Spotlight: Jazz („Soul“, „Blue Giant“, „The Eddy“)

Posted by in 2020, Animationsfilm, Film, Komödie, Literatur, Manga, Review, Serienlandschaft, Spielfilm, Spotlight, USA

Wer hier schon eine Weile mitliest, kennt vielleicht schon meine Neigung zu Jazz und weiß von meinen Bestrebungen Saxophon spielen zu lernen. Die Pandemie hat das aufgrund von Unterrichtsausfällen nicht gerade einfacher gemacht. Nicht nur seitdem ich selber lerne und hoffe bald Jazz-Nummern spielen zu können, habe ich also schon gern reingeschaut, wenn Medien jazzige Soundtracks versprechen. Das ruft nach einer Ausgabe von „Spotlight“. Heute widme ich mich dem Motiv „Jazz“ in Schrift und Bild; in Buch, Film und Serie. Naja und was wäre eine musikzentrierte Ausgabe von „Spotlight“ ohne die eine oder andere Playlist?

Manga: „Blue Giant“ Band 1 von Shinichi Ishizuka (Carlsen Manga)

Dai Miyamoto ist Highschool-Schüler und relativ begeisterungsfähig. Er hat Freunde, er wuppt die Schule, er spielt Basketball. Die Leidenschaft, für die er aber so richtig brennt ist Jazz und Saxophonspielen. Leider ist Dai damit so ziemlich Einzelkämpfer. Seine Freunde können mit Jazz und dem Saxophon überhaupt nichts anfangen. Davon lässt sich Dai aber nicht demotivieren und spielt tagein, tagaus bei Wind und Wetter am Fluss sein Saxophon. Bis die Möglichkeit lockt mit anderen Musiker*innen zusammen aufzutreten.

Witzigerweise erschien in Deutschland zuerst der Manga Blue Giant Supreme, der eigentlich aber das Sequel zu Blue Giant ist. Inzwischen verstehe ich besser warum die Reihenfolge gedreht wurde. Denn während mir bei Blue Giant Supreme der Lernprozess und die typischen Anfänger-Auf und -Abs eines angehenden Saxophonisten gefehlt haben, liefert die überraschenderweise auch Blue Giant nicht, obwohl es genau darum gehen sollte. (Oder?)

Blue Giant ist wie der deutsche Titel Blue Giant 1: Lebe deinen Traum – so unerreichbar er auch scheinen mag! gut greifbar macht eine Erzählung vom „Nicht aufgeben“, aber weniger eine über Jazz oder Saxophon spielen lernen. Zumindest bisher. Obwohl ich nur Anfängerin bin, wundere ich mich doch über einige Dinge, die ich mit meinem wenigen Wissen als Fehler betrachten würde. Warum soll laut spielen ein Qualitätsmerkmal sein? Der Manga ignoriert auch sehr stark die Realität des Spielens. Indem Dai an der frischen Luft spielt beispielsweise. Das mag zwar super sein, um keine Nachbarn zu ärgern, aber er wird dort nie seinen Sound zurückreflektiert bekommen und effektiv gar nicht wirklich hören wie er klingt. Dai lernt keine Noten, man weiß nicht wie er überhaupt gelernt hat. Saxophon lernt sich echt schwer ohne Lehrer. Niemand gibt ihm Feedback. Er holt auch keins ein. Stattdessen gibt es eine immer wieder fortgesetzte Littanei über das nicht aufgeben und das erreichen der Träume. Das ist eine absolut lohnenswerte Botschaft, keine Frage. Man kann den Manga genau dafür lesen und er wirkt sehr motivierend. Aber der Rest entbehrt ein wenig Realismus. Fragt man sich nicht unweigerlich, wenn man den Manga liest, wie man eigentlich wirklich anfängt Saxophon zu spielen?

Gute möglich, dass das gar nicht der Anspruch des Manga ist oder dass Dai all das erst später lernt. Vielleicht ist mein Gemeckere das, was später Dais Erkenntnisse sein werden? Sehr schön sind die Zeichnungen. Chapeau, dass sich Ishizuka so durch das Zeichnen des komplexen Instruments durchgebissen hat. Es gibt absolut keine Mängel an den Zeichnungen. Die Szenen sind sehr dynamisch und teilweise malerisch, wenn man Landschaften oder Schlüsselmomente Dais sieht. Etwas konfus ist wie Dai nun zum Jazz kam, da der Manga sehr oft zwischen Gegenwart und Rückblicken springt und das nicht immer einfach erkennbar macht. Schade, dass man die Musik auf den Manga-Seiten nicht hören kann. Der Manga ist in zehn Bänden abgeschlossen und jüngst wurde ein Anime-Film angekündigt. (Quelle: anime2you, 21.10.21)

Film: „Soul“

In Pixars Soul bekommt der Jazzmusiker Joe Gardner (Jamie Foxx/dt. Charles Rettinghaus) die Gelegenheit mit einer bekannten Jazz-Größe aufzutreten. Darauf hat er immer gewartet, während er sich lange als Teilzeit-Musiklehrer durchschlug. Doch gerade als er beschwingt in Gedanken an den bevorstehenden Auftritt durch die Straßen läuft, achtet er nicht darauf, wo er hintritt und erleidet einen schweren Unfall. Was folgt? Das Leben nach dem Tod. Seine Seele versucht möglicht nicht ins Licht zu gehen und stattdessen irgendwie zurück zu finden, damit er die Chance seines Leben wahrnehmen kann.


„Disney and Pixar’s Soul | Official Trailer | Disney+“, via Pixar (Youtube)

Dabei wird Joes Seele und Seelen allgemein als ein Blob dargestellt, der annähernd Spektralfarben wiedergibt. Ein schöner Kontrast zu den „Unfarben“ Weiß und Schwarz, die das Leben nach dem Tod bestimmen. Soul hat allerdings einige Längen und Umwege um seine Geschichte zu erzählen. Joe wird irrtümlicherweise Mentor der Seele „Nummer 22“ (Tina Fey/dt. Anna Carlsson), die noch nicht geboren wurde und bevor sie das tut ihren „Spark“ und „Zweck“ finden muss. Es läuft allerdings nicht besonders gut – 22 scheint alles doof zu finden. Da landen beide aus Versehen auf der Erde, nur in vertauschten Körpern. 22 muss nun vielleicht als Joe den Auftritt wuppen und Joe selber landet in einer Katze … ja, also das ist schlichtweg zuviel. Soviel bekannte Gags und ausschweifende Ideen hätte es nicht gebraucht, um 22 einen Eindruck zu geben was „leben“ bedeutet.

Andererseits versucht Soul am Beispiel von Joe wie auch 22 zu erzählen, dass nicht jeder ein hochtrabendes Lebensziel braucht, um seine Leidenschaften und das Leben zu genießen. Dass das übermäßige Festkrallen an ehrgeizigen Zielen und „Zwecken der Existenz“ vielleicht sogar von etwas essentiellem ablenken kann: zu genießen, dass man am Leben ist. Ein paar interessante Ideen wurden auch verschenkt. Wie wäre es beispielsweise gewesen, wenn herauskommt, dass Joe eigentlich ein geborener Mentor und Lehrer ist, statt wie er immer dachte seine Bestimmung ist einzig ein begnadeter Jazzer zu sein? Und warum muss man überhaupt „dieses eine“ haben? Die Animationsqualität Pixars ist gewohnt hoch, setzt aber wenig neue Impulse. Schön ist die Idee das „Afterlife“, „Great Beyond“, „Great Before“ auf verschiedene Weise als Spektren darzustellen und als einen „positiven“ Ort, vor dem man keine Angst haben muss. Die Menschen, die darin „arbeiten“ werden als mit einer Linie „gezeichnete“ Charaktere dargestellt. Endlich mal ein wenig Neues in der 3D-Animation. Wirklich wundervoll ist der Soundtrack von Jon Batiste, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass der noch mehr zur Geltung gekommen wäre.

Soul, USA, 2020, Pete Docter, 100 min, (6/10)

Sternchen-6

Serie: „The Eddy“

The Eddy ist der Name des Clubs, den der frühere Jazz-Pianist Elliot Udo (André Holland) und sein bester Freund Farid (Tahar Rahim) in Paris eröffnet haben. Elliot spielt nicht mehr und schreibt stattdessen für die Band des Hauses. Der Segen zwischen ihm und der Lead-Sängerin Maja (Joanna Kulig) hängt schon schief, worunter auch der Zusammenhalt innerhalb der Band leidet und die Anzahl der Gäste im Club sinkt. Als Elliots Tochter Julie (Amandla Stenberg) zu Besuch kommt, umweht ihr Gezanke der Hauch einer dysfunktionalen Vater-Tochter-Beziehung. Und als ob all das noch nicht ausreicht, wird Farid hinter dem Club erstochen. Im Einen Moment kämpfen Elliot, die Band und Farids Familie mit der Trauer – bald schon aber mit der Erkenntnis, dass Farid in halbseidene Geschäfte verwickelt war. Und seine „Geschäftspartner“ wollen zurück, was ihnen gehört.

Mit jeder Episode widmet sich die Serie einem anderen Mitglied der Band oder den Leuten, die im The Eddy ein und aus gehen. Sie handelt gleichermaßen von Elliot als Clubbesitzer mit viel Ballast aus der Vergangenheit wie auch von Farids Frau Amira (Leïla Bekhti), dem Barkeeper und Kellner Sim (Adil Dehb) wie auch Julie und der Beziehung zu ihrem Vater. Als sie beschließt bei ihrem Vater in Paris zu bleiben und nicht zurück zu ihrer Mutter in die Staaten zu fliegen, ist Krawall vorprogrammiert. Schließlich will sie Aufmerksamkeit und er ist viel zu beschäftigt damit, dass sein Club nicht von Gangstern abgefackelt wird. Klingt kompliziert? Ist es! Elliot und Julie laufen viel hektisch in der Gegend rum, streiten, klären nie etwas. Das ist eher ein Fast-Burner als ein Slow-Burner, denn er verbrennt die Zuschauer, bevor die Lust bekommen das Schicksal der Charaktere zu verfolgen. Dabei hätten die neben der erstklassigen Musik der sehr diverse und inklusive Trumpf der Serie sein können.


„The Eddy | Official Trailer | Netflix“, via Netflix (Youtube)

The Eddy mag die Geschichte eines ehemaligen Jazz-Stars sein, ist aber bodenständig und einfühlsam für alle Charaktere. Wir werden Zeuge wie Amira ihren Mann nach muslimischer Tradition für die Beerdigung vorbereitet und auch wie sich die Band durchschlägt als der Club zwischenzeitlich schließen muss (Stichwort Hochzeits-Gigs). Wie einzelne von ihnen mit Drogensucht zu kämpfen haben und wie sie sich am Rande der Legalität bewegen. Kein Plattenvertrag, kein Glamour, sondern der Realismus des Künstlerlebens, wo man schaut, dass man dem Traum mit etwas Glück so nah wie möglich kommt und trotzdem was zu essen hat. Auch der ethnische Schmelztigel des Pariser Banlieue spielt eine Rolle. Kein Schischi, sondern Überleben – ein dankenswerter Gegenentwurf zu verblendetem Pop-Mist.

Dem Realismus dient auch das Engagement der echten Künstler. Der Komponist der Serie, Randy Kerber spielt hier gar selber eine Rolle. Als Kontrasbass-Spieler wurde Damian Nueva Cortes in seiner soweit ich weiß ersten Fernsehrolle verpflichtet, genauso wie die kroatische Schlagzeugerin Lada Obradovic. Jowee Omicil ist Alt-Saxophonist und den kann man im echten Leben z.B. hier hören. Die sind echt. Man möchte die Serie als Jazz-Fan schon alleine deswegen gut finden. Aber die Narrative geht ganz und gar nicht auf und verliert sich in sehr aufgeblasenem, hektischen Drama. Tausendsassa Jack Thorne und Damien Chazelle haben ein ehrgeiziges Projekt auf die Beine gestellt, dass nur dank der Musik und großartigen Darsteller funktioniert. Der Rest ist Käse. (6/10)

Sternchen-6

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Ja so richtig begeistert bin ich über all die Medien nicht, die ich konsumiert habe und die von Jazz und/oder dem Saxophon handeln. Aber hey … die Soundtracks waren gut. Zumindest da, wo es was zu hören gab. 🙂 Generelle Frage ist hier wohl: geben euch Bücher über Musik etwas, obwohl man die Musik nicht hören kann? Oder hört ihr die Musik beim Lesen? Und welche Medien könnt ihr empfehlen, die sich Jazz widmen? Wie haben euch oben genannte gefallen?