Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Your Name. – Gestern, heute und für immer“

Weltweit erfolgreichster Animefilm. Das ist ein ziemlich schönes, wenn auch meistens unbeständiges Label. Die weltweit erfolgreichen Anime wechseln sich bisher in schöner Regelmäßigkeit ab. Was mein Anime-Fan-Herz aber besonders freut ist, dass Makoto Shinkais „Your Name“ auch hierzulande so einen Ruf genießt. Da wurden gerade erst mehrere weitere Termine in den örtlichen Kinos freigeschaufelt, wo zuerst nur ein magerer Spieltag geplant war. Und auch das Feuilleton scheint begeistert zu sein. (Sind das nicht die, die sonst nur Dramen gucken? Kleiner augenzwinkernder Scherz 😉 ) Meine eigene Sichtung war lange geplant. Die Karte wurde schon letztes Jahr gekauft. Und letzte Woche war es dann endlich soweit. OV. Anime. Yesss. Besprechung ist spoilerfrei.

Man will immer das, was man nicht hat. Mitsuha lebt auf dem Land und wurde in eine Familie geboren, die sowohl mit dem lokalen Tempel als auch der Lokalpolitik eng verwoben ist. Jeder kennt sie, jeder hat Erwartungen, aber Zerstreuung gibt es wenig. Es gibt im Dorf ja nicht mal ein Café, klagt sie. Kaum, dass sie es sich gewünscht hat in einer Stadt wie Tokyo zu leben, erfüllt sich ihr Wunsch. Sie wacht im Körper von Taki, einem Jungen in Tokyo, der in etwa in ihrem Alter ist. Und andersrum. So bringt Taki in Mituhas Körper einiges durcheinander, genauso wie Mitsuha in Gestalt von Taki. Während für die Schüler im Alter der schwirrenden Hormone v.A. interessant/erschreckend ist, welche Körperteile sie nun mit sich rumtragen, helfen sie sich gegenseitig auf die Sprünge und lernen sich kennen ohne sich begegnet zu sein. Dann passiert etwas unvorhergesehenes, das alles verändert.

„Your Name Trailer German Deutsch (2018)“, via Moviepilot Trailer (Youtube)

Ja ich formuliere das bewusst als fiesen Cliffhanger auf eine etwas plumpe Art und Weise. Denn wer anfangs dachte, dass das eine einfache Coming-of-Age-Körpertausch-Geschichte ist, der hat sich getäuscht. Makoto Shinkais neuster Streich kann noch viel mehr. Das Thema Körpertausch ist sogar relativ schnell zugunsten eines noch viel größeren und v.A. eines gewichtigeren Themas relativ schnell wieder abgefrühstückt. Es ist eine angenehme Geschwindigkeit mit der Mitsuha und Taki anfangs noch langsam merken, das etwas faul ist. Dann wird sehr schnell und irre witzig der vertauschte Alltag der Beiden behandelt und dann gibt es den eben besagten großen Knall, bei dem man im Kinosaal die Stecknadel hätte fallen hören können. Aber nicht mal die fiel, so gebannt waren alle. Plötzlich ist die leichte Komödie eine um Leben und Tod und eine, die uns ganz andere Themen wie Vergänglichkeit und verpasste Chancen vor Augen hält. Und ich dachte schon: was ist denn mit Makoto Shinkai passiert!? So leichte Komödien sind ja sonst nicht seins. Da geht es doch immer um viel Drama, tiefe Gefühle und die unumstößlichen Irrwege des Lebens, die Liebende öfter mal auseinanderführen. Hm? Jaja. Das kommt auch. Und so ist der Film noch eine ganze Menge mehr als eine Körpertausch-Komödie.

Tatsächlich ist der Film genreübergreifend und außerordentlich gut komponiert. Nichts kommt zu kurz. Wir sind gerührt angesichts der Geschichte von Mitsuha und Taki und suchen die Taschentücher bei diversen Szenen. Wir lachen mit ihnen – lauthals. Beide sind wunderbar menschlich und erinnern uns an die Ängste, Höhen und Tiefen als Teenager, wo das Leben noch soviel Neues und Erschreckendes bereit hält. Und vor Allem sind wir fassungslos, wenn sich diverse Katastrophen vor uns ausbreiten. Ganz nebenbei erzählt der Film neben den großen Motiven auch davon wie sich das Leben in Tokyo anfühlt und wie in einer ländlichen Gegend Japans. Und zeigt uns: wir sind alle unterschiedlich und doch alle ein bisschen gleich. Auch die Jugend in der ländlichen Gegend aus der ich komme hat das Fehlen von Geschäften und Vergnügung beklagt und sich abends an der Bushaltestelle getroffen. Weil … wo sonst im Dorf? Und wir sehen die Unterschiede. Mitsuha durchläuft die eine oder andere Tradition ihres Ortes und des ansässigen Tempels. Rituale die wir hier nicht haben, deren Schönheit er uns aber mit Leichtigkeit vorführt. Der Film hat sich das Attribut vereinnahmend verdient.

Makoto Shinkai hat schon düstere, deprimierendere Stoffe gedreht. Der ehemalige Autodidakt und Ein-Mann-Produktionsstudio hat aber hier einiges anders gemacht. Er hat uns Helden gegeben, die man leicht mögen kann und in die wir uns alle hineinversetzen können. Makoto Shinkai hat außerdem sein Painter-of-Light-mäßigen Einsatz von Naturphänomen, Licht und Flares etwas heruntergeschraubt. Es hatte zuweilen etwas von J.J. Abrams. Jetzt nicht mehr. Er verblüfft uns damit wie er die Schönheit der Natur einfängt und auch ihre rohe Gewalt, aber in einem Maß, dass uns bezaubert und in Ehrfurcht versetzt. Nicht blendet. Es ist so als ob er bei allem den richtigen Ton getroffen hätte. Tatsächlich. Es ist wahrscheinlich der Wohlfühlfilm aus dem Jahr 2016, der uns mit großer Verspätung erreichte. Warum dann nur neun von zehn Sternchen auf der Miss-Booleanaschen-Bewertungsskala? Weil der Film bei all seinen Motiven eben doch einige Logiklücken hat. Warum beispielsweise hat Taki nicht mal anhand von Mitsuhas Handy nachgeschaut wo er ist und welches Datum ist? Vieles lässt sich sicherlich mit den Gedächtnislücken erklären, die die beiden haben, nachdem sie im Körper des anderen waren. Aber auch das hat wiederum Logiklücken. Nichtsdestotrotz ein Film der seinem Ruf mehr als gerecht wird.

Your Name. – Gestern, heute und für immer (OT: 君の名は。“Kimi no na wa“), Japan, 2016, Makoto Shinkai, 107 min, (9/10)

Sternchen-9

Wer immer noch keine Anime geschaut hat, sollte sich den wirklich mal zu Gemüte führen. 🙂 Es ist nebenbei gesagt interessant Makoto Shinkais Werdegang zu verfolgen. Ich bin bei ihm immer hin- und hergerissen, ob ich gut finde, was er macht oder nicht. Meinen Respekt hat er sich allemal verdient, weil er tatsächlich schon mal einen Anime komplett alleine fabriziert hat. Von Drehbuch/Storyboard bis Zeichnen über Produktion und Arrangement. Alles. Naja außer Synchro. Muss man erstmal machen. Und da freut es mich doch sehr, dass er nun nach einigen bereits produzierten Filmen tatsächlich den einfach mal erfolgreichsten japanischen Animationsfilm abgeliefert hat. Nicht schlecht. Was sagt ihr? Wird der Film auch eurer Meinung nach seinem Ruf gerecht? Übrigens hoffe ich, dass das mit dem J.J.-Abrams-Realfilm ein Gerücht bleibt (Link enthält Spoiler). 

8 Antworten

  1. Ach Miss Booleana – schon wieder ein Film für meine Liste 😉

  2. Vielen Dank für das Review und die weiterführenden Infos. 🙂
    Ein visuell und inhaltlich herausragender Anime ist es meiner Meinung nach schon. Auch zum Lachen und Seufzen ist er geeignet. Gerade für jüngere Zuschauer mag er auch bereichernd sein. Ich finde Du triffst es mit Wohlfühlfilm sehr passend, weil er sich mit seinen Botschaften auch nicht aufdrängt. In die Kategorie meiner Lieblingsfilme hat er es allerdings trotz des großen Erfolges nicht geschafft. Der Trend zu Realverfilmungen von Animes gefällt mir wenig, aber sonderlich stören wird sie mich hier nicht.

  3. Auf diese Besprechung von dir habe ich gewartet. Auch wenn ich die Vorführungen in Berlin verpasst habe, werde ich den Film sobald wie möglich anschauen (sofern ich mich von Sailor Moon Crystal losreißen kann)! Bei Anime-Filmen, die nicht auf Serien basieren, bin ich gar nicht kundig und muss mir unbedingt mal eine passable Liste zusammenstellen.
    Viele Grüße!

  4. Ein toller Film. Habe mir jetzt direkt noch eine Karte für die Sonntags-Vorstellung gesichert. Echt schade, dass solche Filme dann wirklich nur als Geheimtipps weiterverbreitet werden können.

  5. […] Händler, wollt ihr denn kein Geld mit mir verdienen?) und das ganze wurde zur Zitterpartie. Dank Your Name und diversen Makoto Shinkai Filmen und einer prallen Watchlist, war schon klar, dass sich Ersatz […]

  6. […] Anime geschaut hat, sollte sich den wirklich mal zu Gemüte führen“, schreibt Miss Booleana über den lang ersehnten Film „Your Name“, der ursprünglich nur an vereinzelten Tagen als „Event-Vorstellung“ in wenigen […]

  7. […] Netflix Original und gefällt mir extrem gut. Und dann gabs ja im Kino noch Kimi no na wa bzw. Your Name. Toller Film! Gibt einem richtig Aufwind, wenn man den Anfang des Jahres […]

  8. […] was uns in Zukunft bezaubert und die Animeszene auch in Zukunft füllt. Als 2016 Makoto Shinkais Your Name den Kino-Thron bestieg und Chihiros Reise ins Zauberland als Animationsfilm, der in Japan (seit […]

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