7ème art: Riz Ahmed

Posted by in 2009, 2010, 2012, 2016, 2018, 2020, 7ème art, Actionfilm, Drama, Film, Genreübergreifend, Krimi und Noir, Kurzfilm, Literaturverfilmung, Milieustudie, Mockumentary, Pakistan, Review, Schwarze Komödie, Spielfilm, Tragikomödie, UK, USA

Das ist die 100. 7ème art! Das heißt in dieser Rubrik hier im Blog sind mit der heutigen Ausgabe insgesamt 700 Filmbesprechungen erschienen. Wow! Das werde ich morgen noch in einem kleinen Beitrag feiern 🙂 – und natürlich heute mit den sieben Filmen, die die 700 voll machen dürfen. In deren Zentrum steht der Rapper und Schauspieler Rizwan „Riz“ Ahmed, der mir zwar u.a. durch „The Night Of“, Nightcrawler und andere Filme zuvor schon bekannt war; aber mich letztes Jahr in Sound of Metal umgehauen hat. Den Oscar als bester Hauptdarsteller hätte ich ihm gerne gegeben. Als Sohn britisch-pakistanischer Eltern hat er Diskriminierung und Stereotypisierung am eigenen Leib erlebt und verarbeitet das als Rapper in seinen Songs. U.a. bekannt als Riz MC und als Teil der Swet Shop Boys, etablierte er sich nach oder während seines Schauspiel-Zweitstudiums neben der Musik als Darsteller.

War es seine eigene Wahl, dass er oftmals pakistanisch-stämmige Rollen spielt? Oder ist es type-casting? Was auch immer es war, es sollte nicht so bleiben. Inzwischen hat Riz Ahmed eine beachtliche und facettenreiche Filmografie. Seit Jahren merkt man ihm außerdem sein Interesse am gesellschaftlichen Diskurs an. Er macht auf die Rolle von Diversität aufmerksam und hat jüngst mit seinem Album „The Long Goodbye“ Songs released, die mit krass pointierter Wortwahl Diskriminierung, „Wo kommst du her“, Familie und Gesellschaft adressieren. Nach ihm wurde außerdem The Riz Test benannt, mit dem ähnlich des „Bechdel Tests“ geprüft wird wie vorurteilsbehaftet muslimische Charaktere in Film und Medien dargestellt werden. Ihr könnt an den nachfolgenden Filmen mal überprüfen, ob sie den Riz Test bestehen.

Rage

Vierzehn Personen, die auf die eine oder andere Art mit einem Modehaus verbunden sind, werden über sieben Tage hinweg von einem Blogger, der sich selber Michelangelo nennt befragt und dabei aufgenommen. Wer Michelangelo ist und was er genau dort tut, erfahren wir nur aus den Interviews selber. Wir sehen Michelangelo nie und können nur schlussfolgern, dass er Schülerpraktikant o.Ä. ist. Zu den Personen, die er befragt und die on camera mehr preisgeben als sie vielleicht initial wollten, gehört u.a. der Modedesigner Merlin (Simon Abkarian), die Schneiderin Anita (Adriana Barraza), der Marketing-Praktikant Dwight Angel (Patrick J. Adams), der Pizzabote Vijay (Riz Ahmed), das Model Minx (Jude Law) und Nachwuchs-Star Lettuce Leaf (Lily Cole). Was seine Interviewpartner*innen nicht wissen: Michelangelo stellt die Videos ins Netz, was die Proteste vor dem Modehaus und die öffentliche Wahrnehmung noch mehr befeuert.

Die Interviews sind dabei stets vor einem Green Screen aufgenommen, sodass der ganze Film einzig aus Portrait-Shots bzw. Interviewszenen vor einem abwechselnd einfarbigem Hintergrund besteht. Das hat den Effekt, das die Schauspieler*innen ihr ganzes Können in Mimik und Gestik legen und dabei wirklich abliefern. Besonders mitgenommen hat mich Lily Cole als verängstigtes Starlet; Adriana Barraza als Schneiderin, die es lieber vorzieht unsichtbar zu sein zwischen all den Egomanen und Riz Ahmed als Pizzabote, dessen Leben sich mit jedem weiteren Tag dramatisch ändert. Aus verschiedenen Sichtweisen wird hier von Unglücken, Tod, Weltwirtschaft, persönlichen Schicksalen und dem Modehaus im Speziellen berichtet, was spannender ist als erwartet. Nur der Titel erschließt sich eher mit Interpretationsvermögen. Fame oder Ego wäre vielleicht ein besserer Titel gewesen, zumindest ist das die Botschaft, die ich aus dem Film weitaus deutlicher rauslese.

Rage wabert irgendwo zwischen Realismus und künstlerischem Experiment, wie sich auch an den Namen der Figuren ablesen lässt. Der Film wurde einst außerdem für mobile Engeräte als nach und nach abrufbarer Episodenfilm veröffentlicht, was wohl Michelangelos Update-Intervall entsprechen würde. Teilweise genial konzentriert sich der Film auf sein Konzept und darauf, dass es nur eine Geschichte und Schauspielleistung braucht, ja nicht mal eine Kulisse, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Trotzdem ist der Film etwas zu verkopft und vergeistigt. Manchmal schwebt Michelangelos Kamera schräg über den Gesichtern, was den Interviews die Ernsthaftigkeit nimmt. Auch das wilde umherlaufen der Interviewpartner vor der Kamera kurz vor Ende wirkt zu aufgesetzt.

Rage, UK/USA, 2009, Sally Potter, 99 min, (6/10)

Sternchen-6


„FOUR LIONS – Trailer – Starring Riz Ahmed“, via StudiocanalUK (Youtube)

Four Lions

Chris Morris bissige Satire handelt von einer islamistischen Terrorzelle in Sheffield, Großbritannien. Mitglieder der 4- bzw 5-Mann-Zelle sind u.a. der Engländer Barry (Nigel Lindsay), der zum Islam konvertiert ist und sich als Fürsprecher für die muslimische Community und heimlich gegen „die Ungläubigen“ hält. Eigentlicher Vordenker der Gruppe ist Omar (Riz Ahmed), der zusammen mit seinem nicht so hellen Freund Waj (Kayvan Novak) ein „Trainingscamp“ in Pakistan besucht. Zu der Gruppe gehört auch der etwas verzagte Faisal (Adeel Akhtar), der eher das macht, was die anderen ihm sagen und Hassan (Arsher Ali), der nicht von allen als Mitglied der Gruppe angenommen wird und lieber mit der Nachbarin Alice (Julia Davis) zu Dancing in the Moonlight abgeht als Bomben zu bauen. Nachdem Omar und Waj nach einem „Vorfall“ früher aus dem Camp in Pakistan zurückkehren als erwartet, liegen Barry und Omar im Clinch über das erste Angriffsziel der Terrorzelle – man einigt sich doch. Mit durchwachsenem „Erfolg“.

Wow ist das bissig. Four Lions stellt die Sheffielder Terrorzelle als absolut chaotische Gruppe dar, die sowohl Klischees abbildet, als auch fast bedauernswert naive Charaktere. Gerade denen wünscht man sie würden ihr Mitläufertum überdenken und ohne Schaden aus der Nummer rauskommen. Während Omar beispielsweise schon sein Kind mit Terror-Gutenachtgeschichten indoktriniert, ist Waj so wenig hell, dass er nicht mal weiß, wann er verwirrt ist. Auch an (schwarzhumoriger) Komik wird nicht gespart, wenn Omar und Waj aus Versehen mit einem Granatenwerfer das falsche Ziel attackieren oder Faisal versucht eine Krähe zu überreden(!) Selbstmordattentäter zu spielen. Four Lions ist aber mitnichten Slapstick. Chris Morris Film hat einen unterschwellig dokumentarischen Shaky-Cam-Touch, der einem die Witze nicht auf dem Serviertablett vor die Nase hält. Man muss selber die Witze deuten können, die teilweise auch etwas überdenken erfordern und dann extremistische Denke und Vorurteile entlarven. Das macht den Humor in Four Lions aber auch zu einem bissigen, schwarzhumorigen, der nicht leicht verdient ist. So wirkt der Film auch länger als er eigentlich ist, trotz seines episodenhaften Charakters. Etwas schade ist, dass Four Lions durch alle Stereotype reitet, aber den netten Muslimen von nebenan, die die alle nicht bedienen, keinen Auftritt gibt.

Four Lions, UK, 2010, Chris Morris, 97 min, (7/10)

Sternchen-7

The Reluctant Fundamentalist

Im pakistanischen Lahore wird der amerikanische Professor Anse Rainier (Gary Richardson) entführt. Kurz darauf trifft sich der Journalist Bobby Lincoln (Liev Schreiber) mit Rainiers Kollegen Professor Changez Khan (Riz Ahmed) für ein Interview. Das entpuppt sich schnell als Vorwand der CIA um Khan zur Kooperation zu bewegen, den man für einen Verbündeten der örtlichen Terrorzelle hält. Changez ist vor den Kopf gestoßen und bietet Lincoln an ihm seine Geschichte zu erzählen. Die handelt davon wie Changez mit 18 Jahren, ambitioniert, intelligent und aufgeschlossen zum Studieren in die USA ging, sich einen Job als Finanzanalyst bei einer der renommiertesten Consulting-Unternehmen sicherte und eine Beziehung zu der Künstlerin Erica (Kate Hudson) eingeht. Es könnte nicht besser für Changez laufen. Dann kam 9/11.

Von einem Tag auf den anderen steht Changez unter Generalverdacht, egal wo er hinkommt. Und das einzig und allein wegen seines Äußeren. Als er sich dann auch noch einen Bart wachsen lässt, wird er selbst von seinen zuvor offen und freundlichen wirkenden Kollegen geschnitten. Leibesvisitationen am Flughafen sind vorprogrammiert. Es fühlt sich an, als ob die Welt Changez fallen gelassen hätte. The Reluctant Fundamentalist kumuliert in einer Szene mit Atif Aslams Song „Mori Araj Suno“ in dem Moment, an dem Changez sich geschlagen gibt und beschließt zurückzugehen und ein weiteres Mal alles hinter sich zu lassen. Die Zeile, die übersetzt bedeutet „All I am asking/begging for is a morsel of respect“ trifft es auf den Punkt, und so auch Riz Ahmeds Darstellung. Trotzdem lassen sowohl er als auch das Drehbuch stets genug Zweifel, ob seine Erlebnisse nicht doch Anlass für ihn waren sich zu radikalisieren. Dass das der Empathie keinen Abbruch tut, ist die eigentliche Kunst in Mira Nairs Film. Der basiert übrigens auf dem gleichnamigen Buch von Mohsin Hamid, der auch am Drehbuch mitarbeitete. The Reluctant Fundamentalist zeigt, dass es nicht nur Gut und Böse auf dem moralischen Spektrum gibt. Changez Geschichte berührt ungemein und zeigt uns wie schnell im Augenblick des Verdachts Menschlichkeit fallen gelassen wird. Und das hier auf beiden Seiten. Nur der Rest der Formel geht nicht auf und ist etwas zu plakativ geraten. Warum flippt sein zuvor respektvoller Chef so immens aus? Warum spielt die CIA, die nur 24h Zeit hat um Rainier zu retten, nicht mehr auf Zeit? Auch die ganze Charakterisierung Lincolns und seiner Ambition scheint verloren.

The Reluctant Fundamentalist, USA/Pakistan, 2012, Mira Nair, 130 min, (8/10)

Sternchen-8


„The Reluctant Fundamentalist – Official MovieTrailer“, via RialtoDistribution (Youtube)

City of Tiny Lights

Der Privatdetektiv Tommy Akhtar (Riz Ahmed) wird von der Edel-Sex Workerin Melody Chase (Cush Jumbo) angeheuert ihre Freundin Natasha aufzuspüren. Die ist nach einem Job nicht wieder aufgetaucht und Melody fürchtet das schlimmste. Tommys Ermittlungen führen in Kreise piekfeiner Anzugträger, unter denen er alte Freunde wiedererkennt. Der Fall scheint außerdem empfindlich das feine Gewebe der muslimischen Gemeinschaft in seinem Bezirk zu stören als fundamentalistische Stimmen laut werden. Neben all dem taucht Tommys Jugendliebe Shelley (Billie Piper) wieder in der Stadt auf und weckt vergessen geglaubte Gefühle.

City of Tiny Lights basiert auf einem Roman von Patrick Neate und erweckt den Eindruck, dass man alle typischen Film-Noir-Tropen aufgreifen, bunt anpinseln und in gegenwärtiges London versetzen wollte. Es gibt alles: den Privatdetektiv, der seiner Klientin bei schummriger Beleuchtung die Zigarette anzündet. Eigentlich fehlt nur noch, dass Melody oder Tommy einen Hut auf hat. Dann gibt es auch das durchsuchte und verwüstete Büro. Die Femme Fatale aus der Vergangenheit. Oder auch sehr beliebt: die Stimme des Detektivs aus dem Off. Leider ist das so plakativ gelungen und voller formelhafter Dialoge, dass die höllisch guten Schauspieler einen Knochenjob haben darüber hinwegzutäuschen. Dabei ist der Grundgedanke nicht übel und die Modernisierung teilweise sogar sehr gelungen. Tommy Akhtars Familie immigrierte aus Pakistan nach Großbritannien. Er kennt das Gefühl wegen seiner Hautfarbe verprügelt zu werden und damit auch die Diskriminirung derer sich die muslimische Gemeinde ausgesetzt sieht, in der er nun plötzlich selber ermitteln muss. Dankbarerweise ist Riz Ahmeds Tommy Akhtar relativ klischeefrei dargestellt, auch bei der Darstellung des Rests der Gemeinde bemüht man sich mit mittlerem Erfolg. Trotzdem wirkt das Aufgreifen der Noir-Motive zu bemüht durch die steifen Dialoge. Auch die Optik schwankt – im wahrsten Sinne des Wortes. Die shaky cam wirkt mächtig überholt, während die farbliche Ausleuchtung schon eher ein modernes Noir-Flair vermittelt. Nach hinten raus hätte dem Film etwas mehr Suspense und eine gerafftere Handlung gut getan.

City of Tiny Lights, UK, 2016, Pete Travis, 110 min, (6/10)

Sternchen-6

Venom

Eddie Brock (Tom Hardy) ist Investigativ-Journalist und hat sich schon einige Feinde mit seinen schonungslosen Reportagen gemacht. Als sich der Wisenschaftler Dr. Carlton Drake (Riz Ahmed) den Reporter einlädt, soll das wohl ein Vorstoß nach vorn sein, um nach einem gescheiterten Einsatz seines Raumschiffs das Ansehen seiner Life Foundation genannten Wissenschaftseinrichtung zu kitten. Aber Eddie tut eben, was Eddie tut und spricht ihn offen auf die Experimente mit tödlichem Ausgang an. Eine Provokation zuviel – das war es dann mit Eddies Job. Auch seine Freundin Anne (Michelle Williams) trennt sich von ihm. Als sich die Wissenschaftlerin Dr. Dora Skirth (Jenny Slate), die für Drake arbeitet, bei Eddie meldet und von Menschenversuchen mit einer Symbionten genannten außerirdischen Rasse spricht, beschließt er aber nochmal zu ermitteln und seinen Namen wieder reinzuwaschen. Er lässt sich in das Labor schleusen und bei einem Unfall wird er selber Wirt eines solchen Symbionten. Ohne zu wissen, was genau mit ihm passiert, sind plötzlich Drakes Bluthunde hinter ihm und seinem Passagier her, der sich ihm bald als Venom vorstellt.


„VENOM Trailer German Deutsch (2018)“, via KinoCheck (Youtube)

Die Handlung von Venom ist seidenpapierdünn und bedient zweier längst ausgelutschter Tropen: Held baut Mist, verliert seine Frau, will sie zurückgewinnen. Und: Typ kommt zu besonderen Fähigkeiten, lernt langsam damit umzugehen, rettet dann damit die ganze Welt. Ähnlich eindimensional ist der von Riz Ahmed gespielte Endgegner. Ein Jammer. Mit Riz Ahmed, Michelle Williams und Tom Hardy wurden drei Profis in leidlich interessant angesetzten Rollen verbrannt. Leider widerspricht der Film trotz des einfachen Grundkonzepts selbst noch seiner eigenen Mythologie. Während Drake anfangs die Versuchspersonen en gros wegsterben, funktioniert das auf wundersame Weise in der zweiten Hälfte des Films ganz wunderbar mit nahezu allen Haupt- und Nebencharakteren. Auch scheint die Umwelt für die Symbionten entgegen dem, was anfangs im Film proklamiert wird, nicht immer ganz so tödlich zu sein, wenn sie ohne Wirt unterwegs sind. Auch bei den Actionszenen hapert es. Bspw. die Verfolgungsjagd in der Eddie udn Venom ihren Verfolgern u.a. auf dem Mototrrad entkommen wollen, als auch der spätere Kampf der Symbionten ist schwer zu verfolgen und besteht quasi nur aus digitaler Materialschlacht. Man muss dem Film aber zumindest zugute halten, dass Venom und die Symbionten spannend und effektvoll in Szene gesetzt sind. Was den Film schon eher rettet ist der Humor und die chaotische, parasitäre Bromance zwischen Tom Hardys Eddie und Venom. Letzterer bringt sein Leben erwartungsgemäß gut durcheinander und sorgt für Comic Relief, der einiges verzeihen lässt. Aber nicht alles.

Venom, USA, 2018, Ruben Fleischer, 113 min, (6/10)

Sternchen-6

Mogul Mowgli

Zaheer Anwar (Riz Ahmed) rappt unter seinem Künstlernamen Zed und es könnte kaum besser für ihn laufen. Kaum hat er seinen bisher größten Gig in New York gespielt, wird er als Opening Act für sein Vorbild gebucht und soll schon in der darauffolgenden Woche mit ihm zusammen auf Europa-Tour gehen. Dazwischen besucht er seine Familie in London und fühlt sich sofort zurück in seine Kindheit versetzt. Die Anfänge mit Rap, das ständige Zerren um Begriffe wie die eigene Herkunft, der langsame Aufstieg zu Bekanntheit und dann bemerkt er das erste Mal das Taubheitsgefühl in seinen Beinen. Als Zed eines abends zusammen bricht, beginnt das Testen und Bangen im Krankenhaus. Für Zed wird es eine Qual nach soviel Arbeit realisieren zu müssen, dass er die Tour mit großer Wahrscheinlichkeit absagen muss. Er hält lange an der Idee fest bis das erste Mal das Wort Autoimmunerkrankung fällt – und sogar noch danach, obwohl er kaum mehr alleine stehen, geschweigedenn laufen kann.


„Mogul Mowgli – Official Trailer | Out Now on BFI Streaming (UK)“, via Riz Ahmed (Youtube)

Aus dem Besuch bei seiner Familie, der nur mal ein Wochenende dauern sollte, wird die Aussicht auf längerfristige Pflege und aller Wahrscheinlichkeit nach finanzielle Sorgen. Dabei war Zed froh sich von seinm Vater Bashir (Alyy Khan) emanzipiert zu haben. Die Krankheit, die Familie, all das verfolgt ihn bis in seine Träume und sogar Halluzinationen. Riz Ahmed verkörpert Zed empathisch, glaubwürdig, unglaublich nah. Man darf spekulieren, ob der Film das eine oder andere wiedergibt, das deckungsgleich mit Ahmeds eigenem Leben ist. So tritt er hier auch als Rapper auf, schrieb die Songs und das Drehbuch. Die Raps von Zed sind wie ein Schlag ins Gesicht und ein Wachrüttler – so gut, so zeitkritisch. Die Verfilmung seines Drehbuchs ist zugleich Bassam Tariqs Spielfilmdebut, der zuvor Dokumentarfilme drehte und durch viele Projekte und TED talks u.a. für muslimisches Leben und Kultur sensibilisiert. Mogul Mowgli glänzt aber v.A. auch durch on-point Kameraarbeit von Annika Summerson und Schnitt von Adam Biskupski und Hazel Baillie, die in Summe eine ganz eigene Wirkung entfachen. Gerade Zeds Halluzinationen und surreale Träume, in denen er all die Konflikte verarbeitet, wirken dank der visuellen filmischen Stilmittel rasiermesserscharf. Herkunft und Diskriminierung, Orientierungslosigkeit und die unbeantwortbare Frage nach Herkunft, Liebe zur Familie und zeitgleich der ewige Clinch zwischen den eigenen Träumen und dem, was die Familie für einen vorsieht, Tradition und Moderne, Gesundheit und Krankheit: soviel Geschichte in 90 Minuten! Und all das gelingt außerordentlich gut und in wirkungsvollen Bildern. Nur eines ist bei sovielen Themen eben doch etwas nach hinten runtergefallen und mehr zur Metapher verkommen – die Autoimmunerkrankung.

Mogul Mowgli, UK/USA, 2020, Bassam Tariq, 90 min, (9/10)

Sternchen-9

The Long Goodbye

The Long Goodbye ist ein Kurzfilm aus der Feder von Riz Ahmed und Aneil Karia, bei dem letzterer ebenso Regie führte. Der Film beginnt mit einer Familie, die sich offenbar auf eine Feierlichkeit vorbereitet. Die Frauen tauschen Neuigkeiten aus und stylen sich, Riz hilft bei Vorbereitungen und spielt mit dem jüngsten Familienmitglied, sein Vater schimpft, dass er in Ruhe fernsehen schauen will, ein scheinbar normaler Tag. Aufmerksame Zuschauer beobachten vielleicht was im Fernsehen läuft – es sind die Nachrichten und die sind alles andere als fröhlich. Wie schnell aber das, was dort berichtet wird bei der Familie ankommt, macht den Schockmoment des Kurzfilms aus. The Long Goodbye erschien begleitend zu dem Rap-Album Riz Ahmeds mit demselben Namen, das sich zu einem signifikanten Teil mit der in dem Song „Where You From“ gestellten Frage nach Herkunft auseinandersetzt. Der Song wird auch in Mogul Mowgli von Riz gerappt. Damit einher geht die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Fremdenfeindlichkeit und Hass. Und das hier auf schockierende Weise. Was der Kurzfilm zeigt fühlt sich v.A. durch die herrliche normalen Szenen zu Beginn furchtbar realistisch an und schockiert. Die 12 min sind nichts für schwache Nerven und hallen lange nach. Bei der Relevanz und Aussage mit soviel Durchschlagkraft habe ich das Gefühl nicht meckern zu dürfen. Eine Frage stellt sich aber eben doch: braucht es die Gewaltdarstellung? Vielleicht. Vielleicht hätte der schonungslose Realismus des Rests auch gereicht.

The Long Goodbye, UK, 2020, Aneil Karia, 12 min, (9/10)

Sternchen-9


„Riz Ahmed – The Long Goodbye“, via Riz Ahmed (Youtube)

Ich bin im Laufe des vergangenen Jahres echt ein großer Riz Ahmed Fan geworden. V.A. auch weil man ihm das ungespielte Interesse an sozialen und gesellschaftlichen Themen anmerkt. Obwohl HipHop und Rap nicht allzu stark in meinen Playlisten vertreten sind, ist Riz Ahmed mit seinen cleveren, bissigen und zeitgeistigen Texten jetzt Dauergast. Auch die Werkschau hier hat Spaß gemacht, obwohl die Themen mich manchmal auch sehr stark aus meiner Komfortzone heraus bewegt haben. Aber darum geht es ja. Welche Filme mit Riz Ahmed kennt ihr oder in welchem Kontext ist er euch außerhalb von Filmen schon mal begegnet?


„Riz Ahmed – Channel4 Diversity Speech 2017 @ House of Commons [subtitled/legendado]“, via Cláudia Tambasco (Youtube)

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen – evtl. dehne ich den Begriff dabei etwas. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.