Serien-Besprechung: „Supernatural“ Season 8 (Rewatch)

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Ja, das hat jetzt ein bisschen gedauert bis es weitere Besprechungen zum Supernatural-Rewatch gab. Das liegt wohl u.A. daran, dass ich leider ganz wenig Lust aufs Weiterschauen hatte. Die achte Staffel habe ich im Spätherbst/Winter 2021 geschaut. So wie beim ersten Mal, so auch beim zweiten Mal ist alles nach der ziemlich coolen 5. Staffel erstmal eine Talfahrt. Woran das liegt, verrät die Besprechung. Brace yourselves, stupid things are coming. Die Besprechung enthält Spoiler für vorhergehende „Supernatural“-Staffeln, ist aber weitestgehend spoilerfrei für die achte.

We Need to Talk About Kevin

Nachdem Dean (Jensen Ackles) und Castiel (Misha Collins) am Ende der letzten Staffel „Dick“ Roman zur Strecke bringen konnten, verschwanden sie spurlos. Ein letztes Geschenk von Dick. Denn der hat sie in seinem letztem Atemzug mit an den Ort genommen, an den Monster gehen, wenn sie sterben: ins Fegefeuer (Purgatory). Sam (Jared Padalecki) blieb ratlos zurück und hat nach einer Phase der Trauer mit seinem Leben weitergemacht. Umso überraschter ist er als Dean wieder vor seiner Tür steht. Beide schauen sich fassungslos an. Dean will nicht darüber reden, was in dem vergangenen Jahr passiert ist, wie er es aus dem Fegefeuer geschafft hat und was mit Castiel passiert ist. Stattdessen hat Dean jemand anderen von dort mitgebracht: den Vampir Benny (Ty Olsson).

Während die Verbundenheit zu einem Vampir bei Sam auf wenig Gegenliebe stößt, ist Dean eher entsetzt darüber, dass Sam das Jägerleben offenbar hinter sich gelassen hat. Schlimmer noch bekommt er den Eindruck, dass Sam nicht mal nach ihm gesucht hätte. Die zahlreichen Burner Phones hat Sam nicht abgehört – und so auch nicht mitbekommen, dass Kevin Tran (Osric Chau) sie um Hilfe gebeten hat. Neben dem Vertrauensverlust zwischen den Brüdern steht der Vorwurf, dass er Kevin im Stich gelassen hat, der zuvor von Crowley (Mark A. Sheppard) entführt wurde. Wider Willen machen sie sich auf ihn zu suchen und finden einen veränderten Kevin vor. Der hat auf die harte Tour gelernt wie er sich als „Prophet“ gegen Monster und Dämonen zur Wehr setzen kann, ist Crowley entkommen und hat das „Wort Gottes“ mitgenommen. Als Inschrift auf einer Tafel enthält es eine Möglichkeit wie man die Tore zur Hölle für immer schließt. An dem Punkt stellt sich nun die Frage, ob sie alle wieder zusammen arbeiten können und wollen, um die Menschheit vielleicht dieses Mal für immer von Dämonen zu befreien?


„Supernatural Season 8 Promo“, via Warner Bros. UK & Ireland (Youtube)

Benny und das unspektulärste Fegefeuer in Film und Serie

Die Zusammenfassung der Staffel klingt nach jeder Menge Familiendrama, aber einer ansonsten interessanten Prämisse. Klar, wollen Zuschauende wissen wie es dazu kam, dass Dean und Benny alleine aus dem Fegefeuer entkommen konnten und wie Sam alles hinter sich lassen konnte. In der Realität fühlt sich das aber weniger spannend, sondern mehr seltsam an. Zum Einen stellt man sich wohl das Fegefeuer spektakulärer vor als einen Wald der nördlichen Hemisphäre mit Graufilter. Die von Anfang an verschwörerische und sehr brüderliche Beziehung von Benny und Dean kann Fans, insbesondere Fans von Castiel und Sam, zwangsläufig eher nerven. Sie erweckt den Eindruck, dass Castiel und/oder Sam in irgendeiner Form gegen Benny ersetzt wurden. Und welche Serienfans mögen das schon, wenn ihre Lieblingscharaktere ersetzt werden? Natürlich ist es auch ein herausragender Köder.

Die enge Beziehung Bennys und Deans resultiert daraus, dass sie beide eine anfängliche Zweckgemeinschaft zur Verteidigung gegen die zahlreichen Vampire, Leviathane und anderen Monster eingegangen sind. Denn das Fegefeuer ist dicht besiedelt von denen und gefährlich. Zumindest soll der Eindruck in den wenigen Flashbacks erweckt werden. Die Zweckgemeinschaft wird wie so oft in Supernatural zu einer Art Blutsbruderschaft (BLUTsbrüderschaft 😉 ), die durch ihre verschwörerischen Untertöne und die seltsame Stimmung zurück in der „normalen Welt“ den Eindruck erweckt als ob Dean mit einem Ex-Freund telefoniert. Vielleicht der Grund, warum in Fankreisen das Fegefeuer auch als „Purgaytory“ bezeichnet wird.

Der Charakter Benny ist zwangsläufig nur geschaffen, um für Reibung zu sorgen und hat schon alleine deswegen einen schlechten Stand es über die Staffel hinaus zu schaffen. Egal wie man seine Beziehung zu Dean deuten will. Sam gegenübergestellt ist Benny „der bessere Bruder“. Zumindest in dem Moment, da er Dean im Fegefeuer zur Seite stand, während Sam keinen Weg fand Dean dort rauszuholen. Für Sam ist Benny zudem ein Aggressor, da ein Vampir ist und damit das, was Dean normalerweise rücksichtslos zur Strecke bringen würde. Und sollte? Dass er das nicht tut, sorgt letzten Endes für eine tiefe Spaltung zwischen den Brüdern. Gemessen an Castiel ist Benny „der neue beste Freund“, der nicht „weggelaufen“ ist. Benny kann quasi nur verärgern und hatte  nie eine realistische Chance. Zumindest in Theorie. Es gibt einige, die die Figur sehr mögen. Dass Benny in späteren Folgen eine meines Erachtens nach lächerliche Vampir-auf-hoher-See-Hintergrundgeschichte bekommt, macht es nicht besser und er wird den Begriff „Vampirate“ wegen seiner Lächerlichkeit so schnell nicht wieder los. Was v.A. daran liegt, dass sich die Showrunner gar nicht bemühen mehr als eine Episode in die Charakterisierung zu investieren oder gar zu zeigen wie „Vampir auf hoher See“ wohl so aussieht. Ich kann das alles kaum schreiben ohne mir an den Kopf zu greifen. Ich hätte Benny gern mehr gemocht und ihm eine bessere und bedeutungsvollere Storyline gewünscht.

„The gayest season ever“

Abgesehen von der Benny-Dean-Dynamik gibt es aber noch eine Menge mehr Situationen, die die Staffel in Fankreisen nebenbei auch noch den Titel „gayest season ever“ eingebracht hat. Es gibt Situationen in denen Dean stark von Schuldgefühlen geplagt wird, weil er Castiel im Fegefeuer zurückgelassen hat. Er sieht ihn am Straßenrand, vor seinem Fenster stehend, er hat bittere Flashbacks. Natürlich ist das auf verschiedene Beziehungen anwendbar – Freundschaft, Familie, Liebe. Durch die Benny-Dynamik und einige Situationen in denen Dean von Männern angeflirtet wird und darauf mit einer Mischung aus verwirrt, überrumpelt und geschmeichelt reagiert, kann eben entsprechend schnell der Eindruck entstehen, dass Dean nicht ganz abgeneigt ist. Vor Allem, wenn man alles im Context sieht. Sieht man das so ist das eine genauso valide Interpretation wie die, das alles schlicht Gags und enge Männerfreundschaften sind. Queerbaiting at it’s best.

Schwierig wird es, wenn die Showrunner und Drehbuchautor*innen das schreiben, aber verneinen, dass man nichts in punkto Bisexualität oder Homosexualität andeuten wolle und das alles Fanfantasien wären. Es zeigt letzten Endes den Bias der Autor*innen auf, das Homo- oder Bisexualität einen „netten Gag“ hergibt und dass man das vielseitige, queere Publikum nicht schätzt und sich überhaupt dessen nicht bewusst ist. Ganz schwierig.

Vor Allem wird es schwierig in Anbetracht der weiteren Entwicklungen der Staffel, in denen Castiel eben doch aus dem Fegefeuer zurückkehrt und wiederum viele Fragen aufwirft. In der Episode 8×17 „Goodbye Stranger“ wird wiederum sehr deutlich gezeigt, dass Dean eine besondere Bedeutung für Castiel hat. Das wird lange aufgebaut, aber letzten Endes dann nicht gewertet und vergessen, was angesichts der Bedeutung dessen, was passiert ist, einfach nur komisch ist und die Auslassung dessen eine merkliche Lücke. (Stichwort: „What broke the connection?“ – „I don’t know!“) Ja, Leute, seid möglichst vage, um das was ihr für euer Publikum haltet (männlich, cis, heterosexuell) bloß nicht zu verärgern. Wovor haben denn die Showrunner 2012 Angst gehabt? Und: hätten sie davor heute zehn Jahre später auch noch Angst? Schon fast tragisch.

Was die Staffel wiederum gut macht

Wer schon nach unten gescrollt hat, weiß, dass irgendwas gut gewesen sein muss, denn ein paar Punkte bekommt die Staffel trotz der vielen Irritationen ab. Das liegt v.A. daran, dass sie mal neue Impulse einbringt. In der Episode 8×11 „As Time Goes By“ gibt es einen Einblick darin wie sich Jäger früher organisiert haben und die sogenannten Männer der Schriften (Men of Letters) werden vorgestellt, zu denen die Brüder tatsächlich eine einige Generationen zurückreichende Verbindung haben. Es war nicht immer Flanellhemden und Burner Phones. Als Konsequenz dieser Entdeckung finden Sam und Dean den Bunker der Men of Letters in Lebanon, Kansas und bekommen dort das erste Mal eine Art Basis und ein Zuhause, was irgendwie cool undgleichermaßen heilsam anzuschauen ist. Außerdem ist es eine echt feine Kulisse. Im selben Atemzug wird in dieser Staffel auch Abaddon (Alaina Huffman) als künftige „Big Bad“ eingefüht, die ziemlich cool ist.

Während der Konflikt der Brüder relativ aufgewärmt ist („du willst das, aber ich will das“ gepaart mit Vertrauensverlust), erlebt Castiel eine sehr große und unterschätzte Charakterentwicklung. Nach seinen Vergehen an der Menschheit und den Engeln, fühlt er sich immer noch schuldig und weißt nicht wie er damit umgehen soll. In der herrlichen Gag-Episode 8×08 „Hunteri Heroici“ beschließt Cas, dass er ein Jäger werden und mit Sam und Dean Fälle lösen will. Neben den Fish out of Water Momenten, gibt es aber auch direkt einen obskuren Fall, in dem sie seltsame an Cartoons erinnernde Vorfälle auflösen müssen. Die Cartoons sind eine große Metapher auf Realitätsflucht und zeigen Cas, dass er aufwachen und sich seiner Verantwortung stellen muss. Leider gerät er direkt in die nächste Katastrophe, was erstens tragisch und zweitens zeigt, dass er neben der enormen Entwicklung (in leider zu wenigen Episoden und zu wenig Screentime) auch ziemlich krasse Herausforderungen hat.

Die Cartoon-Episode ist wohl eine der witzigsten der Staffel und schafft Nebencharaktere, die ich gern mehr als einmal gesehen hätte. Leider Hinweis auf ein kontinuierliches Problem der Serie im Ganzen. Ebenso wie Aaron und seinen Golem in der Episode 8×13 „Everybody Hates Hitler“. Wo sonst gibt es Oneliner wie „I think my golems right“? Man kann darauf wetten, dass es in jeder Staffel eine Episode gibt, die eine interessante Idee hat, nicht die Brüder in den Fokus rückt oder mal auf andere Weise gefilmt ist. In der achten Staffel ist das 8×04 „Bitten“ im Found-Footage-Stil. In der finden Sam und Dean Video-Material, durch dass sie (und wir) Zeuge werden wie eine Gruppe Freunde durch Werwolfbisse verwandelt wird. Wir sehen das erste Mal aus der „First Person“ und „Second Person“ Perspektive die langsame Transformation und leider auch das tragische Resultat. Vielleicht eine der besten Episoden der Serie. Nerdkultur wird wiederum stark in 8×11 „LARP and the Real Girl“ gefeiert als Sam und Dean Morde untersuchen, die sie geradewegs auf ein LARP-Wochenende im Fantasy-Mittelalter-Stil führen. Und weil man da natürlich nicht so übers Feld latscht, larpen sie ein bisschen mit. 🙂 Dafür mag ich Supernatural.

der nachfolgende Gagreel enthält Spoiler, aus dem Kontext gerissen eher milde


„Supernatural Season 8 – Full Gag Reel HQ“, via Supernatural Greece (Youtube)

Dumme Ideen, pubertärer Humor

Frappierend ist schon, dass man am liebsten zu jeder Episode von Supernatural etwas sagen möchte. (Man sagt so entstehen lange Besprechungen. ^^) Man findet sie gut wegen der Gags in der einen oder ist abgestoßen wegen des plötzlichen pubertären Humors in der nächsten Folge. Ganz so als ob man Budget spart für handwerklich und inszenatorisch interessante Episoden wie „Bitten“, lacht einem in anderen Episoden ganz offensichtlich ins Gesicht wie niedrig-budgetiert und zweckmäßig andere sind. Ich schätze auf eine seltsame Art ist das eine Qualität. Nur leider ist die Anzahl zwischen „guten“ und „schlechten“ Episoden nicht mehr ausbalanciert, was Supernatural in dieser Phase mit jeder Staffel ein Stückchen irrelevanter und repetitiver macht. Unter oben genannten Wiederholungen rund um die Beziehung der Brüder ermüdet auch inzwischen das Muster des „verschwunden Bruders“. Dean kehrte in Staffel 4 aus der Hölle wieder – erwartunsgemäß mit Trauma. Sam in Staffel 6 aus dem Käfig – mit Trauma. Und jetzt sind wir wieder bei Dean. Und ganz zuverlässig muss es nun also wieder Sam sein, der in Lebensgefahr schwebt?

Tatsächlich hat die achte Staffel an ihrem Ende einen großen Knall, der wie zuverlässig in allen Staffelfinales erstmal mega spannend aussieht. Was davor kommt ist ein trauriger Abstieg der Beziehung zwischen den Charakteren. Episode 8×22 „Clip Show“ heißt vielleicht so, weil dieser Abstieg wie ein Best-Of dummer Ideen ist. Sowohl Sam, als auch Dean, als auch Castiel arbeiten nicht zusammen und treffen deswegen furchtbar schlechte Entscheidungen mit einem verheerenden Ausgang. Das ist zwar spannend, aber auch schmerzhaft anzuschauen. Die Botschaft ist offensichtlich: arbeitet ihr zusammen, seid ihr besser. Eine Frage, die sich Zuschauende individuell beantworten müssen ist, ob das wiederkehrende Motiv in der achten Staffel noch fruchtet. Denn wir haben das so nicht das erste Mal erlebt, wodurch schnell der Eindruck von „nix dazugelernt“ entsteht.

Das eigentlich prekäre der Staffel ist aber neben der Formelhaftigkeit der banale, sich immer mehr ins pubertäre verschiebende Humor. In der Episode 8×15 „Man’s Best Friend with Benefits“ geht es um einen Magier und seinen „Familiar“, der hier mal als Tier, mal als gutaussehende Frau dargestellt wird, die natürlich immer bei ihrem „Herrchen“ ist, eine „besondere Beziehung genießt“ und deswegen auch in der menschlichen Form mit Halsband rumläuft. Mein Gott, wer hat denen ins Gehirn gek%&%$? Auch andere Episoden wie 8×16 „Remember the Titans“ schießt viel zu weit über das Ziel hinaus, indem in einer einzelnen Episode mehrere Götter auftauchen und man gleich einen von denen töten müsse. Ambitioniert, aber dumm. (6/10)

Sternchen-6

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Ja, so richtig kommt „Supernatural“ in dieser „Ära“ nicht über kümmerliche 5 oder 6 Sternchen von 10 hinaus. Und ich stelle bei dem Level an Blödsinn fest, dass ich nicht nur rückblickend wenig Spaß an „Supernatural“ habe. Es ist ein Trauerspiel wie sich die Serie mühselig von Episode zu Episode hangelt und ganz seltsame Entscheidungen trifft, um ihre eigene Serienmythologie zu gewährleisten. Aber dann ist sie zwischendurch auch witzig oder geht ans Herz oder oder oder. Was macht man nur mit denen? Habt ihr ähnliche Effekte bei anderen Serien? Und wie hat euch die achte Staffel gefallen? Übrigens findet man hier meine erste Besprechung der achten Staffel. Offensichtlich war ich da punktemäßig gnädiger. Ab jetzt befinden wir uns im Rewatch an der Stelle, wo es beim ersten Schauen den Blog schon gab. Irgendwie krass.