ausgelesen: „David Copperfield“ von Charles Dickens #BarkisWill (Fazit)

Ende letzten Jahres (klingt so als ob, ist aber noch nicht lange her!) lasen Matthias alias @_quoth_, Jana vom Blog Wissenstagebuch und ich gemeinsam Charles Dickens „David Copperfield“. Die Leserunde entstand dieses Mal eher spontan, wurde zuerst auf Goodreads und dann später auf Twitter gepflegt, wo alle Interessierten auch gerne jetzt noch unsere Gedanken unter dem Hashtag #BarkisWill nachverfolgen können. 🙂 Klingt witzig? In meinem Zwischenfazit kann man nachlesen, was es mit „Barkis“ und dem Hashtag auf sich hat. Das Zwischenfazit ist auch ein guter Anlaufpunkt für diejenigen, die nicht den leisesten Spoiler, aber einen Eindruck des Buches gewinnen wollen. Für einen etwas konkreteren Blick ins dickensche Buch und einen Rückblick auf unsere Leserunde folgt mir bitte …

„Einmal Reichtum und zurück!?“

… das ist der deutsche Titel der jüngsten Verfilmung des Stoffs: David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück. Und der mag sperrig klingen, gibt den Inhalt aber ganz gut wieder. Denn unser Protagonist David Copperfield wird schon als Halbwaise geboren, hat seinen Vater nie kennen gelernt, wird aber sehr von seiner Mutter und deren Hausmädchen Pegotty sehr geliebt. Er erlebt aber schon als Kind herbe Tragödien. Bald ist David „Davy“ Copperfield arm und hat keinen wirklichen Platz im Leben. Charles Dickens erspart David und uns aber auch nichts auf den ersten paar hundert Seiten des Wälzers. Armut gehört auch dazu bis David den Entschluss fast sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und tatsächlich zwischendurch zu Reichtum kommt. Das ist aber noch längst nicht alles. David Copperfields Werdegang schildert das Auf und Ab im Leben sehr gut und wie dicht Freud und Leid liegen. Wir begleiten „Davy“ von Kindesbeinen an als er seine Mutter unter ihrem grausamen zweiten Ehemann, Mr. Murdstone, leiden sieht und er ins Internat muss. Auch als er quasi Kinderarbeit leistet und hungert. Als er sich fragt, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen und welchen Weg im Leben einschlagen will. Als er Freunde wiedertrifft und neue Finde macht. David Copperfield ist ein liebenswerter Held, mit dem man gerne mitfiebert.

Formidable Gegenspieler, Ekelpakete, treue Seelen und herzensgute Haudegen

Dabei bevölkert eine ziemlich illustre Schar Menschen das Leben Davids. Anfangs besticht die Geschichte v.A. dadurch wie gutgläubig und naiv David ist und sich von allen möglichen Leuten ausnehmen lässt. Aber er wächst an diesen Erfahrungen – und wird zu einem aufrechten Menschen. Gute, aufrechte Typen als Helden sind sympathisch, aber blass oder facettenlos? Vielleicht. Aber nicht zwingend. Jedenfalls wird Davids Geschichte sehr durch die Masse an Menschen in seinem Umfeld angereichert. Es gibt gute Freunde, falsche Freunde (Steerforth!!) und solche, die sich erst spät entpuppen. Vor Allem Uriah Heep und Steerforth haben uns einige Rätsel aufgegeben und unsere Leserunde sehr polarisiert.

Als entlarvendes Element dienen nicht selten Klassenunterschiede. Während David sich früh mit Fischerfamilien und Verwandten Pegottys anfreundet und Verständnis für die Sorgen aller entwickelt, gibt es genügend die nicht nur durch harte Arbeit versuchen aufzusteigen (Uriah Heep) oder auf die kleinen Leute mit geschauspielerter Gutmütigkeit herabschauen (Steerforth und seine Familie). Wir konnten uns so herrlich in der Leserunde aufregen! 😀 Dass David beide Seiten kennt und schon in Armut gelebt hat, könnte ausschlaggebend sein – aber zu soviel Weitblick war er schon als kleiner Junge aus gutem Haus fähig. Die vielen sympathischen Menschen mit ihren Schrullen und vielfältigen Eigenschaften bevölkern das Buch und machen es bunter und lustiger. Egal ob der kindliche, aber weise Mr Dick; die gutherzige Agnes, die wunderbar schlagfertige und leicht zu empörende Tante Trotwood – ich müsste lange aufzählen! Umso härter ist es aber manchmal auch Schritt zu halten bei all den Personen und auch ihre Rückschläge zu verkraften.

#TeamDora oder #TeamAgnes!?

„Bin ich schon wieder verliebt? Allerdings.“ p.315

Mit dem Erwachsenwerden kommt auch das Verlieben. Auch hier hat unser Protagonist erst einmal die einen oder anderen Rückschläge. Schließlich verliebt er sich in Dora, die Tochter einer seiner Chefs. Dora als Mädchen aus gutem Hause ist ein zartes Pflänzchen, das wenig über das normale Leben oder harte Arbeit weiß. Aber sie liebt Davy und ist eine gute Seele. Als die Dinge für Davy wiederum nicht besonders gut stehen und Dora aus Glanz und Prunk in einen „einfachen“ Haushalt ziehen muss, stellt das das junge Glück sie vor die eine oder andere Herausforderung. Das hat auch in unserer Leserunde sehr polarisiert … 😉

„Aber das Kochbuch machte Dora Kopfweh und die Zahlen brachten sie zum Weinen.“ p.694

The Cringe is real! Als sich andeutete, dass Davy und Dora heiraten, war ich doch etwas negativ überrascht. Klar, es ging eindeutig in die Richtung, aber ich war doch eher #TeamAgnes. Für Agnes hat Davy aber offenbar wiederum eher Gefühle wie für eine Schwester. Zu sehen wie Dora sich gegen den Ernst des Lebens wehrt und wie ein Kind mit Tränen, Panik und Entsetzen reagiert, wenn Davy versucht ihr schonend irgendetwas beizubringen, dann fühlt sich das manchmal ganz lustig an, sorgt aber auch für ein gewisses Maß an Fremdschämen. Welche Frau will wie ein Kind behandelt werden oder bringt sich absichtlich selbst in diese Rolle? Erinnert an Rebecca … . Dieses Urteil treffen wir aber in der heutigen Zeit aus ganz anderen Gesichtspunkten und sind ganz anders aufgewachsen. Dafür lesen wir Bücher – um daran erinnert zu werden wie Schicksale und Rollenbilder in anderen Jahrzehnten aussahen. Und wohin wir nicht zurückwollen.

Dora wird ganz offensichtlich nicht als fortschrittlicher Charakter platziert, sondern als eine zarte vom Leben hingerissene Blüte aus gutem Haus, die mehr oder weniger aus Mangel an Selbstbewustssein alles mit sich machen lässt. Damit ähnelt sie stark Davys Mutter und ist eine weitere Facette vieler Frauenfiguren des Romans. Denn die sind hier durchaus vielschichtiger als die Herren. Emanzipierte und widerspenstige wie Tante Betsey, raue und verklärte Gestalten wie Miss Murdstone, gutherzige Seelen wie Agnes, verhätschelte Töchter aus gutem Hause wie Dora, die wenig hinterfragen und die Armen wie Emily, die schon wenig haben und denen dann auch noch übel mitgespielt wird. Auch wenn Dora nicht meine erste Wahl für Davy war, hat ihre Beziehung doch ein gewisses Maß an Niedlichkeit und sie sind süß zusammen. Und als sich dann nicht besonders dezent ge-foreshadowed eine Wende andeutet, war ich dann trotzdem betroffen.

„Er und Mister Dick sehen aus als wären sie ganz Handschuh“

Das Zitat, das ich als Überschrift verwendet habe, klingt witzig und schräg, ist aber gar keine für das viktorianische Zeitalter unübliche Redewendung für Menschen, die sich herausgeputzt haben. Aber es zeigt für mich wie unheimlich charmant das Buch ist. Wer David Copperfield liest, lebt und fühlt mit der Masse an Charakteren in Davys Leben. Dass die sehr formelhaft ständig wieder seinen Weg kreuzen, wirkt auch etwas banal, aber schön. Und soviel nehme ich vorweg: es wird wirklich die Lebensgeschichte aller zu Ende erzählt. Aller! Das sorgt mangels Spannung in der Mitte etwas für eine Talfahrt, aber der dramatische Anfang und das Ende mit all diesen Ausgängen reißt sehr mit. Zumindest habe ich es so erlebt.

Eine der größten Stärken des Buches ist aber wohl der Humor, die Warmherzigkeit und Nächstenliebe. Selbst in den dunkelsten Stunden Davys und seiner Mitmenschen findet Charles Dickens einen Weg eine Atmosphäre zu gestalten, die uns nicht als Leser deprimiert und am Boden zerstört zurücklässt. Eine heitere Wortwahl, plötzlich ein bisschen Slapstick – er schreibt viel Tragödie und viel Freude, aber er richtet uns nie zu Grunde. Das ist eine wirklich schöne Stärke und macht David Copperfield gar zu einem ausgezeichneten Weihnachtsbuch, das uns viel darüber lehrt unseren Mitmenschen in schlechten wie in guten Zeiten beizustehen und dass das Leben ein Auf und Ab ist. Irgendwann geht’s wieder aufwärts.

„Meine Augen blickten stier, und mein Haar – nur mein Haar, sonst nichts – sah ganz betrunken aus.“ p.417

Zu den Artikeln der Leserunde

23.12.2021 Zwischenfazit hier im Blog
20.01.2021 Besprechung/Fazit von Jana

Die relativ positive Beprechung ist jetzt wohl keine große Überraschung mehr, da ich hier „David Copperfield“ schon als eins meiner Bücher des Jahres 2020 bezeichnet habe. 🙂 Es ist wahr, das ich bisher noch nicht viel von Dickens gelesen habe und deswegen nicht über allzu viele Formelhaftigkeiten gestolpert bin als die oben beschriebenen. Für mich war es einfach ein tolles Buch und ich habe wieder den Austausch mit meinen Mitleser*innen Jana und Matthias sehr genossen. Sich über eine polarisierende Stelle direkt (oder mit einem Delay von ein paar Tagen – macht keinen Unterschied) austauschen zu können ist immer wieder sehr witzig. Sich gemeinsam über Steerforth aufzuregen vor Allem. 😉 Ich sage „Danke“ und freue mich auf das nächste Mal! Übrigens habe ich die oben erwähnte Adaption noch nicht gesehen, hole das aber bald nach.

7 Antworten

  1. Der Roman hat ja autobiografische Züge, ich hab mir vorgenommen, mal eine Biografie über Charles Dickens zu lesen, um herauszufinden, was davon in dem Buch steckt. Abgesehen davon, dass ich diesen Dickens am liebsten mag, finde ich ihn aus diesem Grund auch besonders interessant.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      „Einmal Reichtum und zurück und nochmal zurück“ oder so gibt wohl auch gut Dickens Leben wieder. 🙂 Eine Dickens-Biografie wäre wirklich mal interessant!

  2. […] 23.12.2021      Zwischenfazit bei Miss Booleana 20.01.2021      Fazit bei Miss Booleana […]

  3. Liebe Steffi,
    es hat mir echt Spaß gemacht, eure Leserunde zu verfolgen – und zu sehen, wo euer und unser Dickens-Roman Gemeinsamkeiten und Unterschiede hat!

    Ein bisschen bin ich von „David Copperfield“ aber doch irritiert: Diese doch ernste, traurige Geschichte und dann dazu dieser Humor. Für manche ist das sicher ein willkommener comic relief, aber mich würde es beim Lesen vermutlich eher verstören. ^^ Mir war es schon zu makaber, als Dickens in „A Tale of Two Cities“ eine Gerichtsverhandlung ins Lächerliche zog, bei der dem Angeklagten eine brutale Folter und Hinrichtung drohte.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ja das ist ganz spannend, oder? Ich hab bei eurem Hashtag auch ab und zu mitgelesen, aber manchmal auch weitergescrollt aus Angst vor Spoilern. Wahrscheinlich ist das irrational, weil ich mir das eh nicht merke bis ich endlich auch A Tale of Two Cities lese XD

      Also ist der Humor eine solche Gemeinsamkeit? Hmmm. Also in „David Copperfield“ fand ich ihn nie unpassend, sondern ganz charmant, um die Stimmung aufzuheitern. Er arbeitet damit auch nur, wenn es überhaupt eine heiter angehauchte oder slapstickige Note gibt. In wirklich tragischen Szenen oder ähnlichem gab es sowas nicht. Ich erinnere mich da besonders an die Kapitel am Anfang und gegen Ende wo das Leben David ganz schön übel mitspielt.
      Es klingt so als ob das in A Tale … auch mal eher unpassend platziert ist!? Schade …

      Ebenso liebe Grüße

  4. […] Dickens „David Copperfield“ ist neben seiner Weihnachtsgeschichte erst das zweite Buch von ihm, das ich gelesen habe. Trotz […]

  5. […] zu einem schlechten Buch. Es überrascht lediglich verglichen mit anderen Werken. Die Figuren in David Copperfield habe ich beispielsweise weitaus ausgewogener schattiert zwischen „menschlich“, […]

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