Neulich im Kino … Review zu „Toni Erdmann“

Zum offiziellen Kinostart verpasst, aber jetzt doch noch geschafft. Dank der Gespräche rund um Oscar-Nominierungen wurde Maren Ades ‚Toni Erdmann‘ zurück in den Spielplan eines der stadtbekannten Indie-Kinos katapultiert und wir hatten doch noch die Gelegenheit. Und der Saal war ziemlich voll. Review ist weitestgehend spoilerfrei.

Winfried Conradi (Peter Simonischek) liebt es sich zu verkleiden, die Leute ein bisschen aufs Korn zu nehmen und aus der Reihe zu tanzen. Er tut schon Mal so, als ob er einen kriminellen Zwillingsbruder hat oder schminkt sich verrückt. Die meisten Leute finden das witzig und kurios. Nur seine Familie ist dessen überdrüssig. Inbesondere seine Tochter Ines (Sandra Hüller), die eine knallharte, aber humorlose Karrierefrau ist. Winfried lässt die paar Minuten kühle Gespräche nicht auf sich sitzen. Er besucht sie in Bukarest, wo sie wohnt und für eine große Consulting-Firma arbeitet. Winfried wird mit dem Leben seiner Tochter konfrontiert, dass aus Stress, Meetings, Beziehungen knüpfen und Visitenkarten austauschen besteht und wenig Zeit für anderes lässt. Er kritisiert sie für diese Fassade im schicken Anzug, die sie lebt. Aber das kontert Ines meist mit einem gepfefferten Spruch. Da setzt Winfried zur Gegenwehr an. Verkleidet als Toni Erdmann taucht er überall da auf, wo sie ist und platzt in ihr ‚Business‘. Mal ist er Consultant und Coach, mal der deutsche Botschafter. Er sprengt die Situationen, in denen sie voller Ernsthaftigkeit diskutiert mal mit einem Pfurzkissen oder einfach nur mit seinem viel zu großen Gebiss und führt ihr vor wie banal ihr Leben ist, wenn sie nicht dafür sorgt, dass sie noch eins neben der Arbeit hat.

Maren Ades Film wurde ein Riesenerfolg und der Ruf eilte ihm voraus. Durch die Filmfestspiele von Cannes und auch durch die Liste der BBC mit dem klingenden Namen The 21st centurys 100 greatest films (so far). Jüngst wurde der Film sogar als deutscher Titel für die Nominierung des Auslands-Oscars vorgeschlagen. Und das kommt nicht von ungefähr. Obwohl es dem Film durchaus gut getan hätte ihn einfach mal um eine Dreiviertelstunde zu kürzen, ist er fast sowas wie ein Kunstwerk. Ein bisschen spröde, sarkastisch, trocken, witzig, albern, irre, kritisch und traurig. Noch nie waren in einem Film soviele irrsinnig witzig und zum heulen traurige Szenen beieinander. Dabei muss man bedingt durch die Überlänge des Films ein bisschen Geduld mitbringen bis sich das ganze entwickelt. Toni Erdmann ist kein Zoten-Film und auch kein Sketch-Feuerwerk, sondern hat subtilen Humor, manchmal auch ganz banalen, trockenen Humor. Dafür ist die Qualität der Szenen zunehmend besser und zunehmend lustiger bis gegen Ende der Saal brüllt. Spätestens, wenn Ines den Toni Erdmann in sich beginnt zu entdecken (Stichwort Nackt-Empfang), dann spürt man, dass Winfried was erreicht hat.

So ganz nebenbei prangert Maren Ade das Consulting-Schischi der modernen Business-Menschen-Generation an, die in Tabellen Gründe für das outsourcen und entlassen der Leute sieht. Es ist ein kurzer Kulturschock als Winfried und Ines ein Ölfeld besuchen und er mit einer kleinen Bemerkung fast dafür sorgt, dass ein Arbeiter gefeuert wird. Hat man den Anzug an, entscheidet man plötzlich über soviel. Vielleicht sogar über Existenzen. Es ist grotesk wie sich Ines in diesem Business-Dschungel mit Freunden abgibt, die eigentlich Kollegen sind und die alle nur so tun als ob. Winfried möchte ihr das zumindest gern zu erkennen geben. Er scheint schnell zu verstehen, wer schmierig ist, wen man ernstnehmen kann. Warum Ines nicht? Ihre Fassade ist wie Beton, den es zu brechen gilt. Die Darsteller leben ihre Rollen. Simonischek wirkt wie ein kleiner Junge, wenn er absolut natürlich und trocken seine Sprüche und Possen vorträgt. Man sieht den Irrsinn ein bisschen in seinen Augen flackern. Man, ich hätte gern einen Lehrer gehabt, der so drauf ist wie er. Er erinnert mich ein wenig an meinen Physiklehrer. Und Sandra Hüller spielt die Businessfrau so trocken und unterschwellig verzweifelt, dass man denkt sie ist hart wie ein Knochen. Spätestens bis sie als Whitney Schnuck alles gibt und um ihr Leben singt. Sehr zu empfehlen für Indie-erprobte Zuschauer, denn ich glaube für die Masse ist das nix. Don’t lose the humour.

Toni Erdmann, Deutschland/Österreich, 2016, Maren Ade, 162 min, (9/10)

Sternchen-9

Habt ihr den Film schon gesehen? Oder lässt euch das Thema kalt? Hattet ihr euch vom neuen deutschen Film genau das oder was anderes erhofft? Es wird ja gerne gesagt, dass der deutsche Film nur Drama, schlechte RomComs und Historienfilme kann – das hier ist wohl als Tragikömodie einzuordnen. Passt das?

10 Antworten

  1. Oh, den wollte ich eigentlich auch sehen… Naja, irgendwann irgenwie 🙂

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Läuft er bei euch in der Umgebung irgendwo? Ansonsten ist die Wartezeit auf die DVD auch immer gar nicht so schlimm wie man anfangs denkt. Zumindest gehts mir in letzter Zeit so. Anfangs denke ich „WAS? 3 Monate?“ Dann sind sie viel schneller rum als ich denke …

  2. Ist auf jeden Fall Maren Ades bisher bester Film, auch wenn in den ruhigen Szenen ihr früheres Werk „Alle anderen“ durchscheint (man erkennt schon irgendwie ihre Handschrift), sind es vor allem die lustig-skurrilen Momente, die ihr bei „Toni Erdmann“ besonders gelungen sind. Da hat sie gegenüber „Alle anderen“ hier genau das richtige Gespür für Timing entwickelt.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ich habe bis jetzt noch gar nicht anderes von Maren Ade gesehen, aber man merkt, dass sie schon ein wenig gefeiert wird. Es schlägt einem ansonsten selten diese Atmosphäre entgegen „Der neue Film von Maren Ade“. Erstaunlich. Vielleicht hole ich das mal nach, aber bspw. die Kurz-Inhaltsangabe von „Alle anderen“ macht mir nicht wirklich lust darauf den Film anzuschauen. Vielleicht ist es gut, dass Toni Erdmann mein erster Film von ihr war.

  3. Seufz, ich fühle mich wie der einzige Mensch auf dem Planeten, der den Hype einfach nicht versteht (trotz Indie-Erprobtheit). Der Film hat nachher schon eine gewisse Stimmung hinterlassen, aber währenddessen war ich reichlich gelangweilt. Der Humor war in der Tat subtil, so sehr, dass er kaum wahrzunehmen war, und letztendlich schien der Film sich auf eine „passt schon, weiter so“-Message einzuschießen, die tiefgründig sein sollte, es aber nicht wirklich ist. Der deutsche „Boyhood“, scheint mir.

    1. Keine Angst du bist nicht allein, ich bin fast eingeschlafen hätte mich meine Freundin penetrant wachgehalten… 😉
      Wobei ich Boyhood sehr mochte…

    2. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ich habe nicht gesagt, dass ich den Hype nachvollziehen kann 😉 Es ist ein guter Film, aber ich denke es gibt auch viele andere gute (deutsche) Filme, die auf dem Niveau sind und nicht beachtet wurden.
      Mit Boyhood konnte ich mich nicht anfreunden. Da sperre ich mich gegen den Hype, ähnlich wie bei Ex Machina. Boyhood war für mich ein Experiment, das Nostalgie weckt, aber kaum eine Aussage entwickelt. Die muss man sich dazu dichten und die muss quasi aus dem Zuschauer kommen, der Film bietet eigentlich nichts an. Außer ein wenig die Geschichte der Mutter, aber das wars dann auch schon. Der Film heißt ja nicht motherhood … (leider)

      1. Das Gefühl hat mir tatsächlich Toni Erdmann geben… Die Thematik des Films ist schon seit Jahren präsent und nicht unfassbar innovativ. Die Umsetzung ist recht nett und ab und zu habe ich sogar gelacht, doch ist diese Zähigkeit unendlich ermüdend. Ich meine ich habe relativ schnell begriffen, dass sie ihn hasst und er mit ihr Zeit verbringen will damit sie mal wieder anfängt zu leben… Im realen Leben dauert dieser Prozess zwar sehr lange, aber leider dreht sich die Tochter immer wieder im Kreise und begreift es nie! Und als sie dann ihren Geburtstag feiert… Warum? Was war der Sinn dahinter? Letztendlich wäre er auf neunzig Minuten wesentlich besser gewesen und nicht sterbens langweilig. 😀 Ich würde diesem Film niemals einen Oscar verleihen und auch keine goldenen Palme eher die goldenen Himbeere…

  4. Der Film war tatsächlich einfach viel zu lang. Und dass das Business-Chichi böse ist, wird wirklich etwas plump und platt rüber gebracht. Aber ansonsten gut!

  5. […] Oh, das ist was ganz besonders. Zu den besseren Filmen, die ich diesen Monat gesehen habe, zählt Toni Erdmann, Memento, Death Proof, König der Fischer und Reservoir Dogs. Letzterer war ein Rewatch – aber […]

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