Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Vollblüter“

Endlich wieder Kino. Wie lange war ich nicht? Keine Ahnung! Es müssen etwas über drei Monate gewesen sein. Mal Avengers: Infinity War ausgenommen. Und es tat so gut dem angenehmen Dunkel im Kinosaal wieder „Hallo“ zu sagen und einen Film zu genießen, den man wohl als Indie bezeichnen kann. Es geht um Mord, Geld und Pferde. Und um Teenager-Mädchen. Ganz nebenbei ist es der letzt Film Anton Yelchins, der 2016 überraschend verstarb. Review ist wie immer spoilerfrei.

Amanda (Olivia Cooke) und Lily (Anya Taylor-Joy) sind beides Ausgeburten aus Oberschicht-Häusern, gut-situierten Familien. Beide waren bis vor einer Weile beste Freundinnen, ritten zusammen aus, haben sich aber aus den Augen verloren. Amanda schockte zuletzt damit, dass sie ein Pferd tötete und ein Blutbad anrichtete. Zumindest ist das die Version, die „man sich so erzählt“. Sie ist eine Persona Non Grata, keiner weiß, was man mit ihr anfangen soll. Vielleicht bezahlt ihre Mutter Lily deswegen, um die Freundschaft wieder aufzunehmen? Bei ihrem ersten Treffen erzählt Amanda Lily freimütig, dass sie nichts fühlt. Keine Freude, keine Trauer. Aber sie ist eine Meisterin des Imitierens. Während Lily noch darüber nachdenkt wie sie diese Informationen verarbeiten soll, entdeckt Amanda auch, dass Lily ihren Stiefvater Mark (Paul Sparks) hasst. Und schlägt ihr vor ihn zu töten.

„VOLLBLÜTER Trailer German Deutsch (2018)“, via KinoCheck (Youtube)

Und der Gedanke keimt in Lilys Kopf und nimmt schlussendlich in dem kammerspielartigen, dialoglastigen Film Gestalt an. Zuerst überlegt das infernalische Duo den vorbestraften Tim (Anton Yelchin) zu erpressen, sodass er Lilys Stiefvater umbringt. Ein schwieriges Unterfangen, dass nicht ohne Umwege und Probleme bleibt. Man merkt es dem Film leicht an, dass er auf einem Theaterstück basiert. Zwar kleckert er nicht, sondern klotzt mit prunkvollen Kulissen, aber die Hauptrolle spielen die beiden Protagonistinnen und ihre Beziehung zueinander und den (rar gesäten) Menschen in ihrem Umfeld. Sie werden als sehr erwachsen und kühl für ihr Alter dargestellt. Amanda, die immer mal wieder das Lächeln vor dem Spiegel übt oder auch das Weinen auf Kommando – wer weiß, wann man es mal braucht? Oder Lily, die ernster und reifer auftritt als es ihr Alter vermuten lässt. Diese Teenagermädchen sind der Leichtigkeit der Jugend, der Freude und Lebenslust das ganze Leben noch vor sich zu haben so entrückt, dass es regelrecht unheimlich wirkt. Sie blättern nicht durch die Bravo, machen keine Youtube-Kanäle auf um Make-Up, Bücher oder Philosophie zu diskutieren. Sie pokern eher oder treiben sich im Darknet rum, um illegal verschreibungspflichtige Medikamente zu erwerben. Hat ihre Umgebung sie zu dem gemacht? Die Möglichkeiten, die sie haben? Dass (fast) alles genug Geld sei Dank austauschbar und wiederbringlich ist? In jedem Fall spielen Anya Taylor-Joy (bekannt u.a. aus Split) und Olivia Cooke (u.a. Bates Motel) ihre Rollen so meisterlich, dass man sich schon darauf freuen darf ihre Schauspielkarrieren noch ein paar Jahrzehnte zu verfolgen.

Was die Mädchen als so skrupellos charakterisiert sind v.A. die spitzfindigen und pointierten Dialoge, die den Film ausmachen. Große Action sollte man nicht erwarten: es ist ein Thriller, der ohne auskommt. Sehr hilfreich dabei ist der Scoren. Der Soundtrack aus verfremdeten Umgebungsgeräuschen, Stöhnen, Klopfen und dem CReative Jazz Erik Friedlanders beispielsweise. Obacht bei der Soundkulisse, die zwar über weite Teile abhanden kommt aber v.A. im Finale Freunde feiner Nuancen anspricht. Man beachte welche Geräusche es dann nicht mehr gibt. Die Umgebung unterstreicht imposant wie die Mädchen aufgewachsen sind – wobei man dies bei Lily deutlicher sieht als bei Amanda. Einerseits ist es wie ein goldener Käfig oder so steril und nach Geld stinkend, dass es die kalten Beziehungen ihrer Familie untereinander wunderbar unterstreicht. Cory Finley hat einen verhältnismäßig ruhigen, aber nicht minder spannenden Thriller geschaffen, wenn man diese theaterartige Note mag. Wer ausladende Actionszenen sucht, sucht vergebens. Es ist mehr das Charakterdrama und die Frage: wer ist es denn, der hier keine Emotionen hat? Manko des Films ist aber wohl leider das etwas zu kurz und höhepunktlos inszenierte Finale.

Vollblüter (OT: Thoroughbreds), USA, 2017, Cory Finley, 93 min, (8/10)

Sternchen-8

Was war eure längste Kino-Abstinenz? Hattet ihr auch den Eindruck, dass es dieses Jahr ein fettes Kino-Sommerloch gab? Zumindest hat mich das Programm (egal ob im großen Lichtspielhaus oder Indie-Kino) nicht wirklich gelockt. Habt ihr den Film gesehen? Und wenn ja, wie habt ihr das Ende gedeutet? (Spoiler bitte ggf kennzeichnen.) Der Trailer ist übrigens ein schönes Beispiel wie Blut in Medien in Deutschland gerne mal geschwärzt wird … schaut mal, ob ihr die Szene bemerkt.

Eine Antwort

  1. […] Kino war ich zu Vollblüter, einem Teenager-Thriller-Drama-Genremix, den ich sehr gelungen finde. Ansonsten lief im Heimkino […]

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