Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Ich bin dein Mensch“

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Endlich wieder Kino! Endlich wieder ein Grund das Template für meine „Neulich im Kino …“-Beiträge zu benutzen. Ich wusste schon gar nicht mehr wie der Header aussieht. Mein erster Besuch nach der langen pandemie-bedingten Durststrecke war aber eigentlich Nomadland, der sich aber gerade dann als „Fantastischer Film“ aufdrängte. Was aber immer noch auffällig ist: es ist gerade mal mein siebter Film aus dem Jahr 2021. Das passiert sonst nicht. Und der erste 2021er-Jahrgang, den ich überhaupt im Kino sehe. Die anderen waren alle auf Online-Filmfestivals von der heimischen Couch aus. What a time … Besprechung ist spoilerfrei.

Alma (Maren Eggert) ist skeptisch. Da wurde nun ein humanoider Roboter namens Tom (Dan Stevens) nach ihrem Persönlichkeitsprofil eines idealen Partners angefertigt und das ist es nun? Er spricht mit einem britischen Akzent, sagt „klönen“ und räumt artig ihre Wohnung auf, nachdem er ihr ein Frühstück gemacht hat, das sie morgens eh nicht isst. Für sie ist das Experiment von der ersten Minute an gescheitert. Nicht mal ihre Neugier als Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Anthropologie reicht aus um Tom mehr von ihrer Zeit zu widmen. Ein Gutachten soll sie darüber schreiben, ob solche „Humanoide“ als Ehepartner*innen zugelassen werden dürfen. Eigentlich will sie nur ihre aktuelle Forschungsarbeit zum Abschluss bringen und nicht Kindermädchen für einen von der Ethikkomission auf sie losgelassenen Humanoiden spielen. Leider lässt sich Tom aber schlecht ignorieren.


„ICH BIN DEIN MENSCH – Trailer – ab 1. Juli 2021 nur im Kino“, via MajesticFilm (Youtube)

Maria Schrader inszenierte den Film nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Emma Braslavsky, die in der Anthologie 2029 – Geschichten von morgen erschien. Maren Eggert brachte ihre hervorragende Leistung als resolute und von Liebe (oder vom Leben?) entzauberte Alma auf der Berlinale einen silbernen Bären ein. Der des Deutschen mächtige Dan Stevens gibt mit stets charmanter Mine und ebenso sympathischem Akzent Tom, der anfangs noch wirklich (und beabsichtigt) robotherhaft wirkt bis er Alma und die Zuschauenden vielleicht doch streckenweise um den Finger wickelt.

Es scheint von vornherein ausgeschlossen, dass Tom etwas in Alma triggert. Sie glaubt nicht an den Geist in der Maschine und findet das Experiment nahezu pervers. Für sie ist Tom kaum mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Sie stellt ihn wie einen Stausauger in die Abstellkammer. Mehr noch: als sie bemerkt, dass er doch einige Qualitäten hat, die ihr in einer rachsüchtigen, trunkenen, schlechten Laune zu passe kommen, objektifziert sie ihn. Hier werden die Geschlechterstereotype durchaus mal umgekehrt. Der Film hat aber enorm viel Sympathie für seine Hauptfiguren und lässt uns stets daran teilhaben warum Alma tut was sie tut.

Frustration, enttäuschte Erwartungen an das Leben und die Liebe machen, dass sich Alma mit herzblut der Wissenschaft verschreibt. Sie glaubt nicht an Beziehungen und schon gar an die programmierte. Tom kann also gar nicht richtig machen – sie wird es aus Prinzip hassen. Bis sie das nicht mehr kann und sich ihrer Vorurteile bewusst wird, aber auch des Lernprozesses von Tom, der ihn letzten Endes doch dem überraschend nah bringt, was Alma meinte nicht mehr zu suchen. Dabei gleitet Ich bin dein Mensch dankenswerterweise nie in Kitsch ab und uns bleiben Märchen von Wunder-KIs erspart, die einen freien Willen entwickeln oder plötzlich Liebe erfunden haben. Obwohl es schade ist, dass der Film nicht mal ansatzweise die Rechte einer KI anspricht.

Dass der Film sich nun jeglichen Anflugs von Kitsch entledigt, liegt v.A. daran, dass Tom immer mal wieder in ein Uncanny Valley abrutscht oder gar eine für Menschenohren schmerzhaft objektiv-rationale Meinung bekundet. So fragen wir uns zusammen mit Alma, ob ein unperfekter Mensch mit etwas zusammen sein kann, das programmiert wurde. Es ist faszinierend dabei zuzusehen wie Alma und Tom das Katz und Maus Spiel spielen bei dem man sich fast wünschen würde es wäre so einfach wie im schlechten Popcornkino und vielleicht die erste wirkliche Mensch-Maschine-Romcom. Ein wenig befremdet der englische Titel – I’m Your Man. Wie wurde aus Mensch Man?

Was ich Alma gern mal gefragt hätte, ist ob sie jemals eine irreelle, aber starke Zuneigung zu einem ihrer technischen Geräte aufgebaut hätte!? Das Laptop getätschelt, nachdem der ständig aufploppende Fehler mit dem nächsten Betriebssystemupdate verschwunden ist. Den Router nachdem er vom Netz getrennt war und nun nach dem Reconnect wieder Wifi da ist. Falls es bisher nicht so klang: der Film ist neben seinen weitreichen Fragen über die Beziehung zwischen Mensch und Maschine und die Drama-Aspekte vor Allem auch eine wunderbare Komödie. Das Gebanter und der verbale Schlagabtausch zwischen Alma und Tom führt uns einiges um den Cocktail vor Augen, den wir Beziehungen nennen. Erwartungen, die Angst alleine zu altern, etwas zu verpassen und Einsamkeit. Aber auch Verständnis, den anderen so zu nehmen wie er ist oder nicht ist und die Frage, was ist überhaupt Liebe? Wer sich übrigens fragt, warum Dan Stevens hier so wunderbar unsynchronisiert Deutsch spricht, findet die Antwort unten im Berlinale-Panel mit allen Filmschaffenden.

Ich bin dein Mensch, Deutschland, 2021, Maria Schrader, 108 min, (8/10)

Sternchen-8


„ICH BIN DEIN MENSCH – Berlinale-Pressekonferenz Clip 7 – ab 1. Juli 2021 im Kino“, via MajesticFilm (Youtube)

Hier kann man sich übrigens die ganze Pressekonferenz anlässlich der Berlinale anschauen. Ich war sehr angenehm überrascht von dem Film und umso gespannter auf eure Meinung!? Außerdem erfüllt mir der Film gleich mehrere Wünsche … es ist mal wieder ein deutscher Film, den ich sehr genossen habe, außerdem von einer Regisseurin.