Zur Oscar-Einstimmung … Filmbesprechung zu „Mudbound“

Posted by in 2017, Drama, Film, Literaturverfilmung, Review, Spielfilm, USA

Eigentlich ging ja gestern schon meine Oscar-Werkschau online. Aber wie das eben so ist … man schreibt das vor, plant den Artikel und dann eines abends entdeckt man, dass einer der nominierten Filme ja auf Netflix verfügbar ist. Von ‚Mudbound‘ hatte ich nur am Rande etwas gehört – die großen Jubelschreie haben mich nicht erreicht. Die hat der Film aber verdient. In dem Sinne: Einer geht noch. Review ist spoilerfrei.

Laura (Carey Mulligan) liebt die Samstage. Es sind die einzigen Tage, an denen sie sich sauber fühlt. Der Badetag. Ansonsten ist da überall nur Schlamm und Dreck. Auf dem Feld, um das Haus herum, im Fluss, an ihr, den Kindern und ihrem Mann. Etwa zur Zeit des zweiten Weltkriegs folgt sie dem Wunsch ihres Mannes Henry (Jason Clarke) eine Farm in Mississippi zu führen und gibt die Annehmlichkeiten der Stadt auf. Er wird über’s Ohr gehauen und statt einer Villa mit weißem Lattenzaun erwartet sie eine zugige Bretterbude ohne fließend Wasser oder Elektrizität. Auch das Feld und die Gegend sind schwer zu bewirtschaften. Überall ist Schlamm. Der Alltag ist hart. Sie haben Pächter, die ihnen das Land bestellen und nur einen Teil des Ertrags behalten dürfen. Die Familie Jackson sind Farbige und sehen sich zusätzlich zu der harten Arbeit auf der Farm den Anfeindungen ihrer Umwelt ausgesetzt. Während Laura sich für sie einsetzt, haben sie zu Henry keine gute Beziehung – er behandelt sie mit nur wenig mehr Respekt als alle anderen. Familienoberhaupt Hap (Rob Morgan) zieht Kraft aus der Kirche. Seine Frau Florence (Mary J. Blige) betet, dass ihr Sohn Ronsel (Jason Mitchell) gesund aus dem Krieg wiederkommt. Ihr Wunsch erfüllt sich, er steht bald schon vor ihr. Aber nachdem Ronsel im Krieg gleichberechtigt zu Weißen behandelt und als Kriegsheld gefeiert wurde, fällt es ihm schwer zuhause den alten Mustern zu folgen. Zeitgleich kommt Henrys Bruder Jamie (Garrett Hedlund) aus dem Krieg zurück. Er ist traumatisiert, versucht das aber zu verstecken. Ronsel und er verbindet durch ihre Erlebnisse bald eine Freundschaft, die von den Ortsansässigen nicht gern gesehen wird.

„Mudbound | Official Teaser [HD] | Netflix“, via Netflix (Youtube)

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Wahrscheinlich ist es kein Wunder, dass mir Mudbound fast entwischt wäre und ich so spät darauf aufmerksam wurde. Er lief auf verschiedenen Filmfestivals und wurde von Netflix ins Programm genommen, wo er nun traditionell unter dem Titel „A Netflix Original“ läuft. Nur in ausgewählte US-Kinos hat er es geschafft. Und da es ein ernster Stoff ist, ging er bei den üblichen Netflix-Hypes eher unter. Die widmen sich ja sonst sehr lauten Stoffen, während Mudbound ein stilles und später sehr aufwühlendes Drama ist. Es basiert auf einem Buch von Hillary Jordan und ist einer der wenigen Filme, wenn nicht sogar der bisher einzige, der unter dem Label „Netflix-Original“ für Oscar-Nominierungen in Betracht gezogen wurde. Hierbei muss man aber im Kopf behalten, dass er ein eingekaufter Film ist und kein durch Netflix in Auftrag gegebener.

Die Geschichte von Mudbound scheint alt wie die Welt zu sein. Immer wieder stellt sich jemand hin und meint, dass sein Leben mehr wert ist als das der anderen. Die Rassendiskriminierung in den USA ist in den vergangenen Jahren immer wieder Thema von Filmen und Büchern gewesen und ohne respektlos zu sein: manch ein Zuschauer kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass man dem Thema noch etwa hinzufügen kann. 12 Years a Slave und Hidden Figures ist noch frisch in unserer Erinnerung, aber Mudbound fühlt sich anders an. Es stellt eine weiße und eine farbige Familie gegenüber und gibt beiden Raum. Beispielsweise Laura und Henry, die sich ihr Farmleben wohl anders vorgestellt hatten. Henrys Vater (Jonathan Banks) ist zudem das Beispiel für den Kriegsveteran, der mit einem vollkommen anderem Weltbild aufgewachsen ist, bis in die Knochen rassistisch und das an seine Söhne weitergibt. Jamie hat das Umdenken durch den Krieg gelernt, Henry steht zum Teil unter dem Einfluss seines Vaters. Mudbound zeigt deutlich, dass das Ende der Rassentrennung in den Köpfen vieler anderer Leute und auf anderen Plätzen in der Welt längst angekommen ist. Ronsel wurde beispielsweise in Europa freundlich aufgenommen. Umso schmerzhafter ist es zu sehen wie Ronsel heimkehrt und sich wieder der Diskriminierung ausgesetzt sieht. Während er im Krieg gewachsen war, macht man ihn zuhause wieder klein. Mary J. Bliges Florence beobachtet das voller Schmerz. Und so auch der Zuschauer. Man brauch etwas Geduld, aber es lohnt sich diese in Mudbound zu investieren und wird Zeuge eines intensiven Dramas, dass neben dem erhobenen Zeigefinger und der grausamen Diskriminierung auch von Humanismus und Liebe erzählt.

Mudbound, USA, 2017, Dee Rees, 120 min, (9/10)

Sternchen-9

Das war ein regelrechter Glücksgriff, dass ich doch nochmal ohne große Erwartungen geschaut habe, welche der nominierten Filme man denn vielleicht streamen kann und den Film fand. ‚Mudbound‘ hat mich sehr berührt und ist vielleicht sowas wie der Film des noch jungen Monats für mich. Er übertrifft einige der Filme, die ich in der Oscar-Werkschau gesehen habe. Wobei ich die Taktik Netflix‘ auf exklusiv eingekaufte Filme seinen Stempel zu drücken und „Netflix Original“ draufzuschreiben immer wieder seltsam finde. Übrigens ist ein Film der afroamerikanischen Regisseurin Dee Rees und ich finde es sehr schade, dass sie keine Oscar-Nominierung für ihre Regie-Arbeit erhalten hat. Immerhin wurde Rachel Morrison für den Oscar in der Kategorie „Beste Kamera“ bedacht – vielleicht bin ich jetzt gerade ein Stück neugieriger auf die Oscars geworden. Habt ihr ‚Mudbound‘ schon gesehen?