angelesen: „Gideon Falls“ Vol. 3, „20th Century Boys“ Perfect Edition Vol. 5 & „Blue Giant Supreme“ Band 1

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Heute bunt gemischt: während ich mit „Gideon Falls“ und „20th Century Boys“ zwei Reihen fortsetzte, von denen ich sowieso sehr angefixt bin, begann ich auch die Reihe „Blue Giant Supreme“ des mir unbekannten Mangaka Shinichi Ishizuka. Seit langem der erste Manga, den ich sogar mal vorbestellt habe! Warum gerade der? Weil ich Anfang des Jahres angefangen habe Saxophon spielen zu lernen. Als ich in irgendeiner Vorschau sah, dass ein Manga über einen Saxophonisten erschien, zögerte ich nicht lange. Allerdings habe ich wieder einmal gelernt, dass vorherige Recherche nicht geschadet hätte. Besprechungen sind spoilerfrei, nur ggf dann nicht, falls ihr die vorherigen Bände noch nicht kennt.

„Gideon Falls“ Vol. 3 „Stations of the Cross“; Jeff Lemire, Andrea Sorrentino, Dave Stewart (engl. Ausgabe, Image Comics)

Francis Bacon hat mal gesagt „The job of the artist is always to deepen the mystery“. Ich würde mal sagen, dass das Jeff Lemire, Andrea Sorrentino und Dave Stewart gelungen ist. Nicht nur, dass sich der dritte Sammelband in punkto Narrative übertrifft, er ist auch optisch eine Augenweide. Nach dem Cliffhanger am Ende des zweiten Bandes gehen wir einen Schritt zurück und erfahren, dass es kein Zufall war, dass Pfarrer Fred nach Gideon Falls versetzt wurde. Im dritten Band treffen sich Zeitreise und Viele-Welten-Theorie, es wird deutlich mehr Sci-Fi und nicht minder blutig. Die epochalen Themen sorgen auch dafür, dass wir in einer atemlosen Hetzjagd verschiedene Versionen von Gideon Falls sehen – fantastisch inszeniert! Aber eben auch sehr bildreich, weshalb man durch den Band in verhältnismäßig geringer Zeit durchgerast ist. Dafür ergeben sich Zusammenhänge und schaurige Momente, die den Band wohl zum Höhepunkt der bisherigen Reise machen. Wenn gute Comics nur immer noch besser werden: sehr geil! Wer natürlich auf weniger Sci-Fi gehofft hat, sieht das eventuell anders.

„20th Century Boys“ Perfect Edition Vol. 5, Naoki Urasawa (engl. Ausgabe, VIZ)

Mein Unterbewusstsein weiß schon, warum ich plötzlich so sehr zögerte die Reihe weiterzulesen. Denn das ist wohl der „schlechteste“ Teil der ganzen Reihe. Die Debatten um Friend Land und Kannas kleiner Exkurs ins Casino fühlen sich schwer nach dem Aufschieben der wirklichen Showdowns an und mehr als Lückenfüller. Zwar bezeichne ich 20th Century Boys immer noch als einen meiner Lieblingsmanga, aber da ich ihn nicht das erste Mal lese, wusste ich wohl noch, dass hier ein kleines narratives Tal lauert. Es ist soweit ich mich erinnere eins von zwei Tiefs die bei der einige Bände füllenden Reihe beim ersten Lesen schon bei mir auftraten. Die Cliffhanger sind auch etwas billiger als wir es aus vorherigen Teilen gewöhnt sind. Mit Sadakiyo („der Junge ohne Gesicht“) tritt aber ein tragischer Charakter auf, dem eine der rührendsten Szenen gebührt und der zudem wie kein anderer ans Licht bringt wie scheinheilig und einfallslos „Freund“ ist. Er ist erstens ein schlechter Freund (er muntert Sadakiyo nicht auf und gibt ihm nicht das Gefühl, dass er ihm etwas bedeutet), hat zweitens keine eigene Vision (er stiehlt Kenjis) und drittens kein eigenes Merkmal (das Ding mit den Masken hat Sadakyio angefangen). Von daher ist der Band gegen Ende entlarvend und spannend, davor brauch man aber eine Menge Atem. Auch auf den nächsten Band freue ich mich nicht so besonders, weil es meines Wissens nach mit dieser kleinen Talfahrt weitergeht. Die deckt zwar einige Geheimnisse auf, bringt aber die eigentliche Handlung nur mäßig voran. Auf Goodreads las ich einen fiesen Verriss, der urteilt, dass Urasawa hier aufs billigste mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Soweit würde ich nicht gehen. Ich halte ihn immer noch für einen cleveren Geschichtenerzähler. Und mit Sadakiyo hat er einen meiner Lieblingscharaktere der Reihe hier endlich seinen Auftritt gegeben.

„Blue Giant Supreme“ Band 1, Shinichi Ishizuka (Carlsen)

Wenn die Japaner und die Mangaszene eins können, dann ist es Aufsteiger-Geschichten zu erzählen. Wie sonst erklärt sich der Erfolg von Sport- und Musik-Manga in Japan? Beginnen sie nicht alle mit einem Individuum, das eine Leidenschaft hat und hart dafür arbeitet, damit dieser Traum in Erfüllung geht? In meiner Generation hat man mit Hikari mitgefiebert, die Rhythmische Sportgymnastik meistern will; mit den Kickers und Tsubasa oder Mila. Ich erwartete ähnliches in Blue Giant Supreme und erlebte stattdessen eine Überraschung. Denn unser Protagonist Dai Miyamoto, der ein berühmter Saxophonist werden und seiner Musik Gehör verschaffen will, fliegt nach Deutschland. Er ist bereits des Spielens mächtig und will versuchen musikalisch in München Fuß zu fassen. Allerdings gibt es viele Dinge, die er nicht weiß: er kann beispielsweise nicht Deutsch sprechen (nicht, dass das ein Muss wäre), er weiß aber eben auch nicht, ob Jazz in Deutschland „ein Ding“ ist. Als ihn die Polizei vertreibt als er auf der Straße spielen will, ahnt er, dass das mit Deutschland und der Musik vielleicht nicht so einfach wird. Und während der Leser so manch deutsche Weise wiedererkennt, bemerkt man vor Allem, dass hier irgendwas zu fehlen scheint.

Zum Beispiel Dialog. Anfangs ist unser Held Dai vollkommen auf sich gestellt und kommentiert nur ab und zu im inneren Dialog was er in Deutschland sieht und erlebt. Immerhin mit einigen Wiedererkennungsmerkmalen. Edeka … ^^ Später lernt er Leute kennen und die Geschichte wird etwas lebendiger. Wir sehen ihn endlich spielen, auch wenn wir ihn eben leider nicht hören – so akustisch ist das Medium Manga noch nicht. Aber was spätestens jetzt fehlt ist Intention. Wir erfahren nicht wirklich, warum es den Jazz-Enthusiasten ausgerechnet nach Deutschland und München verschlägt. Mir selber ist Deutschland nicht unbedingt als großes Jazz-Land bekannt. Auch dass Dai schon spielen kann und das offenbar sehr gut, lässt den Eindruck entstehen, dass man es nicht mit dem üblichen Aufsteiger-Manga zutun hat. Und so nach und nach kam der Aha-Effekt: ist das ein Sequel? Richtig.

Die Recherche zeigt, dass Shinichi Ishizuka tatsächlich große Bekanntheit mit seinem Manga Blue Giant erlangte, in dem Dai Miyamoto Saxophon spielen lernt ohne Noten lesen zu können. Blue Giant Supreme ist das Sequel. In Deutschland erschien das Sequel nun offenbar vor seiner Ursprungsgeschichte. Man kann hier und da herauslesen, dass das wohl geschah, weil Musik-Manga in Deutschland nicht gerade reißenden Absatz finden. Vielleicht hat man sich auch erhofft, dass der Manga v.A. auch deswegen Interesse generiert, da er in Deutschland spielt. Eine Formel, die aufgeht, aber leider nicht darüber hinwegtäuscht, dass man die Lücke im Gelesen spürt und sich fühlt als wäre man irgendwie zu spät auf der Party erschienen. Sehr schade! Ich persönlich hätte viel lieber mit Blue Giant angefangen und war ehrlich gesagt sogar reichlich angesäuert. Davon mal abgesehen: Dais ambitioniertes Unterfangen ist angenehm slice-of-life-ig, aber die Geschichte kommt nicht so recht in Fahrt. Für mich gewann der Manga sehr viel durch eine Andeutung, die in einem kleinen Bonuskapitel über Dais Zukunft gemacht wird. Das ist tatsächlich ausschlaggebend dafür, dass ich den Manga weiterlesen werde. Der Stil ist aber übrigens tadellos und ich wäre allzu negativ, wenn ich das hier verschweigen würde. Shinichi Ishizuka zeichnet schwungvoll, detailliert und hat Ahnung vom Saxophon. Kein Wunder, wenn er schon eine Reihe dazu gezeichnet hat 😉 Er weiß wie ein Saxophonist ein Saxophon hält, damit umgeht; wie es aussieht, wenn jemand spielt, wie man den Mund am Mundstück ansetzt. Auf der Webseite von Carlsen gibt es übrigens eine Leseprobe.

Das nenne ich mal eine seltsame Begegnung. Hattet ihr schon mal ein ähnliches Erlebnis und seid nichtsahnend in ein Sequel gelaufen? Und wie gut ging das für euch aus? Wie habt ihr es gemerkt?  Ich werde übrigens weiterlesen, aber mit einigem Bedauern, dass ich nicht mit „Blue Giant“ angefangen habe. Übrigens soll laut des verlinkten Artikels und Interviews mit Carlsen Verlagsmitarbeitern darin „Blue Giant“ eventuell auch in Deutschland folgen. Kennt ihr vielleicht „Blue Giant“ oder „Blue Giant Supreme“? Und welche Comics und Manga habt ihr zuletzt gelesen? Auf welche Neuerscheinung freut ihr euch?

In „angelesen“ sammle ich die Eindrücke von Buchreihen, die ich lese. D.h. insbesondere von Manga, Comics und Graphic Novels, die ich noch nicht abgeschlossen habe und deswegen nur als Teil eines Ganzen betrachten kann. Wer andere Literatur sucht und die Meinung zu abgeschlossenen Reihen, findet die in ausgelesen, einer weiteren Rubrik hier im Blog. 🙂