Serien-Besprechung: „Dracula“ (2020)

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Als bekannt wurde, dass Mark Gatiss und Steven Moffat sich nach BBCs Sherlock und Doctor Who wieder eines bekannten Stoffes annehmen würden, waren da sofort Erwartungen. Ein neuer, mutiger Anstrich? Nicht zu erahnende Twists und starke Story-Kniffe? Ein Make-Over, das erneut ein diverses Publikum anspricht? Vielleicht sogar wieder eine Modernisierung? Würde dieser Dracula mit finsteren Absichten auf Tinder swipen? Seine Opfer auf Facebook stalken? Wenn Sherlock so ein Riesenerfolg war, dann zieht Dracula vielleicht mit der bewährten Formel nach? Und vermissen wir nicht unseren Sherlock? Da wäre so ein Dandy-Dracula doch sehr willkommen. 🙂 Die Trailer sahen dann doch etwas literaturvorlagen-konformer aus als mancher sich erhofft hat. Hat das trotzdem einen Reiz? Oder gerade deswegen? Besprechung ist spoilerfrei.

Tatsächlich beginnt die Geschichte wie Bram Stokers berühmte Romanvorlage mit dem Anwalt Jonathan Harker (John Heffernan), der für den ebenso betuchten wie betagten Klienten Graf Dracula (Claes Bang) zu dessen Landsitz nach Osteuropa aufbricht. Hier ist es das Königreich Ungarn im Jahr 1897 und die Vorzeichen sind ähnlich schlecht für Harker in der Adaption wie in der Vorlage als er sich auf den mühsamen Weg zum Schloss Draculas aufmacht. Schon die erste Nacht ist die Hölle. Das verlassene Schloss, der undurchsichtige und steinalte Graf mit seltsamen Gebaren, das unwegsame Gelände – Harker ist nicht begeistert und würde am liebsten sofort wieder aufbrechen. Die Gelegenheit dazu wird er nicht bekommen. Schon am nächsten Tag fühlt er sich blutleer. ( 😉 ) Schwach und krank wie er ist, kann man nicht an eine Reise denken. Der Zuschauer erfährt schon zu Beginn der ersten Episode, dass Harker es irgendwie aus dem Schloss rausgeschafft hat. Er ist aber in einem desolaten Zustand und berichtet den Nonnen in dessen Konvent er untergekommen ist, was ihm widerfuhr. Und das ist höchst wendungsreich.


„Dracula | Final Trailer | Netflix“, via Netflix (Youtube)

Viel mehr möchte man über den Inhalt kaum verraten um nicht Twists vorwegzunehmen. Die insgesamt drei jeweils quasi spielfilmlangen Episoden orientieren sich an den Hauptschauplätzen von Bram Stokers Roman: Draculas Schloss, das Schiff Demeter und London. Ansonsten erlaubt sich das Duo Moffat und Gatiss aber viel künstlerische Freiheit und legen deutlich mehr Tempo an den Tag. Auf Harkers langen Tanz mit Dracula wird verzichtet. Im Buch tut sich nur sehr langsam der dafür umso niederträchtiger zuschlagende Verdacht auf, dass Dracula nicht vor hat Harker gehen zu lassen. Hier ist das recht bald klar. Auch ließ Dracula recht lang die Finger von Harker, da er ihn brauchte um sich die britischen Gebaren anzueignen. Und die Sprache. Der Dracula hier macht das deutlich effizienter. Er kann Fähigkeiten und Wissen mit Blut aufsaugen. Blut ist Wissen. Claes Bangs Darstellung von Dracula ist pointiert, smart, charmant, aber auch böse. Es ist schnell klar, dass wir mit dem hier nicht übermäßig viel Mitleid haben werden. Dieser Dracula bewegt sich an irgendwo zwischen böse genug, dass wir ihn nicht so richtig lieben können, aber nicht so böse, dass wir ihn hassen. Er flirtet mit Harker, „trägt gern ein bisschen Pelz“ und gibt uns auch so die eine oder andere Anspielung, die zeigt, dass er zumindest unter seinem Cape flamboyant ist. Mit Dolly Wells als toughe Nonne, die ihn mehr als einmal überleistet, setzen Moffat und Gatiss diesem smart ass Dracula eine Gegenspielerin vor, die mithalten kann. Mehr als das. Dolly Wells ist super. Sie entlarvt Dracula ohne dabei auf ihn oder andere herabzuschauen und spielt ein exzellentes Spiel. In ihrer Art und Weise zu reden erkennt man als Kenner des Stoffs schnell welcher Buch-Charakter sich hinter ihr verbirgt.

Die Wahl den Charakter so umzudichten ist großartig. Aber es ist auch etwas schmerzlich zu sehen wie alle der prominenten Charaktere, die soviel Platz in der Literaturvorlage einnehmen so überzeichnet werden. Mina Murray ist blass, Jonathan Harker früh weg vom Fenster und Lucy Westenra ist ein naives Partygirl, deren Geltungssucht als Mut missinterpretiert wird. Das und die heterosexuellen Beziehungen wirken fade. Es ist zwar mal eine mutige und geschickte Note andere Charaktere ins Rampenlicht zu rücken, aber auch den überstrapazierten hätte zumindest ein bisschen mehr Würze und Würde nicht geschadet.

Die interessanten Ideen sind andere. So steht von Anfang an der Mythos Dracula im Zentrum. Draculas zähe Gegenspielerin sagt sehr früh, dass es absolut widersinnig ist welche Mittel Dracula zusetzen. Er ist nicht gläubig, hat aber Angst vor dem Kreuz. Sonnenlicht macht ihm etwas aus und er muss in Lokationen gebeten werden, um sie betreten zu können. Die Mythen scheinen wahr zu sein, aber sie ergeben keinen Sinn. Das wird ein wichtiges Muster mit dem die Serie gekonnt spielt und die eine oder andere Überraschung parat hält. Überraschungen gibt es allgemein genug: in der Mitte der Serie folgt ein großer Stilbruch. Problem hier: wer mit der ersten Hälfte viel anfangen konnte, wird ab hier eher unzufrieden sein. Wer in der zweiten Hälfte in der Serie gefunden hätte, was er sucht; kommt vielleicht nicht soweit und schaltet ab. Ich mochte beides, tat mich aber mit der zombieartigen Interpretation der Vampire schwer. Es gibt vieles das unkonventionell an der Serie ist. Handwerklich ist sie großartig gemacht. Es sind für den einen Zuschauer die Vampirmomente, die es zu einer Horrorserie machen; für andere die menschlich-moralischen Momente (Stichwort Kremierung). Aber sie ist zu bemüht um Wendungen und vergisst dabei abgesehen von Dracula und Dolly Wells toughem Charakter auch anderen Raum zu geben, was der Serie dann den anfangs angestrebten Realismus stiehlt. Und: sie verfallen in ein von Sherlock nur zu bekanntes Muster. Gegen Episode drei gipfelt die Serie in fast größenwahnsinnig anmutende Wendungen. Irgendwie ganz geil, aber plötzlich auch weit weg von der Prämisse mit der man anfing die Serie zu schauen.

(7/10)

Sternchen-7


„Dracula | Bring Dracula to… er… life | Netflix“, via Netflix (Youtube)


„Claes Bang on THAT scene in Dracula“, via Netflix Nordics (Youtube)

Man könnte fast denken, dass Dracula in drei Episoden das tut, was mit Sherlock in vier Staffeln passiert ist. Zuerst Kult mit frischen Ideen, dann plötzlich wendungsreicher Größenwahn, der etwas überkandidelt wirkt und zuviel auf Fanservice setzt. Es ist fast so als würde man mit ehrlichem Bestreben beginnen eine anspruchsvolle Serie zu gucken und dann feststellen, dass man mittendrin in einem Guilty Pleasure sitzt. Das ist nicht schlecht, aber auch nicht so ganz gut. Wie habt ihr die Serie empfunden? Welchen Twist habt ihr kommen sehen? Welchen nicht? Spoiler bitte vermeiden und umschreiben oder gut kennzeichnen. 🙂 Und: schaut man die moffat/gatisschen Ergüsse nicht auch deswegen so gern, weil man sehen will, wann dieses Mal Mark Gatiss total überraschend in einer Nebenrolle auftaucht? 😀