Neulich im Kino … Filmbesprechung zu „Parasite“

Posted by in 2019, Film, Review, Schwarze Komödie, Spielfilm, Südkorea, Tragikomödie

Park Chan-wook (Oldboy, Lady Vengeance) und Bong Joon-ho zählen zu den meistbeachteten südkoreanischen Regisseuren, die auch ich sehr feiere. Sie sind für mich Stars, auch wenn ich kein Fan dieses Begriffs bin. Ihre Werke überstrahlen nicht selten westliche Filme in punkto Mut und Unkonventionalität. Bei Kim Ki-duk habe ich noch aufzuholen, Yeon Sang-ho (Train to Busan) ist vielleicht auch auf dem Weg dahin. Sie sind aber auch nicht nur geografisch schwerer greifbar – vielleicht trägt das zum Mythos bei. Ihre Filme stehen ganz oben auf meiner Watchliste und ich meist schnell vor dem Kino, wenn wieder was von ihnen anläuft. Mit „Parasite“ kam nun jüngst Bong Joon-hos neuster in die Kinos. Hat er die Vorschusslorbeeren aus den Medien und dem Goldene-Palme-Echo verdient? Besprechung ist spoilerfrei.

Wer ist der Eindringling?

Ki-woo (Choi Woo-shik) kann sein Glück kaum fassen. Ein Freund hat ihm einen Job als Nachhilfelehrer bei einer stinkreichen Familie beschafft. Er hilft deren Tochter beim Englisch lernen und lässt sich dafür angesichts des Lohns und der Umgebung gerne „Herr Kevin“ nennen. Als seine Geldgeber, die Familie Park, davon spricht wie schwer es ist gute Hauslehrer zu finden, sieht er seine Chance. Oder eher gesagt die seiner ganzen Familie. Ki-woo lebt mit seinem Vater Ki-taek (Song Kang-ho), seiner Mutter Chung-sook (Jang Hye-jin) und Schwester Ki-jung (Park So-dam) in schäbigen Verhältnissen in einer Hochparterre-Wohnung. Ihr Viertel ist so schmutzig, dass Stadtangestellte mit Sprühdesinfektion durchgehen müssen. Nachts pinkeln besoffene vor ihrem Fenster. Sie halten sich mit Aushilfsjobs über Wasser, sind um keine Ausrede verlegen und schnorren freies Wifi wo sie können. Denn Handyverträge haben sie schon lange nicht mehr. So schleust Ki-woo mit einer Gaunerei nach der anderen seine ganze Familie in den Haushalt der versnobbten Parks. Nicht ohne Folgen.


„PARASITE Trailer German Deutsch (2019)“, via KinoCheck (Youtube)

Lustig. Nicht lustig.

Es ist unglaublich witzig der Familie Kim dabei zuzuschauen wie sie sich mit Dokumentenfälschung, halbseidener Recherche in Youtube und List in den Haushalt der Parks reinmanipulieren. Was ihre Findigkeit betrifft, scheinen sie der reichen Familie einiges voraus zu haben. Insbesondere der Mutter Yeon-kyo (Jo Yeo-jeong) können sie jeden Bären aufbinden. Sie ist so gelangweilt von der Einfachheit ihres Lebens, dass sie ständig irgendwo einschläft. Die ältere Tochter schmollt die meiste Zeit darüber wie sehr ihr kleiner Bruder bevorzugt wird und spiegelt damit ein möglicherweise allzu realistisches Bild wider wie hoch man als Mädchen einer angesehenen Familie im Gegensatz zu einem männlichen Spross im Kurs steht. Nämlich nicht so sehr. Er ist stattdessen der kleine Prinz. Der darf allen auf der Nase rumtanzen. Nichts ist zu blöd. Familienvater Dong-ik (Lee Sun-kyun) schaut mit Stolz auf sein reich. Schönes Haus, großes Firmenimperium, Chauffeur, hübsche Frau, zwei Kinder. Liebe? Naja. Was ist schon Liebe, oder? Man könnte an der Stelle kritisieren, dass die Parks das Abziehbild einer reichen Familie sind, aber es ist stets und ständig mit einem Augenzwinkern inszeniert, sodass man es dem Film nicht übel nehmen kann und erkennt: das soll so. Und auch das ist witzig.

Tragendes Element des Films ist anfangs der fantastische, leichte Humor; getrieben durch Wortwitz und die hervorragenden Leistungen der Darsteller. Und durch den Unterton und die Psychologie, die den Zuschauer bei den Eiern hat. Es ist ein Urinstinkt all derer, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen sind, die Dreistigkeit der Kims witzig zu finden. Auch ich bin aus dem Lachen nicht mehr herausgekommen wie einfach sie sich in den Haushalt der Parks einschleusen. Aber dann kommt das zweite tragende Element des Films. Und das Alleinstellungsmerkmal vieler südkoreanischer oder noch weiter gefasst asiatischer Filme: der Realismus. Plötzlich schlägt das Leben zu. Und das ist dann gar nicht mehr lustig.

Klassenkampf

Ein Parasit ist ein Lebewesen, das sich auf Kosten eines anderen Organismus ernährt oder davon profitiert. Nicht selten unbemerkt. Die perfekte Metapher für das was die Familie Kim versucht. Und beispielhaft wie Familie Park trotz vermutlich höheren Bildungsstandes nicht bemerkt wie sie überteufelt werden. Vermutlich fehlt ihnen stattdessen die Erfahrung mit dem echten Leben ohne die Annehmlichkeiten des Reichtums. Gerade als die Familie Kim sich zufrieden am Höhepunkt ihrer Gaunerei wiegt, werden sie wieder mit dem Klassenunterschied konfrontiert und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dass es einen großen Twist gibt, verrate ich. Worin der genau besteht, nicht. War die Familie Kim glücklicher, als sie noch „normal“ arm waren und die Annehmlichkeiten des Lebens der „upper class“ nicht kannten? Vergleichen ist das Grundübel von allem.

Der inszenierte Klassenkampf findet sich metaphorisch und inszenatorisch überall wieder. Von der Familie, die wortwörtlich „ganz unten“ lebt bis hin zu der Familie Park, zu deren Anwesen man Stufen nach oben steigen muss – die Filmschaffenden haben regelrecht topografische Grenzen gezogen. Wie ist der Plan? Das ist eine der zentralen Fragen des Films. Ob der für die Kims oder die Parks aufgeht, davon muss sich der Zuschauer selber überzeugen. In jedem Fall ist Bong Joon-hos Plan von einem Klassenkampf wunderbar aufgegangen. Der Film wirft uns in ein witziges Szenario, nur um kurz darauf unsere Erwartungen komplett zu drehen. Die Katastrophe deutet sich an und das moralische Dilemma spitzt sich zu. War der Kinosaal anfangs mit Gelächter erfüllt, kann man später eine Stecknadel fallen hören. So still macht die Bitterkeit mit der die Wende zuschlägt und das moralische Dilemma. Auf welcher Seite bist du? Was wäre dein Plan? Wenn du darauf keine Antwort weißt, hat Bong Joon-ho wieder zugeschlagen und wieder alles richtig gemacht um uns einen Film zu bieten, der unterhält, zum Lachen bringt und uns gleichzeitig betroffen macht und aus der Comfort Zone herausholt. So muss Kino sein.

Parasite (OT: 기생충, „Gisaengchung“), Südkorea, 2019, Bong Joon-ho, 132 min, (10/10)

Sternchen-10

Habt ihr „Parasite“ gesehen? Und wie kam der Film bei euch an? Es gibt soviele starke Motive, die ich gern diskutieren würde, auf die ich aber verzichte, um nicht zu spoilern. Ist der im Rennen für den best foreign language picture nominee? Ich hoffe doch.  Welchen Film von Bong Joon-ho haltet ihr für den stärksten bzw schwächsten? Und wittert ihr auch schon ein US-Remake? 😉 Nicht, dass ich mir das wünsche … aber ich denke US-Studios können das bestimmt nicht auf sich sitzen lassen, dass ein derart großartiger Film nicht von ihnen fabriziert wurde.