Serien-Besprechung: „The OA“ Season 2

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Wer hier aufmerksam mitliest, weiß ja, dass „The OA“ meine ungeschlagene Lieblingsserie im Jahr 2017 war. Die Geschichte der blinden Prairie, die sieben Jahre verschwunden war und plötzlich wieder auftaucht und sehen kann, hat sich einiges getraut. Prairie erzählt in der ersten Staffel einigen auserwählten Menschen was ihr widerfahren ist. Was sich vor dem Zuschauer entblättert ist gewagt: esoterisch bis verstörend und für manche Zuschauer naiv feenhaft. Das Ende der Staffel ist allerdings kontrovers und leider sehr realistisch. Es bringt etwas auf die Mattscheibe, das v.A. amerikanischen Zuschauern einen Schlag in die Magengrube versetzt und sich nicht so viele trauen darzustellen. Stichwort Schul-Schießerei. Brit Marling und Zal Batmanglijs Zusammenarbeit hat mir schon bei Filmen wie The Sound of my Voice gefallen. Sie erzählen andere Geschichte, unerwartete. Obwohl ich mir sehr unsicher war, ob man die erste Staffel nicht ruhen und für sich allein stehen lassen sollte, war ich sehr gespannt auf eine zweite Staffel. Reviews sind spoilerfrei bzw. Abschnitte mit Spoiler gekennzeichnet

Nina Azarova, Dr. Roberts, Dr. Hunter Percy

Season 2 räumt mit den Geschehnissen der ersten Staffel recht schnell und sehr eindeutig auf. Prairie/“OA“ (Brit Marling) ist an der Schusswunde gestorben, die sie während der Schulschießerei abbekommen hat, als die „Boys und BBA“ die „Movements“ durchgeführt haben, die das Tor in eine andere Dimension öffnen. Während sich für die Teenager und ihre Lehrerin Betty „BBA“ Broderick-Allen (Phyllis Smith) alles so anfühlt, als ob „OA“ ihnen nur ein schönes Märchen aufgetischt hat, erlebt der Zuschauer wie „OA“ tatsächlich in einer anderen Version unserer Welt aufwacht. Dort ist sie immer noch Nina Azarova. Sie hatte eine glückliche Kindheit und Jugend, es gab nie den verheerenden Unfall und die Nahtoderlebnisse, sie erblindete nie und lebt als das, als was sie geboren wurde: als reiche, russische Tochter. Als Prairie aber „übernimmt“ ist die Situation für sie so überwältigend, dass sie über Reisen durch Dimensionen redet und sich damit direkt in eine Nervenheilanstalt katapultiert. Der sie dort betreuende Arzt ist niemand geringeres als Dr. Hunter Aloysius „Hap“ Percy (Jason Isaacs). Und auch er ist gereist und in derselben Dimension gelandet wie Prairie und weiß noch über alles Bescheid, das geschehen ist. Und hält sie wieder gefangen, indem er sie für geistesgestört erklärt. Einmal Engeljäger, immer Engeljäger?

„The OA: Part II | Official Trailer [HD] | Netflix“, via Netflix (Youtube)

„Oh nein, bitte nicht eine Staffel lang die erneuten Ausbruchversuche Prairies und die Kids und Lehrerin, die sich eine Staffel lang fragen müssen, ob OA gelogen hat.“ Tatsächlich umgeht die Serie dieses für Fortsetzungsstaffeln heute leider nicht unübliche Muster des unendlichen Ziehens und Auszehrens der Handlung. Bereits in den ersten Folgen erklärt Abel French (Brandon Perea), was es mit den verdächtigen Büchern unter Prairies Bett auf sich hat und die Erklärung wird allen sehr gut gefallen, die OA immer so gern glauben wollten wie ich. Außerdem erhalten die Boys und BBA Hinweise, dass OA ihre Hilfe braucht. Es beginnt ein Road Trip angetrieben durch bedingungslosen „Glauben“ (an OA). Und es ist wie ein Aufatmen, wenn man nach ein, zwei Episoden die Boys und BBA das erste Mal wiederseht und erfährt wie es für sie weitergeht. Denn die Serie beginnt eigentlich weder mit ihnen, och mit OA, sondern dem in Ninas Dimension ermittelndem Private Eye Karim Washington (Kingsley Ben-Adir), der wegen des Verschwindens eines Mädchens letzten Endes auf Nina Azarova stoßen wird. Der aufmerksame Zuschauer wird in dem Mädchen Buck (Ian Alexander) wiedererkennen, die in dieser Dimension aber „Michelle“ ist und auf die Fährte eines Rätsel-Games führt, das scharenweise Teenager abhängig macht. Es gibt viel, das nicht zusammenzupassen scheint. Viele Verbindungen. Viele Hinweise. Werden die passend gemacht?

Es muss nicht alles gefallen

Serien-Schöpfer Brit Marling und Zal Batmanglij sind Rockstars in dem Sinne, dass sie sich viel trauen. Zu Beginn bis Mitte der zweiten Staffel wirkt es aber etwas viel. Als ob sie einmal in den Topf all dessen gegriffen hätten, was wo anders „geschmeidiger“ funktioniert hätte. Nicht soviele Fragen aufgeworfen hätte. Wo wir beispielsweise wissen wollen wie es Prairie ergangen ist und wie es mit den Boys und BBA weitergegangen ist, verfolgen wir erstmal Karims Suche nach einem vermissten Mädchen. Duh. Nicht, dass das nicht spannend wäre. Uh – Ein Augmented Reality Game, aber hey … zeigt uns, was wir sehen wollen! Das kommt, es bringt aber einige obskure Dinge mit sich. Beispielsweise eine interdimensionale Reisende, die unseren Protagonisten aus heiterem Himmel begegnet und Erklärbär spielt. Gemäß der Serie muss man diese Begegnung wohl als Schicksal statt Zufall betrachten und einfach schlucken. Ein bisschen schwer fällt es einem schon angesichts des Musters „Allwissende fällt plötzlich vom Himmel“. Auch die Movement-Roboter (kein Scherz!) und das Tentakel-Play waren mir etwas zuviel. Sicherlich hat alles davon irgendeine Erklärung, einen Zweck, aber wenn man als Zuschauer darauf losgelassen wird, ist es im ersten Moment sehr gewöhnungsbedürftig. Was die Roboter betrifft, habe ich schnell angefangen zu denken: ja klar. Ein schlauer Serienschaffender fragt sich: was wäre die dringendste Sorge eines interdimensionalen Reisenden? Klar, irgendwoher müssen die Movements kommen. Also eigentlich gar nicht doof. Ich dachte zwar immer man braucht auch zweifelsfreien „Glauben“, damit die Sache gelingt, aber dafür hat die Serie eine Antwort. Es reicht der Wille eines Einzelnen (Reisenden).

Das, was aber wohl am schwersten fällt ist es sich mit Nina bzw Prairie anzufreunden. Wer die „I-don’t-give-a-shit“-Prairie kennt, die nicht im Reichtum aufgewachsen ist, ihr Aussehen ihr egal ist, dem wird es etwas schwer fallen sich mit Nina Azarova anzufreunden, die quasi das komplette Gegenteil ist. Noch schwerer ist aber wohl, dass Prairie „Nina“ quasi einsperrt. Sie lässt nicht zu, dass Nina an das Tageslicht kommt, spricht von ihr in der dritten Person (was sie leider sehr wirr wirken lässt und ihr in ihrer Situation überhaupt nicht hilft). Warum? Natürlich ist es schwer sich selbst loszulassen. Aber müsste sie es nicht besser wissen, wo sie doch immerhin sieben Jahre in Gefangenschaft war? Ähnlich schwer kann man mit ansehen, dass sie Boys und BBA doch nicht als Gruppe so zusammengewachsen sind wie wir uns das vielleicht wünschen. Für Steve (Patrick Gibson), French (Brandon Perea) und Buck (Ian Alexander) passt das vielleicht noch, aber Jesse (Brendan Meyer) und BBA (Phyllis Smith) scheinen etwas außen vor zu sein – mit verheerenden Folgen. Warum haben sie sich nicht gegenseitig gerettet, wo sie doch wissen, welchen Problemen und Ängsten sie ausgesetzt sind? Der für mich tragischste und unverständlichste Punkt, da die Ereignisse sie doch zusammengeschweißt haben sollten.

Aber auch wenn mir das alles nicht gefällt, kann man der Serie nicht vorwerfen, dass sie damit alles falsch macht. Vieles davon sind meine Erwartungen an die Welt. Tatsächlich ist es zwar ein frommer Wunsch, dass wir auf die Menschen in unserer Umgebung acht geben, aber wie oft machen wir das wirklich? Und natürlich ist Nina Azarova eine ganz andere Type. Sex, Drugs and Rock’n’Roll – sie kann es sich ja leisten, ist selbstbewusster. Und es wäre ja widersinnig, wenn wir in jeder Version unseres selbst gleich wären. Und tatsächlich: zum Ende hin funktioniert es frappierend gut. Es fügt sich alles. Warum BBA reisen sollte und nicht die Jungs, warum es Hap und Prairie zusammengeführt hat, was mit Michelle geschehen ist – chapeau, es funktioniert.

„The Truth“ Gedanken zum Finale (enthält Spoiler, bitte markieren zum lesen)

Als Karim sich bei der Suche nach Michelle der Lösung rund um das Haus auf dem Nob Hill nähert, fällt irgendwann der Satz, dass das Rosettenfenster die Wahrheit, „the truth“, verbirgt. Das kann man wohl sagen. Als Karim hindurchschaut, bekommt er einen Blick auf das, was auch Scott in einer seiner Visionen sah: OA und Hap, die in einer Halle stehen und sich küssen und irgendwie nicht sie selbst sind – ein Hinweis auf eine weitere Dimension. Was Karim sieht ist nun das Innere einer Halle, in der offensichtlich ein Film oder eine Serie gedreht wird. Und mittendrin OA und Hap, nur dass diese hier „Brit“ und „Jason Isaacs“ genannt sind. Im ersten Moment ein genialer Schachzug, der offenbart, dass „die Wahrheit“ ist, dass alles nur eine Vision, eine Fernsehserie ist. Das Durchbrechen der vierten Wand. Nichts anderes hätte ich von einer Serie erwartet, die das Thema Reisen zwischen den Dimensionen hat. Vielleicht ist hier der Spuk vorbei, die Serie endet, alles war nur ein schöner Traum. Oder anders: vielleicht gibt es hier keine Movements. Eine Dimension, in der es keine Reise gibt, die Endhaltestelle. Aber die Serie bricht mit all diesen Fantasien, indem sie erklärt, dass Isaacs und Brit Marling verheiratet seien, was sie in „unserer Dimension“ nicht sind. Dass Steve den Sprung irgendwie geschafft hat (den Willen hat er ja definitiv), war eine schöne Überraschung und setzt Hap einen Konrahenten entgegen. Allerdings befürchte ich, dass uns eine weitere Staffel bevorsteht, in der es gilt jemanden daran zu erinnern, welche Dimensionen er/sie schon bereist hat und davon zu überzeugen, dass etwas unglaubliches glaubhaft ist. Nur, dass es dieses Mal nicht Homer (Emory Cohen) ist, sondern „Brit“ aka Prairie aka OA. Was mich interessiert: hat sie „Nina“ mitgebracht? So ganz nebenbei beantwortet das was aus Michelle geworden ist auch die Frage darauf, ob man einen toten Körper zurücklässt, wenn man in eine andere Dimension reist. Offensichtlich nicht. Aber einen „leeren“.

Fazit

The OA bleibt auch in der zweiten Staffel Geschmackssache. Der magische Realismus und die Esoterik erreichen nicht nur ein „esoterisches“ Publikum, sondern prinzipiell alle, die an das „Mehr“ im Leben glauben. Menschen, die fähig sind Glauben zu schenken und Erklärungen nicht nur in Rationalität suchen. Wer aber das Leben rein mit Rationalität erklärt und bewertet, wird mit The OA nicht glücklich werden. Ähnlich der Metapher der Serie, bei der die Boys und BBA ihre Haustüren offen stehen lassen sollen, fordert das Konzept einen „open mind“. Aufgeschlossenheit. Nicht nur wegen der fantastischen Elemente und den starken Themen „Glaube“, „Wille“ und „Schicksal“, sondern auch weil die Handlungen der Charaktere sehr irrational sind. Manche, weil sie nach einer Bestimmung oder höheren Wahrheit suchen (Hap, Fola, OA?) oder einfach weil sie ihre Eltern nicht anrufen und die Lage dramatischer machen als sie ist (die Boys). Wer aber über all das hinwegsehen kann, erlebt eine Serie, die wie ein fantastisches Puzzle ist.

Das Haus in Season 2, das Karim und OA untersuchen und hoffen darin die Antwort auf Michelles Verschwinden zu finden ist wie eine Metapher auf die Serie an sich. Man kann es nicht lassen die Serie zu entschlüsseln und mit ihren Charakteren die Grenzen des Unmöglichen auszuloten. Noch nie hat in einer Serie der Satz „Everything is connected“ so gut gepasst wie in dieser. Wer gut aufpasst, versteht mehr und mehr der Zusammenhänge zwischen der Dimension, die wir in Season 1 kennengelernt haben und der aus Season 2. Wo die Sinnsuche von BBA, Steve, French, Buck und Jesse sie in der einen Dimension zu Prairie führte, landen sie in der anderen Dimension in den Fängen einer süchtig machenden App, die Mittel zum Zweck ist. Alle Dimensionen sind verbunden. Unsere Handlungen und unsere Beziehungen zu anderen Menschen sind damit gewichtig. Anders als Steve sinngemäß sagt „diese Dimension ist shitty, lasst uns in eine bessere springen“ kann man laut der Logik der Serie Hoffnung ziehen, dass es irgendwie, irgendwo anders läuft oder dass die Launen des Schicksal ja vielleicht doch einen tieferen Sinn haben. Oder ermutigt uns , uns selber ähnlich der resilienten Prairie wie ein „Diamant“ zu fühlen, der daraus entstanden ist, dass man immer und immer wieder zu Boden gestampft wurde. Glaube ist das Motto, nicht im religiösen Sinn. Sondern an etwas, das einem hilft weiterzumachen. Etwas, das unseren „Boys“ und BBA in Season 1 fehlte, sie in Season 2 zumindest zum Großteil wiedergewonnen haben. Die zweite Staffel hat zwar ihre Schwächen und einen weniger beeindruckenden Soundtrack als Season 1, aber man kann der Serie nicht vorwerfen, dass sie sich nicht weiterentwickelt hätte. Und zwischen all der Mystik gelingt es den roten Faden wieder aufzunehmen und dem Zuschauer das erhabene Gefühl zu vermitteln, dass Sinnsuche nicht Verzweiflung bedeutet.

(8/10)

Sternchen-8

Und weil all das Gerede so schön war, hier ein Interview mit Brit Marling über ihren ersten Karriereweg, der sich wohl auch wie ein NDE angefühlt hat … sehr schön anzuhören.

„Brit Marling of Netflix’s ‚The OA‘ had a Near Death Experience at Goldman Sachs“, via theoffcamerashow (Youtube)

Header image photo credit: Thaï Ch. Hamelin / ChokdiDesign

„The OA“ ist immer noch Stoff, über den man reden will, lässt uns aber auch mit deutlich weniger Fragen zurück als die erste Staffel, nach der ja quasi alles offen war. Trotzdem hat mich die Staffel in der einen oder anderen Szene etwas zum zweifeln gebracht. Zum Beispiel mit dem Riesenoktopus … der war unerwartet. Wie habt ihr die Staffel oder die Serie allgemein bisher aufgenommen? Hattet ihr auch mit dem einen oder anderen Element ein Problem oder hat sie euch vollends überzeugt? Was erwartet ihr wie und wann es weitergeht? Irgendwo habe ich gelesen, dass Brit Marling und Zal Batmanglij bereits einschließlich Season 5 („Chapter 5“) die Geschichte vorgedacht haben. Ich hoffe also, dass wir dieses Mal nicht zwei Jahre warten müssen.