7ème art: Oscar-Edition (2019)

Posted by in 2018, 7ème art, Arthouse & Indie, basiert auf wahren Begebenheiten, Biografie, Drama, Film, Historienfilm, Irland, Liebesfilm, Mexiko, Milieustudie, Review, Schwarzweißfilm, Spielfilm, Tragikomödie, UK, USA

Wer hätte das gedacht? Dieses Jahr bin ich mit den Oscar-Nominierungen ganz zufrieden. Natürlich gibt es den einen oder anderen Film, den ich als sträflich vernachlässigt empfinde wie Suspiria und dann frage ich mich auch, warum unter all den Regisseuren keine Regisseurin nominiert ist. Aber die Mischung ist spannend, in den meisten Fällen nachvollziehbar und es gab seit Ende Januar doch die eine oder andere Gelegenheit sogar noch Filme zu schauen, die nominiert sind. Wenn man auch auf einige leider verzichten muss, deren Kinostart in Deutschland leider erst nach der Verleihung der Awards ist wie bei „Beale Street“. Das ist zwar ein Jammer, da ich auf den besonders gespannt war, aber auch so haben die Nominierten Diskussionspotential. Das ist der heimliche Grund, warum die Oscars nach all den Jahren und Kontroversen (und Snubs) immer noch meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Immerhin ist ein Film, der international via Netflix veröffentlicht wurde, nominiert: „Roma“. Und ein Anime einer meiner ungeschlagenen Lieblingsregisseure: „Mirai no Mirai“ von Mamoru Hosoda. Und und und. Es drängt sich quasi auf, dass ich wie bereits in den sechs Jahren zuvor (!) hier sieben nominierte Filme bespreche.

„ROMA | Official Trailer [HD] | Netflix“, via Netlix (Youtube)

Roma

Alfonso Cuarón hat seine eigenen Kindheitserinnerungen auf Film gebannt. In Schwarzweiß – vielleicht wegen der filmischen Herausforderungen in punkto Kontrast oder auch weil es die Metapher auf den Blick in die Vergangenheit verstärkt. „Roma“ ist der Name eines Viertels in Mexiko-Stadt. 1970 arbeitet die Mixtekin Cleo (Yalitza Aparicio) bei der wohlhabenden Familie des Arztes Dr. Antonio (Fernando Gradiaga) als Haus- und Kindermädchen. Die junge Frau steht als erstes auf und geht als letztes ins Bett, genauso wie ihre Kollegen im Haushalt. Die Familie Antonio besteht aus dem oft abwesenden Arzt, seiner Frau Sofía (Marina de Tavira), den vier Kindern, ihrer Großmutter und dem Hund Borras. Die Grenzen scheinen abgesteckt. Oberklasse, Bedienstete. Aber Roma demonstriert wie doch letzten Endes alle in einem Boot sitzen. Zum Einen wegen der Unruhen im Land, die sich durch den „Guerra Sucia“ (schmutzigem Krieg) und das Fronleichnam-Massaker Bahn brechen. Und zum anderen sind sich die Menschen in ihren Schicksalen und Leiden näher als man denkt. Wenn Sofía und die Kinder vom Doc zugunsten einer Geliebten sitzen gelassen werden – genauso wie Cleo schwanger von dem Vater des Kindes Fermín (Jorge Antonio Guerrero), dann sind trotz Klassenunterschieden ihre Sorgen im Grunde dieselben. Es ist fast peinlich, was für ein Bild der Männer der Film zeichnet. Egal in welcher gesellschaftlichen Klasse oder ethnischen Zugehörigkeit – die Männer sind frei, die Frauen nicht wirklich. Cuarón treibt es auf die Spitze anhand des Doctors, der mit seiner Geliebten fröhlich Fange spielt und an seinem eigenen Sohn auf der Straße vorbeiläuft. Oder Cleos Freund, der als Kampfkunstfan ein oder zwei Samuraifilme zuviel gesehen hat, aber von der mit Samurai verbundenen Ehre nicht soviel weiß: Er lässt Cleos auf banalste Art im Kino sitzen, so mutig ist er. Das Schwarz-Weiß des Films ist kontrastreich eingesetzt und vor Allem nimmt es etwas aus dem Fokus: Hautfarben. Denn in den Hochs und Tiefs unseres Lebens sind wir doch letzten Endes alle gleich.

Roma, Mexiko/USA, 2018, Alfonso Cuarón, 135 min, (10/10)

Sternchen-10

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Es war schon klar, dass wenn Giorgos Lanthimos einen Kostümfilm macht, dass der dann nicht staubtrocken wird. The Favourite ist der Titel des Films und eine Rolle, die wohl jeder am Hofe Queen Annes gern hätte. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Königin (Olivia Colman) gezeichnet von dem verlustreichen „Rennen“ und Druck einen Thronfolger zur Welt zu bringen. 17 Fehlgeburten fordern ihren Tribut. Queen Anne ist emotional instabil und hat zahlreiche Leiden, u.a. Gicht. An ihrer Seite sitzt Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) als ihre Vertraute und heimliche Strippenzieherin der Politik. Sehr zum Ärgernis ihres Rivalen Robert Harley (Nicholas Hoult) beeinflusst Sarah die Königin in nahezu allen Belangen. Eine enge Beziehung, die aus sexuellen Gefälligkeiten und emotionaler Abhängigkeit besteht, aber auch einem verbalen Rundumschlag, der charakterisierend für den ganzen Film ist. Wer sonst kann der Königin ins Gesicht sagen, dass sie so hässlich aussieht wie ein Dachs? Und das sind noch Nettigkeiten. Als Sarahs Cousine Abigail (Emma Stone) am Hof nach einer Anstellung sucht, werden die Karten neu gemischt. Anfangs hat sie es dort als Seele mit guten Intentionen alles andere als leicht. Aber nachdem sie der Königin netter und fürsorglicher als Sarah begegnet, fühlt sich diese bedroht. Und schlägt zurück.

Und das ist wörtlich zu nehmen. Hier wird geprügelt, deutlich zu modern und albern und seltsam getanzt, man beschimpft sich gegenseitig als F**ze, es wird vergiftet und Morddrohungen werden unheimlich ästhetisch und elegant in Worte und Bilder kleidet. The Favourite ist eine einzige Satire, die höchst komisch und bitter zugleich zeichnet wie überkandidelt Adel gelebt und sich verhalten hat, wie er Menschen wie Queen Anne runtergrockt hat und wie unfein der ganze Rummel doch eigentlich war. Andererseits sieht man wie zwei Frauen darum kämpfen ihren Platz in der Gesellschaft zu halten oder in Abigails Fall zu einem besseren Leben zu kommen. Soviel darf man verraten: während Abigail anfangs aus reinen Motiven handelt und ein krasser Gegensatz zu Sarah ist, macht sie sich die Hände zunehmend schmutzig. Geld hat eben auch noch nie glücklich gemacht. Neben Rachel Weisz, Emma Stone und Nicolas Hoult, die herrlich bissig spielen und ich mir vorstellen könnte, dass sie dabei Spaß hatten, brilliert Colman als zerbrechliche Königin, die so viele Facetten vereint, dass ich hier lange aufzählen könnte. Willkür des Adels, Emotionale Instabilität und Traumatisierung sind nur ein paar davon. Natürlich ist der Film nicht durch und durch historisch akkurat. Muss er auch nicht. Es ist Satire. Auch technisch ist The Favourite ein Erlebnis aus Überblenden und schlau gewählten Schnitten – von L cut bis Match Cut über … fast alles!? Wie ein Lehrstück. Auch der sporadische Einsatz des Fischaugeneffekts bei der Kamera zeigt die erschreckend enge und verzerrte Welt des Adels, so als ob wir „lauschen“ würden. Schade nur, dass all die Stilmittel gegen Ende in Beliebigkeit abdriften und dann plötzlich ganz verschwinden.

The Favourite – Intrigen und Irrsinn (OT: The Favourite), UK/Irland/USA, 2018, Giorgos Lanthimos, 120 min, (9/10)

Sternchen-9

„THE FAVOURITE | Official Trailer | FOX Searchlight“, via (Youtube)

A Star Is Born

Bradley Coopers Regiedebüt ist gleichzeitig das Remake des Films Ein Stern geht auf aus dem Jahr 1937, das nicht das erste Mal neu verfilmt wurde. Die grundlegende Handlung ist aber bei allen Filmen dieselbe. Ein etablierter Star trifft eine junge Frau mit Talent, beide verlieben sich. Er fördert ihre Karriere, sie wird quasi über Nacht zum Star, während seine Karriere auf dem absteigenden Ast ist. Letzten Endes stürzt er ganz ab. Eine Tragödie, die das schnelle Auf und Ab der Traumfabrik 1937 wie auch heute abbildet. Manche Dinge ändern sich nie. Anders als im Original sind die Hauptcharaktere hier Musiker. Bradley Cooper spielt Jackson Maine, einen Country- bzw Rockmusiker, der zwar große Arenen füllt, aber angesichts seines Tinitus und dem drohenden Verlust seines Gehörs in die Alkohol- und Drogenabhängigkeit abgerutscht ist. Als er in einer Bar Ally (Lady Gaga) singen hört, erkennt er großes Potential. Sie ziehen eine Nacht gemeinsam durch die Stadt und zwischen beiden funkt es. Die von ihren ersten Ausflügen in die Musikszene enttäuschte und als nicht hübsch genug gelabelte Ally und der vom Business bereits heruntergerockte haben neben der Anziehung zueinander noch zwei große Gemeinsamkeiten: sie lieben Musik und sie hatten kein einfaches Leben. Als er sie am nächsten Tag auf die Bühne holt und singen lässt, ist das ein Selbstläufer. Ally wird quasi über Nacht zum Star.

A Star Is Born hat große Aufmerksamkeit genossen und ist ein wirklich ansprechend inszenierter Film einer klassischen Auf- und Abstiegsgeschichte in der Traumfabrik. Dass man die Geschichte selbst dann vorhersehen kann, wenn man das Original oder die anderen Remakes nicht kennt, verwundert daher nicht und schadet der Sache auch nicht. Je nach Zuschauer ist aber schon klar, dass er für die einen entweder ein toller Musikfilm oder ein toller (und tragischer) Liebesfilm sein wird. Zwar brillieren Cooper und Lady Gaga in ihren Rollen und man darf spekulieren, dass Lady Gaga an der einen oder anderen Stelle sehr deutlich ihre eigene überwältigende Geschichte spielt (auch wenn sie keinen aus dem Nichts auftauchenden Gönner hatte), aber irgendwie scheint es dem Film neben der schnellen und mitreißenden Story an etwas zu fehlen. Um die Geschichte überhaupt erzählen zu können, wurde auf vieles verzichtet, was heutzutage leider zum Starrummel dazu gehört. Medien, soziale Netze, Haters who gonna hate, Interviews, etc. Zumindest für die Autorin dieser Besprechung wäre es authentischer gewesen, dass Ally bei ihrem ersten Auftritt auf einer so großen Bühne vor einem Stadion voller Leuten ein bisschen mehr zittert, auch wenn das vielleicht die Sache ist für die sie geboren wurde. Und ich werde auch nie verstehen, warum betrunkene, berühmte Männer so eine unglaubliche Anziehung auf junge Frauen haben.

A Star Is Born, USA, 2018, Bradley Cooper, 136 min, (7/10)

Sternchen-7

Black Panther

Superheldenmüde Augen sind gut beraten sich doch nochmal mit Black Panther eine Origin-Story zu genehmigen, die den Standard weißen Mann als Held links liegen lässt. In dem Marvel-Actioner wird Afrika als Wiege der Menschheit gelebt, gefeiert, aber auch in Superhelden-Manier etwas überinszeniert. Dafür mit einer Botschaft, die überraschend aktuell und wichtig ist. T’Challa (Chadwick Boseman) ist im Begriff als König Wakandas gekrönt zu werden und damit auch die Rolle des Black Panthers zu übernehmen. Nichtsahnend, dass es mit Erik „Killmonger“ Stevens (Michael B. Jordan) einen zweiten Anwärter auf den Thron gibt, der in den USA aufgewachsen ist. Der scheint T’Challa in die Knie zu zwingen und will einen ganz anderen Kurs für das Land fahren. Wakanda lebte bisher als technologisch fortschrittlichere Nation als der Rest der Welt im Verborgenen. Wakanda ist natürlich im MCU-Kosmos auf einer Landkarte zu finden, tarnt sich aber als Dritte-Welt-Land. Hauptgedanke dabei ist bisher, dass die Hauptressource Wakandas, Vibrainium, nicht in die falschen Hände gelangen soll. Während T’Challa noch im Zwiespalt mit sich selber stand, ob die Öffnung nicht der richtige Weg ist, geht Killmonger den radikalen Pfad, tritt dabei einige der Traditionen Wakandas mit den Füßen und sät Angst und Gewalt. Unterschwellig spricht der Film mit der Öffnung der Nation die Themen Migration, Entwicklungshilfe und Außen/Innenpolitik an. In einer Stelle des Films kritisiert jemand den Gedanken der Öffnung und sagt, wenn man Flüchtlinge aufnehme oder sich um die Belange der anderen kümmert, dann importiert man ihre Probleme und will damit sagen, dass Wakanda dann kein so lebenswerter Ort mehr wäre. Das ist eine deutlich zeitgemäßere und vor Allem politischere Diskussion als wohl in allen MCU-Filmen zuvor. Und Stoff für die Trump-Ära. Das moralische Dilemma Entwicklungsland vs Industrienation oder Dritte- und Erste-Welt war nie so direkt in einem Superheldenfilm vorzufinden, der zudem Afrika in all seinen Farben abbildet anhand der Kleidung der verschiedenen Stämme, Musik und anderer kultureller Anleihen. Nur bin ich eine Weiße und was ich cool finde, kann eventuell bei denen als Scherz anmuten, die wirklich einen afrikanischen Hintergrund haben. Trotzdem ist sowohl Problematik des Films als auch schwarze Kultur durch und durch in den Film eingeflossen und liefert damit ein so eventuell noch nie dagewesenes popkulturelles Gesamtpaket ab. Und es schafft mehr als den Film nur mit blackness und noch mehr Männern zu besiedeln. Es gibt Frauen in allerlei Rollen eine Plattform. Egal ob Lupita Nyong’o als moralische und engagierte Nakia, Letitia Wright als quirlige, witzige Prinzessin Shuri, die ganz nebenbei auch noch ein Wissenschafts-Genie ist; als auch Danai Gurira als toughe Generalin Okoye oder auch die wunderbare Angela Bassett: als stolze Königinmutter Ramonda – diese Frauen sind große Klasse! Leider muss man aber auch sagen, dass so ziemlich alle Figuren, auch Michael B. Jordans „Killmonger“ mehr Strahlkraft haben als der eigentliche Black Panther, dessen innerer Konflikt ein laues Lüftchen ist und vielleicht der einzige Teil des Films, den man neben der klassischen MCU-Origin-Story-meets-Königshaus-Handlung schon zu oft gesehen hat.

Black Panther, USA, 2018, Ryan Coogler, 135 min, (8/10)

Sternchen-8

„Bohemian Rhapsody | Official Trailer [HD] | 20th Century FOX“, via 20th Century Fox (Youtube)

Bohemian Rhapsody

Zu Beginn des Films ist Farrokh Bulsara (Rami Malek) noch ein etwas exzentrischer Design-Student, der eine Plattform sucht, auf der er sich ausleben und ausdrücken kann. Er hat viel zu sagen. Und als die Band Smile einen Lead-Singer sucht, erkennt er darin seine Chance, denn singen kann er. Zwar sind seine neuen Bandkollegen anfangs noch etwas skeptisch, aber Stimme hat der Junge mit dem krassen Überbiss. Also warum nicht? Und es funktioniert. Kurze Zeit später nennt er sich Freddie Mercury, die Band benennt sich in Queen um und hat schon bald einen Plattenvertrag. Bohemian Rhapsody wird einer der Songs, der ihre Philosophie am besten beschreibt. Nicht nur, weil er der Grund ist, warum sie die eine oder andere Entscheidungen wider allen Hindernissen treffen. Queen wird eine Legende, Freddie als ihr extravaganter Frontman ebenso. Desto mehr Konzerthallen sie füllen, umso schwieriger wird es Beziehungen aufrecht zu erhalten – die zu Freddies Frau Mary (Lucy Boynton) oder auch zu seiner Familie, die seinem Rockstarleben und Bestrebungen von Anfang an zwiespältig gegenüber stand. Hinzu kommt, dass er nicht nur gut beraten wird. Bis dahin ist Bohemian Rhapsody ein Lehrstück über das big business und wie es auf der einen Seite Stars macht, auf der anderen Seite menschlich und moralisch fallen lässt. Und wenn es nicht das Business ist, dann der Überfluss. Damit sieht Bohemian Rhapsody anfangs wie der Film über den Auftstieg im Musikbusiness aus, den wir schon ein, zwei oder drei Mal gesehen haben. Dankbarerweise lernt man einiges über die Band und die Entstehung vieler ihrer markanten Songs, sodass der Film einem an der einen oder anderen Stelle ins Blut übergeht und dafür sorgt, dass man nicht still und stumm im Kinosessel sitzen kann. Und Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor und Joseph Mazzello als John Deacon sehen einfach den „Originalen“ wirklich ähnlich – ein sehr cooler Nebeneffekt. Allerdings befremdet die Zahnprothese mit der sich Malek durch den Anfang des Films hindurch rumschlagen muss doch sehr. Aber der Film macht sich. Spätestens in der zweiten Hälfte gewinnt er an Substanz, Drama, Fortschritt und reißt unglaublich mit. Insbesondere, wenn man den Film auf der großen Leinwand sieht, fühlt sich die Nachstellung des Live Aid-Konzerts so legendär an wie das Konzert selber und Malek holt in der zweiten Hälfte die Aura der Musikerlegende auf die Bühne. Gänsehautmomente!

Bohemian Rhapsody, USA/UK, 2018, Bryan Singer/Dexter Fletcher, 135 min, (8/10)

Sternchen-8

Green Book – Eine besondere Freundschaft

Viggo Mortensen spielt in Green Book Tony Lip, einen Italo-Amerikaner, der sich als Türsteher im wahrsten Sinne des Wortes durchschlägt. Über Beziehungen landet er bei einem Vorstellungsgespräch als Chauffeur und Assistent eines gewissen Doktor Shirley (Mahershala Ali). Für Tony, der selbst die Gläser in den Müll schmeißt, aus denen Farbige getrunken haben, ist es eine kleine Überraschung, dass sein Chef in spe ein Schwarzer ist. Als aber die Bezahlung gut ist, willigt er ein. Und bald ist auch klar, dass Shirley jemanden braucht, der im Notfall zuschlagen kann. Denn der begnadete Pianist geht auf eine Tournee, die ihn 1962 u.a. in die Südstaaten führt. Für ihn als Afroamerikaner, der im Norden aufgewachsen ist und eine andere Behandlung gewöhnt ist als die Afroamerikaner der Südstaaten ein vorprogrammierter Kulturschock und vielleicht sogar noch ein gefährlicher. Der Titel des Films wurde dem Negro Motorist Green-Book entliehen, das tatsächlich existierte. Es war ein Verzeichnis von Motels, Kneipen und anderen Einrichtungen, die Farbigen offen standen und bei denen sie keinen Ärger mit Weißen zu erwarten hatten. Traurig, dass so etwas herausgegeben werden musste. Aber es hat Schwarzen möglicherweise das Leben gerettet in einer Zeit, in der sie nachts nicht unterwegs sein durften, im Buch nur auf den für sie gekennzeichneten Plätzen sitzen und nicht dieselben Toiletten wie Weiße benutzten durften. Für einen aufgeklärten Mann wie Don Shirley mehr als nur eine Gedulds- oder Mutprobe, sondern für beide Männer ein Beweis in was für einer grausamen Welt sie leben.

Tony fragt mehrmals während des Films, warum Doc Shirley das über sich ergehen lässt. Er tut es, um für die Menschenwürde der Farbigen einzutreten und die Menschen daran zu gewöhnen, dass Farbige nicht nur irgendein Vieh sind, dass sie mit Peitschen antreiben können. Auch Tony wächst an der zweimonatigen Konzertreise. Anfangs begegnet Shirley ihm elitär und geht ähnlich auf Distanz wie Tony. Aber das Dilemma und die Einsamkeit Shirleys erschließt sich Tony schnell. Shirley ist einerseits „zu schwarz für die Weißen, aber zu weiß für die Schwarzen“, da er wegen seines piekfeinen Auftretens und seiner Bildung wie ein fremdes Wesen auf die Farbigen der Südstaaten wirkt, denen so etwas fremd, weil nicht erlaubt ist. So scheint er nirgends wirklich dazuzugehören. Tony entpuppt sich als jemand, der in den Situationen auf die es ankommt, keinen Unterschied bei Hautfarben macht und in seinem einfachen Gemüt die Dinge manchmal dankenswert profan und locker betrachtet. Zwischen den Beiden entsteht eine Freundschaft, die nicht nur ein bisschen, sondern ganz gewaltig an Feeldgood-Movies wie Ziemlich beste Freunde erinnert. Es fällt mir sogar schwer irgendeine Kritik an dem Film zu formulieren. Vielleicht die hier: es wirkt in den letzten Zügen des Films doch ein bisschen zu einfach wie Shirley von Tonys zuvor etwas fremdenfeindlicher Familie aufgenommen wird. Ansonsten hatte ich großen Spaß mit dem Film. Leider musste ich feststellen, dass es manchmal unglücklich macht über einen Film zu recherchieren. Es war überraschend zu lesen, dass Tony später ins Filmgeschäft einstieg und in kleineren Filmrollen auftritt, aber auch später in The Sopranos. Und es war wunderbar Don Shirleys Stücke auf Spotify zu hören. Nicht so wunderbar ist aber zu wissen, dass anders als im Film angegeben Don Shirley nicht in Russland studiert hat. Und: Shirleys Bruder aussagt, dass Don Tony als normalen Angestellten und nicht als Freund gesehen habe. Man male sich aus wie unglaublich verzerrt und surrealistisch es für Angehörige erscheinen mag, dass der Film, der scheinbar auf einer falschen Grundannahme basiert, nun für fünf Oscars nominiert ist. Andererseits: hätte keiner behauptet, es basiere auf wahren Begebenheiten, wäre es immer noch eine gut konstruierte Geschichte und allemal ein Feelgood-Movie.

Green Book – Eine besondere Freundschaft (OT: Green Book), USA, 2018, Peter Farrelly, 131 min, (8/10)

Sternchen-8

„GREEN BOOK Trailer German Deutsch (2019)“, via KinoCheck (Youtube)

Maria Stuart, Königin von Schottland

Saoirse Ronan und Margot Robbie folgen zahlreichen Vorgängerinnen und nehmen in Maria Stuart, Königin von Schottland die Rollen zweier Königinnen ein. Ronan als Maria Stuart und Margot Robbie als Elizabeth I. Als die junge Witwe Maria aus Frankreich nach Schottland zurückkehrt nimmt sie ihren Platz als Königin von Schottland ein und stellt aufgrund ihrer Abstammung eine Bedrohung für Elizabeth dar: auch sie hat Anspruch auf den englischen Thron. Die beiden Cousinen stehen in einem distanzierten Kontakt und einer mit Vorsicht gepflegten Rivalität zueinander. Zwar geben es beide gern an, aber keine der beiden hat mehr Recht als die andere auf den englischen Thron und so beginnt ein Ziehen um „weiche Faktoren“. Nicht nur, dass die Religion eine immense Rolle spielt (Maria ist Katholikin und Elizabeth Protestantin) – es werden Intrigen geplant Marys Einfluss zu mindern oder es darf beispielsweise nicht durchsickern als Elizabeth an den Pocken erkrankt. Schwäche ist fatal. Dabei sind die beiden Frauen in einer ähnlichen Lage, die sie auf unterschiedliche Weise versuchen zu handhaben. Sie sind Herrscherinnen in einer Welt voller Männer. Es werden Ansprüche an sie gestellt – heiraten sollen sie, Kinder bekommen und damit die Thronfolge sichern, sie sollen stark und gleichzeitig erhaben und feminin sein, ein Leitbild – aber für welche Rolle? So macht es Elizabeth zunehmend zu schaffen, dass sie zugunsten der Herrschaft mit starker Hand auf persönliches Glück und Kinder verzichtet, etwas das die schöne und junge Maria Stuart zu haben scheint. Es stürzt sie in tiefe Verzweiflung, die sie versucht nicht an die Oberfläche zu lassen, während die toughe Maria Stuart von einem Komplott ins andere läuft und letztendlich von den Männern zugrunde gerichtet wird. Der Film ist bildgewaltig und hat starke Momente. Wenn beispielsweise die eine Königin ihren Sohn gebärt, die andere im selben Moment vor sich gebastelte, blutrote Mohnblumen ausbreitet als ein Sinnbild ihrer unterdrückten Weiblichkeit und des Kinderwunsches. So werden über große Teile des Films die beiden Frauen asymmetrisch thematisiert und die ganze Verderbtheit der damaligen Politik demonstriert: die Fragen der Thronfolge und scheinbar selbst in der eigenen Familie nicht vorhandene Moral oder Empathie. Was dem Film anfangs in Hinblick auf Maria Stuarts starken Charakter gelingt, zerfasert sich aber zunehmends und es gelingt nicht vollends aufzuzeigen wie sie in ihre spätere, festgefahren, schlimme Lage geraten ist -wo ihr Charakter hinverschwunden ist. Und fühlt sich gegen Ende wie ein Film über Elizabeth I an, die man wiederum in der ersten Hälfte des Films vermisst hat. Generell erscheint es wie ein Ungleichgewicht, dass der Film Maria Stuart heißt, aber zwei eindrucksvolle Persönlichkeiten thematisiert.

Maria Stuart, Königin von Schottland; UK, 2018, Josie Rourke, 125 min, (7/10)

Sternchen-7

Manche sagen ja „ach diese Oscars sind überholt – warum noch schauen?“ Die Oscar-Nominierungen haben den Seiteneffekt, dass die Filme meist aufgrund bestimmter Merkmale besonders sehenswert sind. Kontrovers, besonders dramatisch, großartige Leistungen der Mitwirkenden, fördern wahre Begebenheiten wieder zutage und in das Bewusstsein der Menschen, definieren ihr Genre neu. Es gibt viele Gründe aus denen ein Film oscar-nomiminiert ist. Selten habe ich gesagt „Die Nominierung kann ich nicht nachvollziehen“. Natürlich gibt es oftmals Filme, die ich eher in der Liste der Nominierten gesehen hätte als andere und der Fokus liegt eben auf amerikanischen oder englischsprachigen Produktionen. Aber die meisten Filme haben doch dieses Potential, das über Blockbuster, Einspielergebnisse und massenfähiges Popcornkino hinausgeht. Zwar wurde diskutiert eine Kategorie einzuführen, die sich dem populären Film widmet, aber ich hoffe, dass es eine Veranstaltung bleibt, die den besonderen Film feiert. Den, der im Gedächtnis bleibt. Zumindest dieses Jahr scheint das geklappt zu haben. Wie steht ihr zu den Nominierungen? Welchen der hier besprochenen Filme habt ihr auch gesehen und haltet ihr ihn für einen Gewinner?

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen – evtl. dehne ich den Begriff dabei etwas. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.