vor wenigen Jahren verstorbener Frau.

Heidewitzka, ich ging voller Überzeugung ins Kino einen Zweistunden-Film zu gucken. Als ich die 179 Minuten Spielzeit sah, wurde mir etwas schwummrig vor den Augen. Drei Stunden Film funktioniert in den selteneren Fällen für mich. Drive My Car schrammt durch schiere Filmkunst an dem Schicksal des Labels „langweilig“ vorbei. Die Länge hat hier eine ganz seltsame Anziehung – sie ist ein Mittel. Bei der Inhaltszusammenfassung denkt man sich vielleicht noch: wo kommen da 3 Stunden her? Aber der Anfang des Films macht das schon recht deutlich. Der beginnt noch mit Kafuku und seiner Frau Oto (Reika Kirishima), die zwar den Verlust ihrer Tochter zu beklagen haben, aber ansonsten eine offenbar (wieder) glückliche Ehe führen. Ihre Vertrautheit steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Eines Tages kommt Kafuku aber früher nach Hause, erwischt Oto mit Takatsuki und geht ohne aufzufallen, ohne es anzusprechen, lässt sich nichts anmerken. Kurz darauf stirbt Oto und Kafuku hat nie den Mut aufgebracht sie zu fragen, warum sie ihn betrügt. Nach 30 Minuten Spielzeit läuft dann der Vorspann. Damit macht der Film deutlich: wir haben eine Vorgeschichte, aber was ich euch sagen möchte, beginnt erst jetzt.


„DRIVE MY CAR Trailer German Deutsch UT (2021)“, via KinoCheck Indie (Youtube)

In den weiteren Etappen erleben wir Kafuku und die Theatertruppe in Hiroshima, das Kennenlernen mit seiner Fahrerin und deren Geschichte. All das „klickt“ und kommt in einem berührenden Ende zusammen. Bis dahin ist die Spanne des Films homogen gefüllt. All die Zeit, die wir mit den Charakteren verbringen, lässt sie uns kennenlernen. Wohl der Hauptgrund, weswegen die Länge nicht ins Gewicht zu fallen scheint. Wir sind nach kurzer Zeit mit Kafuku und seiner schweig- und genügsamen Fahrerin so bekannt, dass wir ihre Gedanken manchmal nur aus ihrer Mimik ablesen können. Denn soviel steht fest: wir brennen darauf zu erfahren, ob Kafuku Takatsuki auf seine Affäre mit Oto anspricht. Unausgesprochene Fragen, nie gefundene Antworten und Wahrheiten – ich bin der Meinung, dass sind die ganz fiesen, emotionalen Täler im Leben. Zudem ist der Stillstand seines Lebens nach Otos Tod fühlbar. Den Onkel Wanja kann er nicht spielen, sagt er. Täglich spielt Misaki für ihn die Onkel-Wanja-Kassetten im Auto ab, die Kafukus Frau für ihn eingesprochen hat. Er hat damit noch lange nicht abgeschlossen sie nie wiederzusehen, nie fragen zu können.

Es ist aber nicht nur, dass Takatsukis Vorsprechen für das Theaterstück eine plötzliche Fügung des Schicksals zu sein scheint. Irgendwann lässt Misaki fallen, dass sie ihren Vater nie kennen gelernt hat und Kafuku stellt nüchtern fest, dass seine verstorbene Tochter jetzt im selben Alter wie Misaki wäre. Sehr angenehm ist, dass Regisseur Ryūsuke Hamaguchi daraus keinen Kitsch einer plötzlichen Zusammenkunft verlorener Familie macht oder Ersatz-Vater-Tochter-Beziehungen aus dem Hut zaubert, sondern Realismus wie Surrealismus statt Kitsch bedient. Und damit auch der Vorlage treu bleibt, obwohl sovieles an Drive My Car anders ist als in der Vorlage.

Der Film basiert auf zwei Kurzgeschichten Haruki Murakamis aus dem Sammelband Von Männern, die keine Frauen haben. Die eine heißt ebenso Drive my Car und handelt von Kafuku und der Fahrerin Misaki, der er aus seinem Leben und der Affäre seiner Frau erzählt. In der zweiten Geschichte mit dem Titel Scheherazade geht es stattdessen um einen Mann un die Frau, mit der er eine Affäre hat. Nach dem Sex erzählt sie ihm stets eine Geschichte, dessen Ende nicht selten offen bleibt. Letzterer Aspekt wurde auf Oto und Kafuku überraschend stimmig uninterpretiert. Anders als die Stimmung von Murakamis Scheherazade ist es hier eine vertraute Geste zwischen Kafuku und Oto, wenn sie ihm nach dem Sex Geschichten erzählt.

Murakami ist für die surrealistische Ader seiner Geschichten bekannt, die man auch hier finden kann, wenn man möchte. Alleine in dem Umstand, dass Misaki im selben Alter ist wie Kafukus verstorbene Tochter gewesen wäre, können Zuschauende eine Art Übertreten zweier Welten und Leben deuten. Auch Otos Usus Geschichten zu erzählen, kann als typisches Murakami-Element gedeutet werden, stammt aber aus Hamaguchis Feder. Ist Otos Usus oder Gabe ein Geschenk aus dem herabsteigen in eine eigene, innere Welt nach dem Tod ihrer Tochter? Zuschauende, die sich eher dem Realismus zugetan fühlen, können das alles anders auslegen. Otos Geschichten sind dann ein Indikator, dass die Geschichten nichts exklusives zwischen ihr und Kafuku waren. Misaki und Kafuku wiederum haben in ihren stillen Autofahrten eine seltsame Übereinkunft gefunden, eine Art Verbundenheit. Beide sind verwundet durch verpasste Chancen, nie gestellte Fragen, Schmerz der ihnen zugefügt wurde. Realismus, Surrealismus, beides geht.

Ein zusätzlicher Bonus ist die Parallele zwischen dem Theaterstück und Kafukus Leben. Hamaguchi stellt durch Passagen der Kassetten oftmals einen Bezug zu dem her, was Kafuku gerade erlebt und was ihn beschäftigt. Insofern sind die Szenen erhellend für Zuschauende, manchmal wie ein Schlag in die emotionalen Weichteile Kafukus. Manchmal sind diese kleinen Hinweise hilfreich, in jedem Fall eine schöne Parallele zwischen sichtbarem und unsichtbarem.

Besonders gut hat mir der Ansatz gefallen wie Kafuku das Theaterstück aufzieht. Viele Darsteller*innen unterschiedlicher Nationen und Umstände kommen zusammen – und sprechen auf der Bühne in ihren unterschiedlichen Sprachen! Auch eine stumme Darsteller*in ist dabei, die sich über Koreanische Gebärdensprache verständigt. Der Ansatz zeigt auf, dass wir alle darauf angewiesen sind, dass unser Gegenüber unsere Sprache spricht; aber eben auch, dass wir was Kommunikation betrifft alle denselben Limitationen wie auch Chancen gegenüber stehen. Körpersprache und Gefühle sind auch eine Ausdruckform, was der Film beeindruckend beweist. Insbesondere die Figur der durch Gesten und Gebärdensprache kommunizierenden und spielenden Yoo-na (Park Yoo-rim) sind wichtig in ihrer Botschaft, ihrer Repräsentation und v.A. wunderschön. Die Gesten sind im Theaterstück so passend und ausdrucksstark – ich sah Gebärdensprache mit ganz anderen Augen. Und ich würde tatsächlich sehr gern das ganze Stück sehen können, obwohl in dieser Form fiktiv. Diese Erzählung in der Erzählung mit diversen Parallelen ist kein Problem, kennt man Onkel Wanja nicht, aber erklärt eben auch die 3 Stunden. Klar ist aber auch: wer sich schnell langweilt, hat hier vielleicht trotz all des erzählerischen Zaubers ein Problem.

Doppelt faszinierend war es für mich zu sehen wie Hiroshima als Kulisse eingebunden wird. Vor 3 Jahren war ich da, habe beispielsweise den Friedenspark wiedererkannt, stelle aber insgesamt fest, dass Drive my Car dankbarerweise nicht die Touri-Hot-Spots ins Zentrum rückt. Auf Kafukus und Misakis „Road-Trips zur Verarbeitung“ landen sie sogar bei einer Müllverbrennungsanlage – wirklich ich hatte nicht erwartet, dass das in einer so schönen, cineastischen und sprechenden Szenen münden würde. Allgemein sind die Road Trips von Kafuku und Misaki nicht nur eine Metapher dafür, dass sie im selben Boot (Auto) sitzen; dass sie eine Reise vor sich haben; sondern auch das Auto an sich. Anders als in den Kurzgeschichten Haruki Murakamis wird hier meine ich nicht direkt erwähnt, dass Kafukus Frau Oto das Auto ausgesucht hat. Das ist ein wichtiges Detail auch in Anbetracht dessen, dass Kafuku offenbar nicht loslassen kann oder will.

Hier fällt nun auch unweigerlich auf, dass Drive my Car in dem Punkt ein sehr männlicher Film ist, dass Misaki verhältnismäßig wenig Thema ist. Zumindest in dieser Review, weil ich Spoiler vermeiden will. Sie hat eine Geschichte, die reinhaut und auch Surrealismus-Fans noch einen vielfarbig interpretierbaren Brocken hinwirft. Misaki kommt einen Ticken zu kurz, was den Film letzten Endes von glänzenden 10 von 10 trennt. Aber nichtsdesto trotz ist ein faszinierend choreografierter Film. Ein Ort, ein bestimmter Zeitpunkt, mehrere Aufeinandertreffen mit Personen machen, dass es klickt und sich Kafuku der Verarbeitung seiner Trauer stellen muss. Wie alles ineianndergreift, berührt und fasziniert ungemein. Und das ohne Holzhammer, sondern auf stille und wunderschöne Art.

Drive My Car (OT: ドライブ・マイ・カー), Japan, 2021, Ryūsuke Hamaguchi, 179 min, (9/10)

Sternchen-9

Das war wohl eine der längeren Besprechungen, aber es gibt auch sehr sehr viel zu dem Film zu erzählen. Noch immer befürchte ich, nicht allem gerecht geworden zu sein. Und es gibt vieles daran, was ich nur spoilerbehaftet diskutieren könnte. Was denkt ihr über „Drive my car“? Wie hat euch der Film gefallen? Hätte ich ihn noch 2021 gesehen, wäre er definitiv einer meiner besten Filme 2021 geworden. Sollte mich doch wundern, wenn der nicht für einen Oscar nominiert wird.