7ème art: Ukrainische Filme

Posted by in 1967, 2015, 2018, 2019, 2020, 7ème art, Abenteuer, Animationsfilm, Arthouse & Indie, Dokumentation, Drama, Fantasy, Film, Horror und Mystery, Kriegsfilm, Literaturverfilmung, Märchen, Milieustudie, Review, Roadmovie, Sowjetunion, Spielfilm, Tragikomödie, Ukraine

Eigentlich wabere ich ja schon länger über einer Werkschau russischer Filme. Aus gegebenem Anlass habe ich allerdings umgeschwenkt. Rettet mein Filmeschauen Leben? Nein. Aber auf eine seltsame Weise ist sie ein Teil meiner Rebellion. Ukrainische Filme sind euch in den Mediatheken, Streams und im Kino bisher eher weniger über den Weg gelaufen? Traurig, aber wahr. Natürlich gibt es aber die ukrainische Filmindustrie und ja, man kann ukrainische Filme auch relativ entspannt streamen, beispielsweise über die Plattform Takfilm. Mehr dazu in der Zusammenfassung am Ende. Und bis dahin: sieben Filme, die in der Ukraine gedreht oder produziert wurden.

Viy

Viy ist eigentlich ein sowjetischer Film, der aber in der Ukraine gedreht wurde und dort spielt, weshalb ich mir erlaube ihn hier trotzdem aufzuführen. Ich möchte hier also nicht aneignen oder verleugnen – keine Bange. Der Film basiert auf einer Erzählung von Nikolai Wassiljewitsch Gogol, der zwar behauptet, dass es sich um eine Sage handelt, aber die titelgebende Figur des Vij existiert so nicht direkt in der ukrainischen oder russischen Folklore. Tatsächlich ist Vij der erste Horrorfilm der Sowjetära, auch wenn er sich in der ersten Hälfte gar nicht unbedingt so anfühlt. Der Film beginnt mit dem Philosophiestudenten und Novizen Choma (Leonid Kuravlyov), der zusammen mit seinen Kommilitonen auf Reise geht. Es herrscht ausgelassene Stimmung, alle zelebrieren ihre Freiheit. Und das teilweise etwas zu euphorisch. Auf der Reise begegnet ihnen eine Hexe, die ihr teuflisches Werk mit den Männern treibt. Insbesondere Choma verfolgt sie bis er sich genötigt fühlt Gewalt einzusetzen. Kaum, dass er sie verprügelt, zeigt sie aber ihr wahres Gesichts – das eines hübschen Mädchens. Nur kurze Zeit später wird Choma in seiner Funktion als Novize auf ein Gut abbeordert, dessen Hausherrin verstorben ist und deren lebloser Körper drei Nächte mit Gebeten hinüber ins Leben nach dem Tod begleitet werden muss. Als Choma sieht, dass es die Hexe ist, bekommt er so eine Ahnung, dass das keine leichten Nächte werden.

Tatsächlich schlägt die Hexe nachts die Augen auf und macht es Choma nicht gerade leicht. Die Effekte wie Choma mit Kreide einen Schutzkreis um sich zieht und die vampirisch wirkende Zombie-Hexe gegen die Wände seines unsichtbaren Schutzwalls schlägt hat schon was. Hier beginnt also der Horrorteil des Films, der auch für seine überschaubaren Mittel spannend inszeniert ist. Die Effekte sind handgemacht und haben ihren ganz eigenen Charme, dadurch dass manchmal mehr, manchmal weniger dezent durchschimmert, wie sie es inszeniert haben. Interessant ist auch, dass die nächtliche Tortur mehr und mehr an Choma zehrt. Etwas eigentümlich ist sicherlich die Reaktion Chomas auf die Hexe und überhaupt die Darstellung des Spuks, den man einfach hinnehmen muss, ohne dort größere Zusammenhänge zu suchen. Auch aus den Bewohner:innen des Guts kann ich mir wenig einen Reim machen. Manchmal wirkt es so als wüssten sie, wer ihre Gutsherrin wirklich ist, manchmal nicht. So oder so ist Viy zu recht ein Klassiker des Horrorfilms, der trotz seines lockeren Anfangs gegen Ende einige wirkliche Gänsehautmomente hat.

Viy (auch: Wij, OT: Вий), UdSSR, 1967, Konstantin Yershov/Georgi Kropachyov, 78 min, (7/10)

Sternchen-7


„The Viy (Original Trailer)“, via SeverinFilmsOfficial (Youtube)

Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom

Jewgeni Afinejewskis Dokumentarfilm begleitet die Ereignisse vor und während des Euromaidans bzw der „Revolution der Würde“ genannten Proteste auf dem Maidan in Kiew/Kyiv ab 2013. Beginnend mit dem Einfluss Russlands auf die Wahl des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch und den letztendlichen Anlass für den Euromaidan: die Nicht-Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens zwischen der Europäischen Union und der Ukraine. Winter on Fire erzählt all die Ursachen nachvollziehbar und lässt während der folgenden, chronoligisch erzählten Reihenfolge der Ereignisse viele direkt involvierte Protestant:innen zu Wort kommen. Darunter Aktivist:innen, Ärzte und Ärztinnen, Künstler:innen, Militärs, Student:innen usw.


„Winter On Fire: Ukraine’s Fight for Freedom | Ein Netflix Dokumentarfilm I Netflix“, via Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (Youtube)

Während des Schauens, der Aufzählung wieviele Menschenleben die Proteste und Polizeigewalt gefordert hat und wie groß die Rolle Russlands war, stellte ich mir häufig die Frage: hat unsere Landespolitik die Doku gesehen oder sich tiefergehend mit den Zusammenhängen beschäftigt? Als NordStream 2 beschlossen oder die Krim anektiert wurde? Aber klar ist auch, dass mit einem kritischen und wachen Auge auf die Geschehnisse und Doku geblickt werden muss. Manchen mag es schon Stoff zum kritisieren und zweifeln geben, dass es sich um eine britisch-amerikanisch-ukrainische Koproduktion handelt. Zwar sehe ich das weniger problematisch, aber kann die Kritik bezüglich der gezeigten Flaggen und Fahnen rechter Flügel verstehen, die nicht kommentiert wurden. Fairerweise: bei einer Protestbewegung der Größe sieht man eine Menge unter den Massen. Eine Einordnung wäre trotzdem wichtig gewesen. Die Kritik, dass der historische Kontext zu kurz kommt, empfinde ich nicht so. Viel mehr stellt der oscarnominierte Winter on Fire für mich ein weiteres Puzzleteil dar, dass ein Zeitdokument ist und mehr Menschen bekannt sein sollte. Der Film kann in voller Länge auf dem Youtube-Channel von Netflix, d.h. also frei und ohne Netflix-Account, gestreamt werden.

Winter on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom, USA/UK/Ukraine, 2015, Jewgeni Afinejewski, 102 min, (9/10)

Sternchen-9

Donbass

In dreizehn an Kurzfilme erinnernde und lose miteinander verbundenen Segmente wird die Situation des Donezbeckens (Donbass) geschildert, das seit 2014 Schauplatz der Kämpfe russischer Separatisten gegen ukrainische Truppen ist. Die in einer Art Kette angeordneten Segmente zeigen verschiedene Alltagssituation des Gebiets, das für die einen (für Russland und russische Separatisten) die Donezker Volksrepublik ist, für andere ein Teil der Ukraine. Alltag bedeutet hier, dass zum Zwecke der Desinformation Szenen zu propagandistischen Zwecken gestellt und geschauspielert werden, um zu zeigen, dass Russland nur helfen will. Ukrainische Soldaten werden einem Lynchmob vorgeworfen und gezeigt wie Politiker (oder solche die es mal werden wollen) Bestechung akzeptieren. Hochzeiten in der Volksrepublik sind eine schwer zu entziffernde Show, die aber wohl eher der Schaustellung dient. Einige der wohl krassesten Szenen sind aber wohl die von Journalisten, die aus erster Hand berichten wollen oder auch die eines Mannes, der eigentlich nur sein (von russischen Separatisten beschlagnahmtes) Auto wiederhaben will.

Die große Kunst von Sergei Loznitsas Film ist das banale des Bösen einzufangen. Oftmals weiß man bei den Segmenten nicht, ob man lachen oder weinen soll, weil die Situationen so grotesk sind. Oder wir erstmal merken wie verwöhnt wir sind. In was für einer Blase wir acht Jahre leben und ignorieren konnten, was im Rest der Welt los ist. Allerdings sind sie auch nicht einfach zu sezieren. Es braucht manchmal bis man versteht, wer hier wen geschmiert hat und was für eine Farce man gerade gesehen hat. Besonders verblüffend ist wie sich der Kreis am Ende schließt und erstes mit letztem Segment verbindet. Und das mit einem Ausrufezeichen. Sergei Loznitsa, ein Name, den man sich merken muss. Seine Filme wurden schon in Cannes und auf Filmfestspielen gezeigt, die Filmografie ist lang, die Themen treffen mitten in das eigene Sicherheitsgefühl. Wer interpretiert hat, dass das kein Feelgood-Movie ist, liegt damit richtig.

Donbass (OT: Донбас), 2018, Deutschland/Ukraine/Frankreich/Niederlande/Rumänien, Sergei Loznitsa, 121 min, (8/10)

Sternchen-8


„Donbass Trailer Deutsch | German [HD]“, via Salzgeber (Youtube)

Mila und Ruslan: Mutiger als erlaubt

Vielleicht fehlt mir die Expertise über die ukrainische Szene des Animationsfilms, aber Regisseur Oleg Malamuzh kreuzte schon vor dieser Werkschau meinen Weg durch die Trailer zum Animationsfilm Mavka, aber eben auch als einziger ukrainischer Animationsfilmer. Sein Vorgängerwerk Mila und Ruslan: Mutiger als erlaubt basiert auf einem Märchen in Versform von Alexander Puschkin und handelt von der Prinzessin Mila (eigentlich Lyudmila), die wenn es nach ihrem Vater geht am besten noch heute heiraten soll. Mila will aber lieber die Welt bereisen und Abenteuer erleben, also reißt sie kurzerhand aus. Dabei trifft sie den Schausteller Ruslan, der zwar oft einen edlen Ritter spielt, aber keiner ist. Um Mila zu beeindrucken, gibt er sich trotzdem als solcher aus. Sie toben etwas durch die Gegend und verlieben sich ineinander. Just dann wird Mila von dem fiesen Zauberer Tschernomor entführt. Ruslan beschließt Mila zu retten.

Ja, wem die Handlung bekannt vorkommt, irrt sich nicht. Tatsächlich folgt Mila und Ruslan einigen sehr bekannten Mustern. Man könnte sogar sagen einigen bereits sehr bekannten anderen Märchen und Animationsfilmen. Der in Zauberei bewanderte Kater erinnert mich doch sehr an den gestiefelten aus Shrek, die ganze Mila und Ruslan Story channeln ihre inneren Aladdin und Jasmin und auch so gibt es wenige Merkmale, die den Film von anderen klassischen Märchenverfilmungen absetzen. Man kann sich sicherlich darüber streiten, ob man von einem osteuropäischen Märchen auch slawische bzw osteuropäische Einflüsse erwarten muss, kann oder will. Ich für meinen Teil hätte das sehr charmant gefunden und denke, dass es dem Film geholfen hätte sich abzusetzen. Man kann natürlich spekulieren, ob das dem Erfolg auf dem internationalen Markt genützt oder geschadet hätte.

So ist der nicht magische Teil der Welt eben mittelalterlich-europäisch-generisch und wenig überraschend. Was der Animationsfilm gut kann: wunderschöne, farbenfrohe und stimmungsvolle Umgebungen. Außerdem bricht er mit Geschlechterrollen insoweit, dass Mila nicht die klassische Prinzen anschmachtende Prinzessin ist. Es ist sehr glaubhaft, dass sich Mila auch ohne die Ruslans dieser Welt befreien könnte. In punkto Charakterdesign könnten sich die Charaktere durchaus auch gern noch mehr trauen sich von Vorbildern wie Disney, Pixar und dergleichen abzusetzen. Außerdem gestikulieren die Charaktere insbesondere in den Szenen zwischen Ruslan und Nestor wahnsinnig viel rum, sodass es unfreiwillig komisch wirkt.

Mila und Ruslan: Mutiger als erlaubt (OT: Викрадена принцеса: Руслан і Людмила), Ukraine, 2018, Oleg Malamuzh, 90 min, (5/10)

Sternchen-5


„MILA UND RUSLAN Trailer German Deutsch (2019) Exklusiv“, via KinoCheck Familie (Youtube)

Heat Singers

Ivan Vasyliovych ist der Gewerkschaftsvorsitzende der Heizungsmonteure und hat insbesondere mit den Kolleg:innen der städtischen Ivano-Frankivsk TeploKomunEnergo einen Chor gegründet, der voller Inbrunst ukrainische Volkslieder schmettert. Bei Wind und Wetter in Volkstracht. So ganz konnte ich nicht herausfinden, ob Heat Singers wirklich ein Dokumentarfilm ist wie in mehreren Quellen unter Genre angegeben. In jedem wird in dem Film der Alltag der Monteure, Ingenieure, Sekretär:innen usw nebeneinander gestellt mit der vielleicht heilsamen Wirkung der Volkslieder, aus denen auch ein wenig Stolz auf die eigene Leistung und das Land herauszuhören ist. Dabei wird der Alltag voll maroder Infrastruktur, Einsätzen bei Havarien zu nachtschlafender Zeit und unzufrieden-schäumenden Kund:innen neben die Wirkung und Schönheit der Musik gestellt. Dabei sind es letzten Endes nur eine Handvoll Songs, aber auch manchmal tatsächliche „industrial“ Klänge aus dem Hämmern auf Heizungsrohre und störrische Gewinde, die eine Melodie formen. Heat Singers ist aber auch nicht nur ein Feelgood Movie, wenn sich letzten Endes die Frage stellt, ob für die Musik noch genug Zeit ist, neben allem, was die „Heat Singers“ stemmen müssen.

Heat Singers (OT: Співає Івано-Франківськтеплокомуненерго), Ukraine, 2019, Nadia Parfan, 64 min, (6/10)

Sternchen-6

My Thoughts Are Silent

Vadim (Andriy Lidahovskiy) ist ein Sounddesigner und Musiker, der sich in Kiew/Kyiv mit Jobs zum Aufzeichnen von „Stocksounds“ über Wasser hält. Leider reicht das nicht für seine angehäuften Kosten. Als er ein Angebot einer Retrowave-Gaming-Schmiede bekommt, kann er nicht ablehnen. Nicht nur, dass es für das neuste Spiel einer seiner größten Idole Sounds aufnehmen soll. Er bekommt außerdem einen Job in Kanada in Aussicht gestellt. Die Aufgabe? Er soll typische Tierstimmen in Transkarpatien aufnehmen, v.A. die eines seltenen und für ausgestorbenen gehaltenen Vogels. Transkarpatien liegt im Westen der Ukraine. Da Vadim dort geboren wurde und seine Familie dort lebt, wäre das kostengünstige und bequemste den Kontakt zu seiner Familie wieder herzustellen. Als er aber in Transkapartien seiner Mutter (Irma Vitovska-Vantsa) wieder begegnet, würde er am liebsten wieder abreisen.

Der Film verläuft dann übrigens so, dass Vadim die Aufnahmen so mehr oder weniger mit seiner Mutter zusammen macht. Die Ideen seiner Mutter und ihre bohrenden Fragen über sein Privatleben reichern den Film mit noch mehr Comic Relief an. Überhaupt scheinen die kuriosesten Situationen Vadim zu finden. Wenn er sich beispielsweise in einem improvisierten Tierkostüm unter eine Ziegenherde mischt, dann ist das eigentlich noch das am wenigstens überraschende. 🙂 Damit kein falscher Eindruck entsteht: My Thoughts Are Silent ist eher Tragikomödie, denn es erzählt wehmütig und aufrüttelnd vom Verlassen der Familie und Heimat. Vadim und seine Mutter können nicht gut miteinander, aber auch nicht gut ohne einander, was der zwei Mal sehr passend gefeatuerte Song Viva Forever von den Spice Girls überraschend gut einfängt. (Vadims Mutter ist ein großer Victoria Beckham Fan.)

Sie sorgen sich umeinenader und darum, ob sie sich nicht einsam fühlen; aber wollen und können auch nicht zusammen leben. Kommt uns bekannt vor? Das Verlassen der Heimat wegen des Mangels an Chancen oder des Effekts „auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner“ ist das zweite große Motiv des Films. Die Ukraine wird durch viele Anekdoten als die „unbequeme Heimat“ dargestellt ohne zu nennen, was man erwarten könnte (Russland, Politik). Stattdessen spielt Regisseur Antonio Lukich und Drehbuchautor:in Valeria Kalchenko mit unterschwelligen Metaphern, die pure Satire sind. EinBeispiel: Vadim fragt seine Auftraggeber irgendwann, warum sie ausgerechnet ukrainische Tierstimmen wollen? Und die Antwort ist: weil man das wehklagende in ihren Stimmen hören will. Kanadische Tiere sind einfach zu glücklich. Es ist auch sicher kein Zufall, dass der sagenumwobene Vogel, den Vadim suchen soll, „wie es ihm beliebt“ die Grenze überqueren kann, weil er im rumänisch-ukrainischen Grenzgebiet beheimatet ist. Vadims Melancholie und die Verzweiflung der Mutter über das bevorstehende immer weiter Auseinanderdriften der Familie wird hervorragend und nachfühlbar eingezogen. Da werden selbst meine „thoughts“ ganz plötzlich ganz „silent“. Guter Kniff dabei: die Ukraine ist wohl in keinem der Filme so schön wie in diesem.

My Thoughts Are Silent (OT: Мої думки тихі), Ukraine, 2019, Antonio Lukich, 104 min, (9/10)

Sternchen-9


„Мої Думки Тихi (My Thoughts Are Silent) – Сцена на Водах“, via MK (Youtube) (Szene im Freibad)

Breaking into Baikonur

Urban Exploration (kurz Urbex) widmet sich der Erkundung von beispielsweise Lost Places, also verlassenen Orten, oder solchen, die als restriktiert gelten. In ihrem früheren Insiders Project haben Regiesseur und Kameramann Angel Angelov und der oft als „Researcher“ und Drehbuchautor angegebene Dmitry Gromov bereits u.a. Tschernobyl besucht. Und damit meine ich nicht nur „ein bisschen umschauen“, sondern bis in die unwegsamsten Ecken der Lost Places vordringen. In ihrem jüngsten Projekt hat es Angelov und Gromov aber an einen Ort verschlagen, an dem sie besser nicht erwischt werden sollten. Sie brechen in das Kosmodrom Baikonur in Kasachstan ein. Keine gute Idee mit einem ukrainischen Pass.

Genauer will das Duo in die Hangar einbrechen in denen das Spaceshuttle Buran und die Trägerrakete Energija aufbewahrt werden. Die sind Relikte der Sowjetunion und des Wettrüstens mit der USA. Zum Einsatz kamen es nie. Damit adressiert Breaking into Baikonur auch geschichtliches und die Stimmung zu Zeiten des Kalten Krieges. Der kleine Exkurs in dem spannenden und nur etwas mehr als 60-minütigen Dokumentarfilm macht, dass es sich gleich umso gewichtiger anfühlt als Angelov und Gromov dem eingestaubten Unikum dann gegenüberstehen. Beeindruckend ist neben der Gefahr an sich auch die Vorbereitung der Tour sowie die Umgebungsparameter – beispielsweise die 45°C Hitze. Neben all dem erklärt Gromov auch während des Films meist im Flüsterton derer, die nicht auffallen wollen, welchen Stellenwert es plötzlich angesichts von Gefahr einnimmt. So fühlen sich also Urban Explorer am Rande der Legalität. Zuschauende müssen für sich entscheiden, ob sie das pathetisch finden oder erhebend. Ich bin irgendwo dazwischen.

Für Skeptiker bleibt sicherlich in den einen oder anderen Minuten die Frage, ob sich das alles genauso zugetragen hat und was vielleicht dramatisiert wurde. Beeindruckend bleibt es trotz gesunden Skeptizismus. Allein zu sehen wie das Duo in so einen verbotenen und verlassenen Ort vordringt, hat etwas erstaunlich aus der Zeit gefallenes, episches. Zudem wecken die Urban Exploration und Lost Places Szenarien angenehmste Erinnerungen an Tarkowskis Stalker. Ich finde es etwas schade, dass der Dokumentarfilm eventuell wegen leeren Kamera-Akkus so aprubt endet. Ein Voice over am Schluss über einem schwarzen Screen hätte es auch getan, um dem Film zu einem würdigen Abschluss zu verschaffen.

Breaking into Baikonur (OT: Байконур. Вторгнення), Ukraine, 2020, Angel Angelov, 68 min, (6/10)

Sternchen-6

Breaking into Baikonur | Official trailer from Digital Religion on Vimeo.

Tja wer hät’s gedacht. Durch die realtiv kurzen Spielzeiten war das tatsächlich eine der schaffbarsten Werkschauen der jüngeren Vergangenheit. Dabei sah es anfangs gar nicht danach aus. Ich habe mich schon oftmals gefragt, „Wo zur Hölle finde ich denn nur ukrainische Filme“. Die Recherche zeigte nämlich sehr früh, dass auf den mir in Deutschland ohne VPN verfügbaren Streamingdiensten quasi kaum ukrainische Filme im Angebot sind. Dann stieß ich aber auf Takflix, bei dem man gegen einen kleinen Obulus legal ukrainische Filme mit englischen Untertiteln sehen kann. Der Zahlvorgang dort ist übrigens besser abgesichert als von 90% der Webshops die ich sonst so kenne, nur mal am Rande erwähnt.

Für eine Person in unserem Haushalt war das wohl noch cooler als für mich, weil ewig keine Filme mehr aus der Heimat gesehen. Aber auch aufwühlend, weil einige die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit aufarbeiten. Auf Takflix habe ich „My Thoughts are Silent“, „Heat Singers“ und „Breaking into Baikonur“ gesehen. „Mila & Ruslan“ ist im Segment von Amazon Prime. „Winter on Fire“ gibt es auf Netflix bzw Youtube und „Donbass“ u.a. auf Vimeo. Wer des Russischen oder Ukrainischen mächtig ist, kann auf dem Youtube-Channel der staatlichen ukrainischen Filmagentur ganze Filme und viele Clips sehen. Hat euch das animiniert dem ukrainischen Film mal eine Chance zu geben? Oder kennt ihr gar ukrainische Filme und welche könnt ihr empfehlen?

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen – evtl. dehne ich den Begriff dabei etwas. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.