Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Anatomie eines Falls“

Glück gehabt, dass er nochmal lief. Eigentlich hatte ich den Kinostart verpasst, weil … das Leben. Lag es an den sensationellen 5 Oscar-Nominierungen für den Film, dass er nochmal in die Lichtspielhäuser meiner Stadt zurückkehrte? Wer weiß. ich war jedenfalls froh drüber und der Kinosaal randvoll. Die Besprechung ist spoilerfrei.

Das Schriftsteller-Ehepaaar Sandra Voyter (Sandra Hüller) und Samuel Maleski (Samuel Theis) lebt in den Alpen in der Nähe von Grenoble zusammen mit ihrem sehbehinderten Sohn Daniel (Milo Machado Graner). Während Sandra gerade noch ein Interview hatte, saniert Samuel das gemeinsame Haus. Dann das Hilferufen ihres Sohns: er findet Samuel blutend vor dem Haus, scheinbar leblos. Samuel ist tot. Schnell entstehen Zweifel daran, dass er gestürzt ist und Sandra wird angeklagt. Einer der wichtigsten Zeugen: ihr eigener Sohn. Eine schier unlösbare Patt-Situation führt zur Anatomie eines Falls.

Anders als in anderen Gerichtsdramen ist nicht der Gerichtssaal oder die Atmosphäre darin der Star. Nicht der selbstlose, verbissene Verteidiger. Obwohl Swann Arlaud als Sandras Anwalt Vincent hervorragend tut, was er tut. Fokus liegt stattdessen auf den Charakteren und dem schwierigen Geflecht einer kleinen Familie, die schon vor dem „Fall“ viel durchstehen musste.

ANATOMIE EINES FALLS Trailer German Deutsch (2023) Exklusiv, KinoCheck, Youtube

Die Doppeldeutigkeit des Titels Anatomie eines Falls gibt schon den besten Hinweis darauf, was Quintessenz des Films ist: Möglichkeiten, mehrere Seiten einer Medaille. Ist es der Fall im Sinne von „Kriminalfall“? Gibt es denn einen oder war es möglicherweise doch ein Unfall oder gar Suizid? Ist mit dem Fall schlich der „Fall Samuels aus der Höhe“ gemeint? Oder viel mehr der „Niedergang der Beziehung“? Die vielen möglichen Deutungen des Titels sind wie eine Metapher auf das, was innerhalb und außerhalb des Gerichtssaals passiert. Es ist als ob er aus zwei, drei, vier unzuverlässigen Erzählenden bestünde. Alle haben eine Agenda. Sandra, die nicht ins Gefängnis will und sagt, sie sei unschuldig. Das Gericht. Ihr Sohn. Die Beweislage. Alles erzählt eine andere Wahrheit. Daniel sieht gar vor seinem inneren Auge unterschiedliche Aufklärungen. Er ist ein Oxymoron: der Zeuge, der nicht sehen konnte. Ein Junge in einer unmöglichen Situation. Und daneben Sandra Hüller als Mutter und Angeklagte, die viel von sich im Zeugenstand preis geben muss, aber trotzdem noch undurchschaubar wirkt. Die Charakterdarstellungen sind meisterlich. Und frei von künstlich aufgeladenem Justizdramen-Pathos.

Auch abgesehen davon gibt es spannende Widersprüche in dem Film. Die grotesk laute Musik Samuels im Kontrast zur dramatischen Klaviermusik. Den glücklichen Samuel und die glückliche Sandra gibt es nur auf alten Fotos. Für ihr Unglück gibt es Beweise, aber ansonsten keine für ihr Glück. Sandra und Samuel sieht man übrigens nie in der Gegenwart im selben Frame. Nur ihre zerrüttete Beziehung, offen gelegt für alle.

Würde ich im Gerichtssaal sitzen, mein Kopf würde immer nur zwischen den Personen hin- und herwandern, die Wahrheit suchen. Ping-Pong. Dabei müssen wir das natürlich nicht – das erledigt die Kameraarbeit wortwörtlich für uns. Die ist über die meiste Zeit relativ nüchtern, aber pointiert. Dann gibt es den klassischen Zoom auf Gesichter in Schlüsselszenen, der fast kitschig oder etwas überholt wirken könnte. Wie in einem Fernsehdrama von vor x Jahren. Aber er tut genau das, was ich suche. Das komponierte Ganze von Anatomie eines Falls fängt hervorragend all das ein, was auf den Charakteren ruht.

Ebenso verblüffend ist der Umgang mit der Situation Daniels, der durch seine Behinderung auf sein gewohntes Umfeld angewiesen ist, aber auch unter Umständen für/gegen dieses (seine eigene Mutter) aussagen muss. Anatomie eines Falls mag in seinen Mitteln nüchtern wirken, ist aber so packend, dass ich mich keine Minute der zweieinhalb Stunden gelangweilt habe. Ob das Ende des Films viele Fans haben wird? Ich befürchte es sorgt für etwas Reibung und Unzufriedenheit. Aber vielleicht haben wir den Fall bis dahin auch weitestgehend entschlüsselt.

Anatomie eines Falls (OT: Anatomie d’une chute), Frankreich, 2023, Justine Triet, 151 min, (9/10)

Sternchen-9

Habt ihr den Film gesehen und wie hat er euch gefallen? Wart ihr mit dem Ende zufrieden? Ich bin schon mächtig gehyped, dass der Film für Oscars in so prominenten Kategorien nominiert wurde und werde Justine Triet und Sandra Hüller am 11. März fest die Daumen drücken.

9 Antworten

  1. Ich fand ihn großartig und drücke Sandra Hüller die Daumen wie verrückt. Ein Film über den ich noch sehr viel nachdenke. Richtig gut!

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Fand ich auch. 🙂

  2. Ein großartiger Film!

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      In der Tat

  3. Spannender Film… und auch genial gemacht, wie wir als Zuschauer selbst nie wirklich wissen, was jetzt eigentlich wirklich passiert ist… irritiert, aber auch fasziniert hat mich der Wandel von der objektiven Beweisführung hin zum Subjektiven, wenn selbst ihre Romane als Beweismittel benutzt werden und der Verteidiger kalt sagt: „Müssen wir dann davon ausgehen, dass Stephen King ein Serienkiller ist?“

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ja, das fand ich auch nochmal richtig stark und hätte mir auch gewünscht, dass sie das mit den Romanen vielleicht sogar nochmal etwas ausgebaut hätten. Andererseits hätte das vielleicht zu sehr von dem Dilemma des Jungen abgelenkt.

  4. Den habe ich leider im Kino verpasst. Aber wenn der Film dann alle Oscars abräumt, dann läuft der bestimmt nochmal auf der großen Leinwand. 😀

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      In Magdeburg bekam der dann tatsächlich durch die Nominierungen eine zweite Spielzeit 🙂 Sonst hätte ich auf die Disc warten müssen, die ist wohl gerade raus.

  5. […] Kino war ich nur zu Anatomie eines Falls. Ich bin sehr traurig, dass All of us Strangers hier nicht lief. 😔 In der ARTE Mediathek […]

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