Bericht von der Nippon Connection 2020

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Was? Es gibt auch einen Bericht neben den drölftausend Besprechungen? Oder schon fertig mit Filmbesprechungen? Neihein. Mitnichten. Da kommt noch eine ganze Menge. Aber ich dachte so ein paar subjektivere Worte und ein bisschen Abwechslung zwischen all den Filmkritiken kann nicht schaden. Vorgeplänkel/wer es noch nicht mitbekommen hat: das japanische Filmfestival „Nippon Connection“, das sonst jährlich in Frankfurt am Main stattfindet, war aufgrund der Einschränkungen während der Coronakrise erstmalig komplett online. Filme, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Konzerte … es war ein Fest im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Rückblick.

Nippon Connection … Online!

Das Team der Nippon Connection ist offenbar krisenerprobt. 2010 konnten zahlreiche Gäste nach dem Festival nicht nach Hause, da der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ausbrach. Immer zum Jubiläum scheint der Zufall und die Welt was in petto zu haben. Denn auch zum zwanzigsten Jubiläum des Filmfests gab es die eine oder andere Krise und notwendige Umplanung. Dieses Mal konnten die meisten Gäste überhaupt gar nicht erst anreisen. In Zeiten von Corona herrschte große Unsicherheit über die globalen Auswirkungen. Reisen und volle Kinosäle sind eh untersagt. So gab es einige Wochen vor dem Filmfest für Nippon-Connection-Fans eine sensationelle Neuigkeit: es würde online stattfinden.


„Trailer of the 20th Nippon Connection ONLINE Film Festival 2020“, via NipponConnectionTV (Youtube)

Und das hat fantastisch geklappt. Es waren über siebzig Filme im Angebot, die man hauptsächlich über Vimeo gegen einen kleinen Obolus streamen konnte. Außerdem gab es ein breites Angebot an Vorträgen, Konzerten, Performances unvm im täglichen Live Stream. Für mich das Happy End in Zeiten der Coronakrise 2020. Zumal auch ich selber bisher nur einmal live in Frankfurt am Main dabei war und es dieses Jahr aus privaten Gründen nicht auf das Filmfest geschafft hätte. Online sah das aber ganz anders aus! Die Feierabende und das Wochenende vom 09.-14. Juni gehörten ganz dem Online-Programm.

Dadurch, dass es keine fixen Timeslots gab, sondern man die Filme schauen konnte wann man will, habe ich auch gefühlt mehr gesehen als bei einem „Vor-Ort-Festival“. Natürlich steckt dahinter viel Arbeit und auch sicherlich viel Frustration angesichts von Plänen, die dem Team der Nippon Connection dann von einem Tag auf den anderen unter den Füßen weggebrochen sind. Aber für mich war Nippon Connection Online, das kann ich jetzt schon sagen, eins der Highlights des Jahres. An der Stelle sei übrigens mal betont, dass das Team das Festival zum Großteil als Ehrenamt organisiert und die Gelder neben Einnahmen von Sponsoren auch aus Crowdfunding kommen. Und das lohnt sich.

Nicht nur pink – sondern ein buntes Programm

Auch wenn man die Filme jetzt, wo die Nippon Connection 2020 vorüber ist, nicht mehr online streamen kann, bleiben zahlreiche Veranstaltungen auf dem Youtube-Channel des Festivals abrufbar. Ja richtig gelesen – auch jetzt noch. 🙂 Außerdem Video Messages der Regisseure, Interviews und Mitschnitte einige Live-Veranstaltungen und Vorträge. Wie bunt das Programm ist, kann ich mal anhand der Veranstaltungen zeigen, die ich mir zu Gemüte geführt habe. Beispielsweise beim Vortrag Das Geheimnis der Filmvertonung mit Goro Koyama (u.a. Blade Runner 2049), der hat einen Einblick in seine Werkstatt gegeben und u.a. erklärt, was die Königsdisziplin für den „Foley artist“ ist (Schritte bzw. „Laufgeräusche“) und sogar eine Hausaufgabe gestellt. 🙂 Außerdem habe ich mir die Performance von Usaginingen angeschaut, die ein sehr sympathisches Intro mit Nachwuchs hatten und die auf einer Art Performance-Maschine sitzen, mit der sie sowohl Musik, als auch Narrative, als auch Visuelles steuern. Ich glaube dafür wurde noch kein Begriff geschaffen. Außerdem habe ich mal in den Vortrag über Kimono reingeschaut, in die Origami-Sessions, das Shakuhachi-Konzert, usw.


„Shakuhachi Concert With Jim Franklin // 20th Nippon Connection Film Festival“, via NipponConnectionTV (Youtube)

Wer schon immer mal einen Blick hinter Festivalkulissen werfen wollte, wird außerdem bei den Kollegen Podcastern fündig. Thomas von SchönerDenken und Alexander von den Abspannguckern begleiteten die Nippon Connection außerdem im offiziellen Podcast zum Festival. Sie führten dort mit ein paar Mitgliedern des Teams Interviews und gewährten spannende Einblicke in die Organisation eines solchen Events. Davon mal abgesehen habe ich eine ganze Menge über Filmfestivals und auch die Filmindustrie gelernt. Mir war beispielsweise nicht klar, dass der japanische Markt so an die 500 Filme im Jahr ausspuckt, während die deutsche Filmindustrie es nur auf an die 200 jährlich bringt. Hui. Hier gibt es dazu nochmal Zahlen. Reinschalten lohnt sich also. Hier gehts zum Festival-Podcasts.

Female Futures?

Zum zwanzigjährigen Jubiläum widmet sich die Nippon Connection dem Thema der Geschlechterrollen in Japan und dem japanischen Film mit besonderem Fokus auf (wie sollte es anders sein) Geschlechterrollen im Film und Regisseurinnen unter dem provokant mit Fragezeichen versehenen Titel Female Futures? Das Thema trifft bei mir nicht nur deswegen einen Nerv, weil ich selber als Frau in einer angeblichen „Männerdomäne“ arbeite (nicht die Filmbranche 😉 ), sondern aus Liebe zum Film und Interessen an der Materie dort. Es ist schließlich kein Geheimnis, das vor #MeToo wenig darauf geschaut wurde wie wenige Engagements Regisseurinnen im Gegensatz zu männlichen Regisseuren zugestanden werden. Das Thema zog sich wie ein roter Faden durch das Programm der Nippon Connection, sowohl gemessen an den Filmen, als auch den Veranstaltungen.

So wohnte ich beispielsweise live der Podiumsdiskussion Female Futures? – New Visions Of Women In Japan bei, in der Maggie Lee mit den Regisseurinnen Yukiko Mishima (Shape of Red), Naomi Mizoguchi (Ainu – Indigenous People of Japan) und Haruka Komori (Listening to the Air) sprach. Man kennt das ja in Zeiten von Corona, wenn sich mehrere Teilnehmer per Webmeeting zuschalten – es kann schon mal etwas konfus werden; aber die Diskussion litt nicht zu stark darunter. So gaben die Filmemacherinnen einen Einblick wie sie selber zum Film kamen und mussten von direkter geschlechterbezogener Diskriminierung berichten (und das nicht mal in Japan, sondern in den USA) bis hin zu dem Fall, dass ihnen Förderung nicht automatisch zufiel, sondern sie diese selbstbewusst fordern mussten, um weiterzukommen. Wozu Maggie Lee eben u.a. auch anmerkte, dass das keine Probleme sind, denen Filmemacherinnen nur in Japan begegnen. Komori ging beispielsweise auch auf das Thema finanzielle Ängste ein. Die Regisseurinnen gaben an v.A. auch aufgrund der Coronakrise zu bangen. Lebensläufe müssen mit realisierten Projekten gefüllt werden. Wird man aber in Zeiten der Krise und unmittelbar danach überhaupt Filmförderungen erhalten? Werden Schauplätze und Teams verfügbar sein? Leiden Independentproduktionen darunter als erstes? Oder in anderen Worten, die Filme, die „man machen möchte“ im Gegensatz zu den Filmen, die man „machen muss“?

Damit hat die Podiumsdiskussion noch weitaus mehr Themen angerissen, die dieser Tage beschäftigen. Wer sich wie ich das Double Feature gab, hat im Anschluss gleich noch den Vortrag von Chantal Bertalanffy über Frauen im japanischen Kino der Gegenwart gehört, indem die Wissenschaftlerin und Regisseurin einen sehr ausführlichen und spannenden Einblick gab, welche Rollen Frauen im japanischen Gegenwartskino bekleiden. Zwischen The Lost Generation, Mutterrollen, kawaii (oder nicht so kawaii) Schulmädchen und anderen wird schnell klar, dass die Rollen zwar nach und nach differenzierter und kritischer angelegt werden, aber allein die wiederkehrenden Themen (immer noch) ganz andere als im Westen sind. Dort werden Frauen zunehmend als Superheldinnen, Agentinnen, etc. dargestellt, wohingehend die im japanischen Film Frauen zugedachten Rollen immer noch zu einem großen Teil traditionalistisch und überholt daherkommen. Nicht dass die westlichen das Maß sind – aber der Vergleich ist interessant.

Dabei wirft Bertalanffy auch einen kritischen Blick auf die Frauenrollen die männliche Regisseure in ihren Filmen abbilden und nennt mit Naomi KawaseKiki Sugino, Mika Ninagawa und anderen Anspieltipps für Filmografien weiblicher Regisseure. Natürlich kommt auch das Thema #MeToo nicht zu kurz. Ein sehr unterhaltsamer, pointierter Vortrag – ich hätte noch eine Weile zuhören können und habe jetzt eine vollgepackte To-Watch-Liste. Gibt es aber ein Fazit zu Female Futures? Die überall durchklingende Meinung war: es wird mehr, es wird besser; fraglich ist, ob das nach Corona so bleibt oder die Branche (und Gesellschaft) in alte Muster zurückfällt!?

Meine TOP 5 Filme

Und wie war denn nun aber das Film schauen auf der Nippon Connection online!? Hat das technisch alles geklappt? Wieviele Filme hast du geschaut, Miss Booleana? Oh, ich habe einige gesehen: 17 an der Zahl. Das ist für mich innerhalb einer „normalen“ Arbeitswoche eine ganze Menge. Und wie anzunehmen ist, habe ich die meisten am Wochenende gesehen. Im Sofa war eine Kuhle, meine Augen kamen mir verdächtig viereckig vor, aber ich war glücklich. 😉 Technisch geklappt hat es meistens sehr gut. Die Bezahlung, Abwicklung und der Abruf On-Demand war perfekt! Ich habe mir sogar am Sonntag abend noch Filme gesichert, die ich mir dann noch Montag nach Festivalende anschauen konnte, weil sie 24h abrufbar blieben.

Aber Vimeo hatte bei mir in den ersten drei Festivaltagen die Angewohnheite nach ca. 20 min einmal kurz abzustürzen. Danach ging es meist wieder. Das war also nur eine kleine Hürde und wer weiß – vielleicht war ich ein Einzelfall. Mit ein bisschen Browsercache leeren lief es dann wie geschmiert. Die Qualität war bestens. Und unter 17 Filmen hat sich natürlich eine Top-5 herauskristallisiert, bei der ich schwer auf ein Deutschland-Release im Kino oder auf Disc hoffe. Die möchte ich alle nochmal sehen können, bitte bitte bitte. 🙂 Überraschenderweise habe ich alle aus der Top-5 inzwischen besprochen. Kann das geplant sein!? 😉

  1. My Sweet Grappa Remedies
  2. Book-Paper-Scissors
  3. Tamaran Hill
  4. Extro
  5. Her Blue Sky

My Sweet Grappa Remedies ist schon alleine deswegen ein Gewinner, weil es von weiblichen Rollen in der Gesellschaft erzählt ohne den erhobenen Finger, ohne abgenutzte Klischees – und dabei so herzerwärmend, tragisch und witzig zugleich ist. Book-Paper-Scissors ist die Doku, die mich den japanischen Minimalismus in einem anderen Licht sehen ließ. Tamaran Hill war angenehm indie, surreal und introspektiv. Extro im Kontrastprogramm wunderbar schräg und feiert die Filmbranche und ihre Komparsen besonders. Unter den Animew war Her Blue Sky für mich der klare Gewinner.


„My Sweet Grappa Remedies // Trailer“, via NipponConnectionTV (Youtube)

Meine Top 5 Verpasste

  1. Labyrinth Of Cinema
  2. i -Documentary Of The Journalist
  3. Beautiful, Goodbye
  4. 100 Yen Love
  5. A Stranger in Shanghai

Jaaa bei 17 von 70 Filmen ist klar, dass ich offenbar das eine oder andere verpasst habe. Am meisten wurmt mich, dass ich mir Labyrinth of Cinema entgehen ließ. Ursache ist, dass ich mich etwas von den fast 3h Laufzeit abschrecken ließ. Ob es sich als erste Begegnung mit dem inzwischen leider verstorbenen Regisseur Nobuhiko Obayashi geeignet hätte, können andere besser bewerten. The Journalist habe ich geschaut, wollte aber „zur Erklärung“ der Umstände, die dem Film den Weg ebneten eigentlich noch i -Documentary Of The Journalist anschauen, aber irgendwie wanderte immer etwas anderes auf der Prioritätenliste weiter nach oben. Beautiful, Goodbye als Roadtrip mit Zombie hätte auch gut zum Thema Female Futures? gepasst. Bei 100 Yen Love, das schon sein Deutschlandrelease feierte und A Stranger in Shanghai, das man noch auf NHK schauen kann, muss ich erstmal nicht ganz soviele Tränen vergießen und kann die eventuell zeitnah nachholen.

Wie kann das Fazit lauten?

Das Fazit kann nur lauten: es war großartig! Bitte nochmal! Bitte wieder online – zumindest als Option? Denn es war großartig ein Scheibchen von der Nippon-Connection-Atmosphäre abhaben zu können, auch wenn man nicht vor Ort dabei sein kann. Ich habe dieses Mal sogar mehr mitnehmen können als in dem Jahr, als ich vor Ort war. Natürlich ist es schade, dass man nicht vor der Naxoshalle mit den anderen Filmfans fachsimpeln und zwischendurch mal ein paar leckere Takoyaki essen kann; aber es hat mich nochmal ein bisschen mehr mit dem auffällig andersartigen Jahr 2020 versöhnt und mir viel gegeben. Das Team hat etwas wunderbares auf die Beine gestellt. Ich möchte die Nippon Connection eh nicht missen, aber die Online-Option war für mich tatsächlich die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. 😉 Und ich denke, dass der Besucherrekord für sich spricht:

Beiträge und Besprechungen zur Nippon Connection 2020„Dancing Mary“ | „Ainu: Indigenous People of Japan“ | „Under Your Bed“ | „Hello World“ | „The Journalist“ | „F Is For Future“ | „Book-Paper-Scissors“ | „Her Blue Sky“ | „Shape of Red“ | „Forgiven Children“ | „An Ant Strikes Back“ | „Family Romance, LLC“ | „Tamaran Hill“ | „Extro“ | „My Sweet Grappa Remedies“ | „Cenote“ | „This Planet Is Not My Planet“

Habt ihr der Nippon Connection beigewohnt? Ich hoffe, dass der Beitrag euch nicht nur wehmütig oder den Mund wässrig gemacht hat, sondern ich ein paar der tollen Anspieltipps, Ideen und Impulse weiter verbreiten konnte. Welchen Film habt ihr geschaut? Welchem Vortrag gelauscht? Was hat euch beeindruckt? Gibt es etwas, das für euch weniger gut funktioniert hat?