Da bin ich ganz schön geflitzt … die Angst kein Ticket mehr für ‚A Silent Voice‘ auf der Nippon Connection zu bekommen war begründet. Der Saal war rappelvoll. Es hat also noch geklappt und ich durfte den Anime sehen, der auf Yoshitoki Ōimas Manga basiert, der nicht nur wegen des haarigen Themas ‚Mobbing‘, sondern viel mehr wegen seiner aufgeschlossenen Herangehensweise und Aufruf zu mehr Toleranz große Bekanntheit erlangte. Filmbesprechung ist spoilerfrei. (Auszüge dieser Besprechung findet man auch in meinem Gastbeitrag im Nippon Connection Blog.)
A Silent Voice ist die Langfilm-Umsetzung des Erfolgsmanga von Yoshitoki Ōima, der seit 2011 in Japan und seit 2016 in Deutschland erscheint und ein Sensationserfolg war. Das sicherlich v.A. aus dem einfachen Grund, da die darin angesprochenen Themen uns alle etwas angehen. Der Film handelt von Shōya Ishida, dem Klassen-Clown seiner Grundschule. Als die gehörlose Shōko Nishimiya in seine Klasse kommt, sind alle Kinder erstmal etwas überfordert, aber freundlich. Nach und nach bemerken sie, dass es schwerer als bei anderen Kindern ist eine Beziehung zu Nishimiya aufzubauen und sie einzubeziehen. Insbesondere Ishida beginnt bald sie zu mobben und andere schließen sich ihm an. Als das Mobbing auffällt, wendet sich das Blatt und Ishida wird zum Ziel der Anfeindungen. Viele Jahre nachdem beiden Mobbing widerfahren ist, treffen sie sich wieder. Ishida möchte Freundschaft mit Nishimiya schließen. Aber ist das möglich?
Man könnte meinen, dass der Film fast schon überfrachtet ist mit Motiven. Denn er bildet mehrere moralische Dilemmata ab, die mit Mobbing und Ausgrenzung einhergehen. Während Ishida das Gefühl hat, dass er es während der Vorkommnisse in der Grundschule für alle versaut hat (sich selbst, Nishimiya, seine Mutter, die Mitschüler, …), hat Nishimiya ebenfalls Schuldgefühle. Spätestens als sie sieht wie es Ishida ergangen ist. Wenn Nishimiya beginnt Gefühle für Ishida zu entwickeln, wird das Dilemma größer und größer. Nishimiya bemerkt wie sehr Ishida seine Taten der Vergangenheit belasten und hat das Gefühl, dass beide keine Zukunft haben. Zuviel Ballast, zuviel Schuld. Aber das ist noch nicht alles. Dazu kommen die verschiedenen Schattierungen von Freundschaft die der Film mal ebenso nebenbei behandelt. Die etwas ungesunden, genauso wie die selbstlosen Freundschaften. Und mittendrin Ishida, der beruhend auf seinen Erfahrungen als Kind die anderen Menschen mit einem dicken Kreuz auf dem Gesicht markiert, da keiner von ihnen ein Bezugspunkt für ihn sein kann und er das Gefühl hat, dass ihn so oder so nur alle hassen können, weil er sich selbst hasst. Also ja: der Film ist etwas überfrachtet. Aber auf eine gute Art und Weise. Denn die vielen Schattierungen sind nötig. Dabei wird klar, dass Ishida zum Einen zu einem besseren Menschen gemacht wurde, aber zum Anderen auch das größte Opfer seines eigenen Mobbings wurde. Was das mit dem jungen Mann macht, der eigentlich kein schlechter Kerl ist, demonstriert der Anime einfühlsam und mit viel Symbolik, sowohl optisch als auch an Stilmitteln des Animationsfilms. Man meint nicht selten das Dröhnen und die Veränderung der Umwelt mit den Sinnen Nishimiyas wahrzunehmen oder mit Ishidas vor Schuld gesenktem Blick. Das ist er: der Anime-Film, der sich gleichermaßen Opfer und Täter widmet.
Dabei ist A Silent Voice kein bierernstes Lehrstück, das mit dem moralischen Fingerzeig Täter anprangert, sondern ein einfühlsamer Film, der alle Seiten beleuchtet und das Pulikum genauso oft zum Lachen wie zum Innehalten bringt. Und das war auch an den Reaktionen im Publikum zu sehen. Da kullerten einige Tränen. Der Film schafft perfekt den Spagat zwischen der Betrachtung von Mobbing und den daraus entstehenden Ängsten und Schuldgefühlen, als auch zu zeigen, was die Motivation der Täter ist und was es aus ihnen machen kann. A Silent Voice erinnert uns an unsere Freundschaften, an unsere Feindschaften und den Cocktail an Emotionen, den man als Kind und Heranwachsender durchläuft und ist damit ein generationen-übergreifender Film. Bei stetig locker-leichter Animation auf hohem Niveau ohne Ausfälle und ohne unangenehme Randerscheinungen erzählt er uns was vom Wert des eigenen Lebens und wie unser Leben (oder auch Ableben) das anderer beeinflusst, selbst wenn wir bei gesenktem Blick denken, dass da niemand ist.
A Silent Voice (OT: 聲の形 – Koe no katachi), Japan, 2016, Naoko Yamada, 129 min, (9/10)
„Koe No Katachi (2016) Extended Trailer – (English Subtitles)“, via BrandonIsBack (Youtube)
https://www.youtube.com/watch?v=9aRexOtovXY
Kennt ihr den Manga und vielleicht sogar schon den Film? Gibt es Unterschiede, die euch aufgefallen sind? Wie haben euch Manga und oder Anime gefallen? Haltet ihr die Umsetzung des Mobbing-Themas für gelungen?
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