Horrorctober 2018 – Woche 4 („Shrew’s Nest“, „Wish Upon“, „Verónica“)

Posted by in 2014, 2017, Arthouse & Indie, basiert auf wahren Begebenheiten, Coming-of-Age, Drama, Film, Horror und Mystery, Serienlandschaft, Spanien, Spielfilm, USA

Nachdem ich letzte Woche ja gut mit diversen gruseligen Serien von meiner Filmliste abgelenkt wurde („Haunting of Hill House“, yeah), habe ich in der vergangenen Woche etwas mehr rangeklotzt. Leider hat mich das nur so mittelmäßig glücklich gemacht, denn ich habe mir die Filme mit einem übermäßig guten Ruf für den Halloween-Abend und die letzte, halbe Oktober-Woche aufgehoben und jetzt alles geschaut, was mich noch von diesen Filmen trennte. Und das waren wohl nicht die besten Filme. Zur Erklärung für alle, die nicht wissen, was das hier ist: der #Horrorctober ist eine Filmchallenge, in der es darum geht im Oktober 13 Horrorfilme (bzw. artverwandtes) zu schauen.

Shrew’s Nest

Der spanische Film ist in der deutschen Filmbloglandschaft noch etwas unterrepräsentiert. Am ehesten sind noch spanische Horrorfilme und Thriller verbreitet, der spanische Film hat aber auch beachtliche Dramen zu bieten. Bis zu einem gewissen Grad vereint Shrew’s Nest beides. Der Titel ist ein Verweis auf die Spitzmaus, die ein kleines Tier ist und häufig die Beute größerer Jäger. Aber sie weiß sich durch ihren Bau zu schützen, der viele im sicheren Erdreich verzweigte Gänge hat. Ähnlich versteckt sich Montse (Macarena Gómez) vor der Welt. Nachdem ihre Mutter gestorben ist, kümmerte sie sich aufopferungsvoll um ihre kleine Schwester Nia (Nadia de Santiago) und versuchte der Unterdrückung des besitzergreifenden Vaters (Luis Tosar) zu trotzen. Der hat ihr allerdings seit jeher verboten nach draußen zu gehen, wodurch sich im Laufe der Zeit eine Angst vor der Außenwelt im Nachkriegs-Spanien entwickelte. Nun, da ihre Schwester erwachsen ist und beginnt sich für Männer zu interessieren, ergreift Montse Panik. Wer wird für sie da sein, wenn Nia auszieht und ihr eigenes Leben lebt? Wie wird Montse weiterleben, die quasi keine Kontakte zur Außenwelt hat und ihre Wohnung nicht verlassen kann? Sie begegnet Nia mit doppelter Strenge. Als dann ein verwundeter Nachbar in ihr Leben tritt, den Montse pflegen will, entspinnt sich ein illusorischer Traum von einem „normalen Leben“, den Nia schnell durchschaut. Wie so oft endet das Stören der empfindlichen und durch Abhängigkeit geprägten Beziehung in einem Blutbad. Shrew’s Nest beginnt moderat als Drama um Religiosität und Aufopferung, endet aber in einem blutigen Desaster, das Montses Zurechnungsfähigkeit in Frage stellt. Aber auch die Logik. Wie konnte beispielsweise der Nachbar nicht misstrauischer sein? Was Montse mit ihm macht erinnert an Misery. Auch die plötzliche und absolut irrsinnige Gewalteskalation Montses ist ein zu starker Wechsel verglichen zu dem, was der Zuschauer zuvor von ihr gesehen hat. Später im Film muss man sich zumindest die Frage stellen, ob Montse nicht Angst vor der Außenwelt hat, sondern viel mehr ihre Wohnung zu verlassen und die darin verborgenen Geheimnisse den Augen fremder auszusetzen. Ihre Tragödie ist stark, aber die irrationale Gewalteskalation und viele nur angerissene Punkte und abstruse Erklärungen machen es schwer den Film für voll zu nehmen. Immerhin gibt es ein diabolisches Wiedersehen mit Luis Tosar (u.a. bekannt aus Sleep Tight).

Shrew’s Nest (OT: Musarañas), Spanien, 2014, Juan Fernando Andrés/Esteban Roel, 91 min, (4/10)

Sternchen-4

„WISH UPON Exklusiv Trailer German Deutsch (2017)“, via KinoCheck (Youtube)

Wish Upon

Be careful what you wish for. Ähnlich William Wymark Jacobs populärer Geschichte der Affenpfote, die Wünsche gewährt, fordern auch hier die Wünsche, die ein Artefakt erfüllt, einen grausamen Preis. Joey King mimt die 17-Jährige Clare, deren Vater im Müll eine chinesische Spieluhr findet und ihr schenkt. Aufgrund ihrer grandiosen Chinesischkenntnisse, kann sie einige der Schriftzeichen entziffern und als sich ein unbedacht geäußerter Wunsch erfüllt, liegt auf der Hand, dass die Spieluhr hält, was sie verspricht. Was Clare aber nicht lesen konnte und auch erst sehr spät bemerkt: das Artefakt fordert ein Blutopfer für jeden Wunsch und nach sieben Wünschen sie selbst. Das Problem mit dem Film: es interessiert sie nicht. Zwar wird Clare anfangs als sympathischer Charakter dargestellt und als Schülerin, die sich gegen dreist-dämliche Hänseleien und Mobbing zur Wehr setzen muss, aber sobald sich die Wünsche erfüllen, wächst ihr der Erfolg über den Kopf. Sie wünscht sich Dinge, die an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten sind (Kohle, den coolen Typ, Popularität, gääähn), die aber nicht eines gewissen Verständnisses entbehren, zumal sie ja eben ein Teenager ist und unter dem Abhandensein all dieser Punkte gelitten hat. Unverständlich wird mir aber bleiben, warum der ach so sympathische Hauptcharakter die Anzahl der Tode in ihrem Umfeld nicht seltsam findet oder später, nachdem der Groschen gefallen ist, mal mit dem Wünschen aufhört. Der tiefe Wunsch nach einem besseren Leben oder dem Rückgängig-machen der eigenen Schuld wären starke Motive, die aber leider kaum und wenn dann nur sehr schwach und arm an Charaktermomenten dargestellt wurden. Ähnlich oberflächlich wie Charaktere und Geschichte sind die Bullshit-Effekte – besonders gegen Ende. Soll Wish Upon ein Lehrfilm für Teenager sein? Dann traut er Teenagern sehr wenig zu.

Wish Upon, USA, 2017, John R. Leonetti, 90 min, (3/10)

Sternchen-3

Verónica – Spiel mit dem Teufel

Über den spanischen Horrorfilm Verónica konnte man in den letzten Monaten vor Allem zwei „Fakten“ lesen. Angeblich ist der Film so gruselig, dass die überwiegende Mehrheit der Zuschauer den Film nicht zu Ende schauen kann und er beruhe außerdem auf wahren Begebenheiten. Ersteres ist eine Ente, die nicht einmal von den Produzenten oder Filmschaffenden selber und auch nicht von Netflix verbreitet wurde, wo man den Film abrufen kann. Wahrscheinlich hat sich das ganze als virales Internet-Lauffeuer verbreitet und der Film hat aktuell ein wenig den Status einer Mutprobe. Was wirklich dran ist: er hat seine Momente, ist aber nicht gruseliger als andere Horrorfilme. Die Qualitäten des Films sind andere. Auf wahren Begebenheiten beruht er aber tatsächlich. Es ist der Fall der Schülerin Estefania Gutierrez Lazaro, der hier eher frei interpretiert wurde. Was den Fall so unerhört und besonders macht, ist aber, dass Polizisten in ihren Berichten die unerklärlichen Sachverhalte bestätigt haben. So beginnt auch Paco Plazas Film: mit der Ankunft der Polizei, die in der Wohnung einer Familie in Madrid nach einem Notruf ein Schlachtfeld vorfindet und in Verónicas Zimmer etwas scheinbar schockierendes vorfindet. Was genau erfährt der Zuschauer nach dem Rückblick.

„Veronica: Spiel mit dem Teufel (2017) | Trailer in Full HD | 1080p“, via TRAILER CITY (Youtube)

Verónica ist ein 15-Jähriges Mädchen, dessen Mutter den ganzen Tag als Kellnerin arbeitet um die Familie über Wasser zu halten. Sie ist kaum zuhause und Verónica muss den Haushalt alleine schmeißen und sich auch um ihre drei kleinen Geschwister kümmern. Der kürzliche Tod ihres Vaters lässt Verónica nicht los. Sie beschäftigt sich mit dem Okkulten aus kleinen Möchtegern-Heftchen vom Kiosk und hofft nochmal mit ihrem Vater in Kontakt treten zu können. So veranstaltet sie mit ihren Freundinnen ein Gläserrücken, das aber unterbrochen wird und Verónica in einer seltsamen Trance zurücklässt. Von da an passieren in Verónicas Umfeld seltsame Dinge. Und die kann man als „solide Gruseleffekte“ und jump scares bezeichnen. Im Grunde liegt die Stärke des Films v.A. in dem Sozialdrama, das Verónica so ganz nebenbei ist. Der Film zeigt das Leben einer Schülerin, die ihren drei kleinen Geschwistern die Eltern ersetzen muss, während sie eigentlich selber noch ein Kind ist. Regisseur Paco Plaza und Drehbuchautor Fernando Navarro haben damit einen eigentlich sehr spannenden Ansatz gewählt, der den Horror, der Verónica befällt, als eine Metapher für die Verzweiflung des Mädchens nutzt. Verónica steckt zwischen dem Kindsein und dem Erwachsenwerden fest. In der Schule wird sie mal gefragt, ob sie schon ihre Periode hätte. Nein, hat sie nicht – mit 15 Jahren ist sie damit tatsächlich spät dran. Und eigentlich will Verónica noch ein wenig Kind bleiben, muss aber wegen der familiären Situation zu schnell Erwachsen werden. In dieses eigentlich smarte Thema wird viel Zeit investiert, was diejenigen abschrecken könnte, die tatsächlich den „gruseligsten Film aller Zeiten“ erwarten, denn das ist er ganz klar nicht. Einige Effekte bleiben sogar sehr stark hinter dem was man heutzutage erwarten kann zurück und der Film hat so seine Längen, die man aussitzen muss.

Verónica – Spiel mit dem Teufel, Spanien, 2017, Paco Plaza, 110 min, (6/10)

Sternchen-6

Und sonst so?

Nix. Inzwischen schaue ich „The Chilling Adventures of Sabrina“ – auch ein wenig aus Nostalgie 😉 Sabrina Spellman kenne ich wie sicherlich viele unter euch Lesern und Bloggerkollegen aus Sabrina – total verhext, was ja eher eine ganz nette und fröhliche Serie war mit einem sehr glattgebügelten Zahnpasta-Lächeln-Humor. Erst vor einer Weile habe ich gelernt, dass die Serie mit den Comics nicht viel gemeinsam hat. Der Humor, die Atmosphäre und Umsetzung der Neuauflage gefallen mir echt gut, wobei ich mit dem Thema Satanismus nicht so viel Freude habe. Man nimmt es eben mit Humor. Witzig ist, dass es in der Serie mit Melissa Joan Hart wohl unmöglich gewesen wäre Zauberei und Hexen mit Satanismus zu verbinden. XD Die war so schön amerikanisch und „normal“. Ich bin gespannt wo die Reise hingeht. Kennt eigentlich jemand die Comics und kann bewerten wie nah die Umsetzung an der Vorlage ist? Was ich allerdings vermisse sind Salems sarkastische Kommentare.

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung und Filmliste
Woche 1 mit „It Comes at Night, „Suspiria“, „The Nun“
Woche 2 mit „Creep“, „American Horror Story: Roanoke“
Woche 3 mit „The Void“, „Train to Busan“, „Spuk in Hill House“

Man merkt es schon, die vierte Horrorctober-Woche hat mich nicht vor Begeisterung vom Sessel gefegt. Und was die Diskussion um „Verónica“ (oder „RAW“) und andere Filme betrifft, die angeblich die schlimmsten/gruseligsten aller Zeiten sind und die Zuschauer aus dem Kinosaal treiben: ich halte das Film-Abbrechen nicht unbedingt für ein Kriterium, ob der Film so gruselig oder verstörend war. Könnte eher ein Indiz dafür sein, dass der Film vielleicht eher so schlecht war oder nicht den Erwartungen des Zuschauers entsprach. Wie war eure Horrorctober-Woche und was hebt ihr euch für die letzten Oktobertage auf?