Neulich auf der Nippon Connection 2020 … Filmbesprechung zu „Extro“ & „F Is For Future“

Weiter geht es mit dem Nippon-Connection-Besprechungsmarathon. 🙂 Heute mit zwei Filmen aus der Kategorie „Nippon Vision“, also Independentproduktionen, die einen Comedy-Touch haben. Einer davon wohl eher Dramedy oder Tragikomödien-Einschlag … ihr könnt mal raten welcher von denen es in meine „TOP 5 Nippon Connection 2020“ geschafft hat. Besprechungen sind natürlich spoilerfrei.

Extro

Zu Beginn des Films sagt niemand geringeres als der kürzlich verstorbene Regisseur Nobuhiko Obayashi, dass Komparsen (engl. „Extras“, japanisiert „Extro“) für viele Regisseure eben ein „Extra“ sind zu den eigentlichen Haupt- und Nebendarstellern und sie deswegen mehr wie ein Objekt als ein Mensch behandelt werden. Am Ende des Films wird er nochmal deutlich machen, was Komparsen hingegen für ihn bedeuten. Bis dahin werfen wir in der Mockumentary einen Blick auf mehrere Filmproduktionen und deren Komparsen. Alle von ihnen werden von einer Komparsenagentur gestellt und Teil verschiedener Produktionen auf dem Gelände der Warp Station Edo, einem Studio im Stil Japans zur Edo-Zeit. Die gibt es übrigens wirklich. 😉 So werden wir Zeuge von Kleindarstellern, die ihren großen Idolen nacheifern und vielleicht auch direkt mal versuchen einen Drogendealer dingfest zu machen. Und das ist teilweise urkomisch, herzerwärmend und schräg.


„Extro // Trailer“, via NipponConnectionTV (Youtube)

Wir sehen in Murahashis Extro alles an herrlichen Seltsamkeiten wie underacting, overacting, Pleiten, Pech und Pannen und manchmal einfach nur herrlichster Verpeiltheit. Genauso lebhaft springt aber auch die Liebe zum Film auf den Zuschauer über, denn das ist bei allen diesen „Extras“ nicht von der Hand zu weisen. Sie machen ihr Ding bis der Kreislauf versagt und sogar nehmen Blessuren in Kauf. Selbstverständlich nimmt der Film dabei auch die Filmschaffenden aufs Korn, deren Eskapaden nicht gerade selten zur Absage der ganzen Produktion führen – ein herrlicher Running-Gag. Zwischendurch muss man auch mal etwas Geduld aufbringen. Extro hat großartige Momente, ist aber ein Film, der sich aufbaut und nicht erklärt – es soll ja schließlich eine Dokumentation darstellen. Man sollte also nicht erwarten von Anfang bis zum Ende eine Gag-Granate nach der anderen abgefeuert zu bekommen. Aber letzten Endes ist Murahashi mit seinem ersten Spielfilm ein witziges Debüt mit viel Herz für Komparsen gelungen und durch den Blick hinter die Pseudo-Kulissen erfrischend meta.

Extro (OT: エキストロ „Ekisutoro/Extro“), Japan, 2019, Naoki Murahashi, 89 min, (8/10)

Sternchen-8

F Is For Future

Alle wollen was von Takuya (Yasuyuki Sakurai). Und alle wollen scheinbar mehr als er. Sein Lehrer will wissen, was er nach der Schule machen will. Seine Mutter will, dass er den Laden übernimmt. Seine Schwester will, dass er auszieht und Platz macht. Die Zukunft klopft an die Tür – das Hämmern scheint immer lauter zu werden. Eigentlich will Takuya doch aber nur eine gute Zeit mit seinen Freunden haben. Sie schwören sich gegenseitig, dass sollte einem von ihnen etwas zustoßen, sie die Pornosammlung desjenigen verschwinden lassen, um seinem Andenken und den Eltern Peinlichkeiten zu ersparen. Was Takuya und seine Freunde damals noch nicht wissen: sie werden dem Eid früher als erwartet Folge leisten müssen.

Es ist ein Autounfall, der einen von ihnen aus dem Leben reißt, als es noch nicht mal richtig angefangen hat. Bis es dazu kommt und die Freunde lernen müssen mit dem Verlust umzugehen, verstreicht aber einiges an Zeit. Der eigentlich Aufhänger des Filmes um das (zumindest angestrebt) ninja-mäßige Verschwinden lassen der Pornosammlung ist dann bereits fast am Ende des Films. Bis dahin mäandert die Handlung vor sich hin. Das dient dem Film leider nicht besonders. Wir haben auch schon verstanden, dass Takuya es ganz ruhig angehen lässt, als er einmal in der Schule einschläft. Dass der Film trotzdem ans Herz geht, ist den Charakteren zu verdanken, die schon herrlich schräge Angewohnheiten haben und ein sehr lockeres, angenehmes Miteinander. Sie fühlen sich wie ein echter Freundeskreis an, den wenig erschüttern oder entzweien kann. Und gerade die letzten Szenen haben eine augenzwinkernde Ironie. Eine schöne Metapher ist der Planetariumsbesuch. Denn auch wenn Takuya die Fakten manchmal etwas verdreht steht fest, dass all unsere Leben verglichen zum Alter des Universums ein Wimpernschlag sind. Und den sollten wir sehr gut verbringen.

F Is For Future(OT: ミは未来のミ „Mi wa mirai no mi“), Japan, 2019, Teppei Isobe, 60 min, (6/10)

Sternchen-6


„「ミは未来のミ 」予告編“, via Teppei Isobe (Youtube)

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Habt ihr die beiden Filme eventuell während der „Nippon Connection“ gesehen? Und wie haben sie euch gefallen? Welche Mockumentary würdet ihr mir wärmstens empfehlen? Und wart ihr vielleicht sogar schon mal selber Komparse? 🙂

2 Antworten

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