Noirvember 2020 – Filmbesprechungen zu „Stadt ohne Maske“, „Abrechnung in Tokyo“ & „Das letzte Schweigen“

Mit „The Naked City“ begann für mich diesen „Noirvember“ die Rückkehr zum klassischen Film Noir, Ermittler mit Hut und Schwarzweiß. Allzu lange blieb es aber nicht dabei und die Reise ging weiter. Dabei übrigens auch von New York über Japan und zurück nach Deutschland mit Filmen, die einen Hauch „Noir“ haben, aber nicht in die klassische Zeitspanne des „film noir“ einzuordnen sind. Eine kleine Welt- und Filmreise.

Stadt ohne Maske (OT: The Naked City)

The Naked City beginnt mit dem Mord am Model Jean Dexter und dem darauffolgenden Zerwürfnis zweier Komplizen. Einer von ihnen wird ein ähnliches Schicksal wie Jean Dexter ereilen. Nur, dass Jean bewusstlos in ihrer Badewanne ertrank und er bewusstlos am Hafen in das Wasser geworfen wird. Auf den Fall wird ein Ermittlerteam angesetzt, bestehend aus dem „alten Hasen“ Leutnant Muldoon (Barry Fitzgerald) und dem erst seit einigen Monaten bei der Polizei arbeitenden Jimmy Halloran (Don Taylor). Ab da beginnt ein Räuber-und-Gendarm-Schwarzweißfilm wie er im Buche steht.

Fraser Cottrell

Dass man Jean Dexter selber nie sieht, ist ein netter Kniff und weiteres Zeugnis vom Ideenreichtum Jules Dassins mit dem er zuvor auch schon Rififi zu einem beispielhaft-spannenden Heist-Movie adaptierte, der (da bin ich mir sehr sicher) stark die Oceans-Reihe inspiriert hat. Obwohl Dassin keine gern gesehene Person in den USA der McCarthy-Ära war und gar später ins Exil ging, hat er einige hervorragende Filmklassiker geschaffen, zu denen The Naked City definitiv gehört. Zwar beginnt der Film etwas gemächlich, besticht aber durch einen feinen eingestreuten Humor. Er unterstreicht außerdem stetig den Ermittleraspekt: Legwork und Brainwork. Und vor den Augen des Zuschauers entfaltet sich der Kriminalfall mit einem Aha-Effekt und einer Spur nach der Anderen, die wir nicht erahnen konnten, obwohl wir Zeuge des Mords waren.

The Naked City trumpft also mit Spurensuche auf, smarten Dialogen, teilweise ziemlich dämlichen Verdächtigen muss ich leider sagen und endet mit einer fantastischen Verfolgungsjagd, die sich gar in luftige Höhen begibt. So muss man etwas durchhalten, wird dann aber dafür belohnt. Ganz nebenbei beginnt The Naked City mit einem Panorma New Yorks mitsamt Erzähler – und endet auch so. Die markante Endline des Erzählers „There are eight million stories in the naked city. This has been one of them.“ wurde später gar der Aufhänger und das wiederkehrende Element einer ganzen Serie desselben Namens. Der Erzähler ist der Produzent Mark Hellinger, der kurz nach der Fertigstellung des final cut des Films verstarb. Das ist auf traurige Weise filmreif … .

Stadt ohne Maske (OT: The Naked City), USA, 1948, Jules Dassin, 96 min, (8/10)

Sternchen-8

Tokyo Drifter – Der Mann aus Tokio / Abrechnung in Tokyo

Bevor ich den Film sah, hatte ich ja keine Ahnung, was für einen Klassiker ich da an der Hand habe. Erst in der Recherche habe ich gemerkt, dass es ein Film von Seijun Suzuki ist. Der Regisseur ist für Filme bekannt, die häufig im Yakuza-Milieu spielen und sowohl das Feeling des klassischen Gangsterfilms, als auch einige amerikanische Züge und Motive des film noir einbringen. Dem visuellen Stil verpasste er seine eigene Note und eine ganz bestimmte Ästhetik, die den Farbfilm angenehm ausreizt ohne in Kitsch zu verfallen. Man erkennt ganz deutlich, dass sich einige Regisseure wie Quentin Tarantino bei dieser Ästhetik bedienen. Besonders fällt mir hier eine Szene auf, in der es zu einem unbeabsichtigten Mord kommt und sich die bis dahin nur von weißem Licht beschienenen Fenster rot färben. Irgendwo las ich den Begriff Yakuza Noir – und finde den sehr passend.


„TOKYO DRIFTER TRAILER OFICIAL“, via Cinemex (Youtube)

Aber erstmal zum Anfang: Abrechnung in Tokyo handelt von Tetsu (Tetsuya Watari), einem jungen Mann, der gerade zusammen mit seinem Mentor Kurata (Ryuji Kita) bei den Yakuza ausgestiegen ist. Beide sind stolz darauf nun ehrliche Geschäftsmänner zu sein, aber das ganze wird ihnen insbesondere vom Yakuza Otsuka (Hideaki Esumi) nicht leicht gemacht. Der treibt sie so in die Enge, dass Tetsu für etwas die Schuld auf sich nimmt und aus Tokyo flieht. Otsukas Männer sind ihm auf den Fersen. Bis dahin dauert es allerdings ein wenig. 😉 In manchen Belangen ist Tokyo Drifter ein Slow-Burner, aber dank einiger gut gemachter Schusswechsel und Kampfszenen wird einem nie langweilig. Die Ästhetik des Films macht wohl am meisten Spaß. Tokyoter Nachtleben, bunte Neonreklamen, Jazz-Clubs, Yakuza, die sich in Hinterzimmern treffen und auch das Farbspiel.

Seijun Suzuki hat mit dem Filmstudio Nikkatsu wie man so ziemlich überall nachlesen kann eine bewegte Geschichte. U.a. ließ man ihm keine künstlerische Freiheit. Drehbücher wurden meist erst kurz vor Drehbeginn „zugestellt“ in Erwartung, dass man alles so umsetzen würde wie es das Studio sagt – hier schlägt wohl die klassische „Kaisha“ und das Hierarchie-Denken zu. Seijun Suzuki gelangte aber zu spätem Ruhm. Viele seiner Filme waren einst als Trash verschrien, wurden später als Midnight Movies bekannt – so auch Tokyo Drifter. Das Flair, dass der Film verbreitet kann nicht alle Logiklücken und seltsamen Stimmungswechsel der Charaktere entschuldigen, aber ist jedenfalls sehenswert, ästhetisch und dramatisch. Die ausufernde Kneipenschlägerei hingegen hat schon fast was von Bud-Spencer-und-Terrence-Hill-Filmen. 🙂

Tokyo Drifter – Der Mann aus Tokio / Abrechnung in Tokyo (OT: 東京流れ者 „Tōkyō nagaremono“ – dt.: „Der Vagabund aus Tokio“), Japan, 1966, Seijun Suzuki, 83 min, (6/10)

Sternchen-6


„Das letzte Schweigen – Kinotrailer [HD]“, via DasLetzteSchweigen (Youtube)

Das letzte Schweigen

„An diesem Tag war das Böse unter uns“ – so heißt es über den verhängnisvollen Tag im Jahr 1986 als ein pädophiler Mann (Ulrich Thomsen) beschließt seiner Neigung nachzugeben, ein junges Mädchen anhält, durch ein Kornfeld verfolgt, vergewaltigt und als es sie sich wehrt, tötet. Die grausigen ersten Szenen von Das letzte Schweigen hallen lange nach. Sein Freund Timo (Wotan Wilke Möhring) wird Zeuge, Komplize und hält es nicht aus. Er zieht kurze Zeit später weg und beginnt ein neues Leben. Nach 23 Jahren aber verschwindet wieder ein junges Mädchen. Wieder werden am selben Ort ihre Sachen gefunden.

Kunstvoll inszeniert Baran bo Odar wie das erneute Verschwinden eines Mädchens eine ganze Gemeinde erschüttert: die Eltern des Mädchens, die Mutter des vor 23 Jahren verschwundenen Mädchens, die damals ermittelnden Polizisten und die nächste Polizei-Generation. Mit einem Sammelsurium an hervorragendem Cast verfilmt Baran bo Odar einen Roman Jan Costin Wagners, verlegt dazu aber das Buch von Finnland nach Deutschland. Viel Fingerspitzengefühl beweist er bei der Inszenierung der pädophilen Täter und Mittäter. Die sind einsame, getriebene, sich versteckende. Wotan Wilke Möhring macht plastisch wie stark die Figur Timo versucht kein Täter zu werden. Die Bilder von Kornfeldern, die durchkämmt werden, bleiben noch lange im Kopf, nachdem die letzten Minuten gelaufen sind. Das letzte Schweigen ist nicht direkt ein film noir, teilt sich aber einige Eigenschaften damit. Die Hoffnungslosigkeit des abgebildeten Milieus steht film noir in nichts nach.

Das letzte Schweigen, Deutschland, 2010, Baran bo Odar, 110 min, (8/10)

Sternchen-8

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Ankündigung und Filmliste

Header Image Photo Credits: Djim Loic

Leider habe ich zu „Tokyo Drifter“ keinen Trailer mit englischen oder deutschen Untertiteln gefunden. Aber ich denke man sieht ganz gut welche Ästhetik der Film mitbringt. „Das letzte Schweigen“ hat mich echt begeistert genauso wie „Naked City“. Insofern war die erste Hälfte des Noirvember sehr cool. Kennt ihr die Filme? Schaut ihr eventuell auch gerade film noir? Oder Filme mit einem ähnlichen Flair?

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