Serien-Besprechung: „The End of the F***ing World“ Season 1 & „The Innocents“ Season 1

Posted by in Review, Serienlandschaft

Also ich schaue schon Serien. Es ist jetzt nicht so, dass ich damit aufgehört hätte oder auf kaltem Entzug wäre. Nur irgendwie schicke ich die Besprechungen eher etwas spät in die Welt. Oder bin etwas müßig was das Schreiben der Reviews betrifft. ^^‘ Demzufolge präsentiere ich euch heute eine Besprechung, die seit Anfang des Jahres liegt. Ähem. Und eine, die ich gerade erst geschrieben habe – und zwar zu einer Serie, die ich gerade erst geschaut habe. Aber die Parallelen zwischen Beiden waren nicht von der Hand zu weisen. Das drängt sich quasi auf. Es geht in beiden Serien um zwei Teenager, die zusammen durchbrennen. Mit sehr unterschiedlicher Atmosphäre und Erfolgserlebnissen. Reviews sind spoilerfrei.

„The End of the F***ing world“ Season 1

Der 17-Jährige James (Alex Lawther) fühlt nichts. Um das zu testen, hat er seine Hand schon mal in eine Fritteuse gehalten. Die Brandnarben sieht man deutlich. Er quält Tiere, aber sagt, dass ihm das nicht mehr reicht. Da kommt ihm Alyssa (Jessica Barden) gerade recht. Die kommt auf ihn zu, sagt ihm, dass er scheiße skatet und will mit ihm rummachen. Gefundenes Fressen für einen Psychopathen. Eines Tages steht Alyssa dann vor seiner Tür und will durchbrennen.

„The End of the F**king World | Official Trailer [HD] | Netflix“, via Netflix (Youtube)

Es ist gewollt, dass der Zuschauer schnell hinter James und Alyssas Fassade blickt. Das aber schleichend und gefühlvoll inszeniert. Der Hänfling James ist eigentlich eine sehr empfindsame Seele, der in seiner Kindheit einen traumatischen Verlust erlitten und das wahrscheinlich nie ganz verkraftet hat. Dass er sich für einen Psychopathen hält ist eine Eigen- und Fehldiagnose. Sowas, was eben entsteht, wenn man nur Fakten zurate zieht und die Grauschattierungen im Kleingedruckten überliest. Ob er imstande ist jemanden zu töten!? Der Zuschauer ist gut beraten dran zu bleiben, wenn er das wissen will. Alyssa lebt in einer Familie, die sie durch ihr Weglaufen daran erinnern will, dass sie da ist. Da war. Ihre Mutter hat einen neuen Mann und ein neues Baby und Alyssa ist wie Luft. Luft, die zumindest der Neue ihrer Mutter in ein paar Jahren wahrscheinlich sehr anziehend findet. Sie spielt nach außen die Harte und fordert selbstbewusst von James Sexpraktiken, bei denen sie wahrscheinlich rot wird, wenn sie alleine darüber nachdenkt. Nur um bei aller Toughness schnell wieder einen Rückzieher zu machen. All das kumuliert in dem Ausbruch der Teenager aus ihrer Welt und einem Roadmovie, bei dem die Beiden von einem Desaster in das nächste schlittern.

Dabei geht die Serie herrlich schräge, manchmal zu erwartende, manchmal unerwartete Wege; brilliert aber stets mit einem wunderbaren Indie-Charme. Alyssa trotziger Charakter und James anfangs von der Idee des Tötens besessener, später besänftigte und unsichere Art funktionieren wunderbar. Die Unbeholfenheit und Spleenigkeit der beiden ist so menschlich, dass man sie nur mögen kann, obwohl man vielleicht nicht mit ihnen auf einen Roadtrip gehen möchte. Dass es aber gerade diese Beiden zusammen ans F***ing End of the World verschlägt ist mehr als passend. Gute Kinder.

(9/10)

Sternchen-9

„The Innocents“ Season 1

June (Sorcha Groundsell) und Harry (Percelle Ascott) hauen ab. Auslöser dafür ist v.A. Junes kontrollsüchtiger Vater John (Sam Hazeldine), der sie nicht nur einfach zur Schule fährt, sondern bis zur Klassenzimmertür eskortiert und ihr das Handy nur gibt solange sie in der Schule ist und danach einzieht. Nachdem sie Harry kennenlernte, war ihre einzige Option mit ihm in Kontakt zu bleiben ihm Briefchen zu schreiben. Und sie verliebten sich ineinander. Nun, da ihr Vater aber mit ihr auf eine einsame Insel in Schottland ziehen und sie noch weiter isolieren will, kann sie einfach nicht mehr weitermachen. Harry selber hat augenscheinlich auch kein Zuhause mehr. Seitdem sein Vater nach einem Koma Vollzeit betreut werden muss und nicht mehr Herr über seinen Körper und seine geistigen Fähigkeiten ist und Harrys Mutter sich von allen distanziert, ist es nicht mehr dasselbe. Als sie aber durchbrennen ist die Freude über den Ausbruch aus den dysfunktionalen Familien schnell getrübt, als Männer auftauchen, die angeblich eine Botschaft von Junes Mutter haben, die vor vielen Jahren abgehauen ist und die June mitnehmen wollen und eher den Eindruck einer Entführung erwecken. Der erste Tag in der Freiheit wird schnell zum Albtraum. Vor Allem dann als sie erkennen, warum John sich so anders verhielt als andere Väter. Weil June anders ist als andere Mädchen. Sie ist eine Gestaltwandlerin und nimmt das Aussehen des Entführers Steinar (Jóhannes Haukur Jóhannesson) an. Aber sie kann ihre Fähigkeiten weder verstehen, noch kontrollieren.

„The Innocents | Trailer 1 – Der Anfang [HD] | Netflix“, via Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (Youtube)

Harry und Junes Roadtrip wird damit plötzlich zur Flucht und stellt die junge Liebe vor eine große Herausforderung. Der Stresstest quasi: Nahezu alle optimistischen Pläne gehen nicht auf und mit Junes mysteriöser Fähigkeit und den Verfolgern kommt noch Angst hinzu. Die beiden Verliebten aber schlagen sich so durch und zeigen auch die nicht so schönen Aspekte des Ausreißens. Zum Beispiel an die falschen Leute zu geraten oder eben auch mal die Nacht auf einem Spielplatz zu verbringen. All das hätte gern auch noch etwas ungeschönter sein können. Der Road-Movie-Aspekt bleibt lange erhalten, was es mit Junes Fähigkeiten auf sich hat, wird fast zu lange gezogen. Gegen Ende der Staffel werden aber alle losen Fäden verknüpft und die Serie endet in einem echten Berserker-Finale. Aber auch das kann nicht ganz den Gedanken abschütteln wie leichtfertig die anderen Gestaltwandler, die June treffen wird, mit ihren Fähigkeiten umgegangen sind und wieviele Risiken sie leichtfertig eingehen. Das wirkt wahrscheinlich je nach Zuschauer mehr oder weniger gestelzt. Auch ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass ich alles wunderbar gefilmt und geskriptet finde, aber nicht verstehe, warum beispielsweise June ihre Lebensumstände nie hinterfragt hat. Ein anderer Aspekt, der es schwer macht die Handlung zu akzeptieren, ist die Mischung aus Realität und Fantasy. Wenn die Gestaltwandlung hart, biologisch, real ist – warum sehen sich dann die Gestalwandler stets in ihrer echten Gestalt im Spiegel? Warum muss Biologie und Genetik hier Sinn machen, Physik aber nicht? Eine Story funktioniert eben nur, solange sie den Regeln ihrer Welt folgt. Und wenn diese Welt unsere ist, dann kann das Zweifel aufkommen lassen.

Nichtsdestotrotz gibt es einige Merkmale, die man der Geschichte hoch anrechnen muss. Beispielsweise die wunderbare Chemie zwischen June und Harry und die Diversität. Man wird im Zuge der Geschichte erfahren, dass es ausschließlich Frauen sind, die die Fähigkeit zur Gestaltwandlung erben und tatsächlich schart der Wissenschaftler Ben (Guy Pearce) in Norwegen eine kleine abgelegen lebende Kolonie aus Gestaltwanderinnen zusammen, die dort lernen sollen ihre Fähigkeiten zu kontrollieren. (Es wirkt also nur ein kleines bisschen wie eine Sekte.) Das ist der Ort, an den Steinar eigentlich June in dieser verheerenden Auftakt-Nacht bringen sollte. Und dort spielen auch bald die Geschichten der Frauen eine Rolle. Weiteres großes Plus: Norwegische Figuren mit norwegischen Schauspielern zu besetzen. Ein anderes Beispiel ist Junes Bruder Ryan (gespielt von Arthur Hughes), der eine psychische Angststörung und körperliche Behinderung hat. Eine Rolle, die so angelegt wurde, ohne dass es der Geschichte „nützt“. Ryan ist somit (zum jetzigen Kenntnisstand) ohne irgendeine „hidden agenda“ eine Repräsentation eines Menschen mit physischer Beeinträchtigung in einer Serie. Zumindest hier muss man dick unterstreichen: DAS hat The Innocents richtig gemacht.

(7/10)

Sternchen-7

Aaaaah wie sehr hätte ich mir für „The End of the F***ing World“ KEINE zweite Staffel gewünscht, aber für „The Innocents“ schon, weil das Ende einfach ein gemeiner Cliffhanger ist. Im Grunde können aber beide Serie ohne eins auskommen. Leider (muss man sagen) hat „The End of the F***ing World“ eine Verlängerung bekommen. Warum nur??? Ist es wieder das liebe Geld? Dann hoffen wir mal, dass es so gut wird wie die erste Staffel. Tzzz. Habt ihr die Serien gesehen? Und wie haben sie euch gefallen? Braucht ihr eine zweite Staffel oder seid ihr auch so glücklich damit?