Serien-Besprechung: „Dark“ Staffel 3

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Dieses mal warte ich nicht ein Jahr bis zur Besprechung so wie ich es bei der zweiten Staffel getan habe. 😉 Da ist es nun – das Ende von „Dark“. Dabei hätte man vermuten können, dass gemäß dem Satz „Das Ende ist der Anfang“ die Serie nicht so schnell endet. Oder vielleicht mit einem üblen Twist oder Cliffhanger? Vielleicht gibt die Besprechung darüber Aufschluss. Wer die erste und zweite Staffel noch nicht gesehen hat, sollte sich von dem Beitrag hier lieber fernhalten. Für die dritte Staffel ist der Beitrag spoilerfrei – bis auf den gekennzeichneten Absatz. Nachdem ich die Staffel gesehen habe, bin ich übrigens auf die offizielle Webseite zu Serie von Netflix gestoßen, auf der man einen interaktiven Familienstammbaum anschauen kann. Und das spoiler-safe. Heißt, man kann angeben wieviele Episoden und Staffeln man kennt. Sehr nützlich für alle, die nicht mehr mitkommen oder eine Auffrischung brauchen.

Noch ein normaler Tag in Winden

Nachdem Jonas (Louis Hofmann) von einer sehr lebendigen Martha (Lisa Vicari), korrigiert wird, dass die Frage nicht ist „von wann“, sondern aus „welcher Welt“ sie stamme, ist klar, dass Dark jetzt die Viele-Welten-Theorie entert. Sie sagt Jonas, dass ihre und seine parallel existierende Welt miteinander verbunden sind und dass sie die Katastrophen in beiden Welten verhindern und dessen Ursprung finden können. Überfordert von dieser nochmals kompletten Wende, folgt ihr Jonas in ihre Welt. Die ähnelt seiner stark, aber nicht komplett. Zum Einen ist Mikkel (Daan Lennard Liebrenz) hier nie in der Zeit zurückgereist, wodurch er nie Michael (Sebastian Rudolph) wurde und Jonas dementsprechend nie zur Welt kam – um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Während Jonas versucht das Geflecht der beiden Welten zu durchblicken, irrt Katharina (Jördis Triebel) in Jonas Welt der 1980er Jahre durch Winden und versucht ihren Sohn und Ulrich (Oliver Masucci) zu finden. Peter Doppler (Stephan Kampwirth) und seine Tochter Elisabeth (Carlotta von Falkenhayn) suchen hingegen in einem nach der Katastrophe zerstörten Winden Charlotte (Karoline Eichhorn) und Franziska (Gina Alice Stiebitz).


„Dark: Staffel 3 | Offizieller Trailer | Netflix“, via Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (Youtube)

Das Ende ist der Angang ist das Ende ist der Anfang …

Nachdem nun also neben der Zeitreise auch die Reise zwischen mehreren Weltern möglich ist, beginnt das große Entwirren der Zusammenhänge. Immer dann, wenn in Jonas Welt irgendeine unsichtbare Hand das Geschehen lenkt, ist es in Wirklichkeit jemand aus der anderen Welt, Marthas Welt. Und andersrum. Denn wie bereits vermutet ist der ganze Stammbaum der Windener (zumindest von zwei, drei Familien) stark von der Existenz von Jonas und Martha abhängig. Daher braucht es einen Jonas in Marthas Welt, alles klar? Spätestens hier wird deutlich, dass Martha Jonas nicht grundlos in ihre Welt geschleust hat. Auch sie wird beraten von jemandem, der das große Ganze kennt – und vielleicht in die Irre geführt.

Für die Zeitreise, Viele-Welten-Theorie und v.A. die Verbindung zwischen den Welten packen die Serienmacher ordentlich aus. Da ist von Schrödingers Katze, Cäsium und Quantenverschränkung die Rede. Alles rund um Quantentheorie bleibt mehr ein fact dropping als handfeste Wissenschaft, was Hardcore-Physik-Fans möglicherweise enttäuscht. Irgendwann wird man einen leuchtenden Tunnel sehen, der dann trotz emotional aufgeladener Szenen mehr Bullshit ist. Aber die Szene ist nur kurz. Die Serie bleibt abgesehen von den fallen gelassenen Begriffen der Black Box treu – und ich denke, dass das auch gut so ist. Auf diesem Level funktioniert das Gezeigte auch wunderbar – was braucht es mehr?

Nichts, denn der Knoten wird entwirrt und alle Paradoxe gehen auf, was narrativ eine echt mächtige Leistung ist. Wenn sich der Stammbaum vor einem komplett entfaltet, dann wird klar, was wir schon alle längst vermutet haben: dass insbesondere zwei, drei Familien in Winden genetisch dermaßen eng miteinander verwoben sind, enger geht es gar nicht. Zusammen mit der anderen Welt, in der Martha quasi die Rolle von Jonas in seiner Welt einnimmt, bekommt Lisa Vicari automatisch etwas mehr zutun. Dankbarerweise muss man sagen. Ästhetisch wird das nicht selten als gespiegeltes Bild in Split-Screens dargestellten und bildet mit den Openings seit der ersten Staffel ein schönes, geschlossenes Ganzes. Um bei den Welten den Überblick zu bewahren, bedient sich die Serie eines „Warp-Effekts“. Aber auch so bieten die Szenen und Kohärenz gerade stets genug Anhaltspunkte, um zu verstehen welche Welt man gerade beobachtet.


„Soap&Skin – What a wonderful world (official)“, via Soap&Skin (Youtube)

Im Paradies ist es dunkel

So ganz ohne plot holes ging es dann aber nicht. So fragt man sich doch rückblickend, warum die Kindesentführungen und Experimente mit tödlichem Ausgang dann überhaupt notwendig waren, wenn es schon weitaus früher Gottespartikel und funktionierende Zeitreisen gab? Solche Lücken löst die Serie mit dem Totschlag-Argument auf, dass „alles so passieren muss wie es schon immer passiert ist.“ Und überall da, wo das nicht gelingt, taucht der „Unbekannte“ (Jakob Diehl) auf. Ein Charakter, der das erste Mal in der dritten Staffel in Erscheinung tritt. Und was nicht passt, wird von ihm passend gemacht. Aber brauchte es das alles, wo die Serie doch schon so viele starke Motive hat? Und auch viele helfende Hände, um die Paradoxe der beiden Welten aufrecht zu erhalten? Das und die stets und ständigen Wiederholungen der Sinn- und Seinssprüche der Serie („Der Anfang ist das Ende. Das Ende ist der Anfang.“, „Wir passen perfekt zusammen.“, „Ein Mensch stirbt drei Mal …“) erwecken den Eindruck der Redundanz und dass sich die Serie zu stark wiederholt. Dank Auslassungen ist das bei den kniffligen Familienstammbäumen besser geglückt.

Das alles gerät aber dank der beeindruckenden Zusammenhänge in den Hintergrund und fällt zumindest für mich sehr weniger stark ins Gewicht. Die Narrative ist gelungen – wie enttäuscht wären wir gewesen, wenn die Lösung des Knotens sich in Logiklücken verheddert? Die letzte Staffel von Dark schafft das perfekte Ende des Verwirrspiels mit einem berührenden Ende. Alles wurzelt in Liebe und Verlust. Was ist menschlicher als nicht loslassen zu können, was man liebt? Jonas und Marthas zwischendurch entwas angekitschte Liebesgeschichte bekommt in der dritten Staffel eher den bitteren Beigeschmack einer Trennung, von der beide wissen, dass sie geschehen muss. Ihre Liebe verläuft in einer Bahn mit Abstiegstendenz und erinnert uns alle an das Bittersüße. Die große Liebe, die große Trennung. Jantje Friese und Baran bo Odar haben eine anspruchsvolle Serie geschaffen, die sowohl Herz als auch Kopf anspricht und all diese Paradoxe zu einem ansprechenden und rührenden Ende geführt. Eine Leistung, die selbst von Redundanz und seltsamen glitzernden Tunneln kaum in den Schatten gestellt werden kann.

(9/10)

Sternchen-9

Ein paar (spoilerlastige) Gedanken zum Ende und zum großen Ganzen

bitte zum Lesen ausklappen

Ein bisschen Diskussionsbedarf habe ich ja schon nach dem Ende und kann es mir dieses Mal nicht verkneifen noch einen Absatz nachzuschießen. Denn man merkt nach dem Ende der dritten Staffel doch sehr stark, was sich auch nachlesen lässt: dass Jantje Friese und Baran bo Odar die Serie von Anfang an komplett durchgeplant haben und die Idee der letzten Endes drei Welten schon zur ersten Staffel stand. Das Symbol auf dem Buch mit den drei ineinander verschränkten Symbolen war ein erster Hinweis darauf. Anfangs hätte man denken können, dass es ist ein Hinweis auf die 33-Jahr-Abstände und die vorrangig auftauchenden drei Jahrzehnte sei. Umso krasser ist die Wende, bei der am Ende der dritten Staffel durch die Nicht-Existenz der Zeitreise quasi zwei/drei Familienstammbäume nahezu komplett ausgelöscht werden. Der der Nielsens/Kahnwalds (Agnes, Tronte, Ulrich, Martha/Magnus/Mikkel und dadurch auch Jonas und indirekt Bartosz und Silja) und der der Dopplers (Charlotte/Elisabeth/Franziska). Es ist schon herb zu sehen, dass so viele Lieblingscharaktere der Serie im Nichts verschwinden. Besonders schwer viel mir das bei Magnus und Franziska aus Evas Welt, die am See dann wortwörtlich der Apokalypse ins Auge blicken. All das macht die letzte Szene um Hannah und die Gruppe der „Überlebenden“ tröstlich und ich bin sehr froh, dass sie Teil der letzten Episode war. Dadurch, dass sie sich an den Namen Jonas erinnert, scheint doch auf irgendeiner Ebene etwas von ihnen übrig geblieben zu sein. Liebe richtet selbst aus dem „Dunkel“ etwas aus – bis über physikalische Grenzen hinweg. Für solche Botschaften, wenn sie unverkitscht erreicht werden, war ich schon immer empfänglich. Dieser Glitch gibt der Sache mit den Déjà-vus einen dramatischen Beigeschmack. Also wenn wir mal wieder ein solches Gefühl haben … wer weiß, aus welcher Welt oder Zeit, das ein Überbleibsel ist? 😉

Kurze Zeit dachte ich übrigens, dass der dritten Staffel dann doch ein großer Fehler unterlaufen ist. In der letzten Episode beim Beisammensein von Regina, Peter, Katharina, Hannah, Wöller, etc. sieht man ein Foto von Claudia, Regina und ich dachte es wäre Tronte. Aber in dieser Welt kann es Tronte ja nie gegeben haben, weil er der Sohn von Agnes und dem „Unbekannten“ (Jonas/Marthas-Sohn) ist. Wahrscheinlich ist aber, dass Reginas echter Vater auf dem Bild ist, der alte Doppler und ehemalige Leiter des AKW. Übrigens ist das so ziemlich der einzige familiäre Zusammenhang, der mir zwischen Staffel eins und drei entgangen ist und zu dem mich die oben verlinkte Webseite aufgeschlaut hat. Nochmals die letzten Minuten der Episode zu schauen hat das dann bestätigt. Ein bisschen krass finde ich die mangelnde Liebe und Pflege des „Unbekannten“, d.h. dass Marthas und Jonas Sohn nicht mal einen Namen hat. Aber das erklärt sich vielleicht u.a. dadurch, dass Martha und Jonas stets aus unterschiedlichen Welten stammten und scheinbar nie mit „ihrer Martha“ und „ihrem Jonas“ aufeinandertrafen und dieses Gefühl der neutralen Schicksalsergebenheit auf ihren Sohn übertragen. Irgendwie eine sehr traurige Botschaft. Sehr cool wiederum ist der Running Gag um Wöller und sein Auge. XD Dass er zum Schluss in die Gruppe integriert ist und Hannah vielleicht doch „alles bekommen hat“ ist schon irgendwie ziemlich schön in diesem bittersüßen Ende.

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Ihr hört raus, dass ich trotz etwas Gemecker echt zufrieden mit der letzten Staffel bin. Wie geht es euch damit? Wurden eure Theorien bestätigt? Hat etwas gefehlt? Was hat sich euch ganz lange oder bisher gar nicht erschlossen? Kommentiert gern auch meinen ausgeblendeten Absatz – aber kennzeichnet Spoiler bitte gut in den Kommentaren. Apropos Familiengeschichten: der „Unbekannte“ wird übrigens Jakob Diehl gespielt, dem Bruder von August Diehl. Und das reicht noch nicht: deren Vater spielt hier auch die ältere Version des „Unbekannten“. Meine Herren…