#Japanuary 2019 – Filmbesprechungen zu „Still the Water“ und „Hana-Bi“

Posted by in 1997, 2014, Arthouse & Indie, Coming-of-Age, Drama, Film, Japan, Literatur, Review, Spielfilm, Tragikomödie

Letztes Mal habe ich ja etwas jammern müssen, weil ich noch nicht alle Filme zusammen hatte, die ich schauen wollte. Dann wurde die Zeit knapp und nun muss ich mich etwas sputen, dass ich die acht Filme auch schaffe. Aber ich bin optimistisch 😉 Apropos gute Laune … wie seit dieser Woche bekannt ist, ist Hirokazu Koreedas Shoplifters für den Academy Award in der Kategorie „Best Foreign Picture“ nominiert. Gute Entscheidung 🙂

Still the Water

Das ist einer dieser seltenen Momente, in denen es gar nicht so einfach scheint zu beschreiben, was man gesehen oder viel mehr erlebt hat. Ähnlich Werken Terrence Malicks ist Naomi Kawases Still the Water Empfindungskino. Wir verfolgen darin zwei Teenager und ihre Familien auf der tropisch anmutenden Insel Amami südlich der vier Hauptinseln Japans. Der stille Kaito (Nijirō Murakami) ist zusammen mit seiner Mutter aus Tokyo zugezogen. Seine Mitschülerin Kyōko (Jun Yoshinaga) und er haben einen Draht zueinander. Ihre Beziehung schlingert irgendwo zwischen beste Freunde oder gar Liebespaar, zumindest hegt Kyōko Gefühle für ihn. Hat aber auch andere Sorgen. Ihre Mutter liegt im Sterben. Etwa zur selben Zeit wird im Wasser die Leiche eines Mannes gefunden, über den Kaito etwas zu wissen scheint. Allerdings ist Still the Water kein Krimi, auch wenn es eine Leiche gibt und sicherlich irgendwo einen Gärtner. Der Film konzentriert sich auf die Beziehung Kaitos und Kyōko zueinander und den Beziehungen zu ihren Familien, aber auch dem Leben, Spiritualität und der Verbundenheit zur Natur. Das ist es, was die jungen Erwachsenen umso stärker spüren als Kyōkos Mutter im Begriff ist zur Natur zurück zu kehren. Sie war Schamanin und sieht dem Tod nicht mit Furcht entgegen, aber Kyōko stellt sich angesichts all der Unendlichkeit in ihrer Umwelt (Meer, Himmel, Natur) die Frage: wo bleibt meine Mutter? Aber desto mehr sie mit der Endlichkeit des Menschenlebens und Körpers konfrontiert wird, umso mehr möchte sie lebendig sein und ihren Körper spüren.

„STILL THE WATER | Trailer deutsch german [HD]“, via kinofilme (Youtube)

Sie fordert Taten von Kaito, der etwas verzagt, genervt und unsicher wirkt. Er ist vom Leben enttäuscht, vor Allem weil er nicht weiß wie er seine Mutter, seinen Vater und deren beendete Beziehung bewerten soll. Was ist Liebe? Was nur Sex? Kannte seine Mutter nicht den Typen, der kurze Zeit später tot aus dem Meer gefischt wurde? Wieviele Liebhaber hat sie eigentlich? Kaito kann das nicht verstehen, genauso wenig wie er das Leben umfassen kann. Er hat wahrscheinlich zu wenig gesehen, um einschätzen zu können wie die Dinge liegen. Und kann deswegen auch nicht auf Kyōko zugehen. All die Fragen ohne Antworten. Es hemmt ihn. Es ist der Schwebezustand des Erwachsenwerdens, der uns auch alle irgendwann gequält hat und den wir nur zu gut kennen. Anfangs gibt einem der Film aber etwas zu wenig davon, man brauch Geduld bis sich erklärt, was in Kaitos Kopf vorgeht und was in Kyōkos Leben passiert. Etwa ab der Hälfte aber liegen die Dinge klarer und es entfaltet sich ein unaufgeregtes, rührendes Werk in ruhigen Bildern. Kyōkos Kopf ist aufgeräumter, vielleicht auch wegen des herben Verlustes, der ihr bevorsteht. Wenn wir als Zuschauer Zeugen des Ablebens ihre Mutter werden, dann trifft das mitten in diesen verletzlich-menschlichen Teil unserer selbst. Das Besondere ist aber auch wie ihre Mutter geht. Ohne Angst, Reue, fast wie das Zelebrieren eines Festes, nur etwas ruhiger. Was nicht heißt, dass sich alle freuen. Es ist und bleibt ein Verlust. Sie singen traditionelle japanische Lieder, tanzen um sie in Liebe hinüber zu geleiten. Das ist eine ganz andere Weise als Tod normalerweise betrachtet wird und ein weiterer Ausdruck des spirituellen Ausgeglichenheit und Verbundenheit mit des Kreislauf des Lebens und der Natur, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Ein melancholisch schönes Werk. Kein Wunder, dass Kawase es einst als ihren vollkommensten Film bezeichnete. Der Originaltitel heißt übersetzt soviel wie „das zweite Fenster“. Vielleicht ist damit das Meer gemeint oder die Elemente, die ähnlichem unserem Leben eine Abfolge von tosenden Stürmen und goldenen Tagen sind.

Still the Water (OT: 2つ目の窓 „Futatsume no Mado“), Japan/Frankreich/Spanien, 2014, Naomi Kawase, 121 min, (8/10)

Sternchen-8

Hana-Bi

Takeshi „Beat“ Kitano beweist im preisgekrönten Hana-Bi, dass er ein Tausendsassa ist. Schauspielern, Regie führen, Drehbuch beisteuern, Schnitt – irgendwie scheint er ja fast in jeder Sparte mitgemischt zu haben. Der Film handelt vom Polizist Nishi (Takeshi Kitano), der im Privatleben zwei Traumata zu verarbeiten hat. Seine Tochter ist bereits gestorben und seine Frau (Kayoko Kishimoto) schwer erkrankt und spricht nicht mehr. Als einer seiner Kollegen bei einem Zwischenfall getötet und die anderen schwer verletzt werden, wirft es ihn vollends aus der Bahn. Allerdings ohne dass man es Nishi in Worten anmerken würde, sondern eher in Taten. Er ist kein Polizist mehr und lässt sich mit Yakuza ein, um genug Geld zu sammeln, um den Unterhalt der Frau des getöteten Kollegen zu sichern. Auch seinem ehemaligen Partner Hirobe (Ren Ōsugi), der seitdem dem Zwischenfall im Rollstuhl sitzt, lässt er Materialien zum Malen zukommen, damit er von seinen düsteren Gedanken wegkommt. So ist Nishi auf einem Feldzug das Leben der Menschen um ihn herum in den Fokus zu stellen. Trotz der edlen Gedanken ein überraschend illegaler und blutiger Weg.

„Hana-bi – Feuerblume – Trailer deutsch german HD (1997)“, via Klassik Trailer (Youtube)

Für viele Zuschauer ist der Film unter Umständen zu hermetisch, denn während dieser ganzen tour de force spricht Kitano verblüffend wenig. Diese Stille ist einerseits entrückend und fühlt sich seltsam und unnatürlich an, andererseits ist es wie eine Pausetaste, durch die sich Kitanos Film von reinen Actionfilmen und Yakuzastreifen abhebt. Der quasi stumme und wortlose Bankraub ist eine denkwürdige Szene und nur einer von vielen Beweisen, dass Hana-Bi nicht so beliebig gedreht wurde wie es wirkt, sondern mit Intention. Ein anderes Beispiel sind die zahlreichen Eindrücke der Hinterbliebenen. Beispielsweise des querschnittsgelähmten und suizidgefährdeten Hirobe, der oftmals einfach beim malen oder Natur beobachten gezeigt wird. Stets mit einem Blick, der zeigt, dass er noch längst nicht über den Berg ist und es eventuell nie sein wird. Dem gegenüber steht im krassen Gegensatz dazu der ausdruckslose Kitano als Nishi, der wahrlich kaltblütig geworden ist und dem sein eigenes Leben relativ egal ist. Die meist kurzen und übertrieben blutigen Gewalteskalationen zu denen er fähig ist, skizzieren einen Mann an den Grenzen dessen was er früher einmal war.

Aber das ist Deutung – es geht auch anders. Dadurch, dass der Film relativ hermetisch gedreht ist, geht es nicht ohne. Das wird zwangsläufig nicht alle Zuschauer gleich abholen. Ein größeres Hemmnis ist der nicht vorhandene Zeitstrahl und die unvollständige Erzählung. Es werden viele Handlungsfäden angerissen und bleiben lose. Vielleicht auch ein Problem der Übersetzung? Hirobe deutet einmal an, dass seine Frau und sein Kind gegangen sind und sogar das Licht ausgemacht hätten, als ob er nicht da wäre. Es bleibt unklar, ob sie für immer gegangen sind oder nur zu Schule und Arbeit aufgebrochen sind. Dann aber wieder schenkt einem der Film zwischen Gewalt, Stille und Melancholie witzige Szenen zwischen Nishi und seiner Frau, die beispielsweise mit Selbstauslöser ein Foto von sich machen wollen und ein Auto direkt in dem Moment zwischen ihnen und der Kamera hindurchfährt und sie verdeckt als der Apparat auslöst. Was bleibt ist Ambivalenz, Tragik und ein Schmunzeln. Ein Film, der schwer zu greifen ist. Wer ein bisschen mit Kitanos Leben und Wirken vertraut ist, erkennt in dem Zucken in Nishis Gesicht die Spuren Kitanos schweren Motorradunfalls im Jahr 1994. Die Figur Hirobe ist sicherlich eine weitere Aufarbeitung dessen. Nicht umsonst, werden Kitanos Bilder in dem Film als Hirobes‘ gezeigt. Selbstmord ist ein nicht sehr unterschwelliges Motiv des Films. Allerdings ohne Wertung.

Hana-Bi (OT: はなび), Japan, 1997, Takeshi Kitano, 99 min, (7/10)

Sternchen-7

Mal abgesehen von Filmen …

… habe ich (neben einigen Manga :3) Ryūnosuke Akutagawas Kurzgeschichtensammlung Rashomon: Erzählungen angefangen zu lesen. Es ist für mich das erste Buch klassischer japanischer Literatur, das Prinzipien wie Bushidō adressiert und auch mein erster Berührungspunkt mit Akutagawa. Wie bei solchen Bänden üblich, begeistert nicht jede Geschichte. Manche ziehen an einem vorbei, andere berühren tief. In jedem Fall zeigt es Akutagawas scharfen Verstand für die Bilder der damaligen Gesellschaft auch im Gegensatz zu anderen Gesellschaften. Es wirkt so als ob er einen wahrhaft durchdringenden Blick hat für den Nonsense, den sich Menschen geben und auch mal mit Mystizismus verschleiern. Und ich bin auch gerade deswegen immer noch entsetzt, dass er den Freitod gewählt hat. Höchste Zeit sich mit seinem Leben zu beschäftigen und mehr über den Mann hinter dem Buch zu lesen. Andererseits entrückt mich das Buch oftmals wegen der Rolle der Frau, die hier des öfteren verschleppt und vergewaltigt oder verschleppt und ge-zwangsheiratet wird. Natürlich steckt das Buch nicht nur voll solcher Extreme – das sind eben nur die besonderen Auffälligkeiten für mich als Leserin. Die meisten Geschichten liefern ein deutliches Bild der Mentalität, Werte und Gesellschaft Japans zu Beginn des 20. Jahrhunderts und früher und sind erfrischend anders als die bisherigen Bücher, die ich gelesen habe. Auch die japanischer AutorInnen eingeschlossen. Es ist eine gute Wahl, denn es öffnet quasi die Tür zu einer anderen Sparte asiatischer Literatur mit der ich bisher wenig Berührungspunkte hatte. Es ist aber auch kein Spaß-Buch, das man innerhalb von zwei Tagen wegatmet.

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung
Filmbesprechungen zu „Shoplifters“, „Mary und die Blume der Hexen“ und „20th Century Boys 1“

Header Image Photo Credits: Andre Benz

Wie kommt ihr beim Japanuary voran? Und welche Bücher würdet ihr mir empfehlen, um mich der klassischen japanischen Literatur anzunähern? Yukio Mishima steht jetzt auch ganz weit oben auf der To-Read-Liste. Bewirkt eigentlich die Oscar-Nominierung, dass „Shoplifters“ jetzt wieder/erstmalig/länger in den Kinos in eurer Umgebung gezeigt wird? Bei uns passiert das scheinbar tatsächlich, es werden aber grundsätzlich gerade vorrangig die Oscar-nominierten Filme in den Spielplan genommen.