Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Three Thousand Years of Longing“

Eigentlich ist es schon wieder fast zwei Wochen her, dass ich den Film gesehen habe. Ungeschriebene Bloggergesetze sagen ja, dass man solche Besprechungen eher früher als später rausschicken muss, um im Strom mitschwimmen zu können. Aber George Millers Nicht-Mad-Max-Film musste ich etwas sacken lassen, um zu erörtern, was daran funktioniert hat, was nicht. Oder zumindest nicht für mich. Die Besprechung ist trotzdem spoilerfrei. 😉

Weniges kann Dr. Alithea Binnie (Tilda Swinton) erschüttern. Sie war bereits verheiratet, die Ehe ging in die Brüche. Danach entschied sie sich für ein Leben in dem sie sich selbst genug ist. Als Literaturwissenschaftlerin sind Geschichten ihr Ein und Alles und wenn man ihr alles andere nehmen würde, wären ihr Bücher genug um zu überleben. Zwar hat sie manchmal Tagträume, kann die aber gut von der Realität unterscheiden und ist ansonsten eine Analytikerin, rational durch und durch. Märchen mag sie, glaubt aber nicht daran. Bis sie in einem Laden in Istanbul ein Souvenir kauft. Der Flakon ist etwas schmutzig und als sie daran reibt, kommt prompt ein Dschinn (Idris Elba) heraus. Der Beweis, dass das kein Tagtraum ist, wird schnell erbracht. Und jetzt? Sie wird den Dschinn erst aus ihrem geordneten Leben los, wenn er ihr drei Wünsche erfüllt. Aber Alithea ist clever und weiß ja aus Geschichten, dass das immer für die Wünschenden schief geht. Der Dschinn ist aber sehr interessiert daran endlich freizukommen und erzählt ihr diverse Geschichten, die sie davon überzeugen, dass er es gut meint und dass nicht alle Wünsche im Desaster enden müssen.


THREE THOUSAND YEARS OF LONGING | Official Trailer | MGM Studios, MGM, Youtube

Die Geschichten des Dschinns handeln u.a. von der Königin von Saba (Aamito Lagum); von Frauen (Ece Yüksel), deren Genie unterdrückt wurde und die ihrer Zeit voraus waren. Von fernen Ländern, von Glücklichen wie Unglücklichen. Umwälzungen, Krieg und Liebe, vom Zahn der Zeit. Und sie sind in phänomenal schöne Bilder gegossen, die fließende Übergänge zwischen Realität und Mythen aufzeigen. Auffällig aber auch: dass die Sagengestalten und Wunder weniger geworden sind mit der Moderne. Spielend leicht erzählen die Geschichten v.A. vom Leid des Dschinns, dem durch Zufälle verwehrt blieb, dass die drei Wünsche geäußert werden und er immer wieder unverrichteter Dinge in der Flasche landete. Jahre um Jahrtausende darauf wartend wieder gefunden zu werden. Sein guter Wille wirklich Wünsche zu erfüllen und das Blatt zum besseren zu wenden, wird nicht immer angenommen.

Ab und zu sah ich die Ungeduld im Kinosaal. Displayleuchten von Smartphones erhellt die Reihen, Leute schauen ungeduldig auf ihre Smartwatches. Wann geht es denn endlich ans Eingemachte? Oh, der Dschinn erzählt noch eine Geschichte. Der Film ist eigentlich der beste Beweis für seine eigene Theorie. Dass die Moderne die Märchen und Wunder verdrängt. Aber ein wenig fühlte auch ich es. Der Film zieht sich trotz seiner nicht mal zwei Stunden Spielzeit. Vielleicht liegt es auch am Marketing. So versprach doch der filmische Klappentext, dass sich Alithea und der Dschinn trotz ihrer gesunden Skepsis verlieben. Auch ich habe mich gefragt wo das bleibt zwischen all den fabelhaften Geschichten. Leider finde ich auch nach dem Ende des Films und meiner zweiwöchigen Nachdenkpause, dass das schmerzlich zu kurz kam. Eine Sache verrate ich euch, v.A. weil das leider auch der Trailer tut: Alithea wird Wünsche äußern. Aber gerade sie als so clevere Person hätte wissen müssen, dass die Wünsche verhängnisvoll sind. Ihr Sehnen erschließt sich mir nach der Prämisse unter der der Film anfing auch nicht so ganz. Und dann? Geht es noch weiter.

In den letzten Minuten des Films versucht George Miller nochmal eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Das Leitmotiv „die Moderne verdrängt die Märchen und Wunder“ war vorher nur als aufmerksame Zuschauende beobachtbar. Hier holt er dann die Keule raus und überfordert alle mit der plötzlichen, in die letzten Minuten gepressten Agenda einer überdeutlichen Botschaft. Gepaart mit der nicht so glücklich entwickelten und nicht besonders flirrenden Liebesgeschichte, sitzt man da und ist betört von ganz anderen als man dachte. Von den Geschichten und Bildern mehr aus Orient denn aus Okzident. Obwohl ich alle Einzelteile wunderbar fand, Tilda Swinton und Idris Elba eingeschlossen, fühlt es sich an wie falsch zusammengepuzzelt. Aber was ist im Film schon falsch? Irgendwem gefällts immer. Und irgendwem nicht. Was gelungen ist: die Regeln der Wünsche und des Geists aus der Flasche von hinten rum zu erzählen, ohne dass wir uns belehrt oder wie in der Schulstunde fühlen. Was auch gelungen ist: wunderbare, flirrende Märchen zu erzählen und nach hinten raus ein versöhnliches Ende. Nur was machen wir jetzt mit unserer märchenlosen Welt? Vielleicht öfter ins Kino gehen und davor das Handy ausmachen.

Three Thousand Years of Longing, Australien, 2022, George Miller, 108 min, (7/10)

Sternchen-7

Fun-Fact: an der einen oder anderen Stelle sind auch mehrere Deutungsmöglichkeiten denkbar. Aber allzu viel Spielraum gibt es nicht, was auch gut so ist. Sehr angenehm fand ich übrigens auch, dass die im Titel angepriesene Sehnsucht nicht nur die des Dschinns nach Freiheit ist, sondern auch die der Wünschenden. Und vor Allem sehr angenehm, dass es nicht immer nur auf Sex, Liebe, Ruhm oder Reichtum hinausläuft, sondern auch mal auf Wissensdurst und Selbstbestimmung. Habt ihr den Film gesehen? Und hat er euch wieder an Märchen glauben lassen? Was würdet ihr euch Wünschen, wenn ihr drei Wünsche frei hättet?

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